Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 47 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 867 Budapest. In verhältnißmäßig kurzer Zeit dürfte der alte jüdische Friedhof nächst der Waitzrerstraße geräumt werden. Viele Angehörige der dort ruhenden Tobten lassen bereits die Exhumationen, beziehungsweise neuerliche Bestattungen aus dem Central-Friedhofe successive besorgen, was auch sehr empsehlenswerth erscheint, nachdem bei einer allgemeinen Exhumation angesichts der massenhaften Gräber dieser Act der gebotenen Pietät kaum in entsprechender Weise vorgenommen werden könnte. Feuilleton. Drr Letzte. Erzählung von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". (Schluß.) Eine auf Befehl der Kaiserin eingeleitete Specialuntersuchung ergab, daß das E'er Criminalgericht schon in mehreren Fällen nicht erfolgvoll vorgegangen war, und die Mitglieder desselben daher nicht die gehörige Eignung zu dem wichtigen Amte, das ihnen anvertraut worden war, besaßen. Natürlich waren sämmtliche Räthe mit dem Aufgebote aller ihrer Kräfte. bemüht, die volle Verantwortlichkeit für die begangenen Fehler auf den vorstorbenen Bürgermeister Purkhammer zu wälzen; allein sie vermochten denn doch nicht die über ihnen schwebende Gewitterwolke zu zerstreuen. Die beiden ältesten Criminalräthe wurden mit einem sehr kleinen Ruhegehalte pensionirt, zwei andere wurden strafweise in eine andere Beamtencategorie versetzt, wo sie weniger schädlich wirken konnten, zwei der jüngsten warteten das Ende der Untersuchung gar nicht ab, erbaten sich den Abschied und traten als Patrimonialbeamte in den Dienst von Cavalieren, die ihre Bauern gerne in scharfer Zucht hielten. Albrecht Globner, der sich ebenso als gewissenhafter wie als fähiger Beamter erwiesen und Sonnenfels' Aufmerksamkeit erregt hatte, war von diesem empfohlen und bei der Neubesetzung der Stellen bei dem E'er Gerichte zum Criminalrathe ernannt worden. Da nun Agathen's Vormund gestorben, stand der Verbindung der Liebenden nichts entgegen und die beiden wurden — nachdem sie aus Rücksicht für die Welt — ein halbes Jahr nach dem plötzlichen Ableben Purkhammer's gewartet hatten — ein glückliches Paar. — Als Criminalrath Globner ein Jahr nach seiner Hochzeit „seinem hohen Gönner und unerreichbaren Vorbilde" den „hochwohledel geborenen Herrn Regierungsrath und Professor Josef von Sonnenfels" die Geburt seines Erstgeborenen anzeigte, theilte er ihm auch gelegentlich mit, daß seine Vermuthung: Purkhammer habe das Vermögen seiner Mündel angegriffen, richtig gewesen. Das Capital von hunderttausend Gulden, das Agathe von ihrem Vater geerbt, hätte sich in vierzehn Jahren bei regelmäßiger Verzinsung verdoppeln müssen, allein zu dieser Summe fehlten nicht weniger als siebzigtausend Gulden. Abraham Duppau war eine kerngesunde, kräftige Natur, die sich bei der außerordentlich liebevollen Pflege, welche ihm Frau und Familie angedeihen ließen, — wenn auch nicht allzuschnell — von den erlittenen, schweren Mißhandlungen erholte. Das ueueingesetzte Gericht hatte ihm aus der Verlassenschaft des Claudy Rodler und des Dr. Wallhruck, welcher durch Irreführung des Gerichtes Duppau's Unglück verschuldet hatten, eine namhafte Summe als Entschädigung zugesprochen. Allein Duppau war ein wohlhabender Mann und fühlte sich durch seine wunderbare Rettung so zum Danke gegen Gott verpflichtet, daß er sich nach genommener Rücksprache mit seinem Jugendfreunde, dem Kreisrabbiner, und seinem braven Weibe, die ihm ihre rührende Treue in dem bittersten Moment seines Lebens in so glänzender Weise bewiesen hatte, entschloß, den namhaften Betrag einem wohlthätigen Zweck zuzuwenden. In dem Dorfe Luck bestand seit undenklichen Zeiten bis in die Gegenwart, ein für jene Periode beispiellos schönes, friedliches Zusammenleben der christlichen und jüdischen Bevölkerung; und eines Tages erschien Abraham Duppau in Begleitung des Schulzen bei dem würdigen Pfarrer, um ihm die Hälfte der empfangenen Entschädigungssumme für die christlichen Armen des Pfarrsprengels zu überreichen; die andere Hälfte hatte er dem Kreisrabbiner und dem Genieiudevorsteher zur Bertheilung au dürftige Glaubeusgeuossen übergeben. — Eine so große Gabe erschien zu jener Zeit, wo wenig Wohlstand herrschte, als eine ungewöhnliche und erhöhte die Liebe und das Wohlwollen, die Jedermann dem noch vor Kurzem unschuldig so schwer Verfolgten entgegenbrachte. Am Jahrestage seiner Rettung feierte er ein Familienfest. Er beschenkte wieder die Annen und lud am Abend seine Freunde zu einer Mahlzeit. Aber dieses Fest wurde in einer so glanzvollen Weise verherrlicht, wie er dies gar nicht zu ahnen vermochte! Der Kreisrabbiner kam von seinem acht Wegstunden entfernten Amtsorte angefahren, um ihm seine persöulichen Glückwünsche zu überbringen, unmittelbar darauf erschienen der Pfarrer und der Oberamtmann in des Juden Duppau Wohnung, ein Ereigniß, daß die Annalen Luck's, seit Weltbestehen nicht zu verzeichnen gehabt hatten; — und alle drei Gäste nahmen an dem Festmahl Theil. Abraham Duppau war schon früher ein wohlhabender Mann gewesen, und jetzt vergrößerte sich sein Kundenkreis zusehends. Meilenweit strömten die Bauern herbei, um den „prafen Juden" zu sehen, „der bald sein zerrädert wurn wär'" und Jeder wollte etwas von ihm kaufen oder an ihn verkaufen. Als Kaiser Josef die Regierung antrat und das Tabaksmonopol einführte, verlieh er in Böhmen auch mehreren jüdischen Unterthanen Tabak- und Stempelverlage, darunter auch dem Lucker Schutzjuden Abraham Duppau, der deshalb seinen Wohnort wechseln mußte. Als unter Kaiser Joses die jüdische Bevölkerung neu conscribirt wurde und sich ordentliche Familiennamen (bisher hatten sie den Namen ihres Geburtsortes, ihres Standes, oder des Vaters Vornamen getragen) beilegen mußten, änderte auch Duppau den seinen. Der würdige Pfarrer erreichte ein hohes, gottgesegnetes Alter und wurde allgemein verehrt. Noch eilf Mal feierte er das Familienfest zur Erinnerung an Duppau's Rettung mit; und als er endlich, fast neunzig Jahre alt, starb, da weinten Abraham und Lea Duppau bei seinem Leichenbegängnisse, als hätten sie ihren Vater verloren! Joses von Sonnenfels' Name glänzt in der Geschichte Oesterreichs, in der Geschichte der Menschheit. Wir wüßten Niemanden, den wir als Menschenfreund ihm voransetzen könnten! Im Jahre 1779 erfolgte seine Ernennung zum Mitglied der Hofcommission in Gesetzsachen und als Referent der Studien- und Hofcommission; etwas später seine Beförderung zum wirklichen Hofrathe bei der vereinigten Hofkanzlei; und zum Bicepräsidenten der Hofcommission in politischen Gesetzsachen. Er starb zu Wien am 25. April 1817 in dem hohen Alter von 84 Jahren allgemein geachtet und tief betrauert! Briefkasten. Rosa Kohn aus der UI. Classe, XVII., Tornerplatz 7. Auch Sie sammeln Zigarrenspitzen und wissen noch nicht, für welches israelitische Wohlthätigkeitsinstitut. Vielleicht erhalten Sie, kleines Fräulein, eine directe Zuschrift. Herrn I. W.» Lemberg. Brandes ist eingetroffen. Große Ovationen erwarteten ihn. Bei feinem Vortrag anläßlich der Sobieskyfeier wirkte auch die jüdische Waisenkindermusik mit. Ehren- Vergani aber läßt sich berichten: „Auf jeden Fall ist der Jude Brandes aus Versehen jetzt in Lemberg ein gefeierter Mann. Morgen gibt der Statthalter Graf Pininskr ihm zu Ehren ein Tiner." Auch aus Versehen? U. A. w. g. Fogaras, Herrn Dr. Alexander Jordan. Wir müssen Ihren schönen Artikel „Wo bist du Bar-Lakifcha?" mit herzlichem Dank ablehnen. Wir würden von unseren Gegnern der Unbescheidenheit geziehen werden, wenn wir den Aufsatz veröffentlichten. Aufmerksamer Leser. Sie vermißten in den Berichten der Tageszeitungen über die Bertheilung der Auszeichnungen an die Personen, welche sich um die Abwendung der Pestgefahr von Wien verdient gemacht, die Constatirung der Anwesenheit des Tr. Max Mayer. Die Herren, welche den Hausknechtparagraphen im Rathhause so meisterhaft handhaben, sind auch in allen Fragen des Tactes, des Anstandes, der Schicklichkeit auf der vollen Höhe des — Antisemitismus. Dr. Mayer hat eine Einladung zu dieser Feier nicht erhalten, wurde von Dr. Klimesch verständigt, jedoch nicht zugelassen. Tie ihm von allerhöchster Stelle zutheil gewordene Würdigung seiner Verdienste wird ihn reichlich schadlos halten für die entgangene Ehrung durch einen Mann, welcher der modernen ärztlichen Wissenschaft gegenüber vollständig auf dem geistigen Niveau Gregorig's steht.