Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 874 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr- 48 Niveau imponirt uns also nicht, und es war nicht sehr geistreich von dem „Salonantisemiten" Herrn Dr.Pattai, sich durch die Phrase des Herrn Grafen Thun getroffen zu fühlen. Die Regierung des Grafen Thun befindet sich auf dem culturellen Niveau, daß sie die durch die Staatsgrundgesetze gewährleistete Gleichberechtigung der Juden tagtäglich ungestraft verletzen läßt, und daß sie beispielsweise bisher noch immer nicht den Muth gefunden hat, die wegen des ungesetzlichen Schulerlaffes eingebrachte Interpellation zu beantworten. * * Vielleicht wird eine andere Interpellation vom Glück mehr begünstigt sein. Wir meinen nämlich die erschütternde Wehklage des Herrn Gregorig und „Genossen" über die schreckliche Verjudung der Wiener Universität. Der Hygieniker vom Neubaugürtel zählt die stattliche und, wie wir ihn versichern können, für die Juden sehr ehrende und erfreuliche Anzahl der Professoren und Docenten aus, die an der Wiener Hochschule wirken, und fordert die Regierung auf, unverzüglich Maßnahmen zu treffen, um das „Ueberwuchern" der Juden an den Wiener Hochschulen hintanzuhalten. Es ist auch vom „Deutschen Volksblatt" nicht sehr geistreich, die Liste jüdischer Gelehrter aufzuzählen, die an der Wiener Hochschule allein thätig sind, denn eine wirksamere Reclame für die jüdische Bevölkerung, deren Vildungsdrang, deren Fleiß und Tüchtigkeit dadurch documentirt wird, läßt sich gar nicht denken. Schmerzbewegt gedenkt Herr Gregorig vergangener Jahrhunderte, da kein jüdischer Arzt in Wien prakticiren durfte, weil er nicht den Eid „de concepüone immaculata“ schwören konnte, und beklagt die unheilvolle Verirrung des Kaisers Josef, welcher den Juden die Ausübung der. ärztlichen Praxis gestattet hat. „Wo bleiben unsere jungen christlichen Gelehrten?" — Dieser Klageruf entringt sich seiner weißgestärkten Hemdbrust. Wenn ich mit Herrn. Gregorig Bruderschaft getrunken hätte, ein Glück, das nur, soweit menschliche Voraussicht reicht, in diesem 'Leben nicht mehr beschieden sein kann, würde ich ihm begütigend sagen: „Schau, lieber Pepi, stell' Dich nicht so bornirt, denn insgeheim bist Du vielleicht ein ganz gescheiter Mensch. Wärst Du nicht Cravattenhändler geworden, und Dein dicker Freund Strobach nicht Lehrmittelhändler, sondern hättet Ihr ftudirt, so hätte Euch kein Mensch daran hindern können, die gediegendsten wissenschaftlichen Leistungen zu vollbringen. Die Welt der Gelehrten, lieber Pepi, die ist eine Republik! Da ist es mit einem dicken Bauch und. Du verzeihst schon den derben Ausdruck, mit einer „großen Goschen" allein nicht gethan, und der wirklich etwas kann und etwas leistet, den halt Niemand auf. Der Skoda und der Oppolzer, der Rokitansky und der Arlt, und zu was brauch' ich Dir alle die Größen aufzuzählen, die einmal „junge christliche Gelehrte" waren und dann mit ihrem Ruhm die Welt erfüllt haben, denen hat's nicht geschadet, daß sie keine Juden waren. Und umgekehrt, wer nichts leistet, dem nutzt es in der Wissenschaft gar nichts, daß er zufällig ein Jude ist. Also, nur nicht übertreiben, daß man Einen deshalb bevorzugt, weil er ein Jude ist; das glaubst Du doch selber nicht. Wenn Ihr recht viel Kinder werdet studiren lassen und wenn sie tüchtig werden, dann gibt's kein „Ueberwuchern", und auf der Universität, das ist einmal nicht anders möglich, koiymt's auf's Wissen und Können an und nicht auf die Confession. Also sei stad, „Pepi", und blamir'Dich nicht." Leider bleibt es uns versagt, uns mit Herrn Josef Gregorig so gemüthlich auseinanderzusetzen, und die „schweren Bedenken", von denen dieser erleuchtete und bis in die Anfänge des 14. Jahrhunderts zurückblickende Culturhistoriker erfüllt ist, zu zerstreuen; vielleicht gelingt das dem Herrn Unterrichtsminister. * * * Das falsche Pathos ist die unentbehrlichste Taste in der Redeclaviatur des Herrn Dr. Lueger. Da wurde Dienstag im Musikvereinssaale der niederösterreichische Katholikentag eröffnet und von dem Bürgermeister namens der Stadt Wien begrüßt. Man werde ihn deshalb, sagte er, als clerical, als einen Finsterling hinstellen, der keine Intoleranz kennt. „Wien aber ist eine katholische Stadt und es wäre eine Menschenfurcht, wenn der katholische Bürgermeister es nicht wagen würde, seine Glaubensbrüder hier zu begrüßen." Herr Dr. Lueger versteht es meisterhaft, durch die billigsten Mittel den stürmischen Beifall feiner Zuhörer zu erringen. Die heldenmüthige Pose, in die er sich da versetzte, ist nichts als eine Don Quixoterie. Welcher vernünftige Mensch wird den Bürgermeister der Stadt Wien deshalb tadeln, weil er einen hier berathenden Katholikentag begrüßt? Diese Begrüßung gehört zu seinen Obliegenheiten als Bürgermeister und würde sich auch in dem Falle gebühren, falls Wien nicht einen Katholiken, sondern einen Protestanten zum Bürgermeister gewählt hätte. Was gehört dazu für ein Muth, diese Repräsentationspflicht, diesen gebührenden Act municipaler Höflichkeit zu erfüllen? Aber einen anderen Satz aus der Rede des Herrn Bürgermeisters, den wollen wir herausgreifen, um ihn ganz besonders zu registriren. Er sagte: „Wir Katholiken wollen wahrlich nicht die Unterdrückung, nicht die Verachtung Jener, die anders denken. Sie sollen Freiheit haben, volle uneingeschränkte Freiheit." Wir empfehlen Herrn Dr. Lueger recht angelegentlich, sich selbst diesen Satz recht genau zu merken, denn der Herr Bürgermeister und Agitator vergißt allzu gern daran, was er in früheren Zeiten gesprochen hat. Dr. Lueger verwahrt sich also gegen den Verdacht der Unterdrückung Andersdenkender, gegen den Verdacht der Intoleranz. Also wieder einmal eine Absage an den Antisemitismus, diese krystallisirte Intoleranz, eine Verleugnung jenes Programms, welchem nicht bloß Dr. Lueger und Dr. Pattai, sondern auch die Gregorig, Purscht, Schneider und Vergani ihre Carriere und den einträglichen Aufschwung ihrer Geschäfte zu verdanken haben. Robert Wolf. Oberrabbiner Dr. Adler von England über denZionismus. Am 12. November hielt Chief Rabbi Dr. Adler in der North London-Synagoge eine Predigt über den Zionismus, aus der wir nachstehenden Auszug veröffentlichen: Wenn zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft, deren Ende voraus prophezeit worden, die Israeliten dringend ersucht wurden, ruhig den verheißenen Zeitpunkt der Befreiung abzuwarten, um wie viel mehr ist es nothwendig, daß wir jede übereilte Thätigkeit vermeiden in unseren Tagen, in der rein Zeichen unserer zu erhoffenden Wiederherstellung vorhanden ist. Die jetzige Bewegung kann ich nicht mit Zionismus identificiren, ich möchte sie als politischen oder Baseler Congreß-Zionismus bezeichnen, aber religiösen Zionismus kann ich sie nicht nennen. Jeder gläubige Israelit muß Zionist sein, sein Herz muß in Liebe und Ehrerbietung für Zion schlagen, und wir alle halten es für ein hochverdienstlrches Werk, für die Colonisation des heiligen 'Landes einzutreten. Aber unsere Bedenken gegen den politischen Zionismus basiren auf der Thatsache, daß er die Lösung der „jüdischen Frage" verlangen will. Es wurde von Herzl in feiner Broschüre gefordert, daß die Juden in der ganzen Welt von der Türkei Palästina erwerben sollen, an den Sultan einen Tribut zahlen, und daß das Land unter den Schutz der europäischen Mächte gestellt werden solle. Angenommen, ein solches Ziel wäre zn erreichen, welcher irgend mögliche Vortheil könnte unseren unterdrückten Brüdern daraus erwachsen? Welche Autorität, welchen Einfluß könnte ein solcher Staat im Areopag der Nationen besitzen, der weder eine Armee, noch eine Marine besitzt? Würde ein Fürst oder fein Minister einer Gesandtschaft von Palästina, die sich über die unfreundliche Behänd-' lung von Israeliten in seinem Reiche beklagte, irgend welches Gehör schenken? Die vorgeschlagene Colonisirung Palästinas kann nicht als Lösung der jüdischen Frage betrachtet werden. Die bereits bestehenden Colonien können zum großen Theil nur durch die großherzige Unterstützung des bekannten Wohlthäters erhalten werden, nur einige stehen auf eigenen Füßen, weil eben in diesem Lande noch alle Vorbedingungen zu einer gedeihlichen Blüthe: Straßen, Eisenbahnen, Brücken u. s. w. fehlen. Und wenn auch die von den Zionisten beabsichtigte Bankdiese Verkehrsmittel errichten wollte, so ist es mehr als fraglich, ob sie ihre Projekte ausführen und die ihr entgegenstehenden Hindernisse überwinden könnte. Ich will nur beispielsweise anführen, daß vor einer Reihe von Jahren ein englisches Comite vergebens alle Anstrengungen machte, um in Jerusalem eine Wasserleitung einzurichten. Und darum können wir auch nicht wünschen, daß unsere Glaubensgenossen ihr Geld zu einer Bank geben, deren Projecte unausführbar find. Andererseits ist dankbar zu constatiren, daß die ottomanische Regierung ihren jüdischen Unterthanen vollen Schutz gewährt. Und, fragen wir weiter, wer wird in Palästina einwandern? Nicht die Israeliten Westeuropas und der Vereinigten Staaten, sondern nur die armen unterdrückten Glaubensgenossen in