Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 50 Seite 911 Dr. Bloch's Wochenschrift. Fürsprecher des Friedens, hatte er mit seinen Schülern Jerusalem mährend der Belagerung heimlich und mit Hilfe einer, List verlassen. Von den Römern freundlich ausgenommen, hatte, er sich von diesen die Erlaubniß zur Errichtung eines Lehrhauses zu Jabne (Jamnia), einer alten Stadt in der Nähe des mittelländischen Meeres, erbeten. Hier sammelten sich rzm ihn viele Freunde des Friedens und die versprengten Reste der alten Lehrer, Gelehrten und Schüler. "Jochanan S. Sakkais mar um diese Zeit bereits ein Greis, und seine Wirksamkeit zu Jabne mar nicht von langer Dauer, aber in ihren Folgen war sie groß und von unberechenbarem Segen. Hier hatte er nach der Zerstörung Jerusalems in seinem Lehrhause dem Judenthum ein neues geistiges Centrum geschaffen, von welchem die Regelung der Neumonde und Feiertage, die Ordnung des neuen Gottesdienstes in den Synagogen und die Entscheidungen über juridische und religionsgesetzliche Fragen und Einrichtungen für sämmtliche Juden der Diaspora ausgehen sollten. Hier hatte er auch bereits damit begonnen, den alten Traditionsstoff -zu sammeln und den Grund 51t legen für das große Werk der Mischna, das von seinen Schülern' und Nachfolgern fortgesetzt und ausgeführt wurde. So wurde er alsbald in weiten Kreisen als ein zweiter Wiedererbauer des Judenthums und als ein zweiter Esra gepriesen, während nur ein kleiner Rest der der Vernichtung entronnenen patriotischen Zeloten ihm und seinem Anhang die Fahnenflucht und den Uebergang zu den Römern während des großen Krieges nicht vergessen konnte. Ich muß es mir heute mit Rücksicht auf die gestellte Aufgabe versagen, auf die zu weit führende Darstellung des Lebens und der Bewegung zu Jabne näher einzugehen. Wir wenden uns vielmehr jetzt zu einer anderen, ebenfalls bedeutenden geistigen Sammelarbeit dieser Zeit, welche der Sammlung historischer Erinnerungen diente. Die vornehmsten Leistungen auf diesem Gebiet wurden in Rom zutage gefördert. Die Judenschaft in Ron: war um diese Zeit sehr zahlreich. Es werden uns sieben Synagogen mit Namen genannt, darunter auch eine Synagoge der hebräisch sprechenden Juden. .Neben vielen jüdischen Sclaven und einem starken Proletariat von Hausirern und Handwerkern gab es reiche jüdische Kaufleute, Banquiers und auch Gelehrte, Künstler und Dichter. Mit den Synagogen waren nach alter Sitte auch Lehrhäuser verbunden. Der Schriftgelehrte (-^«^«-rsür) findet sich als Ehrentitel sehr häustg aus den ältesten Grabschriften. Schon aus der Zeit des Augustus wird uns als Autorität für den Atticismus ein gelehrter Jude Caecilius aus Kalakte genannt, dessen Werke nach den vorhandenen Fragmenten über Rhetorik und Rhetoren handelten. Von einem jüdischen römischen Dichter und Kritiker spricht Martiak in einem Epigramm, welches aus dem neunten Jahrzehnt des ersten christlichen Jahrhunderts stammt. Das charakteristische Epigramm lautet: „Daß Du mir den Erfolg meiner Schriften neidest und sie herabsetzest, will ich Dir verzeihen. Das ist klug von Dir, verstümmelter Dichter ,j (verpe poeta). Auch das übersehe ich, daß Du meine Gedichte plünderst, während Du sie zerpflückest. Auch das ist klug von Dir, verstümmelter Dichter. Doch das schmerzt mich, daß Du meinen jerusalemianischen Sclaven zu Schandthaten verführest. Du, 0 verstümmelter Dichter. Du leugnest und schwörst bei dem Tempel des Donnerers; Ich glaube Dir nicht. Schwöre mir per Anchialum. Was 'mit dem Worte Anchialum gemeint sei, wissen wir nicht. Hier scheint Martial der verstümmelte Dichter (verpus poeta) zu sein, da das Wort in seiner vorliegenden Gestalt wahrscheinlich die Verstümmelung eines solchen ist, das etwas, was dem Juden heilig ist, bedeuten sollte. Unter den nach der Zerstörung Jerusalems nach Rom gekommenen vornehmen Juden befanden sich König Agrippa, Archelaus und Flavins Josephus. Diese bildeten mit noch anderen, wie Justus von Tiberius und dem Samaritaner Thallus, einen eigenen Kreis. Josephus hat während des Krieges in Palästina als Feldherr und Patriot schwer gesündigt, aber mit seinen unsterblichen Schriften, die er später in Rom zu Ehren seines Volkes verfaßte, hat er Vieles gut gemacht. Hier schrieb er zunächst eine Geschichte des jüdischen Krieges in hebräischer oder in der volksthümlichen aramäischen Sprache, wie er selbst sagt, zu Nutzen seiner in den Euvhrnthkändern wohnenden Glaubensgenossen. Diese übertrug er dann ins Griechische, deren richtige und wahrheitsgetreue Darstellung ihm von Titus und Agrippa in 62 Briefen bezeugt wurde. Uns ist leider nur die letztere erhalten, während die elftere verloren ist. Diesem Werke folgte alsdann ein noch größeres, die Alterthümer in griechischer Sprache und in 20 Büchern. In diesem Werk gibt Josephus eine vollständige Darstellung der Geschichte seines Volkes von der ältesten Zeit an, sowie der mosaischen Gesetze mit seinen eigenen Erläuterungen. Mit diesem Werk wandte sich Josephus vorzugsweise an die Heiden, um ihnen Verständnis für das Judenthun: und Achtung vor seiner großen Vergangenheit beizubringen. Dieses Werk ist eine Propagandenschrift im großen Styl, und sie hat auch sicherlich ihren Zweck erreicht und zur Vermehrung der sich dem Judenthum anschließenden Proselyten in dieser Zeit wesentlich beigetragen. Aber auch für uns ist es für die Geschichte der Juden während des zweiten Tempels die Hauptquelle geblieben. Zur Ehrenrettung seines Volkes veröffentlichte aber Josephus noch eine andere kleinere Schrift gegen die Antisemiten Alexandriens und ihren lügnerischen und verleumderischen Wortführer Apion. Diese gelehrte und classische Apologie des Judenthums gegen seine Verleumder ist noch heute von actuellem Werth und jedem zur Lectüre bestens zu empfehlen. (Fortsetzung folgt.) Das IubWmnsfest des Kaisers. Wien. (THerefien-Kreuzerverein.) Durch die Eröffnung des Knabenhortes und der in das neue Vereinshaus, II. Untere Augartenstraße 35, verlegten Mädchenarbeitsschule hat der Theresien-Kreuzerverein am 9. d. M. zugleich mit dem Regierungs-Jubiläum des Kaisers die Feier des 50jährigen Bestandes des segensreich wirkenden Vereines festlich begangen. Im Festsaal des neuen Hauses erhob sich von Lorbeer umrankt in der rechten Nische die Büste des Kaisers. Vor 11 Uhr hatten sich die Damen und Herren des Ausschusses dort vollzählig versammelt. Außerdem waren erschienen der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde kais. Rath K l i n g e r, Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, Charlotte Baronin Königswarte r, David Ritter v. G u t m a n n, Gustav Freiherr v. S p r i n g e r, die Gemeinderäthe Dr. Ster n, Baurath S t i a ß n y und Architekt Z i s s e r e r, Bezirksausschuß K a u d e r s, die Schuldirectoren Bayer und Beer, Architekt F i s ch l, der Director der Länderbank Binder, der Vicepräsident der Börse für landwirthschaftliche Produete Weil, Großindustrieller Sigmund Treb: tsch, Obercantor Bauer re. Um 11 Uhr nahm die Feier ihren Anfang, indem Obercantor G 0 l d st e i n, begleitet vom Chorpersonal, ein weihevolles Lied zum Vortrage brachte. Oberrabbiner Tr. Güdemann hielt sodann die Festrede; er betonte, daß :n diesen Tagen sich in allen Gauen unseres Vaterlandes ein edler Wetteifer entfaltet habe; er gelte der Feier des 50jährigen Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers, des erhabenen Monarchen. Alle Körperschaften und Vereinigungen waren und sind noch immer bestrebt, für ihre Liebe und Verehrung jenen Ausdruck zu finden, der Se. Majestät dem Kaiser nach a. h. seinen eigenen erhabenen Worten der liebste und willkommenste sei, die That oder vielmehr die Wohlthat, in deren Ausübung Se. Majestät selbst das leuchtendste Vorbild sei. Die Frauen und Herren des Theresien-Kreuzervereines haben ihre Theilnahme an dem seltenen patriotischen Feste durch Erwerbung dieses Hauses würdig bekundet, und man könne den Verein beglückwünschen, daß die Feier zugleich dem Jubiläum des Monarchen und dem Vereinsjubiläum gelte. Oberrabbiner Dr. Güdemann erwähnte noch lobend die edlen Förderer dieser Institution und schloß mit den Worten: „Auf unseren erhabenen Monarchen flehen wir in dieser feierlichen Stunde den Segen Gottes herab. Gott segne, Gott schütze, Gott erhalte unseren allgeliebten Kaiser!" Der Chor stimmte die Volkshymne an. Das älteste