Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift' Seite 881 Bielih. Der im heurigen Jahr gegründete israelitische Bielitz-Bialaer Freitisch-Verein blickt bereits auf schöne Erfolge zurück, denn in der noch kurzen Zeit seines Bestandes wurden nicht weniger als 56 bedürftige Schüler mit 42 Frühstücks-, 325 Mittags- und 63 Nachtmahlzeiten in der Woche betheilt, und zwar in reichlicher und dabei anständiger, dem Gefühl und Empfinden der armen Kinder Rechnung tragender Weise. Die Jahresbeiträge erreichen bereits 3000 ff., was umsomehr Anerkennung verdient, als ohne größeren Gründungssonds der Vereine eben nur aus diese Beiträge angewiesen ist. Erfreulich ist weiter, daß der Freitisch-Verein als eine musterhafte Einrichtung gelten darf und die Leitung desselben von Czernowitz, Pilsen und Mährisch-Ostrau aus ersucht worden ist, Detailauskünfte über die Einrichtung des Vereines zu ertheilen. Einen ehrenden Besuch erfuhren die Vereinseinrichtungen kürzlich durch das Erscheinen des Herrn k. k. Regierungsrathes Th. M o r a w s k i, welcher der Sache von Anfang an freundliche Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Das Wesen des Freitisch-Vereines als das einer Jubiläumsstiftung wurde in dem Erlaß des Finanzministeriums vom 29. September l. I. anerkannt lmfc allen zu Gunsten dieses Vereines bis Ende 1898 zugewendeten Schenkungen und Vermächtnissen die Stempel- und Gebührenfreiheit bewilligt. Kolomea. Als die Kunde von der schweren Erkrankung der Frau Baronin von Hirsch zu uns gelangte, erschütterte sie alle Herzen. Die armen Schüler der hiesigen Baron Hirsch-Stistungsschule hatten gerade diese Woche besonderen Anlaß, an ihre edle Wohlthäterin zu denken, da sie mit warmen Winterkleidern und Stieseln, die bekanntlich die Frau Baronin für tausende von Kindern alljährlich spendet — bedacht wurden. Es war dies am 24. d. Al., als die Schüler vor dem Unterricht im Hofraum sich versammelten und untereinander über das Befinden der Frau Baronin sprachen. Die Lehrer mischten sich ins Gespräch und uns alle überkam das Gefühl und das Bedürfniß, für die Gesundheit der Frau Baronin zu beten. Ohne jegliche Vorbereitung begaben sich die Lehrer und einige hundert Schüler, die eben vor dem Unterricht anwesend waren, in den großen Festsaal, wo der Leiter der Anstalt eine kurze Ansprache hielt und ein Gebet verrichtete. Einer der hebräischen Lehrer recitirte das M-sebeberaeb-Gebet für die erkrankte Frau Baronin, welches die Kinder inbrünstig nachsagten. Es war ergreifend zu sehen, wie fast alle Kinder dabei Thränen vergossen. Den ganzen Tag über war die sonst heitere Stimmung bei den Kindern verschwunden. Möge der Allmächtige das innige Gebet der Kinder für das Wohl ihrer liebevollen Beschützerin, der Frau Baronin von Hirsch, erhören und ihr die vollste Gesundheit wiedergeben. Amen. W. Grünes. Hannover, 18. November. Eine Entscheidung, deren hohe principielle Wichtigkeit nicht erst dargethan zu werden braucht, ist. seitens des Reichsgerichtes getroffen worden, ohne bisher die gebührende Beachtung gesunden zu haben. Auch der hiesige antisemitische Verein hatte das sattsam bekannte Weihnachts-Flugblatt verbreitet, das unter Beschimpfungen gegen die jüdischen Kausleute in dem Satz: „Kauft nicht bei Juden!" gipfelt. Trotz der wenig ermuthigenden Erfahrungen, welche mit dem gleichen Vorgehen gemacht wurden, erhoben mehrere hiesige jüdische Kaufleute gegen den Vorsitzenden des antisemitischen Vereines, Apotheker Adolf O e h l m a n n, und gegen den Buchdrucker Heinrich Ahlfeld Anklage wegen Beleidigung. Indessen erkannte das Landgericht unter dem 24. Mai l. I. auf Freisprechung, „weil nicht die jüdischen Geschäftsleute Hannovers, sondern die Gesammtheit derselben beleidrgt sei" und oer Einzelne nicht das Recht habe, zu klagen. Als Vertreter der Nebenkläger legte Herr Justizrath Dr. Berend Revision beim Reichsgericht ein, und letzteres entschied in Uebereinftimmung mit den Ausführungen des Reichsanwaltes, daß auch eine Co lleetiv-Mehrh eit beleidigtwerdenkönne, und daß Jeder, der dazu gerechnet werde, b erechtigt sei, Strafantrag zu stellen. Das Urtheil des hiesigen Landgerichtes wurde ausgehoben und die Sache an das letztere zuriickgewiesen. Mit dieser präjudiciellen Rechtsnorm ist endlich die Möglichkeit geboten, den unter dem Schutz der bisherigen Judicatur immer dreister wiederholten Angriffen energisch entgegenzutreten, und von dieser Möglichkeit wird sicherlich ausgiebig Gebrauch gemacht werden. „Jüd. Presse." Paris. Der berühmte Schriftsteller und Mitstreiter Zola's, Octave Mirabeau, hat von den Antisemiten wiederholt den Vorwurf hören müssen, er sei selbst früher Antisemit gewesen. In der „Aurore" vom 15. November legt nun Mirabeau das Geständniß ab, diese Behauptung sei richtig, aber er habe sich eben bei reiferer Einsicht bekehrt. Er schreibt in diesem Artikel nach einer längeren principiellen Auseinandersetzung über die Frage, ob man seine Ansichten modificiren dürfe oder nicht, folgende interessanten Sätze: „Jawohl, ich habe die Juden verabscheut und diesem Haß in den „Grimaces" Ausdruck gegeben. Man versiehe mich wohl: Ich kam damals aus der Redaction des „Gaulois", welchen Arthur Meyer damals leitete wie noch heute. Wie wäre es möglich gewesen — ich wende mich an alle temperamentvollen Herzen — daß der tägliche Umgang mit Arthur Meyer mir andere Gefühle hätte einflößen können? Man wird zugeben, daß nichts natürlicher, legitimer und psychologisch verständlicher ist. Arthur Meyer hat besondere Befähigung, um den Antisemitismus wachzurusen. Es lebt in ihm eine solche Kraft der Propaganda für denselben, daß er in Person dieser Kraft nicht mehr entschlüpfen konnte. Es dürfte rührend und komisch zugleich sein, zu denken, daß infolge einer heftigen Gefühlsreaction gegen sich selbst Arthur- Meyer Antisemit geworden ist, als den man ihn kennt. Ist es da noch erstaunlich, daß ich es auch wurde? Ate in Unrecht in diesem Fall, verursacht durch eine pariserische Eigenschaft, ist nur, daß ich von dem Besonderen auf das Allgemeine schloß und daher einer ganzen Race Vorwürfe machte, die ganz stricte auf die eine Person hätten beschränkt bleiben müssen, wenn ich sie nicht auch gegen die vielen Christen richten wollte, die noch schlechter sind als die schlechtesten Juden, die ich kenne. Ich habe übrigens schon vor langer Zeit mich ausführlich über diesen Punkt in der „France" geäußert, und mit leichter Mühe kann jeder, den es interessirt, in diesem Journal die Artikel finden, wo ich Buße gethan habe für meine Barbarei. Braila. Der Bericht der Gesellschaft zur Erhaltung der hiesigen israelitisch-rumänischen Knaben-NormalWrle, gestiftet von dem Herrn David Schwarzmann, Großindustrieller in Wien, und dessen Bruder Abraham Schwarzm ann, weist nachstehende Daten für das Schuljahr 1897 bis 1898 auf. Die Einnahmen betrugen 25.000 Lei, die Ausgaben 27.000 Lei. Erzielt wurde an Schultaxen 10.500 Lei, milde Beiträge 4200 Lei, Spenden 7300 Lei, Antheil an dem Gewinn der Mazzes-Bäckerei 2100 Lei, Reinerträgniß einer Theatervorstellung 850 Lei, Diverse 650 Lei. Die Ausgaben stellen sich zusammen: aus Gehalten 2300 Lei, Miethe 2700 Lei, Schulbücher 700 Lei, Diverse 1600 Lei. Es verblieb ein Cassarest von 1075 Lei. Der Stifter der Schule, der großherzige und edle Menschenfreund Herr David Schwarzmann, spendete wie stets früher so auch dieses Jahr 100 Lei zur Erhaltung der Schule. Im Hinblick aus die eivilisatorischen und humanitären Ziele, welche die Gesellschaft zur Erhaltung der israelitischen Schule verfolgt, geht an alle Freunde des Judenthums in- und außerhalb Rumäniens der Appell, diese Anstalt durch materielle Mittel zu unterstützen und zu fördern, womit in wahrhafter Weise ein gottgefälliges Werk verbunden sein wird. _ Vermischtes. Bernard Lazare. Die heutige Nummer unseres Blattes bringt ein Feuilleton aus der Feder unseres berühmten Pariser Glaubensgenossen Bernard Lazare. Wir machen aus dasselbe unsere Leser besonders aufmerksam. Wien. (Israelitische Cultusgemeinde.) Oeffentliche lenarsitzung des Vorstandes der israelitischen ultusgemeinde Wien im Sitzungssaal, I. Seitenstettengaffe 4, 2. Stock, Sonntag den 4. Deeember 1898, 10 Uhr Vor-