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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 896 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 49 Wohlthätigkeit, und insofern ist dieser Grundstein zweitens ein Zeugniß der Menschenliebe. „Wirklich arm," sagen unsere Weisen, „ist nur der Sieche." Ihm fehlt jener Reichthum, der zwar der größte, aber auch der gewöhnlichste ist, den auch der Bettler besitzt: die Gesundheit, und selbst die Aussicht, ihrer jemals vollkommen theilhaftig zu werden. Hier ist also die vornehmste Gelegenheit gegeben zur Bethätigung der Menschenliebe, und da diese eine der vorzüglichsten Gebote unserer Religion bildet, so ist dieser Grundstein drittens ein Zeugniß der Glaubensliebe. Das Gute erhält erst seine wahre Weihe dadurch, daß es von dem religiösen Bewußtsein ausgenommen und auf Gott zurückgeleitet wird. Auf diesem Weg wird das Gute zum Heiligen emporgehoben. Das Heilige oder Geweihte heißt im Hebräischen Uekäesell. Dieser Name ist in den jüdischen Gemeinden ausnahmsweise stets der Anstalt Vorbehalten geblieben, in welcher Sieche verpflegt wurden. Indem ich somit die üblichen drei Hammerschläge vornehme, darf ich sagen: „Dieser Stein sei ein Zeugniß unserer unbegrenzten Liebe und Verehrung für unseren erhabenen Kaiser, ein Zeugniß unserer Menschenliebe, ein Zeugniß unserer Glaubensliebe. A m e n. Hierauf wurden die Hammerschläge in üblicher Weise von dem Präsidenten Klinge r, den beiden Vicepräsidenten Tr. Stern und Dr. Gustav K o h n und von den anderen Ehrengästen abgegeben. Mit dem Vortrag eines Schlußchores, Psalm 118, Vers 22/24 und der Absingung der Volkshymne, welcher begeisterte Hochrufe der Anwesenden folgten, fand die von dem herrlichsten Wetter begleitete Feier ihren Abschluß. FünfundpvanMjähriges Jubiläum des Tempelvereines in Mariahilf. Fiinfundzwanzig Jahre find ein Tropfen im rastlos fluchenden Strom der Zeit. Ein Tropfen im Meer der Ewigkeit. Aber doch ein Tropfen Ewigkeit. Darin offenbart sich das Göttliche im Menschen, daß er auch einem kleinen Zeittheil ewigen Gehalt verleihen kann. Diese Gedanken tauchten in uns auf beim Lesen der vom Vorstand des Tempelvereines für Mariahilf und Neubau herausgegebenen „Denkschrift anläßlich der XXV. ordentlichen Generalversammlung", die eine vorzüglich geschriebene ausführliche Geschichte des Tempelvereines und seines Tempels enthält. Es ist eine Fest- und Jubelschrift, erschienen am Tage des fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläums unseres Kaisers „als ein bescheidenes Sternchen zu jenem grandiosen Denkmal ehrfurchtsvoller Dankbarkeit und unbegrenzter Liebe, das sich Kaiser Franz Josef I. in den Herzen seiner allzeit getreuen jüdischen Unterthanen gesetzt hat." Sie ist aber auch ein ehrendes Zeugniß innigen religiösen Fühlens, begeisterter Glaubenstreue, idealen Strebens wie energischer Thatkraft und größter Opferfreudigkeit all der Männer, die an dem heiligen Werke mitgearbeitet. — Wir möchten diese Denkschrift Denen zur Lectüre empfehlen, die uns den Sinn für das Ideale absprechen. Man hat uns allerdings seit Jahrtausenden zu Krämern Herabdrücken wollen. Es ist jedoch nicht gelungen. Kein Volk hat für ideale Güter so große Opfer gebracht wie das jüdische. Wenn Arier in größerer Anzahl sich irgendwo niederließen, dann galt ihre Sorge der Errichtung eines guten Wirthshauses. Wo zehn Juden sich zusammenfanden, wurde für ein Vetlocal Sorge getragen, bald auch für eine Schule. Darüber belehren uns auch die ersten Anfänge einer religiösen Vereinigung in den genannten beiden Bezirken. Vor dem Jahre 1848 finden wir in Gumpendorf und auf dem Schottenfelde nur einige tolerirte jüdische Familien. Erft nach 1848, nach dem Regierungsantritt unseres Kaisers siedelten sich mehrere daselbst an, so daß gegen Ende der Fünfzigerjahre ungefähr 60 jüdische Familien hier ihren Wohnsitz hatten. Das erste Minjan wurde an den boheu Festtagen 1859 abgehalten. Urheber desselben war der heute noch wirkende, gegenwärtige Vicepräsident S. Eisenberger. Mit ihm verbanden sich nun einige eifrige Männer, uni für einen ständigen Gottesdienst Vorsorge zu treffen. Nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten wurde 1860 ein geeignetes Local, Kasernengasse 20, gemiethet. Die Erhaltung, des Bethauses stellte große Anforderungen an . die Mitglieder. Gleichwohl gingen sie auch an die Gründung einer Religionsschule. Nach zwei Jahren schon lautete es: zar li hamokaum. Der Raum ist zu enge. Das Vethaus wurde wieder in das Haus Mariahilferstraße 85 verlegt. Nach einiger Zeit — es wohnten dazumal 150 jüdische Familien in den beiden Bezirken — mußte abermals für ein größeres Local gesorgt werden, das in dem Hause „Zum. grünen Baum", Mariahilferstraße 56, gefunden wurde. Um das Zustandekommen dieses Bethauses erwarb sich M. I. Janowitzer, Vater des gegenwärtigen Vorstandsmitgliedes Albert Janowitzer, große Verdienste. Das neue Gotteshaus, das schon, nach Maßgabe der Mittel, den Anforderungen der Neuzeit entsprach, wurde 1865 seiner Bestimmung übergeben. Nunwuchs die Gemeinde von Tag zu Tag. Man mußte vor Allem die legale Grundlage für den Bestand des Tempelvereins schaffen. Schwierig und langsam gingen die Vorarbeiten von statten. Im Jahre 1873 constituirte sich der Verein gemäß den Bestimmungen des Vereinsgesetzes. Und jetzt war es ein großer, nicht leicht durchführbarer Gedanke, der die leitenden Männer beschäftigte. Der Bau einer eigenen, würdigen Gottesstätte. Im Jahre 1884 war der Tempel vollendet. Wie dieser Gedanke zur That geworden, zeigt der monumentale Bau, Schmalzhofgasse 3. Er ist ein bleibendes Denkmal jüdischen Gemeinsinns und begeisterten Strebens. Erbauer des Tempels ist der derzeitige Präsident des Vereines, Architekt Max Fleischer, ein Mann, der das Maß des Gewöhnlichen weit überragt, der von edelster Begeisterung getragen, einen großen Theil seiner Zeit, aber noch mehr, sein ganzes Herz und künstlerisches Können.dem heiligen Werke gewidniet. Die erhabenen gen Himmel strebenden Formen des Baues, der erhebende und künstlerisch vollendete Gottesdienst innerhalb desselben zeigen von dem den höchsten Idealen zugewendeten Streben ihres Schöpfers. Die Warmherzigkeit und Begeisterung aller an dem Gotteswerke betheiligten Männer hat sich auch dem Verfasser, des Buches, Vereinssecretär Heinrich Vondy mitgetheilt. Er hat dem dürren Material warmes Leben eingehaucht. Nicht eine Zusammenstellung von trockenen Daten, sondern eine anziehend und schwungvoll geschriebene Geschichte des Tempelvereines hat es gegeben, die Jeder mit Interesse und Vergnügen lesen wird. Samstag den 3. d. M. um 7 Uhr Abends fand die f ii nfundzw anzigste ordentliche Generalversammlung unter dem Vorsitz des Präsidenten Architekten M a x F l e i s ch e r statt, welcher zugleich das Fest der fünfundzwanzigjährigen Präsidentschaft feierte. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht und hatten sich als Gäste eingefunden: der Präses der Cultusgemeinde, kaiserlicher Rath Kling er mit dem Vicepräsidenten Doetor Gustav K o h n und dem Vorsteher Herrn Salo E o h n als Delegirten des Vorstandes, ferner Se. Ehrwürden Oberrabbiner Dr. Güdemann und Vereinsrabbiner Dr. T a g l i ch t, der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" Doetor Bloch, der I. Secretär der Cultusgemeinde kaiserlicher Rath Dr. Lieben, Secretär-Stellvertreter Dr. Adler und Amtsvorstand Wiener. Herr Rabbiner Dr. Schmie d.l hat seine Abwesenheit wegen Unwohlseins entschuldigt. Der Vorsitzende eröffnet die Versammlung, constatirt die Beschlußfähigkeit, begrüßt die erschienenen Gäste und gedenkt vor Uebergang zur Tagesordnung in einer erhebenden, poetisch schwungvollen Ansprache der Trauer Oesterreichs um die dahingeraffte, unvergeßliche Kaiserin Elisabeth. Die Versammlung hört die wehmuthsvollen Worte des Präsidenten stehend an. Redner erinnert an die von diesem Tempelverein veranstaltete Trauerandacht vom 20. September, und daß das Seelenlicht für die Heimgegangene Kaiserin durch 30 Tage sin Tempel angezündet wurde. Er zeichnet in beredten Worten die menschlichen Tugenden der großen Fürstin, deren Name und Angedenken innerhalb des Judenthums stets gesegnet bleiben wird. Nach Uebergang zur Tagesordnung verliest Herr Hermann Liebermann das Protokoll der letzten Generalversammlung, welches einstimmig genehmigt wird. Der Präsident erstattet hierauf nachstehenden Jahresbericht :

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