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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
Date
1898-11-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 862 Dr. Vloch'» Wochenschrift Nr. 47 Saales vor Applaus erzittert und die Orgel, gleich der heute bereits erwähnten Aeolsharfe, vor eitel Lust und Freude mitgesungen und mitgeklungen, als Herr Dr. Sieger mit den Ausdrücken bittersteu Tadels gegen das bisherige schwachmütige Vorgehen des Cultusvorstandes die Wählerschaft dazu haranguirte, gegen Bedrückungen des Judenthums in politischer Beziehuu die allerschärfsten Maßregeln zu ergreifen. Und heute vernehmen wir aus dem Munde des nämlichen Redners eine matte Vertheidigung der gleichen Männer, welche er vor Jahresfrist angegriffen hat, da doch der Cultusvorstand mit wenigen Ausnahmen noch jetzt aus denselben Mitgliedern besteht, die anläßlich der ersten Ncuconstituirung das Vertretercollegium gebildet haben. (Lebhafter Beifall.) Im Uebrigen, meine Herren, sagt Redner, bin ich im Begriffe, Ihnen eine vielleicht unerwartete Ueberraschung zu bereiten. Aus den Tempelvereinen hervorgegangen, habe ich mich vor zwei Jahren anläßlich der Aufstellung meiner Candidatur in der heftigsten Gegnerschaft zum Cultusvorstande befunden. Begründet war diese oppositionelle Haltung in der, in meiner damaligen Eigenschaft als Obmann eines hiesigen großen Bethausvereines gewonnenen Erfahrung, daß diesen wichtigen Organisationen seitens der Centrale nicht jeneObsorge und nicht jeneförderlichen Intentionen entgegen gebracht werden, auf welche die Bethausvereine vermöge ihrer schätzeuswerthen und eifrigen Bethätigung, den gewichtigen Interessen der in den Vorstädten wohnhaften Glaubensgenossen zu dienen, das Anrecht haben. Bestärkt war diese mißliche Erfahrung überdies in der gleichartigen Stellungnahme aller hierortigen Tempelvereine, die in zahlreichen Versammlungen diesen Empfindungen nachhaltig Ausdruck verliehen und demgemäß eine kräftige Agitation entfalteten, um eine wesentliche Verbesserung dieser betrüblichen Verhältnisse herbeizuführen. Der Wahlerfolg war leider für die Tempelvereine nicht günstig ausgefallen; nur eine fast verschwindende Anzahl konnte innerhalb des Collegiums einen Vertreter unterbringen. Und doch, meine Herren, sind seit damals die Verhältnisse, wenn auch nicht ganz' anders, immerhin etwas besser geworden, indem der Cultusvorstand durch die Erkenntniß, daß die Querelen und Desiderien der Tempelvereine in den obwaltenden Umständen durchaus gerechtfertigt sind, schließlich damit angefangen hat, den Bestrebungen dieser Vereine ein größeres Augenmerk zuzuwenden und dieselben in der Erfüllung ihres Wirkungskreises durch größere Subventionen und durch angemessene Beiträge zu eigenen Tempelbauten zu unterstützen. Weniger aber scheint die Geneigtheit zu bestehen, der durchaus tristen und wirklich beklagenswerthen Lage der Bediensteten dieser Tempelvereine durch einen hilfsbereiten Beistand zu begegnen. Daß aber die Tempelvereine vollauf berechtigt sind, an den Cultusvorstand dahingehende Ansprüche zu stellen, und daß audererseits der Cultusvorstand diesen Verpflichtungen sich nicht entziehen darf, zeigt, um dies nicht blos mit Worten, sondern mit ziffermäßigen Thatsachen zu belegen, der Gebahrungsausweis der Cultusgemeinde über das letzte Jahr und der Vergleich zwischen dem Ergebniß desselben mit der vorangegangenen Jahresperiode. Während die Zahl der Steuerträger um kaum 0’3 Procent zugenommen hat, hat nämlich die Steuerleistung, der jüdischen Bevölkerung in ihrer Gesammtheit um mehr als 80 Procent zugenommen, was pro Kopf der Bevölkerung eine Steigerung der Belastung auf nahezu das Doppelte bedeutet. Bei einem Virement der Cultus gemeinde von mehr als zwölfmalhunderttausend Gulden darf daher eine Corporation, welche die größte Gemeinde des Reiches vertritt, nicht kleinliche Sparsamkeitsrücksichten vorschützen, um sich davon abhalten zu lasten, so wichtigen Gliedern der Gemeinde, wie es die Bezirksorganisationen sind, in der Erfüllung ihrer Aufgabe unter die Arme zu greifen. Erfreulich ist es aber immerhin, wenn diesmal, was vielleicht in den Annalen der Cultusgemeinde noch nicht dagewesen war, der Vorstand in der Hauptwahlversammlung die Gelegenheit wahrnimmt, den Tempelvereinen und ihren Vertretern öffentlich den Dank für ihr erfolgreiches und mühevolles Wirken auszusprechen. (Allseitiger Beifall.) Beachtenswerth ist es ferner, daß die diesmalige Wahlbewegung sich sehr intensiv gestaltet hat, obzwar nur eine geringe Anzahl von Stellen neu zu besetzen ist, und die Intensität der Agitation geht so weit, daß gegenwärtig schon mehr Wahlcomit6s als Candidaten zu zählen sind. (Heiterkeit.) Es ist nun begreiflich, daß jedes dieser Wahlcomitäs einen gewissen Ehrgeiz hat, mit Programmen heranszurücken, welche den Candidaten zur Richtschnur vorgeschrieben werden sollen, und es fragt sich nur, ob es den Bewerbern möglich sein wird, diese Fülle von Gesichtspunkten, die dabei zur Geltung gelangen, auch zur Durchführung zu bringen. Im Allgemeinen kann aber hinsichtlich dieser Prograuimpunkte gesagt werden, daß auch der Cultusvorstand, wie aus seinem Jahresberichte hervorgeht, sich mit denselben Anregungen zumeist bereits beschäftigt, indem er vor Allem sowohl bezüglich der Wahl-, sowieder Steuerreform, der Organisirung der österreichischen Judenschaft, der Verbesserung der Armen- und Wohlthätigkeitspflege jene Neuerungen anzubahnen im Begriffe ist, die ihm so vielfach und in so dringlicher Weise nahegelegt werden. Sie sehen, meine Herren, daß ich mit der Anerkennung, dort, wo sie am Platze ist, gewiß nicht zurückhalte, und daß es mir vollkommen ferne liegt. Verdienste zu schmälern, die sich der Cultusvorstand neuestens thatsächlich erworben hat. Ein Programmpunkt scheint wir aber allseits übersehen worden zu sein, und dies ist die Forderung nach einer gründlichen Verbesserung des gegenwärtigen Statuts (Lebhafter Beifall), das ich, gewiß mit Berechtigung, als ein leoninisches bezeichnen möchte, weil es dem Cultusvorstande lauter Rechte, den Gemeindegenossen jedoch nichts als Pflichten auferlegt. (Erneuerter Beifall). Denn es ist unerhört und durchaus unzureichend, daß 136.000 jüdische Seelen von blos 24 Köpfen vertreten werden. Die vorgerückte Zeit und der Umstand, daß ich so spät zum Worte gelangte, zwingen mich, früher zu schließen, als ich eigentlich möchte, da ich der geehrten Versammlung noch gar Vieles zu sagen hätte. Aber eines Momentes will ich nicht vergessen und das sind jene Bestrebungen, die wir von dem Wortführer des Zionismus aussprechen gehört haben und die mir viel zu weit gegriffen erscheinen. Trotz der Zurücksetzungen, die wir zu erfahren haben, glaube ich, sollten wir treu an unserem angestammten Vaterlande hängen und uns davor hüten, mit jenen politischen Parteischattirungen in eine Parallele gestellt zu werden, die, über die Grenze ihres Heimatlandes hinausschielend, die staatsbürgerliche Zersetzung predigen. (Beifall und Händeklatschen). Ueberhaupt meine ich. daß es nicht gut angeht, innerhalb des Cultusvorstandes das Rößlein der hohen Politik zu tummeln, vielmehr halte ich als die oberste Ausgabe dieser Behörde — und nichts anderes soll die Gemeindevertretung sein — zuvörderst den Cultus und das Armenwesen zu pflegen und zu hegen, dies aber unbeschadet der Verpflichtung, dort, wo es nothwendig ist, den Angriffen unserer Widersacher muthig und kräftig entgegenzutreten und gehässige Anfeindungen abzuwehren. Wenn Sie, meine Herren, der Ansicht sind, daß innerhalb des Vertreter-Collegiums Platz ist für einen Mann, der von diesen Bestrebungen und Gesinnungen erfüllt ist, der es mit seinem Judenthum ehrlich meint und willens ist, sich der Förderung jüdischer Interessen zu widmen, dann stelle ich der geehrten Wählerschaft gerne meine Person zur Verfügung mit dem schlichten, jedoch die Kraft eines Gelöbnisses annehmenden Versprechen, daß ich mich des Vertrauens, um welches ich Sie bitte, würdig erweisen werde. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Herr Commercialrath Stiaßny spricht dem Vorstande den Dank für seine mühevolle und umsichtige Thätigkeit aus. Herr Sigmund Mayer vertritt in einigen auf die Ausführungen des Herrn Dr. Heinrich Sieger bezüglichen Bemerkungen den Standpunkt der „Oesterreichisch-JsraelitischenUnion". Nachdem noch die Herren Sigmund Kanders, Alexander Vogel, Sigmund Spitz, Leopold Weiß, und Rudolf Fuchs ihre speciellen Wünsche und Anschauungen vorgebracht und ausführlich vertreten hatten erklärte der Vorsitzende, Herr kaiserl. Rath K l i n g e r, nm 10 Uhr die Versammlung für geschlossen. Correspondrnzen. Wien. (Israelitischer Frauen-Wohlthätigkeits- Berein im VIII. Bezirk der Stadt Wien.) Dieser überaus rührige humanitäre Verein veranstaltet Mittwoch den 30. d. M. 4 Uhr Nachmittags im Ronacher-Saale seine diesjährige Kinderbetheilung' bei welcher 100 Kinder vollständig mit Winterkleidern versehen werden. Außerdem hat der Verein, an dessen Spitze ein außerordentlich fleißiger Vorstand steht, in diesem Jahre zur Erinnerung an weiland Kaiserin Elisabeth das erste Wiener Reconvalescentcuhcim für arme jüdische Frauen und Kinder geschaffen und findet die constituirende Generalversamm-

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