Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-16 · 50 (16.12.1898) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021274--08395-3032773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zionist: „Bis dähin sollen für Euch sorgen die jüdischen „Assimilatoren" und Eure Reichsrathsabgeordneten, die im Parlament so geistreich und beredt schweigen und im Polencürb auf den Wink der judenfeindlichen „SLanczyken" sklavisch gehorchen!" Bitter enttäuscht verließ der unglückliche Reb Mendel Goldstuß die Zionistenversammlung. Einige mitleidige Glaubensgenossen aus Galizien veranstalteten eine kleine Geldsammlung und ermöglichten ihm, nach seinem galizischen Heimatsorte zurückzukehren. Als er seine Heimreise antrat, hob er seine thränengefüllten Augen gegen Himmel und rief flehend: „O, Du mein Gott, erbarme Dich meiner und aller unglücklichen Juden, da wir weder von unseren Vertretern im Reichsrathe, noch von den „Zionisten" irgendwelche Hilfe zu erhoffen haben. Wer sich aus diese Menschenbeglücker verläßt, ist wahrlich — verlassen!" Arthur Eibenschütz. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glosse« zur Tagesgeschichte. (Der suSpeudirte Bürgermeister. — Bon Algier «ach Wie«. — Zu verr Jubituumsauszeichnnngen. — Vom Hochgebirge der Hemeiuyeit. — Von X-Kütze« und ikrnmm-n Rufen. — Auch etwas von Storchenbeine«.) Das empörende Schauspiel, wie der Bürgermeister der Hauptstadt eine nichtswürdige Hetze gegen einen Theil ihrer Bewohner betreibt, wie er die Leidenschaften des Pöbels ausstachelt, um die Juden an ihrer Ehre, an ihrem Vermögen und ihrem Erwerb zu schädigen, ja sogar an Leib und Leben zu bedrohen, hat endlich das Einschreiten der Staatsgewalt provocirt. Die Macht, welche dieser notorische Schurke durch unermüdliche jahrelange Agitation erlangt hatte, glaubte er auch als Bürgermeister mißbrauchen zu dürfen, und so blieb er auch in dieser Eigenschaft derselbe leidenschaftliche und gehässige Agitator, der er früher war, und führte einen schamlosen und verbrecherischen Feldzug gegen einen Theil der seiner Verwaltung und seinem Schutze anvertrauten Bevölkerung. Die Regierung konnte endlich ein solches Treiben nicht länger dulden, wenn sie nicht als Mitschuldige der Gesetzesverletzungen erscheinen wollte, welche von diesem Bürgermeister und seinen Anhängern tagtäglich begangen wurden. Der Minister machte kurzen Proceß: er suspendirte den pflichtvergessenen Bürgermeister auf drei Monate vom Amte und brachte ihn dadurch in die moralische Zwangslage seine Demission zu geben. Der Name der Hauptstadt, in welcher sich dies Alles ereignete, und der Name jenes antisemitischen Bürgermeisters, der sein Amt auf die geschilderte Art mißbrauchte, sind selbstverstänolich den Lesern dieses Blattes bekannt und geläufig, denn wir haben oft genug über diese beklagenswerthen Ereignisse beraten müssen. Es ist die Stadt Algier in Afrika, von welcher wir sprechen, und es ist die Suspendirung des dortigen antisemitischen Bürgermeisters Max Regis, welche der Telegraph gemeldet hat. Der Generalgouverneur von Algerien hatte sich den Ausschreitungen dieses Bürgermeisters widersetzt; da wollte der übermüthig gewordene Agitator ihm einen Herrn zeigen und hielt eine heftige Rede gegen ihn, worauf die Regierung dem frechen Emporkömmling das Handwerk legte. * * * . Die Maßregel der französischen Regierung gegen den Maire (Bürgermeister) von Algier ist ein sehr bemerkenswerthes Ereigniß. Im Zusammenhänge mit dem Verhalten des Ministeriums Dupuy in der Affaire DreyfUs kann sie als ein Zeichen dafür angesehen werden, daß die Regierung die Gefahren des Antisemitismus erkannt hat, und daß sie einen geordneten Rechtszustand auch in ihren afrikanischen Besitzungen hergesteüt wissen will, und das Ministerium Dupuy scheint nicht gesonnen zu sein, einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Partei der Ungesetzlichkeit feige ausweichen zu wollen. In unserem gemächlicheren Oesterreich haben wir so scharf zugespitzte Conflicte nicht zu befürchten, wenigstens in der Richtung nicht, daß wir irgend welche Beeinträchtigung unseres Herrn Bürgermeisters in seiner privaten oder officiellen Agitation irgendwie zu befürchten hätten. Herr Dr. Lueger besteigt jeden Abend in einem anderen Kampflocal sein hölzernes Schlachtroß und sprengt im Galopp gegen die so mächtige Position der jüdischen Kaüfleute an. An dem Niedergange des Gewerbes, sagte er beispielsweise in einer Frauenversammlung in Rudolfsheim, in welcher Herr Ernst Schneider sammt der werthen Frau Gemalin antisemitische Brandreden hielten, seien hauptsächlich die Juden Schu Id, und er erklärte, daß es angesichts solcher Umstände ,,s eine Pflicht als Bürg ermeister sei, d en Bürg ern zuzurufen: Bürger, kaust nur bei Christen!" Bisher versteckte sich Dr. Lueger, wenn ihm eine so unerlaubte Agitation zum Vorwurf gemacht, wurde, hinter die bekannte Zweiseelentheorie. Solche Dinge sagte er nicht als Bürgermeister, sondern als Privatmann oder, wenn man will, als Agitator. Diesmal aber erklärte er es ausdrücklich für feine Pflicht als B ü r g e r m e i st e r, zur wirthschaftlichen Boyrottirung der Juden auszufordern. Der Chef der politischen Behörde erster Instanz, welche die Steuer auch bei den Juden eintreibt, unternimmt es, diese seinem Schutze anvertrauten Mitbürger ihres Erwerbes und ihrer Steuertraft zu berauben. Seine Autorität als B ü r g e r m e i st e r, nicht blos die als schöner Karl oder als Abgeordneter, wirft er in die Wagschale, um den beabsichtigten, vom Obersten Gerichtshöfe als verbrecherisch und als unsittlich gebrandmarkten wirthschaftlichen Boykott zu erreichen. Man sieht, es besteht kein allzu großer principieller Unterschied zwischen dem Maire von Algier und dem Bürgermeister von Wien, und Herrn Dr. Lueger sammt seinem Freunde Schneider inclusive der werthen Frau Gemalin ist es am allerwenigsten zu verdanken, wenn die Gewaltthaten des algerischen Pöbels in Wien, dessen Bevölkerung denn doch eine civilisirte und von Grund aus gutmüthige ist, nicht eine traurige Copie finden. Aus die Regierung freilich können wir vertrauen; sie wird in der Frage, ob dem Bürgermeister ein solches Betragen gestattet werden darf, nicht zur Entscheidung drängen, die ja, wie man in Algier gesehen, zu unbequemen Demonstrationen Anlaß geben kann. * * * Die Danksagung des Kaisers an die Völker Oesterreichs für die zahllosen wohlthätigen Veranstaltungen, .durch welche sie den Tag des Regierungs-Jubiläums ehrten,- schließt mit der rührenden Bitte: „Ich erflehe mir die Gnade des Himmels, den Abend meines Lebens verklärt zu sehen durch das ungetrübte Glück meiner Völker." Der Kaiser kennt in seiner Alle umfassenden Liebe und- Dankbarkeit keinen Unterschied der Nationalität, keinen Unterschied der Confession, uno der frevelhafte Versuch, die dynastischen Gefühle der Bevölkerung zum Werkzeuge politischer Agitation herabzuwürdigen, findet seine Zurückweisung in der Güte und Gerechtigkeit des Kaisers! In der Liste derjenigen, welche der Kaiser am % Deeember ausgezeichnet hat, finden sich zahlreiche Juden, und darunter sind für uns jene Ordensverleihungen am wichtigsten, durch welche das verdienstliche Wirken Einzelner auf dem Gebiete des jüdischen Cultuswesens anerkannt erscheinen. Unter den Decorirten befindet sich vor allen der, zweite Vicepräsident der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Landesschulrath Dr. Gustav K o h n, ein Mann, welcher sich durch seine langjährige aufopfernde Thätigkeit im Dienste der Gemeinde Anspruch auf die Dankbarkeit seiner Glaubensgenossen erworben hat. Dr. Gustav Kohn ist ein Jude im edelsten Sinne des Wortes, erfüllt von hingebender Begeisterung für alles Gute, ein Freund und Fürsprecher der Armen, der Anwalt und Berather der Bedrängten, ein Förderer jeder Humanitären Bestrebung, eine Persönlichkeit, die alle Bürgertugenden in sich vereint. Ebenso sympathisch wurde die Auszeichnung begrüßt, welche dem langjährigen Secretär der Wiener Cultusgemeinde Herrn Dr. Theodor Lieben zutheil geworden ist. Unter den Decorirten befinden sich ferner der Präsident der Cultusgemeinde Brünn Herr Julius Ritter v. Gomperz, der Prager Cultusgemeinde Herr Dr. Arnold Rosenbacher, der Krakauer Cultusgemeinde Herr Dr. Leo Horowitz und der Präsident der böhmischen Landesjudenschaft Herr Doctor Moriz Lichtenstern, ferner der Landesrabbiner von Mähren Herr Dr. Baruch Placzek, der Rabbiner in Jglau Herr Dr. I. I. Un g er und der Rabbiner in Graz Herr Dr. Mühsam. Die sonstigen an Juden, verliehenen Auszeichnungen sind beiwestem nicht so. wichtig, wie die hier hervorgehobenen. Hier handelt es sich um specielle Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.