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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-16 · 50 (16.12.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ihm dann mit Unrecht als Unbesonnenheit ausgelegt wurde. Der Fall hat sich wiederholt, daß er unter besonderen Umständen eine erhebliche Concursmasse auf eigene Gefahr zum Entsetzen seiner Freunde ankauste, diese dadurch zwang, die Sache nicht im Stich zu lassen und infolge dessen die Existenz ehrenwerther Familien rettete. Dabei war er stets beflissen, Frieden und Eintracht in der Gemeinde aufrecht zu erhalten, zu Stiftungslegaten anzuregen, und es mangelte ihm nicht in dem Einen wie in dem Anderen an glücklichem Erfolg. Daß sein Verhalten iit freundschaftlicher wie in häuslicher Beziehung damit in vollem Einklang stand, bedarf wohl kaum einer besonderen Hervorhebung. Die Achtung und Verehrung der ganzen Stadt'ohne Unterschied des Bekenntnisses war sein Lohn, und seine ganze Gemeinde hing ausnahmslos an ihm mit warmer Liebe und schwärmerischer Begeisterung. Sie wußte, was sie in ihrem Seelsorger besaß, und fürchtete zuletzt, sich dieses Besitzes nicht mehr allzu lange erfreuen zu können. Als die Kunde von seinem plötzlichen Ableben in der Gemeinde sich verbreitete, da ging ein'tiefes Schmerzgefühl durch alle Gemüther; jedem Einzelnen war zuMuthe, als sei ein naher Verwandter ihm von der Seite. gerissen worden. Als der Verklärte am 30. November zu Grabe geleitet wurde, boten sämmtliche Zugehörigen der Gemeinde Alles auf, um ihm den letzten Gang mit allen möglichen Zeichen der Liebe und Verehrung zu schmücken. Es wird erzählt, daß noch im vorigen Jahrhundert, wenn der Ortsrabbiner einer großen Gemeinde starb, kurz vor der Uebersührung nach dem Friedhof vor seiner Synagoge im Schulhof Schofar geblasen und der 1. Vers aus den Klageliedern/Jeremias: „Wie sitzt sie einsam da, die volkreiche Gemeinde, sie ist wie eine Wittwe geworden" laut hinaus in die Judenstraße gerufen wurde. Falls Derartiges einmal geschehen ist, so ist es längst außer Brauch gekommen und geschah auch nicht in Glogau bei der Trauerfeier in der Synagoge; aber alle Freunde und Amtsgenossen des Verblichenen hatten doch den Eindruck. daß die herrlichen Räume -des Gotteshauses trotz der großen Menschenfülle wie verödet erschienen, daß die Glogauer Gemeinde sich wie verwaist vorkam. Eine noch zahlreichere Volksmenge folgte der Ueberführung nach dem Friedhof, mehrere Ansprachen lösten einander ab, ein Sprühregen stäubte in kleinen, dünnen Tropfen nieder, der Abend dunkelte bereits, als die sterblichen Reste des verewigten Freundes in die irdische Ruhekammer hinabgesenkt wurden. Noch einmal drängte Alles um das Grab hin, um mit einem letzten wehmüthigen Blick Abschied zu nehmen; man fühlte, wie nicht nur Freunde, Gattin, Sohn und Geschwister, sondern manch Einer mit diesem letzten Blicke sagen wollte: „Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr.". Die Leidensgeschichte eines polnischen Inden. K r a k a u, 12. December. An einem der letzten Wintertage stand ein graubärtiger „polnischer" Jude aus Galizien vor einem der ersten Wiener Hotels und fragte den galonirten Portier, ob der Herr Reichsrathsabgeordnete .... zu Hause sei? „Was wünschen Sie?" fragte der Portier in barschem Tone. ■ . - ■ „Ich bin aus Galizien," erwiderte der ärmlich aussehende Jude, „ulld möchte den Herrn Reichsrathsabgeordneten in einer wichtigen und dringenden Angelegenheit sprechen." Portier: „Der Herr Reichsrathsabgeordnete empfängt heute nicht." Jude: „Ich bitte, guter Herr, haben Sie Erbarmen mit mir; ich bin einer von den unglücklichen Juden, die während der antisemitischen Bauernunruhen in Galizien geplündert und bettelarm geworden sind. Meine Frau-und acht Kinder verhungern. Da ich in der Zeitung gelesen habe, daß man viel Geld gesammelt hat für die beraubten galizischen Juden, und daß der Herr Reichsrathsabgeordnete .... an der Spitze des Comites steht, so will ich ihn bitten, an mich, den alten Reb Mendel Goldfluß, llicht zu vergessen. da ich, als ich noch reich war, große Geschäfte mit dem seligen Vater des Herrn Reichsrathsabgeordneten gemacht i ave und immer ein Hausfreund war. Ich bitte Sie sehr, melden Sie mich bei dem Herrn Reichsrathsabgeordneten." Der Portier fühlte ein menschliches Rühren und übermittelte die Bitte des polnischen Juden dem Herrn Reichsrathsabgeordneten. — Nach einigen Minuten kehrte der Portier mit der Antwort zurück, daß der Herr Reichsrathsabgeordnete sehr bedauere, für den braven Reb Mendel Goldfluß nichts thun zu können, weil der Herr Reichsrathsabgeordnete, als Comitömitglied, nur die Ausgabe hat, den auch für die Familien der verhafteten Bauern bestimmten Theil der gesammelten Beiträge an dieselben zu vertheilen. Was alles klebrige bezüglich dieser Geldsammlung betrifft, soll Reb Mendel sich zu dem im Parlament befindlichen Abgeordneten N . . . begeben, der ihm über diese Angelegenheit Ausschluß geben wird. Der arme Reb Mendel Goldfluß ging hierauf trotz seiner völligen Erschöpfung in das Abgeordnetenhaus, wo es ihm nach langem Warten endlich gelang, den Herrn Reichsrathsabgeordneten N... zu sprechen. Reb Mendel trug ihm sein Anliegen vor, schilderte die jammervolle Lage seiner zahlreichen Familie und suchte die Gunst des Herrn Reichsrathsabgeordneten dadurch zu gewinnen, indem Reb Mendel Goldfluß ihn daran erinnerte, daß sein Sohn, Goldfluß jun., der in B ... wohnt, so viel sür die Wahl des Herrn Reichsrathsabgeordneten gethan habe. — Doch diese Anspielung hat die entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen. Denn Reichsrathsabgeordneter N... erwiderte gereizt und unwirsch: „Mein lieber Reb Mendel, Ihr Sohn ist damals sür seine Mühe ganz gut bezahlt worden, und was die gesammelten Beiträge sür die nothleidenden Juden in Galizien betrifft, so kann man zur Abhilfe erst dann schreiten, wenn eine genügende Summe da sein wird, um Euren Erwerb und Eure Erhaltung durch Errichtung von „Hausindusttien" und anderen derartigen „Unternehmungen" zu sichern. Durch Unterstützungen an einzelne Personen wird der eigentliche Zweck der Hilfsaction verfehlt." „Aber, edler Herr Reichsrathsabgeordneter," jammerte der arme Reb Mendel händeringend, „inzwischen gehen wir ja Alle zugrunde durch Hunger und Elend!" Reichsrathsabgeordneter N ...: „Ich kann Euch nicht Helsen. Das „Princip" gestattet keine Ausnahme! Ich empfehle mich!" Reb Mendel Goldfluß entfernte sich mit zerknirschten! Gemüthe und wanderte ziellos in den Straßen der Kaiserstadt, als er plötzlich vor einem Hause stehen blieb, in das eine große Anzahl Leute strömte. Er erkannte irr denselben seine Glaubensgenossen und erfuhr bald, daß sie zu einer Versammlung der „Zionisten" sich begaben, die an diesen! Tage das „Makkabäerfest" („Chanuka") feierten. Der ttesbetrübte Reb Mendel, der in seiner Heimat bereits von den „Zionisten" und ihrem Streben nach Linderung der Judennoth vernommen hat, gab sich nun plötzlich der ihn neubelebenden Hoffnung hin, daß er vielleicht bei-den das Wohl der unglücklichen Inden anstrebenden „Zionisten" Hilfe finden werde. Er faßte Muth und ging in das Local, wo die Chanukafeier abgehalten wurde. Das Erscheinen eines „polnischen" Juden hat in der Versammlung allgemeine Befriedigung hervorgerufen, indem die anwesenden Festtheilnehmer darin einen unleugbaren Beweis der zunehmenden Verbreitung der zionistischen Idee unter den orthodoxen Juden in Galizien erblickten. Als jedoch Reb Mendel Goldfluß nach der Feier seine Leidensgeschichte, die ihn nach Wien, führte, erzählte und die „Zionisten" um Abhilfe seines Elends bat, erwiderte man ihm, daß die „Mission" derselben darin besteht, die „gründliche" Heilung der allgemeinen Judennoth durch Errichtung eines selbstständigen Judenstaates in Palästina herbeizuführen, daß zu diesem Zwecke eine Bank gegründet wird, zu der jeder Zionist beitragen, und daß daher jeder Kreuzer für diese „heilige" Sache geschont werden müsse. — „Warten Sie also, Herr Goldfluß," schloß der Präsident der Versammlung, „bis unser Ziel erreicht sein wird. Tann wird allen armen Juden „gründlich" geholfen sein!" „Erbarmt Euch, edle Herren," rief verzweifelt Reb Mendel, „und bedenkt, daß bis dahin wir längst den Hungertod erlitten haben wexden!" * •w-’”'' Vt'’—' " Im- ’S , * f« " ''. --J.’. "< ' " .'D<-z. ' >

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