Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 880 Nr. 48!! I t I Dr. Bloch's Wochenschrift Herr Architekt Marmore! klagt in herkömmlicher Weise über die ungenügende Bethätigung des Cultusvorstandes und verlangt abermals die Organisatiou der Judenschaft als wirksames Mittel zur Behebung ihrer jetzigen inneren und äußeren Nothlage. Behufs Beantwortung mehrfacher Anfragen aus der Mitte der Versammlung und behufs Richtigstellung mehrerer Behauptungen, die sich auf das Wahlcomite und den Politischen Volksverein bezogen, ergreift nunmehr der Vorsitzende selbst, das Wort. Herr Dr. Fialla wendet sich zunächst gegen jenen Kandidaten, der gleich Bileam auszog, um zu fluchen, und damit schloß, uns zu segnen — denn was könne man mehr verlangen, als die schließliche volle Anerkennung des Programmes und die Aufstellung der Candidatur auf Grund desselben und bei unserem Wahlcomite? (Heiterkeit, Beifall.) Redner erörtert sodann mehrfache Vorkommnisse in der ablaufenden Wahlbewegung und constatirt, daß die hervorgekommenen Gegensätze wohl mehr persönlicher als sachlicher Natur sein dürften, da erstlich alle zur Verbreitung gelangten Programme ausschließlich dem erschöpfenden Programm des Politischen Volksvereines entnommen sind, und weiters ein soeben hier in unpassender Weise colportirtes Flugblatt die Uebereinstimmung rückfichtlich acht Candidaten und lediglich bezüglich zweier Mandate eine Divergenz aufweise, über welche die Wählerschaft unbeeinflußt entscheiden möge. (Zustimmung.) Doch auch die höheren Gesichtspunkte, welche unsere gegnerischen Freunde hier geltend machen zu sollen glaubten, treffen uns nicht unvorbereitet, sind uns nicht neu. Schon ohne sie und vor ihnen, bevor sie es noch als taktische Nothwendigkeit erkannten, die Cultusvorstände zu erobern, haben wir es verkündigt, „daß der Cultusvorstand des numerisch größten jüdischen Gemeinwesens nicht blos ein rechtschaffener Verwalter, nicht blos der Verwahrer bevorzugter Ehrenstellen, sondern das fein muß, was er seinen Genossen sein soll: Anwalt, Vertheidiger. Führer!" (Lebhafter Beifall.) Nicht minder haben wir die O r g a n i s a t i o n der österreichischen Judenschaft als unser Postulat proclamirt, aber mit concretem Inhalt, nicht als bloßes Schlagwort, und wir können hinzufügen, daß nach beiden Richtungen seither auch Vieles und Gedeihliches geschehen ist und bewirkt wurde. (Anhaltender Beifall.) Zu den actuellen Wahlen zurückkehrend, verweist Herr Dr. F i a l l a auf den dankenswerthen Anschluß der T e m p e lvereine, die einen maßgebenden Theil der Wählerschaft umfassen, und unter denen jene orthodoxer Richtung durch ihren Anschluß in erfreulicher Weise bekunden, daß sie dem Fortschritt und der Bildung huldigen und gleich uns die großen Aufgaben der „Zeit und Verhältnisse" erkennen. (Stürmischer Beifall.) Unter Bekanntgabe der seither in den Wahlen auch vollständig durchgedrungenen Candidatenliste des Wahlcomit«s schloß Herr Dr. Fialla seine wirkungsvollen Auseinandersetzungen und zugleich über Antrag eines Wählers die Versammlung selbst,deren Mitglieder um halb 1 Uhr Nachts in lebhaft bewegten Gruppen den Saal verließen. Brünn. (Wahlgeschichten.) Auch bei uns herrschte bis jetzt der Modus, daß gelegentlich einer bevorstehendeil Neuwahl der Cultusvorstand selbst Candidaten in Aussicht nahnr und diese stille Cooptation durch die Wähler gewissermaßen ratificiren ließ. Diese Gepflogenheit hatte sich so sehr eingelebt und die Möglichkeit eines Abgehens von derselben schien den Redacteuren unseres Gemeindestatuts so ferne zu liegen, daß der Fall einer Stimmenzersplitterung in demselben gar nicht in Betracht gezogen ist. Die Wahlen gingen demgemäß auch stets in idyllischer Ruhe vor sich, und es erschienen nur selten mehr als der achte Theil der Wahlberechtigten an der Urne. Diesmal ist es anders aekonrmen. Es betheiligte sich mehr als ein Drittel der Wählerschaft. Diese Wahl hat auch eine Vorgeschichte; die Neuconstituirung des Vorstandes hat noch nicht stattgefrlnden und so erzähle ich unterdessen der Residenz eine Geschichte, wie man Mitglied des Cultusvorstandes wird. — Bei der auf den 12. November einberufenen Wählerversammlung brachte der Vorsitzende zur Kenntniß, daß die fünf ausgelosten Mitglieder des Vorstandes eine Wiederwahl anzunehmen bereit seien und daß für die weiteren zwei, tyeils durch Tod, theils durch Rücktritt erledigten Mandate die beiden Herren Sanitätsrath Dr. Spitzer und Gustav Tandler ihre Candidatur schriftlich angemeldet hätten — ohne Umschreibung heißt das: Die Herren seien vom Vorstand zum Candidiren veranlaßt worden. fugleich gelangte ein Schreiben zur Verlesung, in welchem err Tandler sein Fernbleiben mit einer unaufschiebbaren Reise entschuldigte, und da auch Herr Dr. Spitzer ebenfalls schriftlich, sich auf Amtsgeschäfte berufend, sein Erscheinen in späterer Stunde eben nur in Aussicht stellte, so hätte die Versammlung wohl Früh ein Ende gehabt, wenn nicht ein unabhängiger Candidat in der Person des Herrn Professors Brecher aufgetreten wäre. Derselbe betonte die Nothwendigkeit der Verbesserung des Religionsunterrichts und der Stellung und der Bezüge der Religionslehrer. Ein Schulmann sei also im Vorstand nöthig. Die Uebrigen, für unsere Berichterstattung minder belangreichen Vorfälle des Abends übergehend, müssen wir constatiren, daß gegen den Schluß hin Herr Sanitätsrath Spitzer sich wirklich einstellte und mit einigen dürftigen Worten erklärte, er sei ein guter Jude, sei bereit, eine Wahl anzunehmen und würde das Vertrauen seiner Wähler gewiß zu rechtfertigen suchen. Das 18gliedrige Wahlcomite, welches hierauf gewählt wurde, einigte sich einige Tage später dahin, den Wählern die Wiederwahl der ausgelosten Mitglieder vorzuschlagen, und beschloß mit Majorität, die neuen Candidaten Professor Brecher und Dr. Spitzer zu empfehlen. Einige in der Minorität gebliebene Herren erklärten jedoch sofort, sie würden sich nicht abhalten lassen, für ihren Candidaten Gustav Tandler zu agikiren. Dieser Aeußerung wurde übrigens weiter keine Bedeutung beigelegt. Groß war daher die Ueberraschung, als am Vorabend der auf den 27. November festgesetzten Wahl im Jnseratentheil des Brünner „Tagesbote" untereinander abgeoruckt und eine ganze Spalte füllend nicht weniger als drei Candidatenlisten erschienen. 1. Das Wahlcomite empfahl seine oben bereits genannten Candidaten den „israelitischen Wählern". 2. Den „jüdischen Wählern" wurden Professor Brecher und Dr. Philipp Schreier empfohlen. 3. Den „unabhängigen Wählern" wurden Dr. Spitzer und Gustav Tandler als ihre Candidaten genannt. Die Agitation am Wahltag und die Betheiligung war eine bis jetzt noch nicht dagewesene. Es erschienen 418 Wähler, während bei den früheren Wahlen nur selten das zweite Hundert erreicht wurde. Man besorgte eine Stimmenzersplitterung, für welchen Fall, wie bereits erwähnt, in dem Gemeindestatut gar keine Vorsorge getroffen ist, und einer, für gewisse Herren noch weniger angenehmen Eventualität wurde, wie von mancher Seite behauptet wird, noch in letzter Stunde auf künstliche Weise vorgebeugt. Aus der Urne gingen als gewählt hervor: Brecher mit 280, Spitzer mit 214 Stimmen. In der Minorität blieben: Schreier mit 109, Tandler mit kaum 100 Stimmen. Nachträglich verlautet erst, was den Zionisten Doctor Schreier, der ein sehr gemüthvoller und verständiger Herr und nichts weniger als eure Kampfnatur ist, bewogen hat, in letzter Stunde als Candidat aufzutreten. Es wird erzählt, Herr Dr. Spitzer habe vorher bei seiner Vorgesetzten Behörde angefragt, ob dieselbe ihm gestatte, eine etwa auf ihn fallende Wahl in den Cultusvorstand auch anzunehmen. Sollte es sich in Wirklichkeit so verhalten, so würden wir mit den Zionisten einmal ausnahmsweise übereinstimmen und die Candidatur des Herrn Dr. Schreier für gerechtfertigt halten. Wir bedürfen mehr als je unabhängig denkender Männer in unserer Gemeindevertretung, und der Wirkungskreis derselben ist vom Gesetz bereits enge genug begrenzt, so daß wir es nicht nöthig haben sollten, Vertreter zu wählen, welche vorkommendenfalls in ihrem Votum mehr von der Rücksicht auf einen Vorgesetzter:, als von dem Interesse an der Sache beeinflußt sind. Wir wollen nicht hoffen, daß dies bei einem' der Neugewählten, und nicht fürchten, daß dies bei beiden der Fall sein könnte. Einunabhängiger Wähler. W«WRW