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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-12-02 · 48 (2.12.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
48 (2.12.1898)
Date
1898-12-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloches Wochenfchvifk. Seite 877 und Judenmädchen durcheinandergewürfelt in den Bänken saßen, mußten die jüdischen Schülerinnen während der katholischen Religionsstunde sich in die rückwärtigen Bänke setzen, damit der Herr Katechet einen besseren Ueberblick über seine Schülerinnen gewinnen könne. Ruhig und aufmerksam saßen wir Judenkinder da, hörten dem Unterricht zu, und mit der Zeit war ich im Neuen Testament ebenso zu Hause wie im Alten. Mit Vorliebe wurde ich von meinen christlichen Mitschülerinnen aufgesucht, damit ich während der Religionsstunde die Rolle der Souffleuse spielen möge, pour corriger, la fortune. Aus vollem Halse sangen wir Judenkinder die damals für jeden Wochentag eingeschalteten Kirchenlieder mit. Dies Alles hinderte mich aber nicht, eine treue, glaubensstarke Jüdin zu werden. Denn in größerem Umfang und mit mehr Sorgfalt als heute, wurde damals jüdischer Religionsunterricht ertheilt, der unter der Leitung des ausgezeichneten Gelehrten Doctor Gerson Wolf stand, dessen anschauliche Vorträge uns für die Geschichte der Juden begeisterten. Das sind meine Erinnerungen aus der Concordatsschule. Welche Erinnerungen werden unsere Kinder aus der Schule nach Hause bringen, wenn dieser unglückliche Erlaß vom 5. September allgemeine Anwendung finden sollte? Welchen Haß und welche Verrohung. wird dieser „aus pädagogischen Rücksichten" herausgegebene Erlaß in den jugendlichen Gemüthern Hervorrufen! Schier unabsehbar sind die unheilvollen Consequenzen, die derselbe nach sich ziehen wird, und klagend werden wir mit dem Dichter ausrusen müssen: „Weh' Dir, daß Du ein .Enkel bist!" Als am 21. März 1868 die Macht des Concordats gebrochen wurde und die Bevölkerung Wiens die Annahme der iutereonfessionellen Gesetze im Herrenhaus mit einem Jubel, mit einer Begeisterung begriißte, die in einer am selben Tage spontan eingeleiteten allgemeinen Illumination beredten Ausdruck fand, da glaubte man den Augiasstall reactionärer Intoleranz für immer gereinigt. In lebhaftester Erinnerung ist mir der Jubel der Bevölkerung an diesem denkwürdigen Abend des 21. März. In hellen Haufen zog man vor die Wohnungen der Bürgermeister und brachte ihnen begeisterte Ovationen. Nicht endenwollende Hochs ertönten vor der im Heinrichshof gelegenen Wohnung des Vaters des Reichsvolksschulgesetzes, Unterrichtsministers Dr. Hafner. Wer weiß, ob nicht der Obmann des Wiener Bezirksschulrathes, der geistige Schöpfer des Erlasses vom 5. September, Bürgermeister Dr. Lueger, der seine politische Laufbahn als Liberaler begonnen, mit unter der damaligen Jugend war, die an jenem denkwürdigen Abend so Großartiges an Stimmentfaltung und Lungenkrast leistete. Fast möchte ich wetten, daß er darunter war"! Wohin ist die Begeisterung von damals gerathen? — Eine der schönsten Errungenschaften der Neuzeit, das Reichsvolksschulgesetz, für das die erleuchtetsten Geister ihrer Zeit ihr bestes Können und Wissen eingesetzt haben, um das in heißerRedeschlacht gekämpft und gerungen wurde, soll jetzt in Trümmer gehen. Äus den Ruinen desselben will man die Ghettoschule errichten. Alle Mann an Bord in dieser Drangperiode! Es soll gekämpft werden, wie man um sein Theuerstes kämpft. Mit aller Macht wollen wir uns zur Wehr fetzen gegen die confessionelle Scheidung der Kinder in der Schule. Der große Staatsmann Cremieux hat gelegentlich einer Generalversammlung der „Alliance Jsraelite Universelle" in Paris folgenden Ausspruch gethan: „Heftet die Mesusah an die Pfosten Eurer Thüren, lasset sie Eure Kinder beim Gehen und beim Kommen küssen, aber — schicket Eure Kinder in die interconfessionelle Schule!" Darnach wollen wir uns richten! Es haben in den jüngsten Tagen mehrere Versammlungen der freisinnigen Parteien, darunter auch der fortschrittlich gesinnter: Lehrerinnen, stattgefunden, die alle aus pädagogischen Rücksichten gegen den Erl«ch vom 5. September protestiren. In diesen Meetings wurde seitens der Einberufer an die Theilnahme der Frauen und Mädchen appellirt, und in einem solchen hat auch eine Dame das Wort ergriffen, indem sie den Appell an die Anwesenden richtete, im Kampfe nicht nachzulassen. Alle freisinnigen, jüdisch denkenden Frauen sind dieser Dame zu Dank verpflichtet, daß sie zu rechter Heit das rechte Wort gefunden. Denn an uns Frauen ist es jetzt, die Männer in ihrem heißen Kamps zu unterstützen und aneifernd aus sie zu wirken. Dort, wo es sich um ihr kostbarstes Gut, um ihre Kinder handelt, muß die Frau aus ihrer Passivität heraustreten. Vielleicht gelingt es uns noch in letzter Stunde, die Sistirung eines Erlasses zu erwirken, der eine neuerliche Demüthigung und Verhöhnung der Wiener Judenschaft bedeutet und der unsere Kinder um eine der schönsten Erinnerungen des erwachsenen Menschen bringen soll: um die Erinnerung an eine sonnige Schulzeit. „Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo Niemand wirken kann." Rosa Feigen bau m. Lorresponürnzen. Wählcrvcrsannnlung des Wahlcomitös des Politischen Volksvereines und der Tempelvereine. Einen würdigeren und interessanteren Abschluß konnte die diesmalige Wahlbewegung kaum finden, als durch die von dem eingangs bezeichneten Wahlcomiw veranstaltete Wähler- Versammlung, welche Donnerstag den 24. d. M. von 8 Uhr Abends bis Mitternacht im Festsaal des „Hotel Continental" (II. Praterstraße) unter dem Vorsitz des Herrn Dr. F i a l l a als Präsidenten des PolitischenVolksvereines und des von demselben gebildeten Wahlcomitös abgehalten wurde. Eine ungewöhnlich zahlreiche und glänzende Versammlung hatte sich zusanlmengefunden, welche mit intensiver Aufmerksamkeit und lebhaften Kundgebungen den bewegten, mitunter stürmischen Debatten folgte. Außer sämmtlichen C a nd i d a t e n, von denen Herr Moriz Hirsch wegen gleichzeitiger Budgetsitzung, Herr Julius Reitlinger wegen Unwohlseins und Herr Emil Horner wegen erfolgter Abreise nach dem Orient ihre Abwesenheit entschuldigten, waren nahezu alle Mitglieder des C u l t u s v o r ft a n d e s und die Obmänner und Vorstandsmitglieder der zahlreichen Tempelvereine, unter diesen die Herren S. Meise l s. Gottlieb Bettelheim, Herm. B e ck, Dr. L. S t r a ß e r, C. S e l i g m a n n, Wilhelm Stern u. a. m. anwesend, welche dem Wahlcomitv des Politischen Volksvereines angehören; außerdem bemerkten wir Herrn S. B r o d, Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe, den Leopoldstädter Ortsschulrath Herrn S. K a u d e r s, Herrn Dr. Marcell H o f f m a n n und viele andere unserem Gemeindeleben und der Sache des Judenthums ergebene Persönlichkeiten. Einen interessanten Einschlag bildete überdies die in diesen Kreisen ungewohnte Anwesenheit des Führers der Staatszionisten, des Herrn Dr. Theodor Herz l, welcher in Begleitung mehrerer seiner hervorragendsten Anhänger und einer jugendlichen Suite erschienen war, um das schon seit Monaten als Parteitaktik verkündigte Interesse seiner Partei an den bevorstehenden Cultuswahlen zu bethätigen. Einmüthige, in allseitigen Glückwünschen sich kundgebende Anerkennung wurde dem Vorsitzenden Herrn Dr. F i a l l a zutheil für seine energische und taktvolle Leitung der abwechslungsreichen und bewegten Versammlung, deren Verlauf wir nachfolgend skizziren wollen. Herr Dr. F i a l l a eröffnet die Sitzung. Hochverehrte Versammlung! Ich schätze es mir zur besonderen Ehre, die heutige Wählerversammlung hiemit für eröffnet zu erklären und begrüße die geehrten Glaubensgenossen, die sich hier zu gemeinnützigem Wirken vereinigt haben, auf das Herzlichste. Ich lade zunächst Herrn Ignatz I o l l e s ein, als Schriftführer zu fungiren, und bitte ihn, aus der Estrade seiyen Platz einzunehmen. Mein erster Gruß, geehrte Herren, gilt den werthen Herren Candidaten, welche in unserer Mitte erschienen sind, um von uns das Mandat in den Vorstand unserer Gemeinde zu verlangen. Es läge die Versuchung nahe, über die Bedeutung und die Aufgaben dieses Mandats, über welches die jüdische Wählerschaft Wiens jetzt zu verfügen hat, sich des Näheren auszusprechen. Ich halte aber dafür und erbitte mir Ihre Zustimmung, mindestens als Vorsitzender dieser Aufgabe enthoben zu sein und sie Denjenigen zu überlassen, welche um das

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