Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Är. 61 Gerte 927 Or. Blvch's Mochenfchrist. deutsche Volk hat allen Grund, sich diese Eigenschaften des jüdischen Stammescharakters zum Muster dienen zu lassen und der Vorsehung dankbar dafür zu sein, daß sie ihm solche Elassenkameraden zur Anspornung seines Wetteifers gegeben hat."st) So weit Hartmann, der noch manch herrliches Wort über jüdische Arveitsliebe und jüdischen Familiensinn anführt. Wahrlich I Eine solche Anerkennung speciell des jüdischen Bildungsdranges aus dem Munde eines Juden würde sicherlich dem ganzen Volke als Mangel an Selbstkritik angerechnet werden; aus dem Munde eines Christen, dazu noch eines deutschnational-antisemitischen Philosophen, acceptiren wir sie mit Freude, gleich Bileams Segen. B i s e n z. D r. I o s e f H o f f. Zwei Entgegnungen?) Der Artikel des Herrn Wolfram in Nr. 49 der „Oesterreichischen Wochenschrift" mag gut gemeint sein und ich sage dem Verfasser Dank für die freundliche Anerkennung mciner Leistungen, doch beruht derselbe auf einem Mißverständnisse. Niemand wird mich verdächtigen, daß ich die Baron Hirsch'schen Schöpfungen in Galizien perhorreseire oder die ausgezeichnete Eentrallemmg in Wien unterschätze. Ich kenne den Segen, den sie stiften, und anerkenne die Wohlthaten, die ich in meiner Eigenschaft als vieljähriger Inspektor der jüdischen Volksschule in Brody für diese Lehranstalt erwirkte, welche ohne die ihr gewordene Subvention von st. 3000 jährlich jetzt kaum noch bestünde. Meine Bemerkung bei Besprechung des Elends der Juden in Galizien ging blos dahin, daß, wenn diese trostlosen Zustände schon bei Lebzeiten des Freiherrn v. Harsch so intensiv wie jetzt gewesen wären, dieser seine Zwölf-Attllionen-Stiftung eher zu Erwerbszwecken für die aus allen gewerblichen Gebieten bekämpften polnischen Juden verwendet haben würde, da schließlich die Gemeinden verpflichtet sind, die erforderlichen Primärschulen zu gründen und zu erhalten. Wenn zwei Bettler an der Thür erscheinen, der eine um Brot bittet, um seinen Hunger zu stillen, der andere um ein Buch, um lesen zu lernen, so reicht man zuerst das Brot und dann sucht man nach einem Buche. Uebrigens ist all dies eine müßrge Hypothese! Baron Hirsch lebt leider nicht mehr, wird sonnt seine brillante Schulstiftung nicht zu gewerblichen Etablissements umgestalten, und von sonst wo seh' ich keine Hilfe tagen! In allen Vereinen wird gesprochen, mitunter recht hübsch gesprochen, aber noch ist keine Rede in Thaten umgesetzt worden. Unsere armen Brüder da unten werden noch eine geraume Weile darben und dulden, bis die Peiniger müde geworden, bis die Polen sich ihrer eigenen früheren Lage erinnern, wie auch sie in Thränen das Brot des Exils aßen, wie auch sie verdrängt und verfolgt wurden; wie auch sie knirschten und an der Kette zerrten und oft genug bei Juden Zuflucht fanden, bis sie sich erinnern, daß schon vor einem halben Jahrtausend ihr größter Monarch, König Casimir der Große, den Werth der Juden erkannte und sie durch weise Gesetze in ihren Menschenrechten schützte. Das Jahrhundert verdämmert in Nebel und Lueger, vielleicht bringt das neue Jahrhundert Friede und Nächstenliebe. Auch die „R e ichspost" widmet im Sousterrain ihres Blattes vom 14. d! M. einen Artikel dem Elend der Juden in Galizien. Selbstverständlich nicht vom Humanitären Standpunkt, den auch Niemand bei diesem Blatte voraussetzen wird, sondern in schadenfroher Weise, in Gregorig'scher Manier. „Geschieht Euch schon recht", lautet da der Sinn oder Unsinn des Artikels, „daß man Euch den Handel mit Salz, die Propinationspachtungen genommen, daß man Consumvereine gründet, um Euch das Geschäft zu entziehen, daß die Parole ausgegeben wurde: „Kaust nicht bei den Juden". — Warum habt Ihr Rabbiner? Warum eßt Ihr koscher? Warum lernt Ihr Talmud? Warum lebt Ihr aus Reisen, wo es an ritueller Kost fehlt, von Thee und Brot, tragt in der Fremde einen kurzen, zu Hause einen laiigen Rock und laßt Euch nach jüdischem Ritus trauen?" Die „Reichspost" hätte sich kürzer fassen und einfach sagen können, geschieht den polnischen Juden f) S. E. v- Hartmann „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunst". S. 24 ff. . *) Durch Zu fall verspätet. schon recht, warum sind sie auch Juden! Liebe „Reichspost"! Die Juden in Wien oder Prag beschränken sich nicht in ihrer Mehrzahl auf die koschere Kost, sie leben aus der Reise nicht blos von Thee und Brot, lassen sich nicht voir den 'Rabbinern tyrannisiren, tragen zu Hause nicht den langen Rock, heiraten nach den Gesetzen des Reiches, und welche Beschimpfungen und Verfolgungen haben auch sie zu ertragen! Unsere Rabbis haben lange nicht den schädlichen Einfluß Ihrer Hetzkapläne, und wenn der orthodoxe Jude auf der Reise vorzreht, frugal zu leben, statt gegen die Satzungen seiner Religion zu verstoßen, so kann ihm dies ebenso wenig zum Verbrechen angerechnet werden als dem altgläubigen Russen, der niemals bei Andersgläubigen speisen, oder dem Mohammedaner, der keinen Wein trinken will. Die „Probeheirat" ist ebenso unwahr wie das „Sabbathessen beim Rabbiner gegen hohe Bezahlung", Nach talmudischem Gesetze darf jeder Jude — da das Judentyum keine geweihte Geistlichkeit kennt — trauen und die Ehe ist giltig. Concubinate kommen bei Juden in Polen nicht vor. Arme jüdische Reisende, die Freitag Abends in eine jüdische Gemeinde kommen, müssen weder darben noch zahlen; sie finden bei Religionsgenossen, wenn diese es nur halbwegs vermögen, freien Tisch und überdies noch eine Reisezehrung. Diese patriarchalische Sitte bewahren wir seit Jahrhunderten. Neberdies dürfte selbst Ihr Bürgermeister Herr Doctor Llieger, nach Erinnerungen aus seinen früheren Jahren, der jüdischen Gastfreundschaft und Wohlthätigkeit ein giltiges Zeiigniß ausslellen. Eine wissentliche Entstellung der Wahrheit aber ist die Behauptiing, daß die Juden wegen der vielen Kinder zu Betrug und Fälschung ihre Zuflucht nehmen müssen, nachdem es wiederholt statistisch nachgewiefen worden, daß dieselben den geringsten Percentsatz dem Strafrichter stellen, und daß die Czechen mehr Kinder in die Welt setzen, mit dem einzigen Unterschiede, daß jene kleine Juden uno diese kleine Czechen sind — wer von itjnen ist dem Deutschthum gefährlicher? Geradezu lächerlich klingt der Vorwurf, daß die Juden hebräisch lernen; als wenn man den Griechen verargen würde, daß sie Griechisch lernen! Dank dem Btldungstrieb der Juden, gab es unter ihnen keine Analphabeten schon zu einer Zeit, als es noch wenig Schulen und gar keinen Schulzwang gab. So ist es Mode minderer Geister, die sich durch sonst mchts bemerkbar machen können, ohne allen Grund die Inden zn schmähen, car tel est mon piaisir. Es erinnert dies an die bekannte Anekdote, nach welcher in einer ungarischen Versammlung nach einem Mittel gesucht wurde, dem Volke eine Freude zu machen, ohne daß es was koste. „Hängen wir den Bürgermeister!" beantragte ein Mitglied der Versammlung; „es kostet nichts und wird Alle unterhalten!" Teplitz. LeoHerzberg-Fränkel. Dr. Rohn und Dr. Max Vorbau?) Jene Schwärmer und Phantasten in unserer Mitte, welche die fast allen Juden gemeinsame Liebe zu Zion ausschließlich für sich in Anspruch nehmen und sich deshalb Zionisten nennen, täuschen sich, wenn sie glauben, daß ihr politisches Verhalten ernst genommen wird und man ihnen deswegen eine genaue Beachtung schenkt, o nein, es ist vorwiegend ein psychologisches Interesse, das wir an diesen Männern haben, während sie politisch gar nicht in Betracht kommen. Ja einstmals, am Anfang der Bewegung, da verblüffte die zuversichtliche Miene der Führer fast alle Welt. Es konnte sich niemand denken, daß hmter so kühnen Worten absolut gar nichts stecke, aber nachdem diese Enttäuschrmg über uns ergangen war, imponiren uns die großen Worte nicht mehr, und die ganze Gesellschaft ist uns nichts weiter, als eine *) Dieser Aufsatz ist die letzte Arbeit, die Mser verstorbener Freund und Mitarbeiter Dr. Benjamin Rippner s. A. noch wenige Tage vor seinem Tode für Mser Blatt geschrieben, dem er sett Jaycen seine geistvolle Feder gewidmet. Mt innigster Wehumth werden unsere Leser diese letzten Zeilen des trefflichen Mannes, un.eres besten Mitarbeiters, lesen und sicher werden sie alle mit uns dem treuen Freunde ein warmes Andenken bewahren. Die Red«