Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Kette 926 Dr. Bloch's WochenjÄrrifl. Die Ausweisungen aus Deutschland. B e r l i u, 18. December. Im -Jahre 1885 sind aus Preußen zehntausende von Fremdvurtrgen ausgewiesen worden, die Achterlei persönliches Verschulden «af#og geladen hatten. Sie sollten plötzlich eme Gefährdung der Wermanistrungsbestrebungen in den Ostmarten bilden. Soweit es Pch dabei um Juden handelte, bestand eine solche Gefährdung nicht. Aber die Juden vornehmlich wurden ausgewresen aus dem Herzen Deutschlands, aus Berlin, mrd selbst aus Frankfurt am Main holte man sie heraus, als ob sie die Mart und den Westen des Reiches polonisiren wollten und polonisiren könnten, Zehn Jahre später kam die Gewerbezäh lung. Sie ergab, daß sich im Reiche noch zu viel Fremdbürttge (lies: Juden) fänden, die den Eingeborenen Concurreirz machten. Diese Goncurrenz wurde lästig enipsmiden, lästige Ausländer könne man. einfach abschieben, und so wurden abermals Fremdbürtige (lies: Juden) in Massen ausgewiesen. Unsagbares Glend kam über die Betroffenen, die im Verttauen aus deutsche Gastfreundschaft hieyer gekommen waren. Das zog sich durch Jahre und Jahre. In weiten Zwischenräumen nehmen die politischen Lagesblätter davon vtouz, -das war Alles. Im Parlamente gab es keine Juden, die sich darum gekümmert hätten, und die liberalen Indenfreunde thaten, als wüßten sie von nichts. Da siel es dem Oberpräsidenten von Schleswig-Holstein Herrn v. Äi l l ex ein, ein paar Dutzend Dänen auszuweisen. Sofort erhob sich im liberalen Blätterwalde miendliches Wärmen über diese unkluge und unpolitische Grausamkeit. Auch int Reichstage benutzte der Führer der freisinnigen Bolkspartei die erste Gelegenheit, die verbündeten Regierungen zur Rede zu steUen. Doch ausdrücklich betonte er, daß er rmr die Ausweisungen der Dänen mißbillige. Wegen der Ausweisungen der Oeslerreicher (lies: Juden) behielt er sich das Urtheil vor. Ueber diese Ausweisungen war er nicht hinreichend insormirt. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, ist über diese Vorkommnisse nicht erstaunt. Und hier kennt sie alle Welt — mit Ausnahme der Juden. Alle Welt weiß, daß die Ausweisungen thatsäcytlch den Juden gellen, daß der Unglücklichen sich kerne polllrscye Partei annimmt — einzig die Juoen beharren dabei, rn der frersinnrgen Vollspartei und besonders in deren Führer Gugen Richter den Hort werkthätiger Judenfreundlichreit zu scheu. Auch die obenerwähnte neueste Grfahrung wird diesen Aberglauben nicht vernichten. Die Antworten der Staatssecretäre auf die Richter'schen Anfragen waren classisch. Der Staatssecretär des Innern Graf Posadowsky erklärte die Ausweisungen als „unbedingt" zur Gourpetenz der Gmzelstaaten gehörig, der Staatssecretär des Auswärtigen erklärte „eigentlich" die Gmzelstaaten hiefür zuftänorg. Dre Handhabung Der Ausweisungen gehöre zu den Souveranitcllsrechten, und die werde kein Staat sich nehmen Lassen. Diese pathetische-Versicherung wäre einigermaßen verständlich, wenn von außerhalb der Versuch gemacht wurde, in das erwähnte Souveränuatsrecht der Gewalt und der Vergewalltgmrg einzugrersen. Doch davon ist keine Rede. Gs hauoett pch blas darum, daß die Personen, denen die Handhabung der souveränen Gewalt des Staats anvertraul ist, der Vollsvertretung über dre Art dieser Handhabung Rechenschaft ablegen sollen. Am diese Verpflichtung haben sich die Herren Staatssecretäre mit der citirten pathetischen Redensart .gedruckt, und Herr Eugen Richter -hat sie Damit entwischen lassen. Gr muß es gern gethan haben, denn sonst hätte er es nicht-gechan. Wenigstens hat man ihm sonst so billigen Kaufes nicht entschlüpfen tonnen. Die Juden aber werden darum nicht aufhören, Herrn Eugen Richter für seine Parteizwecke alles Geld und her den Wahlen chre Summen zu geben, llno wenn sich wieder einmal die Atogllchtell bietet, emen Mischen Gandrdaten für das Parlament aufzustellen, so werden es wiederum die Juden — allerdings dre Vezrrtsvereinsjuden — fem, die mit sittlicher Entrüstung die Jumurhung ^konfessioneller Gandidaturen" zuruckwersen. Ar. 6 Eduard von Hartmann über jüdische Bildung. Als zu Beginn der Achtzigerjahre die Judenfrage auf den Plan der öffentlichen Verhandlungen des Dages gebracht un - „hüben und drüben" nicht nur in doctrinärer Weise, sondern au.y ui leidenschaftlicher Erregtheit über sie discutirr wurde — als Herr von Lreitschke in den „Preußischen Jahrbüchern" über das Judenthum herfiel — da fühlte auch der „Philosoph des Unbewußten" in sich das Bedursmß, einige „Mittel zur Abwehr" anzugeben und so sein Scherflein zur Lösung der Judenfrage deizutragen. In seiner Schrift: „Das Judenthum in Gegenwart und Zurunft" gibt er vorzüglich zwei Mittel an, die nach seiner Meinung einzig und allem im Stande waren, die Kluft zwischen Judentyum und Christenthum zu überbrücken: Gnmattonalisirung und Assimilation. Versöhnung und Verschmelzung sind die zweckmäßigsten Vorschläge zur Veredelung und Veroeutschung der semitischen Race. Harrmanns Gesinnung ist daher, wre er selbst in seiner Gmleitung zum obigen Werke angivt, eine ebenso „deutschnationale wie juoensreunoliche". Aber seme Justandsscyilderungen über „jüdische Ausbeulung" sind voll der kleinlichsten Leroenschaft und kennzeichnen so recht dessen Antisemitismus, der nichts anderes ist als die Realisirung des Daseinskampfes un verwerflichsten Sinne.*) In unerschöpflichen Fluthen wird da das Schlammwasser der Verleumdung und Verdächtigung ausgegossen über die „fremde Race", für die er aber — und das ist eben die größte Ironie — dennoch von jeher Sympathien gehabt zu haoen vorgibt. Doch gerade in der verblüffenden Offenheit, mit welcher er diese Jnsiandsschilderungen vts ins kleinste Detail vormmmt, ist die Ursache zu finden, wenn er wieder an anderen Orten Aeußernngen tyut, die selbst der größte Philosemit nicht paffender wäywn wuXde, und die daher der dankbarsten Anerkennung würdig sind. Wie der gelehrte D ü h r i n g in seinem von titanenhaftem Juoenhaffe durchwehten Buche „Die Judensrage" glatt und rund yeraussagt: „Gm Christ, wenn er sich seldsr versieht, kann kein ernsthafter, vollständiger Antisemit sein", so entschlüpfen auch dem antisemitischen Collegen H a r t m a n n, der den germanischen Geist un Gegensatz zu dem semitischen so emphatisch preist, nicht selten Worte, die manchem seiner deutscynatwnalen Verehrer befremdlich genug klingen mögen. Ihm ist nämlich das Judenthum das „elastische Volk" der Bildung. Gr sagt wörtlich: „Wohl bei temem Stamme der Welt sreyt von alrersher Bildung und Gelehrsamkeit in solchem Ansehen wie bei dem jüdischen; insbesondere sind hier alle Schichten, von den gebildetsten bis zu den ungebildetsten, von dieser Ehrfurcht für das Wissen durchdrungen. Gs mag sein, daß die gebildeten Schichten des deutschen 'Volkes noch mehr Liebe zu dein Wissen um femer selbst willen haben, aber diese Motive kommen nicht so sehr in Betracht, wenn man nur ihre gemeinsame culturgeschichtliche Wirkung, die Steigerung der mtellectuellen Bildungsstufe der Gesammthett und den Percentsatz rer zur höheren Bildung Gmporgesliegenen ins Auge faßt. Schon der jüdische Knabe hat durchschnittlich mehr Concentrationsfähigkeit und Ausdauer zum Lernen als der deutsche, und diese Eigenschaften in Veroindung mit dem Durchdrungensein von der hohen Wichtigkeit der Bildung bewirten, daß in jüdischen Familien em geringerer Percentsatz von Knaben, die höhere Schulen besuchen, das Schulziel verfehlen als in deutschen Familien. Dieselben Eigenschaften im Vereine mit Mäßigkeit, Rüchternheit und sparsamer Wirtschaftsführung verringern unter den jüdischen Studenten den Percentsatz derjenigen, welche in der erngeschla^enen Laufbahn scheitern, und noch mehr zu Gunsten der Juoen stellt sich infolge ihrer Ausdauer, Zähigkeit, Genügsamkeit und ihres Fleißes der Percentsatz derer, die unter erschwerender Dürftigtett mühsam zu einer akademischen Laufbahn hindurchdringen. So ist einerseits die Zähigkeit, mit welcher eine in höhere Büdungsschichten hinausgeructte jüdische Familie in allen ihren Rachtommen diese bevorzugte Stellung zu behaupten sucht, und andererseits der Drang der noch unten Stehenden zum Gmporkommen durch Aneignung von Bildung um Vieles größer, und das *) Vergl. auch Paulus Cassel s Streitschrift gegen Stöckerund v. Hartmann »Ahasverus, die Sage vom ewigen Juden".