Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 860 Vr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 47 Humanitäts-Institution eine längere Reise nach dem Orient zu unternehmen. (Beifall.) Wenn mich Ihr Vertrauen in den Vorstand der Cultusgemeiude beruft, so wird diese ehrende Nachricht mich vielleicht auf einem Boden erreichen, der durch die Tradition des Judenthumes geweiht ist. (Beifall und Händeklatschen). Dieses Vertrauen dann auch zu rechtfertigen, wird mein eifrigstes Bestreben sein." (Anhaltender großer Beifall und Händeklatschen. — Redner wird beglückwünscht.) Der Präsident des politischen Volksvereines, Dr. Herrmann Fialla von allfeitigem lebhaften Beifall begrüßt: „Hochgeehrte Versammlung! Der doppelten Aufgabe gewidmet : einer kurzen Rückschau in die jüngste Vergangenheit und eines klaren Ausblickes in die unmittelbare Zukunft ist diese Versammlung zusammengetreten, wohl nicht zahlreich genug, um als Ausdruck der Werthschätzung zu gelten, deren sich der Cultusvorstand in unserer Bevölkerung erfreut. Fünf Minuten der heute dem Redner gegönnten Sprechdauer dem Rückblicke widmend, wende ich mich der letzten Wählerverfammlung zu, welche an dieser Stätte stattgefunden hat, und in welcher ich die Ehre hatte, im Vereine mit Gesinnungsgenossen jenes grundlegende Wahlprogramm aufzustellen, kraft dessen neue Mitglieder in den Vorstand getreten sind. Prüfen wir nun, was von den Forderungen, welche jenes Programm enthalten hat, innerhalb der letzten zweijährigen Thätigkeit des Vorstandes zur Erfüllung gelangt ist? Betrachten wir die Punkte, welche damals aufgestellt wurden und welche insbesondere in dem Verlangen nach Reform der Grundlage und einzelner Punkte des Statuts gipfelten, so müssen wir mit Bedauern wahrnehmen, - daß in dieser Richtung auch nicht die Anfänge einer Thätigkeit zu erblicken sind. Wir haben aus dem officiellen Rechenschaftsberichte nicht entnehmen können, daß bezüglich jener Punkte des Programmes, welche eine Aenderung der Gemeindeverfassung in dem Sinne verlangten, daß die Anzahl der Vorstandsmitglieder erhöht, daß der Wahlcensns herabgesetzt und dadurch der großen Menge der Gemeindemitglieder die Mitwirkung uild Theilnahme an dem Gemeindewefen ermöglicht werde, — daß bezüglich dieser Punkte eine thatkräftige Initiative in dem Vorstande platzgegriffen habe. Rücksichtlich jener Fragen, die wir im Interesse einer gerechten Steuervertheilung in Anregung brachten, nämlich mit dem Systeme zu brechen, welches auf schwankender und häufig ungerechter Einschätzung der einzelnen Mitglieder beruht, — finden wir Ansätze zu einer fortschrittlichen Entwicklung, indem der Bericht bekundet, daß der Vorstand sich mit jener von uns verlangten Umgestaltung befasse, vermöge deren an der Hand und, dem Principe der staatlichen steigenden Perfonaleinkommensteuer entsprechend, auch eine gerechte Steuervertheilung in dem jüdischen Cultuswesen platzgreife, gleichfalls im Wege einer progressiven Einkommensteuer, welche sich der staatlichen in billiger Weise anznschließen hat. Wir haben auch einen Fortschritt, oder doch die Elemente eines solchen zu verzeichnen im Armenwesen, in dem über Anregungen, welche in dem Berichte erwähnt werden, eine Enquete stattgefunden hat, deren Ergebnissen wir allerdings noch entgegensehen. Wir wollen aber nicht verkennen, daß Thatsachen und Fortschritte auf diesen Gebieten zur Reife zu bringen, leichter gewünscht als vollbracht ist, weil hierzu nicht nur Thätigkeit, sondern auch jene Verfügung über Mittel gehört, deren die Gemeinde jetzt zu unserer großen Beschämung noch ermangelt. Würde die vorhin erwähnte Steuerreform wirklich zur Durchführung gelangen, dann ist es keinem Zweifel unterworfen, daß das Princip der gerechten Vertheilung auch hier reiche Früchte tragen, das Einkommen der Gemeinde vermehren, die Gemeinde selbst auch zur Durchführung ihrer Aufgaben mehr befähigen würde. (Lebhafter Beifall.) Es wäre noch eine Reihe von Administrativ- und Verfassungsfragen der Prüfungswerth, doch muffen wir uns erinnern, daß, so wenig groß unsere Zahl, so gemeffen unsere Zeit ist. Ich gelange sonach zu den zweiten fünf Minuten (Heiterkeit), welche dem Ausblicke in das unmittelbar Bevorstehende gewidmet sein sollen. Das, was uns beschäftigt, sind die Vorstandswahlen, an deren Vollzug wir zu schreiten im Begriffe sind. Was immer von den Erfordernissen eines Candidaten gesprochen wird, es gibt elementare Voraussetzungen, über die zu reden überflüssig wäre; daß die „reinen Hände", deren hier ge-- dacht wurde, jedem selbstverständlich erscheinen, daß ein hoher Grad von Einsicht, Arbeitslust, Arbeitswille und Arbeitszeit erforderlich ist, das glaube ich, ist dermaßen unsere Ueberzeugung. geworden, daß es unnütz erscheint, eine Wählerschaft mit der Darlegung dieser Elementarbegriffe zu beschäftigen. (Lebhafter Beifall.) Was wir aber, geehrte Herren, in einem Programme vermissen, welches in der letzten Zeit sich auffällig an die Wählerschaft herangedrängt hat, das ist der Hinweis auf jenes principielle und vitale Element, ohne dessen Besitz und Pflege keine Gemeinde gedeihen kann, das ist der jüdische Geist, das jüdische Empfinden, das Gefühl, Jude im besten Sinne des Wortes zu sein. (Stürmische Zustimmung.) Wer Ihnen, sehr geehrte Herren, dieses Erforderniß in den Hintergrund stellt oder in seinem Programme gar verschweigt, der ist mit großem Mißtrauen zu behandeln, mag er sogenannter „Führer" oder Empfehlender, mag er Candidat und Empfohlener ^ein.. Wenn wir die Gesammtstimmuug beobachten, in welcher sich das Judenthum befindet, geehrte Versammlung, so gewahren wir einen Zwiespalt, den wir nicht übersehen dürfen. (Hört! Hört!) Es ist der Zwiespalt zwischen einer großen Partei des Judenthums, welche demselben das bevorstehende Ende verkündigt, und jener großen Partei des Judenthums, welche sich ein Ende desselben überhaupt nicht vorzustellen vermag, welche in dem Judenthum eine welthistorische That erblickt, die dauern soll und dauern wird bis an das Ende aller Zeiten. (Stürmischer Beifall.) Und welcher Jude, geehrte Herren, dieses letzteren Sinnes nicht ist, der ist überhaupt kein Jude, der gehört jenem allgemeinen Weltbürgerthum an, welches die Confessionslosigkeit überhaupt predigt, und welches zu Allem eher berufen erscheint, als dazu, das Judenthum zu schützen und zu erhalten. (Beifall und Händeklatschen.) Wer dem jüdischen Empfinden ferne steht, der ist ein Schädling des Jndenthums, dessen Absterben er fördert und dessen Verfall er beschleunigt. Und sehen Sie, meine Herren, das ist kein idealer Standpunkt; dieser Standpunkt hat vielmehr seine bedeutsamen, praktischen Folgen und Wirkungen. Nur ein jüdischer Gemeindevvrstand, zusammengesetzt aus Mitgliedern, welche durchdrungen sind von der Hoheit und Ewigkeit des Judenthums, ist überhaupt im Stande, seine große Aufgabe zu erfüllen, den Cnltus zu pflegen, das Judenthum zu fördern. (Stürmischer Beifall.) Geehrte Herren! In diesem Sinne kennzeichne und erfasse ich die Aufgabe des Vorstandes: er werde der Führer nicht der Judenheit allein, wie ich schon vor zwei Jahren entwickelt habe, er werde, seine Aufgabe pon einem höheren. Gesichtspunkte auffassend, der Führer der öffentlichen Meinung des I u d e n t h u m s im Geiste seiner erhabensten Traditionen (Brausender Applaus.) Er züchte nicht und unterdrücke vielmehr das Aufstreben und das Walten jener Elemente in der Gemeinde, die das Judenthum gering schätzen und die sozusagen „c o n f e s sio nsl o s e Juden" sind. (Lebhafter Beifall.) Das, meine Herren, ist es, was mir auf dem Herzen gelegen ist, was auszusprechen ich das Bedürfniß hatte. Denn nur diesem Triebe des Herzen folgend habe ich die Tribüne betreten, und nicht als Candidat, der ich zu sein nicht die Absicht habe. (Allgemeiner Widerspruch! Warum? Wir wollen es!) Ich fühle mich veranlaßt, diese Erklärung zu wiederholen wie vor zwei Jahren, als ich in der gleichen Lage war, dem Beifalle meiner verehrten Glaubensgenossen gegenüber zu erklären, daß ich die Zeit für mich noch nicht gekommen erachte, um ein Mandat anzunehmen, daß ich mir Vorbehalte, meine bisherige Thätigkeit weiter zu entwickeln, und den Interessen des Judenthums wie bisher und noch mehr wie bisher zu dienen, daß ich aber, so ehrend, so schmeichelhaft die V o l k e s st im m e ist, die mich zu berufen scheint, vorläufig dankend darauf verzichte und es noch nicht angemessen finde, meine freie Thätigkeit, mein freies, bescheidenes Schaffen durch die Fesseln und die Abhängigkeit eines Mandates einzuschränken. So bleibt mir nur die Bitte an Sie, geehrte Herren, die wohlgemeinten Worte, die ich aus meinem Herzen geschöpft habe, zu würdigen, Worte, die Ihnen ein dem Judenthum treu ergebener Freund, einer Ihrer treuesten Glaubensgenossen zugerufen hat. (Allseititiger, stürmischer, sich stets erneuernder Beifall und Bewegung.) sgs