Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 856 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 47 können, entschuldigt. Es wird sodann mit Zustimmung der Versammelten aus dem Verwaltungsberichte des Vorstandes der allgemeine Bericht verlesen. Nach Beendigung dieser Verlesung nimmt der Präsident neuerdings das Wort zu solgenden Bemerkungen : „Bevor ich den vorgemerkten Herren Rednern das Wort ertheile, erbitte ich mir für wenige Minuten Ihre sreundliche Aufmerksamkeit. Zunächst muß ich betonen, daß der Vorstand seine Bemühungen, die Beseitigung des Bezirksschulrathserlasses herbeizuführen, unablässig fortsetzt. Außer den persönlichen Schritten, die wir in dieser Angelegenheit unternommen, hat der Vorstand auch eine von gesetzeskundiger Hand redigirte Eingabe an das Unterrichtsministerium überreicht, in welcher um die Aufhebung dieses unheilvollen Erlasses angesucht wird. Ich muß dies aus dem Grunde Vorbringen, weil in gewissen Kreisen angeblich behauptet wurde, daß in dieser Frage unter den Mitgliedern des Vorstandes eine Meinungsverschiedenheit bestehe. Ich kann Sie besten versichern, daß im Vorstände darüber die vollste Uebereinstimmung herrscht, daß wir einmüthig von der Ueberzeugung der Nothwendigkeit durchdrungen sind, diesen das Reichsvolksschulgesetz verletzenden, für die Schuljugend und für die jüdische Bevölkerung verderblichen Erlaß so bald als möglich aus der Welt zu schaffen. Wir sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Durchführung dieses Erlasses geeignet ist, Haß und Verbitterung in die zarte Brust unserer Kinder zu pflanzen, die confessionelle Zwietracht schon in der Schule beginnen zu lassen und dadurch den Keim zu immer fortschreitender gegenseitiger Verhetzung, zu nähren. Der Erlaß ist ein Unglück für die freie Schule, eine Gefahr für den bürgerlichen Frieden, eine Gefahr für die sociale und gesetzliche Gleichberechtigung des Judenthums, und unsere unabweisliche Pflicht ist es, gegen diese Gefahr mit aller Energie anzukämpfen. (Lebhafter anhallender Beifall). Schließlich obliegt es mir, noch einen Punkt zu berühren und im Aufträge des Vorstandes eine Erklärung abzugeben. In dem Augenblicke, wo irgend Einer von uns das Ehrenamt eines Vorstehers übernimmt, ist er sich dessen wohl bewußt, daß er den Dank für seine Arbeit in der treuen Pflichterfüllung zu suchen und zu finden habe. Das versteht sich ganz von selbst, und es ist uns stets willkommen, wenn das Wirken des Vorstandes einer gründlichen und eingehenden Kritik unterzogen wird. Aus diesem Grunde beklagen wir es auch, daß unsere öffentlichen Sitzungen fast gar nicht besucht sind. Wir wollen nicht so weit gehen, dies als Indolenz zu bezeichnen, aber jedenfalls ist uns eine Kritik und sogar ein in angemessener Form gehaltener Angriff erwünschter als die Indolenz; das, meine sehr verehrten Herren, kann ich im eigenen Namen und im Namen meiner Collegen betheuern. Wenn wir nun schon angegriffen werden, so muß es mir gestattet sein, den Wunsch auszusprechen, daß solche Angriffe ineinem würdigen Tone gehalten sein mögen. Wir müssen es daher unseren geehrten Wählern überlassen, in Erwägung zu ziehen, ob die Art und Weise, wie in einigen Versammlungen über das Wirken des Vorstandes gesprochen wurde, den Interessen der Gemeinde und den Interessen des Judenthums entspricht. In unseren bewegten Zeiten, in der überaus bedrängten Lage, in welcher sich das Judenthum befindet, ist es nothwendig, daß das Ansehen des Vorstandes berücksichtigt werde, damit er in der Lage sei, mit einem gewissen autoritativen Einflüsse seine Stimme in den das Judenthum im Allgemeinen betreffenden Fragen geltend zu machen. Es ist eine Nothwendigkeit, dem Wirken des Vorstandes in der öffentlichen Meinung einen stärkenden Rückhalt zu verleihen, damit die Bestrebungen des Vorstandes auch als der Ausdruck der Meinung der gesammten Wiener Judenschaft erscheinen. Von diesem Gesichtspunkte mögen sich, auch Diejenigen leiten laffen, welche die Thätigkeit des Vorstandes einer, wenn auch strengen, so doch würdig gehaltenen und ausschließlich von sachlichen Motiven geleiteten Beurtheilung unterziehen, und müßte es reiflich überlegt werden, ob es angezeigt erscheint, das Ansehen des Wiener Cultusvorstandes in Wien, in der Provinz und vor dem Auslande in öffentlichen weit verbreiteten Blättern herabzusetzen. Weit entfernt, aggressiv zu sein, möchte ich mir doch erlauben, zu betonen, daß ein Vorstand, wie der Wiener, sich mit Recht beklagen könne, wenn redlicher Wille und unausgesetzte Arbeit kein Wort der Anerkennung in einem ansehnlichen Vereine findet, und daß dortselbst nur dem Tadel und dem Angriffe ein williges Ohr geliehen werde. Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich diesen Gefühlen, und zwar über Wunsch des Gesammtvorstandes Ausdruck gegeben habe. Ich kann hieran nur die neuerliche Versicherung knüpfen, daß wir jeder Kritik zugänglich sind, jede Anregung dankbar entgegennehmen. Das betrachten wir ja auch gerne als unsere Pflicht und als ein integrirendes Erforderniß des übernommenen schweren Amtes, welches die Wähler uns durch ihr Vertrauen übertragen haben. (Stürmischer, langanhaltcnder Beifall.) Der Vorsitzende geht sodann zur Tagesordnung über und gibt bekannt, daß er mit Rücksicht auf die große Anzahl der vorgemerkten Redner es für angemessen erachte, daß jeder einzelne Redner zehn Minuten sprechen solle. (Allgemeine Zustimmung.) Die sodann folgenden Candidatenreden und die hierauf bezügliche Debatte gestaltete sich sehr interessant und stellenweise sehr lebhaft. Durch die umsichtige und taktvolle Leitung der Discussion durch den Vorsitzenden wurde jeder Mißton serngehalten. Zunächst erhielt das Wort Herr Baurath Wilhelm Stiaftny zu folgender Rede: „Meine hochgeehrten Herren! Fast auf den Tag genau sind heute zwei Jahre verflossen, seitdem mir die Ehre zutheil geworden ist, mich an dieser Stelle meinen geehrten Glaubensgenossen vorstellen zu können. Nur geringe Veränderungen sind in den Beziehungen der Wiener Juden zu jenem Theile ihrer nichtjüdischen Mitbürger eingetreten, welche Gesinnungsgenossen der gegenwärtig im Rathhause herrschenden Partei sind. Ich sage nur geringe Veränderungen, aber immerhin bemerkenswerte. Zwar dauern Ungerechtigkeiten und Gesetzesverletzungen noch immer an, aber die Anzahl und die Heftigkeit der Beschimpfungen gegen die jüdische Bevölkerung scheint doch etwas in Abnahme begriffen zu sein, weil ja doch schon von einigen Seiten die immerwährende wüste Judenhetze als langweilig und abgeschmackt betrachtet wird. Als ein Symptom für die Besserung der Lage kann man auch die immer mehr um sich greifende Uneinigkeit im antisemitischen Lager bezeichnen. Kein Wunder, daß die Führer dieser Partei, welche gegenwärtig von einem Mißerfolge in der kommunalen Wirtschaftspolitik zum anderen eilen, begierig nach Mitteln greifen, um ihr gesunkenes Ansehen bei ihren Parteiangehörigen zu heben. Zu diesen Mitteln gehört auch der Versuch der gewaltsamen Trennung der Schulkinder christlicher Confessionen von den Kindern mosaischer Religion, eine Angelegenheit, auf welche ich sogleich zu sprechen kommen werde. Erfteulicher gestalten sich die Verhältnisse im Schoße unserer Cultusgemeinde. Der aus Ihrer Wahl hervorgegangene Vorstand hat auf allen Gebieten der Gemeindeverwaltung eine regsame Thätigkeit entwickelt und sei es mir gestattet, jene Verwaltungszweige zu besprechen, in welchen ich selbst thätig gewesen bin. Der Gottesdienst in denGemeindebet- Häusern, insbesonders in den beiden ältesten, in der Seitenstettengasse und der Tempelgasse, weist einen erfreulichen Fortschritt auf, der allgemein anerkannt wird. (Zustimmung.) Die Zahl der ständigen Synagogen in den Bezirken ist Dank der unablässigen Bemühungen unserer Tempelvereine in steter Zunahme begriffen. Wie im abgelaufenen Jahre im X. Bezirke, wird in den nächsten Jahren im II., VIII. und XI. Bezirke unter kräftiger Unterstützung des Cultusvorstandes je ein Vereinstempel entstehen und dadurch würdige und den modernen Anforderungen entsprechende Andachtsstätten geschaffen werden. (Beifall.) Der von der Hand zweier berühmter Meister vor 40 Jahren errichtete Gemeindetempel im ü. Bezirke, welcher während der ganzen Zeit seines Bestandes keine ausreichende Instandsetzung erfahren hatte, wurde in diesem Jahre gemeinschaftlich mit den beiden anstoßenden Gemeindehäusern einer durchgreifenden Reparatur und Adaptirung unterzogen und die innere künstlerische Ausschmückung, welcher dieses schöne Haus bislang entbehren mußte, vorgenommen. Es gereicht mir zur Befriedigung, hervorheben zu können, daß die unter meiner Leitung ausgeführten Arbeiten großentheils von Handwerkern, die Mitglieder unserer Gemeinde sind, zu meiner vollen Zufriedenheit hergestellt wurden. (Beifall.) Der von dem Vorstande zu diesem Zwecke bewilligte Kostenanschlag ist ungeachtet zahlreicher Mehrleistungen nicht überschritten worden. Ich glaube die innere Ausschmückung stylgerecht, sowie im Sinne und Geiste der Urheber dieses Bauwerkes ausgeführt zu haben. (Lebhafter Beifall.) Mehr noch als die allgemeine Anerkennung, die mir von Seite meiner Collegen und meiner Glaubensgenossen um dieser