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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 929 wärtigen Zuständen seien die Juden am allermeisten erfreut, weil infolge des Zwiespaltes der Parteien der Kampf gegen das Judenthum ruhe. Wie sich Herr Steinwender den Kampf gegen das Judenthum vorstellt, wissen wir nicht. Vorläufig werden die Juden noch immer beschimpft, verhöhnt, in ihren Rechten gekränkt und boykottirt. Herr Dr. Steinwender selbst thut das Seinige, um diesen Kampf zu beleben, und wir finden den Namen dieses „Staatsmannes" mitten unter einem Rudel von Christlich-Socialen unter der Führung des Ernst Schneider, welche die Regierung darüber interpellirten, daß bei der Polizei so viele Juden angestellt sind. Wenn Herr Steinwender schon nicht so viel Schamgefühl besitzt, um seine Unterschrift neben die eines Individuums von der Qualität des Ernst Schneider zu setzen, so sollte er sich doch nicht wenigstens dazu hergeben, eine Anzahl pflichttreuer und achtbarer Beamter zu verleumden. „Die Erfahrungen der Weltgeschichte," sagt der Historiker Ernst Schneider, „lehren es, daß die Juden allen nicht jüdischen Völkern feindlich gesinnt sind", und er behauptet ferner, daß die Juden „erfahrungsgemäß ihre SLammesgenossen gegenüber den Angehörigen der nicht jüdischen Racen bevorzugen". Wenn man diese an sich unwahren Behauptungen mit den ausdrücklich angeführten Namen der jüdischen oder getauftjüdischen Polizeibeamten in Verbindung bringt, so werden diese der Parteilichkeit und des Mißbrauchs der Amtsgewalt beschuldigt. Die Ehre dieser Beamten wird muthwillig besudelt, ohne daß der geringste tatsächliche Anhaltspunkt dafür vorliegt, und ein Abgeordneter, der eine solche Gemeinheit begeht, ist weder ein anständiger Politiker, noch verdient er als solcher ernst genommen zu werden. Herr Dr. Steinwender mag den in der Interpellation namhaft gemachten Polizeibeamten die Fälle Nachweisen, in welchen sie sich eine Parteilichkeit zu Gunsten von Juden zu schulden kommen ließen. Wäre es auch nur die geringfügigste Handlung, so soll der betreffende Beamte sofort in schimpflicher Weise seines Dienstes enthoben werden. Ohne den geringsten thatsächlichen Anhaltspunkt, unbescholtenen Leuten die Ehre abzuschneiden, das war bisher nur ein Privilegium der Christlich-Socialen. Herr Dr. Steinwender hat sich ihnen zugesellt, indem er an einem Bubenstrick theilgenommen hat. * * * „I ch, der i ch", das ist wirklich die allerbescheidenste einleitende Redeformel für einen Mann, dem die Stadt Wien eine culturhistorisch so wichtige Schöpfung zu verdanken hat, wie es das „Deutsche Volksblatt" ist. „Ich, der ich," sagte Herr Vergani, nämlich „ich, der ich auch etwas geschaffen habe, nämlich eine deutsche Zeitung." Das ist auch eine jener Wahnvorstellungen, an denen Herr Vergani leidet, daß nämlich sein Blatt eine deutsche Zeitung ist, genau so wie er glaubte, daß er die Reisebeschreibungen, die er veröffentlichte, selbst verfaßt hat, daß er trotz der Bestechungen, die er von den „verschiedensten Unternehmungen" genommen, ein Cato und trotz der defraudirten Gemeindeobligationen ein Ehrenmann sei. Es ist sehr lästig, aber nothwendig, an diese Wahnvorstellungen zu erinnern, so oft der Besitzer des dreistöckigen Wahrheitsbeweises in der Josessgasse sich auf die öffentliche Persönlichkeit hinausspielt, auf deren Meinung es irgendwie ankommt. Auch macht der specielle Anlaß den Hinweis aus diese Kleinigkeiten unvermeidl ch, weil daran die Tragikomik des Schicksals gemessen werden muß, welches den Dr. Carl Lueger ereilt hat. Man muß aufrichtiges Mitleid mit dem einst so bewunderten, gewaltigen Bürgermeister empfinden, wenn man sieht, wie ein V e r g a n i ihn öffentlich abkanzelt, ihm Belehrungen über die Bedeutung des Dramas ertheilt und ihm „entschiedenst entgegentritt". Die Creatur empört sich gegen ihren Schöpfer, und derselbe V e r g a n i, dem Dr. Lueger sein Vertrauen ausgesprochen und für den er der „redegewandteste" Abonnentensammler gewesen, über den ein Zeitungsunternehmen je verfügt hat, blamirt ihn unbarmherzig. Allerdings hat Doctor Lueger beim Bankett des neuen antisemitischen Theaters so gesprochen wie Jemand, dessen Bildungsgrad durch den jahrelangen Verzicht auf jede literarische Anregung gelitten hat. Daß aber V e r g a n i ihm gegenüber den überlegenen Mentor spielt, und daß Kleist sich von dem Besitzer des Antisemitenhofes vertheidigen lassen muß, das haben sie Beide nicht verdient, der Lueger nicht und der selige Kleist schon gar nicht. Vergani als Lehrmeister der Literatur und der Dramaturgie, das ist eine zu groteske Erscheinung. „Ich, der ich"... Unwillkürlich hat Vergani da ein neues Wort geprägt und in die von ihm protegirte deutsche Sprache eingeführt, der „I ch-d e r-i ch". * * * Die idealen Bestrebungen des „Jch-der-ichs" Vergani gipfeln darin, Millionär zu werden, und so widmete er diesen Wunsch, der ihn ja nichts kostet, dem Theaterdirector, obgleich dieser sich dagegen verwahrte, daß er jeden Abend in seinem Theater zwei Juden auffreffen werde. Herr Müller aus Gutenbrunn hat sich da etwas zweideutig ausgedrückt. Warum gerade zwei Juden? Für ein gewöhnliches Souper ist ein Jude (sprich 1 Jude) auch genug. Allerdings glauben wir, daß Herr Müller auch nicht einen einzigen Juden buchstäblich fressen wird, aber mit solchen Phrasen kommt man über die Thatsache nicht hinweg, daß das neue Theater ein „christliches" sein soll, nämlich ein christliches nicht im Sinne einer Weltanschauung, sondern im Sinne jener in Wien herrschenden Partei, deren Programm die Judenverfolgung, die Intoleranz gegen Andersgläubige überhaupt und der bornirte Clericalismus ist. Die unwidersprochen gebliebenen Commentare der Antisemitenblätter, die Sippschaft, die sich bei dem Bankett zusammengefunden, und die Reden, die dort gehalten wurden, lassen daran nicht den geringsten Zweifel zu. Die Zustimmung zu dieser Tendenz hat Herr Müller-Guttenbrunn auch nicht mit einem Worte abgelehnt, und deßhalb ist Herr Müller kein Theaterdirector im künstlerischen und literarischen Sinne des Wortes, sondern ein Speculant, der daran geht, den Antisemitismus in seiner Branche geschäftlich zu fructificiren. Vergani hat dies gethan, indem er eine Zeitung machte — „ich, der ich" — und Müller-Guttenbrunn pachtet ein vorweg als antisemitisch declarirtes Theater. Auf seinen Appetit hinsichtlich der zu verspeisenden Juden sind wir also nicht neugierig, sondern sind überzeugt, daß er bemüht sein wird, den Wünschen der communalen, resp. christlichsocialen Theaterintendanz gerecht zu werden. Es ließe sich da immerhin Einiges leisten, so z. B. die Neuinseenirung von „Nathan d e r W e i s e" mit S h y l o ck in der Titelrolle. Lessing zu „entjuden" und mit Shakespeare zu fusioniren, insoweit dieser einen recht grauslichen Juden vorführt, wäre eine Idee, die vielleicht auch den Beifall des Dr. Lueger fände. Wenn dabei noch Frl. Barsescu als Recha lustige G'stanzeln singen würde, wie z. B. „der Tempelherr kommt, der Tempelherr kommt, der Tempelherr ist schon da!" so gäbe das vielleicht die von unserem kunstverständigen und feinsEigen Bürgermeister gewünschte „richtige Melange". * * * Die neue Richtung gelangt eben immer mehr zum „kraftvollen Durchbruch", nicht allein auf dem Gebiete der dramatischen Kunst, sondern auch der Volkserziehung und des Unterrichtes. In derselben Sitzung, in welcher Dr. Lueger einige Gemeinderäthe durch Amtsdiener hinauswerfen ließ, hat der hochwohlweise und erleuchtete Wiener Gemeinderath dem Wiener Volksbildungsverein die reducirte Subvention von 500 fl. gestrichen. Man wird sich erinnern, daß der Gemeinderath, als noch die verblendeten Liberalen am Ruder waren, dem Vereine für drei Jahre je 32 0 fl. zugesagt hat. Die antisemitischen Erben wollten aber diese Verpflichtung nicht anerkennen und mußten hiezu erst vom Gerichte gezwungen werden. Nun haben fie dem Verein überhaupt jede Unterstützung entzogen, und in dem Budget pro 1899 hat der Magistrat, der ja bestrebt ist, den Intentionen der Majorität entgegenzukommen, die dringendsten Schulbauten gestrichen. Ebenso wird man an den Lehrmitteln für arme Kinder 14.000 fl. ersparen. Die Gemeinde hat kein Geld, um Lehrmittel für arme Kinder anzuschaffen, umsomehr als sie den Dr. Lueger frisch malen lassen muß. Dagegen ist der junge Gregorig mit Uebergehung altverdienter Schulmänner, die sich um die Stelle bewarben, Gewerbeschullehrer geworden, und es verlautet, daß Herrn Gemeinderath Rauscher, der mit antisemitischer Geschwindigkeit Bürgerschuldirector geworden ist, anläßlich des unliebsamen Vorfalles, bei welchem er ein Kaffeehaus demolirte, das Vertrauen und die Hochachtung der

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