Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Date
- 1898-12-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 895 Sulzers, ausgeführt von den vereinigten Chören der Tempel in der Stadt und in der Leopoldstadt. Hierauf hielt Baurath S t i a ß n x) als Verfasser der Pläne des zu errichtenden Baues nachfolgende Ansprache: „Hochverehrter Herr Präsident! H o ch w ü r d i g e r Herr O b e r r a b b i n e r! H o ch a n s e h n l i ch e F e st v e r s a m m l u n g! Der heutige Tag, an welchem das fünfzigste Jahr der glorreichen Regierung unseres Kaisers vollendet ist, vereinigt über Ihren Ruf, Herr Präsident, die Vertreter und die Spitzen der Wiener jüdischen Gemeinde in diesem Hause der Barmherzigkeit. Nicht schöner und würdiger glauben wir Wiener Juden die Jubelfeier unseres geliebten Monarchen begehen zu können als durch ein Werk der Mildthätigkeit und der Menschenliebe, als durch die Errichtung eines Hauses, in welchem, sieche und bresthafte Glaubensgenossen eine ruhige und gegen die-Wechselfeilte des äußeren Lebens gesicherte Heimstätte finden sollen. Tief eingewurzelt im Herzen des jüdischen Volkes ist die Ehrerbietung vor dem Alter. Schon der Gesetzgeber sagt in Levitieus: „Mipne ssewo tokum“, „Vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen". Und an dem höchsten Festtage stießt es als ein inbrünstiges Gebet von den Lippen der Andächtigen: „Al taschlichenu le-ess sikno“, „Verwirf uns nicht, wenn wir alt geworden sind". Es hat sich aber auch die Fürsorge der Juden für ihre siechen Alten seit jeher in glänzender Weise bewährt. Philo erzählt, daß die Essener ihre Alten wie ihre Väter verehrten, und schon im 13. Jahrhundert finden wir jüdische Vereinigungen zürn Zwecke der Verpflegung siecher Gemeindeangehöriger. Als vor genau zehn Jahren der Bau des Hauses, in welchem wir uns heute befinden, aus festlichem Anlasse in Angriff genommen wurde, war es dem Cultusvorstande gewiß klar, daß mit der Errichtung dieses Hauses nur eine Hälfte der edlen Aufgabe: für unsere alten, hilflosen Gemeindemitglieder zu sorgen, erfüllt werde. Der richtigen Erkenntnis; und Initiative des Gesammtvorftandes, der in Ihnen, Herr Präsident, sein allverehrtes Haupt erblickt, ist es zu verdanken, daß auch die andere Hälfte der erhabenen Aufgabe: für das sieche und gebrechliche Alter vorzusorgen, sich ihrer Erfüllung nähert. Und wie den hehren Intentionen des Monarchen, so entspricht die That, deren Vollführung wir heute beginnen, auch den edelsten Grundsätzen unseres Glaubens, aller echt jüdischen Tradition. Meine verehrten Festgenossen! Wo findet sich in Wien noch ein zweiter Platz, passend und würdig gleich demjenigen, in dessen Umfriedung wir uns heute befinden, einem Platze, der ununterbrochen, allen Schicksalen z u Tr o tz, im Besitze der Wiener Iudenschast geblieben, einem Platze, auf dem gerade vor WO Jahren das erste jüdische Spital in Wien erstanden ist! Und so wollen Sie nun, mein hochverehrter Herr Präsident, den Auftrag ertheilen, daß in altehrwürdiger, symbolischer Weise der Bau eines Siechenhaus es mit dem h c u t i g e n Tag seinenAnfang n e h m e. Unter dem Schutz des allmächtigen Baumeisters aller Welten möge dieser Bau zu einem glücklichen Abschlüsse gedeihen, zur Ehre unseres allergn äd i g sten Kaisers und H e r r n, d e m e r '9 eweiht, z ur Mehrung' des Ansehens der Wiener I u d e n s ch a f t, die ihn g e st i f t e t." Reicher Beifall folgte den Worten des Redners, worauf, allseitig acclamirt, der hochverehrte Präsident der Cultusgemeinde, kais. Rath Kling er, die Tribüne bestieg, um namens des Vorstandes die anläßlich der Grundsteinlegung des Siechenhauses versammelten Festgäste zu begrüßen. Redner wies darauf hin, daß der Ort der.Festversammlung ein für die Geschichte der Juden in Wien hochwichtiger, daß es das einzige Stückchen Erde sei, das den im Jahre 1670 Vertriebenen geblieben, und daß an dieser Stelle so viele um das Judenthum hochverdiente Männer zur ewigen Ruhe gebettet seien; an dieser Stelle sei vor zwei Jahrhunderten das erste jüdische Krankenhaus in Wien errichtet worden, hier stand das erste jüdische Waisenhaus, das von Sigmund Edlen von Wertheimstein vor 54 Jahren gegründete Siechenhaus. Die erhöhten Ansprüche der Gegenwart ließen es nothwendig erscheinen, im Jahre 1888 das heutige Altersversorgungshaus zu erbauen, welches nunmehr 150 Pfleglinge beherberge, unter welchen sich auch eine kleine Anzahl von Siechen befindet. Run soll ein neues Siechenhaus gebaut werden, selbstständig in seiner Gestaltung, jedoch mit dem vollständig ausgebauten Altersversorgungshaus im organischen Connex stehend. Wenn es gelingen werde, das Gebäude glücklich Ende zu führen, wird dies die Krönung jenes Werkes bedeuten, welches vor zehn Jahren begonnen wnrde. Es werden bei dem neuen Bau die weitestgehenden Ansprüche der Hygiene und Krankenpflege befriedigt werden: der Vorstand besitze in seinem Collegeu k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny den richtigen Mann, welcher alle Errungenschaften der Bautechnik in seinem Project und der Bauführung. zur Anwendung bringen werde. Heute und an dieser Stelle' sei ihm für sein hingebungsvolles, selbstloses und hochersprießliches Wirken der allgemeine und wärmste Tank allsgesprochen. Wenn es, fährt Redner fort, vor Jahrzehnten möglich war, mäßigerr Allforderungen durch die Hilfe Einzelner zll genügen, so stelle heute die Gesammtheit der Bevölkerung solche Anforderungen, daß sie nur wieder durch die Gesammtheit befriedigt rverden können, und da vor zehn Jahren die jüdische Genieinbrüderschaft es ermöglichte, das Altersversorgungshaus zll bauen, so stellt sie auch heute die Mittel zur Erbauung des Siechenhauses zur Verfüguug: es sei bereits gegenwärtig der größte Theil des erforderlichen Banfonds sichergestellt. Aber auch auf den Betrieb der Anstalt sei schon Bedacht genommen ivorden. Die allbekannte Philantropin Frau Baronin Hirsch de Gereuth habe zu diesem Zweck st. 50.000 zugesichert. "Allen Spendern sei Dank gebracht und die Dankgebete der die Wohlthateu der Spender genießenden Pfleglinge werden bis in späte Jahrhunderte znm Himmel emporsteigen. Der heutige Tag, an dem der Grundstein gelegt werde, sei ein wichtiger Markstein in der Geschichte des Vaterlandes, heute beschließe der Kaiser die fünfzigjährige Periode seiner Regierung. Das Fest, welches heute begangen wird, stehe unter dem Zeichen des edlen, denkwürdigen kaiserlichen Wunsches, daß den seiner Person zugedachten Huldigungen durch Werke der Menschenliebe Ausdruck gegebell werde: in diesem Sinn sei das heutige Fest zugleich eine Huldigung für den Monarchell. Darum spreche Redner alls Aller Herzell, wenn er für den geliebten Kaiser den Segen des Himmels erflehe und die Versammlung bitte, einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät Kaiser Franz Josef 1. lebe hoch! hoch! hoch! Nachdem der Beifall, welchen die Rede des Präsidenten entfesselte, verrauscht war, verfügte sich die ganze Versamnckung in den Garten des Altersversorgungshnuses, woselbst der Festplatz mit Fahllen, Wappen und Guirlanden geschmackvoll verziert war, zu dem in einem Hauptpfeiler des kommenden Baues eingemauerten Grundstein. Ballrath Stiaßny brachte die Urklmde zilr Verlesung, welche sodann gerollt und in eine Glaskapsel verschlossen wurde. Diese wurde nunmehr in eine Krrpferhülse gegeben, die letztere verlöthet und von dem Architekten in den sargsörmig ausgehöhlten Grundstein versenkt. Dieser wurde sodann durch zwei mittelalterlich gekleidete Maurer mit einer großell Steinplatte abgeschlossen, worauf der Oberrabbiner Herr Tr. Güdemann die drei Hammerschläge mit nachfolgendem Weihespruch ertheilte: Geehrte Versammlung! Wir haben uns hier zusammeilgefunderl, um den Grundstein für ein Siechenhaus zu legen, und ich kanll bei diesem feierlichen Anlaß mich keines angemesseneren Wortes bedienen, als des irr dem jüngst verlesenen Wochenabschnitt befindlichen: „Ein Zeugniß ist dieser Stein." Cr ist vor Allem ein Zeugniß der außerordentlichen Feier, an deren Vorabend wir stehen, der Feier des fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläums unseres erhabenen Kaisers. Wenn demnächst das der Verpflegung Siecher gewidmete Haus über diesem Grundstein sich erheben und seiner Bestimmung übergeben sein wird, dann wird Jeder, der darin Aufnahme findet, dankbar und voll Verehrung des gütigen Kaisers gedenken, der den seltenen Ehrentag, den ihm Gott beschieden, nur durch Werke der Wohlthätigkeit gefeiert wissen wollte, die er selbst zu üben, anzuregen und zu befördern stets das schönste Vorrecht seines erhabenen Berufes betrachtet hat. Das Haus, das wir hier errichten, ist ein solches Werk der