Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Date
- 1898-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 50. Dl*■ BIOCH Jahrgang XV. Crntrslorgan für dir grssmmten Interessen drs Iudenthums. Wien, 16. Drrember 1898. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: II., Untere Angartenstrntze 1». Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. Jnhattt Leitartikel: Dr. Benjamirr Rippner. — Tie Leidensgeschichte eines polnischen Juden. — B o m Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Budapester Orpheumgesellschaft. Zur zionistischen Bewegung. Der deutsche Kaiser in Palästina. — Ueber die literarische Thätigkeit der Juden nach dem Kriege mit Rom. — Das Jubiläumsfest des Kaisers. — Raschi. — Correspondenzen: Sitzung des Cultusvorstandes vom 8. December 1898, Vom Vorstände der israelitischen Cultusgemeinde, Allgemeiner österreichisch-israelitischer Bund, Zum Jubiläumsfest des Tempervereines in Mariahüf, Israelitischer Bethausverein Brigittenau, Wien, Budapest, Constantinopel, Florenz, Stockholm, St. Petersburg, London. — Vermischtes: Wien, Olmütz, Lemberg, Raab, Berlin, Dresden. — Feuilleton: Das Heiratsgespenst. — Briefkasten. — Inserate. * —' ■ - - —. N | Bezugspreis für Oesterreich: Halbjährig 4 fl --- 8 Kr. I Einzel-Exemplare 25 kr. j Für's Ausland: j Halbjährig 5 fl — 10 Ikr. | Ganzjährig 10 „ 80 „ j i! Anzeigen: Die 4mal gespaltene!!! Petitzeile 12 kr. ..m St. k. Postsparcassen-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Redaction und Administration: Wien II. Untere Augartenstraße in. Telephon Nr. 6535. Dr. Benjamin Rippner. In der Nacht zum 28. November ist Dr. Benjamin Rippner, Rabbiner von Glogan, aus dem Leben geschieden. Für seine Gemeinde wie für seine zahlreichen Freunde und die weiten Kreise, welche seine geistige Bedeutung und literarische Wirksamkeit kannten und schätzten, war die Nachricht von seinem Ableben eine tief erschütternde. Das deutsche Judenthum hat einen seiner besten Söhne, der deutsche Rabbinerstand einen seiner befähigtesten und werthvollsten Mitarbeiter, die jüdische Fachpresse, speeiell die „Oesterreichische Wochenschrift", einen ihrer glänzendsten Wortführer verloren. Im Alter von 50 Jahren, aus der Höhe des Daseins, ist das Licht seiner vielseitigen und segensreichen Thätigkeit erloschen. Schon seit fast zwei Jahren hatte ein schleichendes Leiden an seinem Lebensmark gezehrt und ließ einen schlimmen Ausgang befürchten. Aber der starke Wille, mit dem er Schwäche und Schmerzgefühl niederkämpfte und sich aufrecht hielt, nährte die Hoffnung, daß sich die Voraussage der Aerzte möglicherweise nicht erfüllen werde, daß seinen Tagen jedenfalls noch eine längere Dauer bestimmt sein dürste. Die Hoffnung erwies sich als trügerisch; jäh und plötzlich riß sein Lebensfaden. Wenn vielleicht eine Art Trost in dem Gedanken liegt, daß der Engel des Todes den edlen Mann mit mildem Kuß berührt und auf sanftem Arm über den Strom der Zeitlichkeit hinübergehoben, so klingt doch die Trauer um den nunmehr verblichenen Freund für eine volle und objective Würdigung seines Lebens und Wirkens noch allzu lebhaft nach; nur ein kurzes Gedenkwort soll jetzt wie eine bescheidene Blume an dem frischen Grabeshügel niedergelegt werden. Benjamin Rippner ist am 17. October 1842 zu Lissa, Provinz Posen, geboren. Er wurde frühzeitig in das hebräische Schristthum und in die rabbinische Literatur eingesührt, denn sein Vater gehörte zu jenen Altfrommen, welche tagsüber ihren Geschäften nachgingen und den Abend den talmudischen Studien in dem Beth-Hamidrasch widmeten. Der Witz des Beth-Hamidrasch und die Weisheit des Ghetto waren wohl selten Jemandem so bekannt und vertraut, wie unserem Rippner, der bis zuletzt mit wohlthuendem Humor gern und häufig von derartigen Jokosa Gebrauch machte. Da er bald durch seine Befähigung Aufmerksamkeit erregte, wurde er dem dort befindlichen Gymnasium anvertraut. Jndeß starb sein Vater und ließ die zahlreiche Familie in den dürftigsten Umständen zurück. Rippner verließ das Gymnasium und begab sich nach Breslau auf das jüdisch-theologische Senlinar. Hier wurde er trotz mancher Verstöße gegen die heiligen Gebote der Schulordnung durch seine auffälligen, ganz ungewöhnlichen Fähigkeiten das verwöhnte Schoßkind sämnltlicher Lehrer. Die Maturitätsprüfung bestand er als Externist am Elisabethanäum zu Breslau. Auf der Universität hörte er Vorlesungen über Philosophie und deutsche Literatur. 1869 erhielt er von Zacharias Frankel die rabbinische Autorisation. Am 1. August 1872 ging er nach Glogan, um den Rabbiner Tr. Klein während seiner Krankheit zu vertreten, und als der Letztere kurz darauf starb, erfolgte im October desselben Jahres seine definitive Anstellung. Er fand die Gemeinde in großer Gährung vor und bemühte sich, zwischen den Gegensätzen zu vermitteln. Unter seinem Einfluß wurde der Bau einer neuen Synagoge, einer der schönsten in Preußen, ausgeführt und der Gottesdienst ungefähr nach dem Breslauer Muster umgestaltet, wozu er jedoch aus den Wunsch seiner Gemeinde ein eigenes Gebetbuch ausarbeitete. Die ganze Gemeinde hing an ihm mit einmüthiger Verehrung und bot Alles auf, ihn dauernd zu fesseln. Sein 25jähriges Amtsjubiläum, bei dessen Gelegenheit auch in den Spalten unserer Wochenschrift seiner rühmlich gedacht worden, wurde am 80. October 1897 von Stadt und Gemeinde in aller Stille gefeiert, weil die ihn bedrohende Krankheit bereits bedenklich vorgeschritten war; zur Ehre des Tages wurde von der Gemeinde „Eine Auswahl vaterländischer Reden des Herrn Rabbiners Dr. Rippner" herausgegeben, und seine fricheren Schüler und Schülerinnen gaben ihrer Dankbarkeit durch Gründung einer „Dr. Benjamin Rippner-Stiftung" zu Gunsten jüdischer Studirenden einen achtungsvollen Ausdruck. In Wien, wo er erst am 17. Februar auf Einladung des „Politischen Volksvereines" über Abbe Gregoire einen geistvollen Vortrag gehalten, ist sein Bild in lebendiger Erinnerung. Der Vortrag, der in weiten Kreisen Aufmerksamkeit geweckt, hatte eine Polemik im „Vaterland" nach sich gezogen. Unter den Rabbinern, welche aus der Breslauer Schule hervorgegangen sind, fehlt es nicht an Männern, welche in ihren Leistungen auf wissenschaftlichem oder auf seelsorgerrschem Gebiet sich über das Niveau des Mittelmaßes erhoben haben. Zu den Besten zählt unbedingt Rippner, und Alles ist darin einig, daß man in ihm eine ebenso hervorragende wie eigenartige Erscheinung anerkennen muß.