Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 906 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 50 Ein günstiges Geschick hatte seinen Geist mit einer Fülle seltener Anlagen ausgestattet. Geradezu staunenswertst war die Raschheit und Schärfe seiner Fassungsgabe; es schien, als hätte er Spiegel im Kopf, die jeden Eindruck nach allen Seiten hin reslectirten. Seine eigentliche Ueberlegenheit beruhte jedoch auf der hohen Meisterschaft des Wortes, die ihm zu eigen war. Was er schrieb oder sprach, umfaßte in gewählter, oft sprühender Form gedankenreichen Inhalt. Die Gedanken' strömten ihm wie aus einer unerschöpflichen Quelle zu, und er verstand es, sie geschmackvoll, ursprünglich und frisch, ja oft künstlerisch auszugestalten und zugleich denGedankengang so klar und folgerichtig zu entwickeln, das; Gebildete wie Üngebildete ihm mit Leichtigkeit und Interesse folgten und daraus Anregung und Belehrung schöpften. Reicher Witz, Wortspiel, treffende Bilder und überraschende Wendungen standen ihm allerwege zur Verfügung und schienen sich ihm wie ungesucht darzubieten. Er war eine entschieden schöpferische Kraft, doch will es scheinen, als wenn ihm die Conception ins Große abging, als wenn er zu einer planvollen Initiative von weiterem Umfang sich nicht entschließen konnte. Von einem Alexandrinischen Grammatiker wird erzählt, daß er auf allen seinen Reisen einen schweren Sack voll Bücherrollen stets mit sich geschleppt habe, damit ihm, wie er . sagte, der Stoff zur Belehrung niemals ausgehe. Das directe Gegentheil war die Natur des verewigten Freundes. Seine große- Belesenheit in der profanen w.e in der theologischen Literatur war gar nicht zu verkennen; dennoch zog er es allenthalben vor, den Verkehr mit Menschen aufzusuchen, mitten in das pulsirende Leben des Marktes sich zu stellen, um dort Beobachtungen und Erfahrungen auszutauschen, seine Menschenkenntnis und Seelenkunde zu erweitern. Das spiegelte dann in allen seinen Arbeiten wieder und durchhauchte sie mit frischem Zug. Er war übrigens ungeachtet seiner reichen und merkwürdigen Begabung, nicht auf den sammelnden Gelehrten angelegt, bei seiner Geistesart überwog überall das ästhetische und schöngeistige Element. Zu wissenschaftlichen Arbeiten bedurfte er des Stachels oder eines Drängers. Solange sein Lehrer und Freund, der Historiker G r ä tz, lebte, dem er wie ein treuer Jünger zur Seite stand/ ließ er es auch an gelehrten Leistungen nicht fehlen, welche zumeist in die Frankel-Grätz'sche Monatsschrift übergegangen sind. Die bemerkenswerthesten Aufsätze sind etwa: „Elia del Medigo, ein jüdischer Popularphilosoph" (Monatsschrift 1871,Jahrg. 20), „Herders Bibelexegese" (Das. 1872, Jahrg. 1872) und sein Beitrag zur Gr ätz'schen Jubelschrift" von 1887: „David Friedländer und Probst Teller", wobei er allerdings die politische und'praktische Wirksamkeit Friedländers nicht berücksichtigt und der Gesammtpersönlichkeit desselben nicht gerecht wird. Weit mehr als zum Gelehrten hatte er zum Journalisten das ganze Zeug und einen großen Trieb. Was auf die gelehrten Arbeiten nicht gerade günstig einwirkte, die ihm eigene wunderbare Schnelligkeit im Entwerfen und Abfaffen, war in publicistischer Hinsicht ein bedeutsamer Vorzug. Auf diesem Gebiet hat er mit Freude, Eifer und Erfolg in allen Fragen, welche das Judenthum berührten, die Feder geführt. Eine große Zahl von interessanten und trefflichen Artikeln, Feuilletons und Recensionen, welche in der ehemaligen „Israelitischen Wochenschrift" und deren „Literaturblatt" zu lesen waren, rühren von seiner Hand her. Aber auch der „Oesterreichischen Wochenschrift" war er seit Jahren ein treuer Mitkämpfer, ein hingebender Freund, ein opferbereiter Förderer. Mit scharfer Waffe trat er für die Ehre des Judenthums mrd unseres Glaubens ein, mit unvergleichlicher Feinheit verstand er es, in seinen Urtheilen den Tadel in Lob zu kleiden und die treffende Wahrheit deutlich durchklingen zu lassen. Dabei lag jede literarische Eitelkeit seiner Seele fern. Nur selten hat er einen Artikel mit seinem Namen begleitet, ab und zu signirte er mit einem lateinischen^ oder kl, manchmal mit 8, und weit öfters . unterblieb jegliche Bezeichnung; er reagirte nicht einmal, wenn sein geistiges Erzeugniß mit einem anderen Autornamen versehen wurde. Unter den deutschen Rabbinern der Jetztzeit war er unstreitig der glänzendste und wirkungsvollste Journalist, von dem noch trefflichere Frucht zu erwarten war, wenn nicht leider der grausame Tod ihm vor der Zeit die fruchtbare! Feder aus der Hand genommen; in der jüdischen Tagesliteratur läßt sein Scheiden eine überaus empfindliche Lücke zurück. Selbst in seiner Kanzelberedtsamkeit, die klar, frisch und sprühend dahinsprudelt, klingt der Journalist meist durch; seine Predigten hatten gar nicht selten den Reiz eines homiletischen Feuilletons, ohne daß die Feierlichkeit des Kanzelwortes darunter litt. Ein Meister der Darstellung, blieb er auch auf der Kanzel immer natürlich, verständlich, anschaulich, actuell; dadurch daß er keine Monotonie in Styl und Thema auskommen ließ, blieb er für seine Gemeindemitglieder jederzeit interessant, anziehend und erbaulich. Auch dem sprödesten Text versteht er tönende Saiten -zu entlocken, und aus der oft grotesken Schale einer rabbinischen Allegorie löst sich unter seiner Behandlung wie von selbst ein Gedankenkern modernen Denkens und Empfindens los. Seine zahlreichen veröffentlichten Predigten fliegen theilweise als lose Blätter .umher, sind theilweise dem „Predigtmagazin" eingereiht und auch vielfach über die jüdischen Wochenschriften verstreut. Sie gehören zu dem Besten, was die jüdische Homiletik unserer Tage aufzuweisen hat, und, es wäre wohl ein verdienstliches Werk, das Werthvollste zu sammeln und daraus eine würdige Gesammtausgabe zu veranstalten. Die Macht seiner Kanzelberedtsamkeit war es auch, durch welche R i p p n e r die Grundlagen zu seinem so wirksamen und segensreichen Einfluß als Seelsorger innerhalb seiner Gemeinde sich geschaffen hat. Es gibt wohl heutzutage kein Amt, an das Forderungen gestellt werden, so ungleich, unbestimmt und widerstreitend, wie an das Rabbinat. Jeder Einzelne beurtheilt den Rabbiner von seinem eigenen Gesichtspunkte aus, während der Letztere auf den allgemeinen Standpunkt sich stellen muß. Verkehrt er viel mit Menschen und Welt, kümmert er sich um Angelegenheiten außerhalb seines Berufes, so trifft ihn der Vorwurf, daß er sich in sein Amt nicht vertiefe, daß er sich verweltliche und zerstreue. Zieht er sich auf seinen Beruf und sich selbst zurück, ist er gar ein Freund gelehrter Forschung, so heißt es, daß die Seelsorge unter seiner Gelehrsamkeit leioet, daß er unpraktisch wird und die Wünsche und Bedürfnisse seiner Gemeinde nicht kennt. Tritt er fest und unbeugsam für traditionelles Herkommen ein, will er wichtige Besonderheiten nicht verwischen lassen, so wird er für starr, unduldsam und zurückgeblieben verschrieen. Zeigt er sich in belanglosen Dingen nachgiebig und nachsichtig, will er der Gegenwart gerecht werden, versteht er sich, um den Frieden und die Einigkeit in der Gemeinde zu erhalten, zu ernsteren Opfern und Zugeständnissen, so wird seine religiöse Gesinnung als unecht oder seine Haltung als schwach verdächtigt. R i p p n e r war bei aller Duldsamkeit und Freisinnigkeit eine tiefreligiöse Natur. Das Geheimniß seines seelsorgerischen Erfolges bestand jedoch darin, daß er sich gab, wie er war, natürlich und schlicht, zuweilen fast burschikos, er verstand sich gar nicht auf irgend welche Posirung oder Gravität. Aber er besaß „ein edles Herz"; und an ihm bewahrheitete sich das Wort R. Jochanon ben Sakkais: „Ein edles Herz schließt alles klebrige in sich ein." Schon während seiner Studienzeit war er Jedem zu Liebe, Niemandem zu Leide; als er noch mit harten Entbehrungen zu ringen hatte, gab er dem, der bittend an ihn herantrat, das Letzte, was ihm geblieben war. Von solchem Trieb war sein seelsorgerisches Walten durchzogen. Er kannte alle Angehörigen seiner Gemeinde, ergriff jede Gelegenheit, mit ihnen zu verkehren, gleichviel ob vornehm oder gering, ob reich oder arm, und interessirte sich für ihre Familienangelegenheiten, so daß er allmählich mit ihnen Allen zusammenwuchs, und man in Freud wie Leid zunächst seinen Rath und Beistand suchte. Bei Gelegenheitsreden, unter dem Trauhimmel nicht minder wie in der-Trauerhalle, hob. er die bei dem betreffenden Anlaß bestimmenden Familieneinzelheiten heraus und schlug die Saiten an, deren Klang den Betheiligten am meiftert sympathisch die Freude hob oder das Leid sänftigte. Freundlich und verbindlich gegen Jedermann ohne Unterschied, schied Niemand, der ihm bittend nahte, ohne Hilfe, ohne Rath oder doch ohne Trost von ihm. Denn sein Wohlwollen erschöpfte sich nicht in wohlmeinenden Worten, } er war vielmehr jederzeit schnell mit der That zur Hand. ^Wö er helfen, rathen oder dienen konnte, war ihm'kein Wort «zu viel, kein Weg zu schwer, keine Thür zu hoch. Seine Hilfs- »bereitschaft verstieg sich bisweilen zur Selbstvergessenheit, die