Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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(seite 872 Nr. iS Or. Bloch's Wochenschrift. lich. Das sind keine faulen Leute, die so schwer und so billig arbeiten! Nicht die Errichtung großer Fabriken, bei denen der Kampf die Menschenkraft vertritt und entbehrlich macht, sondern d i e S ch a s f u n g kleiner I n d u st r i e n, besonders von Hausindustrien, würde sich empfehlen als: Leinenerzeugung auf Handwebstühlen — Korbflechterei — Bürstenbinderei — Zündwaaren — Juteteppiche — Erzeugung billiger Kinderspielzeuge aus weichem Holz — Bedruckung von Leinwand mit bäuerlichen Mustern zu Kleiderstoffen für die Landbevölkerung. Ferner sollte eine etwaige Hilfe für die Juden in Galizien nicht bei den Hauptstädten Krakau und Lemberg ansangen. Es wäre dies eine verkehrte Maßregel. In diesen Städten wohnen die reichsten Juden, an denen die Aermeren denn doch eine Stütze finden, für die sie arbeiten, an die sie ihre Waaren theilweise absetzen können. Die Hilfe müßte in die Tiefen hinabfteigen, wo das Elend wohnt, wo Familie an Familie in halbverfallenen Hütten ein trauriges Dasein lebt, ohne Geld, ohne Arbeit und überdies von herz- und sinnlosen Feinden verfolgt, die auch im ärmsten Juden, der effectiv "darbt und seinen Leib kaum in Lumpen hüllt, einen Menschen sehen, der geheime Schätze hütet und sich mit der Armuth blos drapirt! Die Wahlen in den Wiener Cullus- Vorstand. Die Wählerschaft der Wiener israelitischen Cultusgemeinde hat bei den am Sonntag vorgenommenen Wahlen in den Vorstand ihr Vertrauen denjenigen Persönlichkeiten votirt, welche ihr in der von den maßgebendsten imb wichtigsten Vereinen der „Oesterr. Jsr. Union" und dem „Polit. Volksverein" aufgestellten Lifte als die geeigneten Candidaten empfohlen worden sind. Dieser Wahlausgang war vorauszusehen und wurde erwartet. Dagegen ist es wohl bemerkenswerth, daß die Theiluahme an der Wahl und die Agitation diesmal viel schwächer war als vor zwei Jahren. Im Jahre 1896 haben 2872 Personen von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht, während Heuer um ungefähr 600 Wähler weniger zur Urne kamen, obgleich die Anzahl der Wahlberechtigten innerhalb zweier Jahre um 1500 gestiegen ist. Die viel geringere Wahlbetheiligung läßt erkennen, daß die für diesen Wahlkampf vom Vorstand der „Union" ausgegebene Wahlparole ein schwerer Fehler war, und daß ihre Urheber mit der Stimmung der großen Wählermaffen nicht vertraut sind. Durch eine klare und zeitgemäße Wahlparole wurde vor zwei Jahren durch den „P o l i t.V olk s v e r e i n" ein lebhafterer Zug in die Bewegung gebracht. Damals hatte dieser Verein ein groß angelegtes communales Wahlprogramm entwickelt, für welches man sich lebhaft interessirte und welches zu Discussionen Anlaß gab. Dem gegenüber ist der Kampf gegen die confessionelle Schule als Object eines allfälligen Wahlkampfes und als Schiboleth irgend einer Partei unverwendbar. Jeder Wiener Jude weiß es, daß Gegner der interconfessionellen Schule, welche innerhalb des Judenthums zu bekämpfen wären, überhaupt nicht existiren. Wenn die christlich-sociale Partei nicht von der Regierung daran gehindert wird, das Reichsvolksschulgesetz zu durchlöchern, wenn die Regierung diese widergesetzliche Einführung der confessionellen Schule ruhig geschehen läßt, wenn sie also ihre Wicht, das Gesetz aufrechtzuhalten, nicht erfüllen wÜl, so werden alle Proteste, Eingaben und Audienzen des Cultusvorstandes nichts daran zu ändern vermögen. Die alten liberalen Schlagworte haben auch bei den Juden die alte Zaubermacht längst eingebüßt. Am eclatantesten zeigte es sich in der überraschenden Stimmenzahl von circa 700, welche der Candidat Hermann Eltbogen auf sich vereinigte. Ellbogen hat als Obmann des Brigittettauer Tempelvereines in weiten Kreisen viele Sympathien sich erworben; er ist aber auch Vorsitzender jenes „jüdischen" Volksvereines, welcher für den ziemlich sicheren Fall, als der Bezirksschulerlaß in Kraft bliebe, die Organisirung der jüdischen Schule forderte und in großen Versammlungen dieser Forderung Nachdruck geliehen hat. '.Die große Stimmenzahl, welche Herr Ellbogen auf sich vereinigte, ist deshalb mir so beachtenswerther und lehrreicher. * -i- * Der Verlauf und das Resultat der vorgenommenen Mahl ist noch in anderer Hinsicht bedeutsam. Der Wahlkampf, insoweit diesmal überhaupt von einem solchen gesprochen werden konnte, und die Wahlen selbst haben dargethan, daß der politische Z i o n i s m u s von der Wiener Judenschaft entschieden abgelehnt wird. Auf dem Baseler Congreß hat Dr. Theodor Herzl es als die nächste Aufgabe seiner Partei verkündet, die Cnltnsvorstände zu erobern/von der Verwaltung der Cultusgemeinden Besitz zu ergreifen. Herr Dr. Herzl beschwert sich darüber, daß vou den Centren jüdischer Gemeindeverwaltungen in den großen Städten sein Zionistnus bekämpft wird, und er geht von der sehr richtigen Ansicht aus, daß das aufhören wird, wenn die Zionisten in den Gemeindeverwaltungen ihren Einzug halten und insbesondere, wenn sie die Majorität erlangen. In diesem Fall hofft er auch mit den sogenannten Protestrabbinern, den orthodoxen sowohl als den neologen, welche sich gegen seine Phantastereien erklären, fertig zu werden. Also lautete der Schlachtaufruf für die Wahlen: auf zur Urne! Nun kamen die Wahlen in Wien, und hier wäre für Herrn Dr. Herzl das geeignete Rhodus für ein Springexperiment gewesen. Man hätte erwarten sollen, daß die Zionisten eigene Candidaten oder wenigstens einen eigenen Candidaten aufstellen, wenn schon ans keinem anderen 'Grund, sodoch zu dein Zweck, um 'ihre R e i h e n zu m u st e r n und ihre numerische Stärke vorzudemonstriren, wie dies bei einer angeblich emporstrebenden Partei selbstverständlich ist. Herr Dr. Herzl tat aber weder sich selbst als Zählcandidaten aufgestellt noch auch einen seiner Unterofficiere in dieser, wie sich zeigte, freilich sehr undankbaren Rolle auftreten lassen. Zu Beginn der Wahlbewegung meldeten sich die Herren zwar und Unterzeichneten mit einen von einigen Tempelvereinen ausgehenden sehr harmlosen Wahlaufruf. Die Zionisten kamen auch fleißig in die Wählerversammlungen und redeten sehr viel. Sie erschienen aber auch, und das war viel unangenehmer, mit einer wohlorganisirten Clague von jungen Leuten, die zwar kein Wahlrecht ausüben, aber in den Verhandlungen einen betäubenden Lärm machen. In den Wählerversammlungen erklärte Herr Architekt Marmorek, es sei das Verdienst der Zionisten, wenn die Wahlbewegung reger und lebendiger geworden. Wenn das richtig wäre, so müßte man fragen: Warum veranstalteten denn die Zionisten nicht eigene Wahlversammungen? Wenn die Bewegung auch nur den geringsten Rückhalt in der Wiener Judenschaft hätte, so würde Herr Dr. Herzl überhaupt nur 1100 Anhänger gebraucht haben, um als Candidat durchzudringen und im Wiener Cultusvorstand den Zionismus zu repräsentiren. Warum hat er also seine Anhängerschaft in Wien nicht für die Wahl aufgeboten? Die Zionisten wollten allerdings bei der Wahl Mandate erlangen, aber nicht durch ihre eigene Kraft. Es wurde hinter den Couliffen „diplomatisch" verhandelt, um ein Kompromiß zu erlangen, sie hätten sich schließlich auch recht gerne mit einem einzigen Mandat begnügt, allein, als man sie nicht ohne eine gewisse Ironie nach ihren Candidaten fragte, da zeigte sich, daß sie auch nicht einmal über Candidaten verfügen. Also keine Wähler und keine Candidaten! Das hätte sich eclatant gezeigt, wenn die Zionisten bei dieser Wahl in den Kampf eingetreten wären, und es hat sich vielleicht noch