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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Date
1898-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 Seite 866 Dr. Bloch's Wochenschrift. galizischen Connationalen zu heben und so eine bessere Zukunft anzubahnen, von einem Manne angegriffen wird, der selbst durch so viele Jahre als Präses der Inspektion der israelitischen Volksschule in Vrody gewirkt, ist uns ganz unerfindlich. Sind speciell israelitische Schulen überflüssig und soll das für dieselben verwendete Geld für das Experiment mit der Hausindustrie aufgewendet werden, warum hat dann Herr Leo Herzberg-Fränkel stets seinen ganzen Einfluß dafür eingesetzt, daß eine so arme und verhungernde Stadt wie Vrody jährlich ca. 20.000 fl. für eine Schule ausgäbe, warum hat er sich stets bestrebt, aus den Mitteln der Varon Hirsch-Stiftung für dieselbe eine namhafte Subvention zu erlangen, anstatt diese Mittel lieber einem Versuch mit dem Arcanum einer Hausindustrie zuzuführen? Daß freilich die von ihm für seine Ansicht als Beleg angeführte Flachsspinnerei in Vrody, die von gewiegten Geschäftsleuten in ihrem eigenen Interesse bestens geleitet wurde, wenig .ermunternd hiezu war, wird Herr Referent aus eigener Erfahrung kennen gelernt haben. Was ist, um nur bei dem Brodyer Beispiel zu bleiben, aus dieser Spinnerei geworden? Mehrere Jahre verdiente eine Anzahl Mischer Mädchen bei anstrengender Arbeit 15 bis 20 kr. per Tag, um dann, da ein Feld für Industrien in Galizien nun einmal vielleicht eben mangels an Förderung von oben und der geringen Intelligenz und der damit verbundenen großen Armuth der Bewohner nicht vorhanden, nach deren Vetriebseinstellung wieder in das alte Elend zurückzusinken. Als Ueberrest verblieb eine große Ruine, die zur Beherbergung der russisch-jüdischen Emigranten dient. Was aber die Brodyer Schule geleistet? Selbst ein Brodyer, bin ich in der Lage, darüber einige Aufschlüsse zu geben. Hunderte junger Leute aus den allerärmsten Schichten der Bevölkerung verdienen als tüchtige Handwerker, als Aerzte, als Advoeaten, als kaufmännische Angestellte in der ganzen weiten Monarchie und weit außerhalb derselben ihr Brot und erhalten ihre zahlreichen armen Angehörigen zu Hause. Daß das für die Schule verausgabte Geld besser angewendet ist als zur künstlichen Galvanisirung einer Hausindustrie, wird jeder Einsichtige und, wie ich wohl mit Recht annehme, auch der vielerfahrene Herr Herzberg-Fränkel auf Grund seiner verdienstvollen Wirksamkeit in der -Schulinspection selber zugeben. Er hätte ja sonst viele Jahre seines Wirkens einer unfruchtbaren Sache gewidmet und mit Unrecht alle Welt um Beisteuerleistung zu dieser Schule bestürmt, was bei einem so umsichtigen Mann kaum anzunehmen ist. Es hat uns gewundert, daß ein so geistreicher Schriftsteller, der die Verhältnisse seiner galizischen Glaubensgenossen vielfach in Novellen so treffend geschlldert, sich gegen eine Schillaction wendet und das Heil für die nothleidenden galizischen Juden von Hausindustrien erwartet, die bestenfalls, wenn das Experiment gelingt, ein zahlreiches ungebildetes Proletariat in Unwissenheit und Knechtung erhalten helfen. Was die Verpflichtung der Gemeinde zur Gründung von Schulen betrifft, weiß er ja doch am besten, wie das Land und die Gemeinde dieser ihrer Verpflichtung zur Hebung des Culturniveaus der Juden, wodurch der für den galizischen Edelmann so nothwendige „Moschko" auf den Aussterbeetat kommen würde, zu erfüllen sich beeilen. Daß übrigens die Thätigkeit der Hirsch-Stiftung bei der Schaffung und Subventionirung der zur Bekämpfung der Verwahrlosung der Jugend so nothwendigen Schulen nicht stehen bleibt, sondern auch die Erwerbsfähigmachung dieser durch die Schule geläuterten und zu brauchbaren Gliedern der Gesellschaftherangebildeten Jugend sich zur Aufgabe macht, muß doch Herr Leo Herzberg- Fränkel als objectiver Mann aus den Statuten und den Jahresberichten der Stiftung sowie seinen eigenen Erfahrungen zur Genüge bekannt sein. Was für Galizien am nothwendigsten ist, das sind Schulen, neue Schulen. L e o W o^l f r a m. ' Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Am Abend des % Deeember hat es in Wien mit Ausnahme der ärarischen Gebäude gewiß kein einziges Haus gegeben, in welchem auch nur ein einziges auf die Straße gerichtetes Fenster nicht beleuchtet war. In der Allen gemeinsamen und verständlichen Sprache des Lichtes huldigte die Stadt Wien ihrem Kaiser. Sollte man es für möglich halten, daß auch da ein Unterschied gezogen wird zwischen Arm und Reich, zwischen Christen und Juden? Daß auch dieser Anlaß benützt wird, um das Gift des Hasses und der Verdächtigung in das Herz der Bevölkerung einzuschmuggeln? Der Bürgermeister von Wien Herr Dr. Karl Lueger ist es, der diesen nichtswürdigen Versuch unternommen hat. Bei einem der vielen Feste, welche die angeblich christlichen Frauenvereine veranstalten, unter Assistenz von Geistlichen, die ihre Würde mit demagogischer Hetze vereinbar finden, sprach der ebenfalls angeblich christliche Bürgermeister den Vororten sein Lob über die Beflaggung und Beleuchtung aus, „die manche andere Bezirkstheile, wo Juden und Millionäre wohnen, in den Schatten stellten". Daraus sehe man, sagte Dr. Lueger weiters, daß es mit der Gesinnung und Treue zu Kaiser und Reich gut bestellt sei, „trotz Iud en, Radicalnationalen und Socialdemokraten". Das ist echt Lueger'sche Agitationsmethode, deren Perfidie und demoralisirender Charakter noch immer nicht recht erkannt wird. Aus Schleichwegen versucht es dieser Mann, in seinen Zuhörern die Meinung hervorzubringen, als wären die Juden nicht kaisertreue Staatsbürger, als wäre die Anhänglichkeit an das Kaiserhaus ein Merkmal der christlich-socialen Partei. „Trotz Juden" sei es mit der Treue zu Kaiser und Reich gut bestellt. Was gibt dem Herrn Lueger auch nur den Schatten eines Rechtes zu einer so miserabeln Verdächtigung? Es istnicht unser Beruf, die „Millionäre" gegen Herrn Dr. Lueger in Schutz zu nehmen, aber der objectiven Wahrheit wegen und weil auch darnach das System dieses Demagogen zu beurtheilen ist, constatiren wir, daß es am 2. Deeember auch keinen „Millionär" gegeben hat, der nicht die Fenster seines Hauses beleuchtet hätte, und wenn Herr Dr. Lueger es gar so scharf auf die Millionäre hat, wie er sich in den Versammlungen den Anschein gibt, so hätte er sich dieser Gegnerschaft lieber in der Gasfrage und in der Tramwayfrage rechtzeitig erinnern sollen, bei deren „Lösung" er für die bisherigen Millionäre trefflich gesorgt und einige neue auf Kosten der Steuerträger geschaffen hat. Als Bürgermeister bereichert er die Millionäre, in den Volksversammlungen bekämpft er sie, und weil Niemand da ist, der ihm widerspricht, kann er es auch ungezüchtigt wagen, die dem Kaiser dargebrachte Huldigung zum- Ausgangspunkte einer Judenhetze herabzuwürdigen. Man fügt Herrn Dr. Lueger ein Unrecht zu, wenn man ihn hinsichtlich seiner politischen Ehrlichkeit und hinsichtlich der Mittel, mit denen er kämpft, höher stellt als den Ernst Schneider. * * * Vielleicht hat Herr Dr. Lueger durch diese aus der Luft gegriffene Verdächtigung Revanche nehmen wollen für die wohlverdiente und 'ausgezeichnete Lection, die ihm ein ' Jude, der Gemeinderath Lucian Brunner, soeben ertheilt hat. Herr Dr. Lueger theilte den Gemeinderäthen Wrabetz und Brunner mit, daß er sich „bestimmt finde", die über sie verhängte Ausschließung im Hinblick auf den feierlichen Charakter der Gemeinderathssitzung vom % Deeember auszuheben. Mit seinem souveränen Eigendünkel und dem herablassenden Tone, m welchem der Bürgermeister mit den ihm nicht zu Gesichte stehenden Gemeinderäthen zu verkehren sich „bestimmt findet", war dieser Herr diesmal an den Unrechten gerathen. Herr Brunner genirt sich nicht und läßt sich durch die Anmaßung des Herrn Dr. Lueger nicht imponiren. Und so erklärte er denn dem Herrn Dr. Lueger unter allgemeiner heiterer Zu-

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