Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 876 Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift. Aus dem Leben eines jüdischen Arztes. Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Anläßlich der wüsten Hetze gegen Aerzte im Allgemeinen und insbesondere gegen solche jüdischen Glaubens, die sich jetzt in der Residenzstadt Wien breit macht, drängt es mich, folgende Episode aus meiner eigenen langjährigen ärztlichen Praxis hiemit zu veröffentlichen, wobei mich beileibe nicht Eitelkeit oder gar die Sucht, meinen persönlichen Muth und mein Pflichtgefühl ins Licht zu stellen, sondern einzig und allein das Bestreben leitet, die Berechtigung dieses wahnwitzigen zTreibens einer momentan ans Ruder gelangten Genossenschaft in illustriren und mindestens für meine Wenigkeit, der ich doch auch zu der proscribirten Gilde der Aerzte gehöre, einen gnädigen Freispruch oder doch wenigstens einen Strafaufschub des Justificationsurtheiles in Demut!) zu erflehen. Als Comitats-Bezirksarzt in Ober-Ungarn, in dem ob seiner Armuth sprichwörtlichen Comitat Arva, hatte ich während meiner nahezu vierzigjährigen Dienstzeit Gelegenheit, nebst anderen Epidemien im Sommer des Jahres 1873 eine fulminant verlaufende, in erschreckenden Dimensionen um sich greifende Choleraepidemie zu beobachten, beziehungsweise als öffentliches Sanitätsorgan hatte ich die nöthigen Schutzmaßregeln gegen diese Krankheit anzuordnen und durchzuführen, gleichzeitig aber auch die massenhaft Erkrankten ärztlich zu behandeln. Die mit crasser Armuth gepaarte Indolenz und der Fatalismus der abergläubischen Bevölkerung einerseits, und die mehr als primitiven Vorbeugungsmaßregeln andererseits bewirkten ein derart rapides Umsichgreifen der Seuche mit einer solch enorm hohen Sterblichkeitsziffer, daß die Bewohner einzelner Dörfer nahezu decimirt wurden. Unter solchen Umständen war es nicht zu verwundern, daß eine allgemeine, allen gesetzlichen Schranken hohnsprechende, fast an Wahnsinn grenzende Panik eintrat. Die Anordnungen derAdministrationsbehörde wurden ignorirt, in einem Gebirgsdorf entfernten die Bauern chre erkrankten Angehörigen aus den Wohnräumen und brachten sie in abseits gelegenen Wirtschaftsgebäuden, sogar in Stallungen unter; ja — was die Ausbreitungsgefahr der Seuche noch am eminentesten gestaltete — Niemand wollte sich aus Furcht vor Jnfection dazu herbeilassen, die Choleraleichen wegzuschaffen, zu bestatten. Am 12. Juli zeitlich Morgens kam ich in das Dorf Nizsnya und überzeugte mich, daß 15 Choleraleichen, darunter einige schon länger als 24 Stunden, unbestattet dalagen, und als all mein Zureden, weder Vernunftsgründe noch Drohungen, die Leute von ihrer Renitenz abzubringen vermochten, da faßte ich angesichts dieses perieulurn hi mora mit Blitzesschnelle den Entschluß, ein wahres Salto mortale auszuführen, um den Leuten ad oculos zu demonstriren, daß die Manipulation mit Choleraleichen ja keine absolute Ansteckungsgefahr involvire. Ich öffnete nämlich angelweit das Thor einer Scheune, wo die Leiche einer an Cholera verstorbenen, alten Bäuerin auf einem von Schmutz und Unrath triefenden Strohlager gebettet dalag, legte mich knapp zu ihr hin, umarmte sie und hielt sie in dieser Situation längere Zeit umarmt. Etwa dreißig Ortsbewohner begleiteten mich, mieden jedoch sorgfältig die Scheune und begafften aus einer Entfernung von etwa 30 bis 40 Schritten meine soeben beschriebene Procedur, die als argumentum all bomiuem den eclatanten Erfolg hatte, daß die Panik mit einem Schlag gebannt war und die sofortige Bergung der Leichen vorgenommen werden konnte. Was ich hier erzähle, ist ein Factum, dessen Glaubwürdigkeit von zahlreichen Nizsnyaer Ortsbewohnern bestätigt werden kann. Den „Goldregen" aber, der für mich und meine sämmtlichen Berufsgenofsen anläßlich dieser nahezu vier Monate lang dauernden Epidemie resultirte — die dritte in der Reihenfolge der angeblich über Egypten verhängten Gottesstrafen — bin ich gerne bereit, mit den Wiener Protectoren von Kräutlerinnen nicht nur brüderlich zu theilen, sondern voll und ganz ihnen zu überlassen. Dixi et salvavi animani nieam! Dr. Marcus K u x, emer. Comitats-Bezirksarzt und hon. Physicus des Arvaer Comitats, derzeit in Sillein (Trencsin:r Comitat). Sille in, 5. November 1898. Betrachtungen;um Grlstz des Wiener Benrksschulrakhes vom 5. September 1896. Der Kampf um die interconfefsionelle Schule, der jetzt von Neuem entfesselt ist, und die rückschrittlichen Tendenzen auf dem Gebiet des Schulwesens haben Reminiscenzen an meine eigene Schulzeit wachgerufen, die vielleicht darum einiges Interesse bieten dürfte, weil sie in die Epoche der Concordatszeit fällt und in puncto ihrer Judenfreundlichkeit zu Vergleichen mit den jetzt von den Antisemiten beabsichtigten reactionären Schuleinrichtungen herausfordert. Was in den so verpönten Concordatsschulen, wo Bildung und Aufklärung niedergedrückt wurden, nicht eingeführt war, nämlich: die confessionelle Scheidung der Kinder, das will jetzt der Bezirksschulrath in der Aera des Reichsvolksschulgesetzes einführen. Zu Ende der Fünfziger- und zu Beginn der Sechzigerjahre besuchte ich die k. k. Mädchenschule in der Leopoldstadt, Ankergasse (jetzt Stefaniestraße), und obwohl damals die öffentlichen Schulen ganz unter der Herrschaft des Clericalismus standen, kann ich mich, so weit ich zurückdenke — und die Erinnerung an meine Schulzeit hat sich mir lebhaft ins Gedächtniß eingeprägt — keines Antisemitismus in der Schule erinnern. Es war eine der besten Schulen der damaligen Zeit, eine sogenannte Musterschule, welche vom Kaiser Josef H. gestiftet und von ihm mit besonderen Privilegien ausgestattet worden war. Die Ehre, diese Schule besuchen zu dürfen, wurde uns Kindern oft vor Augen gehalten, und ließ sich eine der Schülerinnen etwa beikommen, von der „Ankerschule" zu sprechen, wie dieselbe gewöhnlich intim genannt wurde, so erhielt sie sogleich eine strenge Zurechtweisung der Schulvorsteherin mit den in nachdrücklichem, feierlichem Ton gesprochenen Worten: „Du besuchst die k. k. Mädchenschule in der Ankergasse und nicht die Ankerschule." Die Schule war durch und durch cleticah aber'nicht' antisemitisch. Die Bücher, die wir lasen, die Lieder, die wir sangen, die Gedichte, die wir declamirten, die Schulgebete, die zu verschiedenen Tageszeiten gesprochen wurden, waren alle von clericalem Geist durchweht. Da infolge eines Ministerialerlasses den Lehrern verboten wurde, „den Schülern andere Kenntnisse beizubringen, als dies durch den Inhalt der Bücher angedeutet ist", und da diese Bücher, welche vor ihrer Herausgabe die geistliche Censur passiren mußten, im Geist des clericalen Regimes abgefaßt waren, so lernten wir nicht viel. Daß unter solchen Umständen Schiller undWoethe in der Schule verpönt waren, ist selbstverständlich. Es erregte deshalb kein geringes Aufsehen in der Schule, als ich eines Tages, nachdem ich schon lange vorher vergebens darum gebeten hatte, die Erlaubniß erhielt, Schiller's „Kampf mit dem Drachen" declamiren zu dürfen, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil in dem Gedichte von der demüthigen Unterwerfung des Ritters unter den Richterspruch des Klosterabtes erzählt wird. Auch die Aufnahme des Gebetes Agathens aus dem „Freischütz" in unser zumeist aus geistlichen Liedern bestehendes Repertoire war für uns schon das Hereinleuchten einer liberalen Aera. Geschichte wurde nur in der letzten, der 4. Classe gelehrt, und zwar nur die Geschichte des Hauses Habsburg. Nach dem bekannten Muster des damaligen Lehr- und Lernmechanismus, des „von — bis", mußten wir allwöchentlich einen 'Abschnitt auswendig lernen, und unverwandten Auges schaute die prüfende Lehrerin ins Buchdamit ja mir kein Wort vergessen oder etwa durch ein anderes ersetzt' werde. Trotz dieses engherzigen clericalen Geistes gab es dennoch keine Juden classe n, keinen Judenhaß unter den Kindern. Christen- und Judenmädchen verkehrten untereinander in der freundschaftlichsten Weise. Die Lehrerinnen waren gleichmäßig freundlich und liebevoll gegenüber ihren Schülerinnen, und eitrigen von ihtten war ich ob ihrer besonderen Güte mit einer fast leidenschaftlichen Verehrung zugethan. Wenn ich ihrer in den späteren Jahren in der Straße ansichtig wurde, so tauchten in mir die schönsten Erinnerungen an eine friedlich verlebte Schrrlzeit auf. Das Einzige, was uns an unsere jüdische Abstammung gemahnte, war der katholische Religionsunterricht. Denn während sonst Christen