Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 928 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 5t Schaar drolliger interessanter Menschen, die dem Psychologen ein Gegenstand lehrreicher Beobachtung sind. Von diesem Gesichtspunkte aus sind die Schriften zu beurtheilen, die von Zeit zu Zeit in die Oesfentlichkeit dringen. Wir sind begierig zu sehen, wie sich in diesen etwas verwirrten Köpfen die Welt wiederspiegelt, und diese wirren Bilder können uns umsoweniger gleichgiltig sein, als sie doch immerhin Beiträge zur Charakteristik der jüdischen Volksseele bilden. Nicht weil Herr Dr. Max Nordau der künftige Ministerpräsident des jüdischen Nationalstaates ist, hat sein Schauspiel „Dr. Kohn" einiges Aussehen erregt, sondern weil er selbst eine originelle Persönlichkeit ist, ein Mann, der von jeher sowohl durch seine Talente, aber mehr noch durch eine unerhörte Rücksichtslosigkeit in der Bekämpfung bestimmter Personen und Einrichtungen Aufsehen erregt hat. Er muß es sich gefallen lassen, daß ihm mit gleicher Rücksichtslosigkeit begegnet wird. Er hat kein anderes Los verdient, er kann kein anderes verlangen. Das soll aber nicht heißen, daß wir an dieser Stelle die Objectivität außeracht lassen werden. Keineswegs, für uns ist sein Buch ein literarisches Product, kein Manifest des Zionismus — ein Buch — das wir um so eher nüchtern und ruhig besprechen können, weil wir ihm keine nachhaltige Wirkung in einem uns unbequemen Sinne zutrauen. Der bekannte Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, gilt für Nordau dahin, daß er den Menschen Nordau zum Maß aller Dinge stempelt. Der ganze tragische Conflict in dem Schauspiel „Dr. Kohn" entsteht dadurch, daß die christliche Familie, aus der sich Dr. Kohn seine Braut erkoren hat, nicht in eine Mischehe willigen will; wäre eine Mischehe möglich, so wäre Alles gehoben und gelegt, aber gerade die Nationalisten, das eigentliche Leibregiment Nordaus, können die Mischehe als eine Lösung der Judenfrage am wenigsten acceptiren. Auch sonst ist für einen Juden, der sein Judenthum nicht preisgeben will, dem an der Erhaltung des väterlichen Glaubens und Bundes etwas gelegen ist, die Mischehe nicht annehmbar. Wir lassen für einen Moment alle rituellen Bedenken beiseite. Aber schon die Thatsache, daß wir eine verschwindende Minderheit bilden, zwingt uns im Interesse der Selbsterhaltung, uns gegen die Mischehe zu wehren. Ja, stünden wir in gleicher Zahl wie die christliche Bevölkerung da, so könnten wir es schon daraus ankommen lassen und uns der Zuversicht hingeben, daß wir obsiegen oder zumindestens uns behaupten werden. Aber wäre die Sache des Judenthums auch noch so gut, wir werden bei der Mischehe durch die Zahl und durch, die hinter dieser Zahl stehende politische und sociale Macht erdrückt. Wir zweifeln nicht daß auch Dr. Nordau das einsieht, aber es ist bekannt, daß dieser zionistische Vorkämpfer selbst eine Mischehe geschlossen hat, und so darf niemand daran Anstoß nehmendaß auch Dr. Kohn, dieser Jdealjude, in eine Mischehe eintreten will. Auch das ist nicht schön, daß Dr. Kohn sich leichtherzig zu dem Opfer entschließt, seine Eltern, schlichte, einfache Juden, vor der neuen vornehmen Verwandtschaft zu kachiren. Nordau bildet sich zweifellos ein, einen recht vornehmen Charakter zu haben, aber er mag nur unter einfachen jüdischen Hausirern herumhorchen, ob diese so leicht geneigt sind, um ein sogenanntes Glück zu machen, ihre Eltern beiseite zu schieben. Auch hier mag das praktische Verhalten Nordaus dem dramatischen Dichter die Bahn vorgezeichnet haben. . Der dramatische Werth des Werkes wird sehr dadurch geschmälert, daß wir von den eigentlich seelischen Conflicten wenig -erfahren, wenig wahrnehmen. Wrr hören die fertige Thatsache, daß dieser Dr. Kohn, der ein gewaltiges wissenschaftliches Genie ist, mit der christlich fromm erzogenen Tochter einer vornehmen. Familie ein Herz und eine Seele ist, aber wie das geworden ist, davon wird uns kein Jota berichtet, und das kann doch unmöglich so einfach gewesen sein. Wir nehmen an, daß Dr. Nordau, wollte sagen Dr. Kohn, doch nicht so ganz glatt darüber hinweggekommen ist, mit seiner Zions-Begeisterung eine Christin zu freien, und auch die Schülerin des erz-orthodoxen Pastors von Quinke mußte doch wohl manches Gewissensbedenken überwinden, bevor sich ihr Herz mit dem des Dr. Kohn zusammenfand. Einzelne Nebenpersönlichkeiten sind mit scharfer, ja fast brutaler Deutlichkeit gezeichnet. Der blöde Sport, der mit dem Antisemitismus in studentischen Kreisen getrieben wird wird ergötzlich geschildert. Es gibt in der That Antisemiten, welche die Märtyrer ihres Blödsinns sind. So ist uns einmal von den preußischen Manövern berichtet worden, daß, da in einer armseligen Gegend gute Quartiere rar waren, ein jüdischer Referendar bei einem armen Kossäten einquartiert wurde, während sein christlicher College oben im Schlosse eine gute und behagliche Unterkunft fand. Aber kaum hatten die Leute ihre Quartiere ausgesucht, so hörte man vom Schlosse ein Spectakel, und was war die Ursache? Der christlich-antisemitische Referendar beschwerte sich darüber, daß man ihn zu einem Juden ins Haus geschickt habe, und er erklärte, er wolle lieber unter freiem Himmel übernachten, als sich dieser Schmach unterwerfen. Der jüdische Referendar, den diese Tollheit ergötzte, war natürlich gerne bereit, aus diesem Zwischenfall Vortheil zu ziehen, sich dem Schloßherrn vorzustellen uno die Wohnung des Kossäten mit der aus dem Schlosse zu vertauschen. Der Corpsstudent mit allen seinen Marotten wird von Nordau geschickt gezeichnet. Diese Corpsstudenten kennen eigentlich nur noch ein höheres Wesen als sie selbst, das ist der active Garde-Officier. Vor diesem ersterben sie in Demuth. Besonders schlecht kommt der adlige Geistliche fort, dessen christliche Liebe darin sich bekundet, daß er nur Oel ins Feuer gießt und den Familienconflict ins Maßlose verschärft. Es gibt zweifellos, besonders unter den protestantischen Geistlichen, solch gallige Personen, denen es geradezu ein Bedürfnis; ist, zu hassen, und die, um recht Viele hassen zu können, ein recht exclusives religiöses Bekenntniß sich zurechtlegen. Dieser Superintendent von Quinke vollends ist zuerst Junker uno dann erst Christ, für ihn bedeutet die Taufe keine Erneuung des Menschen, sondern Jud' bleibt Jud'! So sehr auch diese Figur gleichsam mit Gift gesättigt ist, wir können doch nicht sagen, daß sie ohne Lebenswahrheit sei. Aber diese Episoden können doch das Nordau'sche Drama nicht über Wasser halten, weil der Mittelpunkt desselben keine Handlung, sondern eigentlich nur ein Gespräch ist. Ein Dialog ist kein Drama. Nordau hat sich die Sache zu leicht gemacht. Er ist freilich von der Kritik noch heftiger mitgenommen worden, als er es verdient; von ihm gilt, wasdie Heilige Schrift von Esau sagt: „Seine Hand war wider Alle, so war auch die Hand Aller wider ihn." Er selbst ist ein unbändiger Kritiker, der an dem Gegner kein gutes Haar läßt, warum sollten die Anderen ihn schonen? Aber selbst auch ein wohlwollendes Auge wird an der Arbeit Nordaus Fehler genug entdecken. Es war kein übler Gedanke, daß man den Antisemitismus auf die Bühne brachte. Uebel wurde der Gedanke erst dadurch, daß man in schlechten Stücken diesen Versuch wagte. Nordau hat Erfahrungen, die Jedermann zu machen im Stande ist, dramatisch zu verwerthen versucht, und als das für ein großes Stück nicht ausreichte, hat er dann einfach einige Leitartikel mit vertheilten Rollen geschrieben. Vor Allem hat er dadurch gefehlt, daß er sich für unantastbar hielt, was Nordau thut, ist gutgethan, aber sowohl Dr. Nordau wie „Dr. Kohn" machen dem Gegner bedenkliche Zugeständnisse. Kein guter Jude wird wie Kohn seine Eltern der Braut zuliebe rn den Winkel stellen, und die Mischehe ist eine Auslösung des Judenthums, jedoch keine Lösung der Judenfrage. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glosse» zur Tagesgeschichte. (Dr. Steinwender und die Juden. — Der Umgang mit Ernst Schneider. — Der Jch-der-ich. — Wahnvorstellungen . Bergani's. — Die richtige Melange. — Vom Geist unseres Volkes. — Das warmpochende Herz.) Herr Dr. Steinwender hat in einer vielbemerkten Rede über die politische Lage einige Ideen Anderer zum Besten gegeben. Was er sagte, haben Andere vor ihm schon längst und besser gesagt, und mit seinen Ansichten über die künftigen Parteigruppirungen hat er einfach aus der Schule geschwätzt. Wahrscheinlich um sich vor dem Verdachte der Originalität auch anderweitig zu schützen, unterließ Herr Steinwender auch das Antisemiteln nicht und behauptete, von den gegen-