Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ar 47 Vr. Bloch'» Wjöieuföjriit Seite 859 echte jüdische Pietät und Wohlthätigkeit zum glänzendsten Ausdruck gelaugt. Ich möchte nur hervorheben, daß der gegenwärtige Vorstand sofort am Beginne seiner Wirksamkeit das Princip ausgesprochen und verwirklicht hat, seine gesammte Thätigkeit unter die Coutrolle der Oeffeutlichkeit zu stellen, um stets in lebendigen Contact mit den Wählern zu bleiben. Diesem Principe entsprechend, hat der Vorstand in vielen wichtigen Fragen den Rath und die Beihilfe von Vertrauensmännern gesucht und wird auch in Zukunft dessen Bestreben dahin gerichtet sein, das Interesse sür die Geineindeangelegenheiten in immer weitere Kreise zu verbreiten und an die Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder heranzutreten, um diese zur Mithilfe in der Erfüllung der der Gemeinde obliegenden Verpflichtungen bezüglich des Cnltus, der Armenpflege k. heranznziehen. (Lebhafter Beifall.) Der Vorstand der jüdischen Cultnsgemeinde Wiens, welcher zur Führerschaft sämmtlicher Gemeinden Oesterreichs berufen ist, hat große, über die gewöhnliche Administration weit hinausreichende Aufgaben zu lösen. Der Vorstand hat mit offenem Blicke die Ereignisse des Tages zu verfolgen, die verschiedensten Strömungen mit Verständniß zu begreifen, den Wünschen und Beschwerden der Mitglieder zu lauschen und rastlos zu arbeiten, zu verbessern und fortzuentwickeln. Derselbe muß jedoch auch conservativ in der edelsten Bedeutung des Wortes sein, er hat die in unserer Gemeinde herrschende Tradition, welche die neue Zeit mit der alten verbindet, heilig zu halten, dem Cnltus seine Würde und Schönheit zu wahren, den Religionsunterricht zu pflegen, alle Institutionen, welche uns zur Ehre gereichen, in ihrem Bestände zu sichern und allen seinen Bestrebungen und Thaten jenen Adel und Vornehmheit einzuprägen, welche zu allen Zeiten den Stolz der Wiener Cultnsgemeinde bildeten. Von König David wird uns erzählt, daß derselbe über seinem Bette eine Aeolsharfe hatte, welche, wenn der Nordwind in dieselbe wehte, die herrlichsten Töne erklingen ließ. Auch durch den Lebensbanm des Judenthums, der in den Tiefen der Humanität und der Gerechtigkeit festwurzelt, weht ein eisiger, kalter Nordwind, der jedoch nicht im Stande ist, wenn auch hie und da ein welkes Blatt von demselben abfällt, ihn zu schädigen oder gar seine Triebkraft zu vernichten. Je heftiger der Sturm wüthet, desto reiner ertönt die Begeisterung für unseren angestammten Glauben, desto erhebender erklingt die Liebe, die Hingebung und die Opferfreudigkeit für unsere ererbte Religion. Es ist eine hehre Pflicht, diese Begeisterung stets wach zu erhalten, daß dieselbe auch dann nicht erlösche, wenn der Sturm vorüber und die Sonne der Humanität und der Gleichheit auch uns wieder ungetrübt erglänzt. In diesem Geiste will ich wirken, wenn Sie mir wieder Ihr Vertrauen schenken. (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Architekt Oskar Marmorek weist auf die bedrängte Lage der Inden im Allgemeinen hin und sagt unter Anderm Wien sei das letzte Refuguum jener armen galizischen Inden, denen in ihrer Heimat die Existenz unmöglich gemacht wird. Man mußte auf Mittel sinnen, wie dem Elend der Juden abgeholfen werden kann, und der Vorstand dürfe sich nicht auf administrative Aufgaben allein beschränken. Der Vorstand müsse ferner darauf bedacht sein, den jüdischen Geist in der Jugend zu wecken und zu erhalten, die Jugend für das Judenthum zu begeistern. Auf dem Gebiete der Schule, der Armenpflege und der Stellenvermittlung müsse Positives geschaffen werden. Der Redner streift das zionistische Programm und greift den O lerrabbiner der Wiener Gemeinde an. Diese Ausführungen . erregen lauten Widerspruch und der Präsident sieht sich genöthigt, den Redner zu ersuchen, den Oberrabbiner nicht in die Debatte zu ziehen. Er schließt nach wiederholten Unterbrechungen seitens der Versammlung. Herr Emil Horner (mit lebhaftem Beifall begrüßt): „Meine Herren! Seit mehreren Decennien bin ich einerseits in der Finanzbranche thcitig, andererseits Verwalter und Executiv-Organ der reichen traditionellen Wohlthätigkeit des Hauses, dem anzugehören ich die Ehre habe. (Beifall.) Aus dieser Thätigkeit, die mich in vielfache Berührung mit dem verehrten Cultusvorstande gebracht und die mich auch sehr wichtige Interessen der Wiener Judenschaft kennen und würdigen gelehrt hat, haben zahlreiche Mitglieder der Cultnsgemeinde die Ansicht geschöpft, daß ich geeignet wäre, in den Vorstand der Cultnsgemeinde einzntreten (Lebhafter Beifall), und haben mir die Anregung gegeben, mich um eine Stelle im Vorstande zu bewerben. Meine H e r r e n! Ich bin mir wohl bewußt, welch' große Anforderungen an Zeit, Mühe und Opferwilligkeit an den Cultusvorstand und an jedes einzelne Mitglied gestellt werden; ich weiß aus meiner Berührung mit dem Cultusvorstande, was in dieser Stellung gearbeitet wird und gearbeitet werden muß! Gleichwohl habe ich dieser Anregung gerne Folge gegeben, weil ich es bei den heutigen schweren Zeiten, bei der Bedrückung, unter welcher die Judeufchaft zu leiden hat, als meine Pflicht ansehe, mein bescheidenes Können meinen Glaubens- und Stammcsgenossen zur Verfügung zu stellen. (Beifall.) Wenn ich demnach als Candidat vor Sie, meine Herren, hintrete und, — dem eigenen Drangs gehorchend, nicht der Noth — Ihnen ein Motto für meine Thätigkeit geben soll, kann ich eine gewisse Befangenheit nicht meistern. Auf meinen Lippen hat sich die Göttin der Beredsamkeit keinen Tempel erbaut, das ersehen Sie aus den zarten Beziehungen zu meinem Concept. (Heiterkeit.) Ich bin kein Mann der Rede, ich bin aber auch — und hierin liegt schon ein Stück Programm — kein Mann des Redens. (Bravo! Bravo!) Ich habe bisher stille, schlichte, ehrliche Arbeit zu meiner Devise erkoren, und so will ich es auch weiter halten. (B.'ifall und Händeklatschen.) Sie werden mir es sonach erlassen, Ihnen die Details meines Programms in weitläufiger Weise zu entwickeln. Ich war von jeher bemüht, den Pnlsschlag des Wiener Judenthums zu vernehmen, und kenne die Wünsche, die seit längerer Znt, und insbesondere aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen in der Wählerschaft laut geworden sind; ich kenne auch das Programm, das von mehreren Vereinigungen ans Anlaß der bevorstehenden Wahlen aufgestellt wurde und kann nur betonen, daß mir dieses Programm sehr sympathisch ist, (Lebhafter Beifall) wobei ich jedoch nicht unterlassen kann, hervorzuheben, daß sich die zunächst anzustrebenden Zwecke immer nach den gegebenen Mitteln richten müssen. Meine Hauptthätigkeit würde selbstverständlich auf dem Gebiete der Armenpflege liegen (B.'ifall), denn damit bin ich, wie erwähnt, auf meiner eigensten Domäne (Bravo! Bravo!), auf der ich, — wie meine Freunde behaupten — zahlreiche fruchtbare Anregungen gegeben und zahlreiche Erfolge aufzuweisen habe. Ich bin seit Jahren Mitglied des Vorstandes der altehrwürdigen Chewra - Kadischa, der Mutter unserer Gemeinde, der Israelitischen Allianz, des Handwerkervereines und mehrerer anderer Vereine; gewiß ein Zeichen dafür, daß ich eine Vorschule zu dem Ehrenamts eines Cnltusvorstandes durchgemacht habe —, andererseits aber auch ein Zeichen dafür, daß ich mein jüdisches Herz nicht erst in jüngster Zeit ans Anlaß der Wahl entdeckt habe. (Großer Beifall.) Bezüglich meiner Auffassung der Armenpflege erlaube ich mir besonders hervorzuheben, daß ich die Zwecke, die das erwähnte Programm in dieser Richtung aufstellt — eine weitgehende Jndividuälisirung der Armenpflege — als das vor Allem Aufstrebenswerthe immer angesehen und in diesem Sinne auch stets gehandelt habe. (Beifall.) Meine Herren! Die besonders starke Bewegung, die sich anläßlich der bevorstehenden Wahlen äußert, hat mir zum Denken gegeben — ich ersehe daraus, daß von dem Cultusvorstande viel und lebhaft gefordert wird; ich ersehe daraus auch, daß man Gewicht darauf legt, daß der Cultusvorstand nicht nur ein Verwalter des Gemeindevermözens, sondern auch ein Schützer und Hüter der materiellen und geistigen Interessen des Judenthums in jeder Richtung sein möge (Zustimmung); eine Auffassung, der meines Wissens der Cultusvorstand bisher auch gehuldigt hat und der auch ich mich voll und ganz anschließe. Ich sehe in dieser lebhaften Wahlbewegung aber auch ein Symptom, einen Ansatz zu jener Solidarität des Judenthumes, die uns in dem Kampfe mit so vielfachen feindlichen Strömungen vor Allem noth thut. — Vielleicht erwacht gerade durch diesen Kampf diese Solidarität zu voller Blüthe, so wie die Rose von Jericho, die ' nur im heißen Wüstensande sich ganz zu entfalten vermag. Meine Herren! Ich werde den Ausgang der Wahlbewegung weitab von Wien erfahren. Ich stehe im Begriffe, im Interesse einer jüdischen