Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Date
- 1898-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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i»Bm Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 871 der Kunst zu stellen . . . Mendelssohn hingegen war eine ganz innerliche musikalische Natur, die stets auf den Kern der Sache ging, nicht auf den äußerlichen Schein. Ob er das Werk eines alten Meisters interpretirte oder einen Zeitgenossen zu Worte kommen ließ, stets war es ihm heiliger Ernst und Gewissenspflicht, nicht sich, sondern das Kunstwerk in den Vordergrund zu stellen." Moser erzählt dann noch, wie Liszt eines seiner Kunststücklein zur Kränkung Mendelssohns ausgeführt hat und als Gegenstück dazu einen sehr schönen Zug Mendelssohns, der „mit seinem bescheidenen Sinn lieber darauf verzichtete, wegen seines Gedächtnisses bewundert zu werden, als daß er seine Collegen zurückgesetzt hätte". Musikfreunde mögen die ausführliche Erzählung im Buche selbst lesen. Wollten wir nach dem Muster der Antisemiten generalisiren, so könnten wir daraus deduciren, daß die Arier stets nach äußerem Schein, nach Verherrlichung ihrer eigenen Person streben, während die Juden selbstlos nur der Kunst dienen. Aber, wir fassen das etiam ab koste doceri anders aus: Wir lernen aus den Liigen und Verleumdungen unserer Feinde nur, ihnen nicht nachzuahmen. M. Zum galtzischen Elend. Die Versammlung des Vereines Bnei-Barith, welche neulich in Prag unter dem Vorsitz des Herrn Sanitätsrathes Dr. Louis Maretzki tagte, beschäftigte sich mit der Nothlage der Juden in Galizien und den Mitteln zu einer etwaigen Abhilfe ihres Elends. Herr Leo Herzberg-Fränkel in Teplitz wurde eingeladen, seine Ansichten und Erfahrungen in dieser Angelegenheit darzulegen und gab folgendes Expose: „Die Juden in Galizien bilden fast genau den zehnten Theil der dortigen Bevölkerung; sie sind zumeist in Städten und Städtchen zusammengedrängt, wie in Lemberg, Krakau, Brody, Kolomea, Tarnopol, Vuczacz; sonst aber auf dem flachen Land dünn verstreut. In den Städten leben sie vom tandel und Handwerk, in den Dörfern als Pächter rtud chänker. Diese Gebiete waren ihnen in früheren Jahren, ehe die Seuche des Antisemitismus ausgebrochen, fast ausschließlich überlassen worden; gegenwärtig werden sie ihnen von Privaten und christlichen Vereinen mit Erfolg streitig gemacht. Man betrachtet es nämlich in Galizien als nationale Angelegenheit, als Act des Patriotismus, die Juden, obschon sie im politischen Leben, bei Wahlen, bei Verhandlungen und Abstimmungen im Lager der Polen stehen; obschon sie in früheren Zeiten der Erhebungen, 1830 und 1863, ihnen Gefolgschaft leisteten.und obschon sie int Landtag und im Reichsrath,. unter Verzicht auf eigene Individualität, widerstandslos am Karren ziehen, die Juden zu verdrängen, ihnen die früheren Errungenschaften zu entwinden, ihnen die Armuth aufzupfropfen und sie zu degradiren. Die früheren Propinationsinhaber haben sich nicht entblödet, nach Ablösung der Branntweinpropination durch das Land an die Stelle der Juden als Pächter dieser Gerechtsame einzutreten, wobei sie verschiedene Modalitäten einhielten: entweder sie pachteten das Gefälle unter eigenem Namen und gaben dann einzelne Districte gegen hohes Aufgeld an Juden in Subpacht, oder sie ließen Juden für sich licitiren, behielten aber das Pachtobject im eigenen Betrieb. Dies thaten und thun besonders die Vornehmen, die nicht offen in Wettbewerb mit anderen geringeren Bewerbern treten wollen. Der galizische Landesausschuß seinerseits hat, in väterlicher Sorge um das Wohlergehen aller Theile der dortigen Bevölkerung, ohne Unterschied des Stammes und der Religion, innerhalb des ärarischen Salzmonopols ein Landesmonopol angestrebt und es unter dem verwichenen Finanzminister Steinbach auch erhalten, indem der Bezug des Salzes dem Landesausschuß allein zusteht. Das vorgebrachte Motiv für diese Einfriedung der Salzabgabe war die Verwohlfeilung des Salzes für die Consumenten. Keine Spur von Billigkeit! Im Gegentheil ist das Salz zeitweilig und stellenweise sogar theuerer, aber der gewonnene Vortheil ist der, daß der Verschleiß Edelleuten und christlichen Bürgern übertragen wurde, die Juden dagegen depossedirt werden konnten. Alle Eingaben von Privaten, Vereinen, Gemeinden und Handelskammern gegen diese Beschränkung blieben erfolglos. Nebenbei sei bemerkt, daß der galizische Landesausschuß bei dieser Affaire ein schlechtes Geschäft gemacht habe, da er zweimal namhafte Defraudationen erlitt. Für den Verkauf von Maaren des täglichen Bedarfes, die raschen Absatz finden und keine genaue Kenntniß der Bezugsquellen, der Qualität und der Behandlung erfordern, wie Nahrungs- und Genußmittel, Beleuchtungsgegenstände :c., sind in den meisten Städten größere oder kleinere Handelsvereine polnischer oder ruthenischer Marke etablirt worden, für deren Prosperität einflußreiche Personen, Beamte, Lehrer, Geistliche mit regen Eifer einwirken und die Devise der Antisemiten: „Kaufet nur bei Christen!" ins Slavische übersetzen. Ein Gleiches gilt beim Gewerbestand. Auch auf diesem Gebiet wird der arme Jude bekriegt und besiegt. Er wird zu keiner Lieferung zugelassen, seine Arbeit wird verschrieen; die besseren Häuser sind dem israelitischen Handwerker verschlossen, auch die — der reichen Juden! In den Communalschulen findet man keine jüdischen Lehrer, in den Aemtern keine jüdischen Diurnisten, in den Sicherheitswachen keine jüdischen Polizeimänner, in der Feuerwehr keine jüdischen Löschmänner, blos in den Steuerämtern jüdische — Zahler. . So sind in Galizien, aber leider auch in anderen österreichischen Kronländern, dem Juden die meisten NÜhrquellen verstopft und er blos auf kleine, stagnirende Rinnsale angewiesen. Was Wunder, wenn Noth und Elend unter den polnischen Juden überhandnehmen und ihr Hilferuf immer lauter, immer jämmerlicher wird? Unter 700.000Menschen mindestens 500.000 Bettler! . Wenn zur Zeit, als Freiherr von Hirsch seine großartige Stiftung von zwölf Millionen Francs zu Gunsten jüdischer Volksschulen in Galizien creirte, die socialen Verhältnisse in diesem Land so trostlos gewesen wären, wie sie es gegenwärtig sind, er hätte ohne Zweifel die für Schulzwecke ausgewachsene Summe von 6,980.000 Gulden, aus welchen gegenwärtig etwa vierzig Lehranstalten erhalten und subventionirt werden, zu Jndustrieen verwendet, bei denen jüdische Hände Arbeit fänden. Denn so löblich auch die Gründungen zur Verbreitung des Volkswissens sein mögen, so edel auch die großangelegte That ist — sie dienen eigentlich meist zur Entlastung der Gemeinden, deren Pflicht es ist, für den primären Unterricht der zuständigen Kinder zu sorgen, zumal die Vortragssprache in den Hirsch-Schulen ebenfalls die polnisch: ist. Hätten wir jetzt einen Philantropen von: Können und Wollen des seligen Barons Moritz Hirsch und eine Summe, wie er sie damals den Juden in Galizien legirte, wie viel Gutes könnte den bedrängten und bedrückten, in der: pitoyabelsten Verhältnissen um ihre armselige Existenz ringenden Brüdern da draußen im Osten des Reiches geleistet werden! Nicht durch Almosen, sondern durch Ermöglichung ehrlichen Broterwerbes kann und soll den dortigen Juden dauernd geholfen werden. Tie dreißigtausend Gulden, welche die Baron Hirsch-Wohlthätigkeitscomites allmonatlich an Unterstützungen zu vertheilen pflegten, schufen nur ephemere Erleichterungen für Personen oder Familien und haben auch in Folge leidiger Protectionswirthschaft aufgehört. Dauernde Hilfe, eine Sanirung der jetzt so argen Verhältnisse kann nur durch stabile Arbeit geschaffen werden. Tie Juden Galiziens sind entschieden keine Faulenzer wie die Lazzaroni Neapels, sind nicht verweichlicht wie die Türken im Jstorgenlande; sie sind blos gezwungenerweise Müssiggänger aus Mangel an Beschäftigung, wie sie ehemals gezwungenerweise Wucherergewesen aus Mangel anderer Erwerbe, die ihnen verschlossen waren. In dem kleinen ostgalizischen Städtchen Gliniany, wo ein Geistlicher die Leinweberei unter ihnen einsührte, sind sie geschickte Weber, wie sie anderwärts geschickte Schlosser sind. Als in Brody noch die Flachsspinnerei bestand, arbeiteten tänderte junger Mädchen für einen Lohn von 15 bis 20 reuzer zwölf Stunden täglich. In der Papierfabrik zu. Sassow arbeiten sie für einen gleich niederen Taglohn, einen gleich langen Tag im staubigen und stinkenden Hadernsaal. Die Wasserträger in Brody und Zloczow versorgen eine zahlreiche Familie über steile, enge und finstere Treppen mit dem ganzen Wasserbedarf für fünfzig Kreuzer monat-