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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
Date
1898-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 47 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 885 dann wollen sie noch Ehrenämter in der jüdischen Gemeinde, weil diese in der Regel als die Vorstufe für solche in der Commune gelten. Man wird zuerst Repräsentant oder Vorsteher der jüdischen Gemeinde, mit dann Stadtverordneter oder gar unbesoldeter Stadtrath zu werden. Diesen unzufriedenen Elementen schlossen sich einige jüdische Schriftsteller und Journalisten an, die am meisten Grund zur Opposition hatten. Ihnen gefiel nicht der bureaukratische Geist, der sich der Gemeindeverwaltung bemächtigt hatte. In Berlin gibt es in Wirklichkeit keine jüdische Gemeinde, weil da jedes jüdische Geistesnnd Culturleben aufgehört hat. In Berlin wohnen blos viele Juden, die Gemeindeabgaben entrichten und die wohl darauf rechnen dürfen, daß das ihnen abgenommene Geld ehrlich verausgabt wird — auf ehrliche Verwaltung gibt man nämlich sehr viel in Berlin. Sonst haben wir Spitäler, Asyle, Waisenhäuser und ähnliche Institute,, die der Wohlthätigkeit gewidmet sind. Das Judenthum in der preußischen Hauptstadt ist, um niit dem unvergeßlichen Zinos zu sprechen, lediglich ein bischen „Rachmones". Ein hervorragender Führer der Berliner Judenheit äußerte vor einiger Zeit zu mir: „Für ein neues Krankenhaus sammle ich Ihnen in drei Tagen eine Million Mark; für die jüdische Wissenschaft bekomme ich keine fünfhundert." Diese Unzufriedenen in der Gemeinde vereinigten sich vor drei Jahren, um unter den Wählern Stimmung zu machen; sie thaten dies in ungewöhnlicher Weise und hatten deshalb Erfolg. Ein wenig Demagogie war ja auch dabei; .aber das Ziel war ein hohes und des Preises werth. Und nun kam der Sieg, der allerdings nicht sehr bedeutend war; die Mehrheit betrug kaum vierhundert Stimmen. Aber man hat nun einmal gesiegt und durfte neue Thaten erwarten. Da stellte sich recht bald der Katzenjammer ein! In den drei Jahren der „neuen Aera" mußte man es schmerzlich erleben, daß blos statt Meyer, Mayer und statt Cohn Kohn regiert, sonst aber auch nichts. Die einzige „Errungenschaft" der neuen Verwaltung ist, daß an die Thürpfosten sämmtlicher Gemeindebureaux neulich „Mesnsas" angeschlagen wurden. Sonst liegt Alles im Argen, wie bisher, ja noch schlimmer, denn der neuen Verwaltung fehlt der vornehme Ton, der früher bei den Gemeindebehörden üblich war. Der Religionsunterricht, der in den letzten Jahren bei uns obligatorisch geworden ist, wird sehr vernachlässigt. Die Jugend wächst nach wie vor in der Unkenntuiß des Judenthums auf, während man sich bei dem „obligatorischen Religionsunterricht" beruhigt. Bei dem jetzigen Wahlkampf handelt es sich nur um die Frage, ob Meyer oder Mayer, ob Cohn oder Kohn ein Ehrenamt in der Gemeinde erhalten soll. Schinkelt wird auf beiden Seiten mit großem Appetit gegessen; Leute, die von der „conservativen" Seite candidirt werden, lassen ihre Kinder ungenirt am christlichen Religionsunterricht theilnehmen, wenigstens thaten sie dies bis vor kurzer Zeit. Es ist für den jetzigen Wahlkampf charakteristisch, daß die sogenanntett Conservativen nicht wagen, gegen den von liberaler Seite geplanten Sonntagsgottesdienst Stellung zu nehmen. Wie weit die Verwirrung in religiösen Fragen geht, kann man daraus entnehmen, daß int liberalen Lager viele gegen den Sonntagsgottesdienst sind, während viele Conservative darin eine harmlose Spielerei finden. So liegen jetzt bei uns die Dinge. Beinahe hätte ich vergessen, ihnen die Mittheilung zu machen, daß wir bereits einen conservativen Rabbiner haben, der das Amt eines „Käuscherwächters" übernehmen soll. Er hat am 12. November gepredigt, mäßig gefallen und wurde gleich gewählt. Der betreffende Herr ist nämlich in der Wahl seines Onkels vorsichtig gewesen. Ein Onkel von ihm ist ein „conservativer" Genteindevertreter, deshalb habemus papam! Er ist zwar noch nicht officiell gewählt; aber man hat sich bereits für ihn „begeistert". In Berlin begeistert man sich nämlich auch bei Weißbier! Kaph. WSHlerversammlung der israelitischen Cultusgemeinde. Im großen Musikvereinssaale fand Donnerstag den 17. November um 6 . Uhr Abends die vom Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde einberufene Wählerversammlung unter dem Vorsitze des Präsidenten und in Anwesenheit des gesummten Cultusvorstandes statt. Der Präsident, Herr kaiserl. Rath Klinger, eröffnete die Versammlung mit folgender Ansprache: „Geehrte Versammlung! Ich erlaube mir Sie Namens des Gesammtvorstandes aufs Herzlichste zu begrüßen und Ihnen den Dank dafür auszusprechen, daß Sie unserer Einladung Folge geleistet haben. Der Vorstand hat es für seine Pflicht erachtet. Sie hieher zu, bitten, um bei Ablauf einer Wahlperiode mit Ihnen in persön-' lichen Contaet zu treten, Ihre Wünsche und Anregungen entgegenznnehmen und nach jeder Richtung Aufklärungen, die Sie wünschen sollten, zu ertheilen. Bevor ich' zur Tagesordnung schreite, obliegt mir die Erfüllung einer Pflicht der Trauer und der Pietät. (Die Versammlung erhebt sich.) Wo immer seit zwei Monaten Staatsbürger in öffentlichen Versammlungen sich zusammenfinden, ist es das Gefühl der Trauer und der schmerzlichen Theilnahme, welches sie zum Ausdruck bringen. Ihr Vorstand hat sofort nach dem Einlangen der tief erschütternden Nachricht von dem Ableben der Kaiserin eine Trauer-Kundgebung veranstaltet und den loyalen Ausdruck seiner tiefsten Trauer an die Stufen des Thrones gelangen lassen. Aber auch heute drängt es mich, es auszusprechen, daß jenes unglückselige Ereigniß, welches die erhabenste und edelste der Frauen dahinraffte, die mit all' ihrem Sinnen und Trachten, mit ihren Idealen und ihren Handlungen auf den Höhen der Menschheit gestanden ist, wie es alle Völker Oesterreichs und alle Bewohner dieses Reiches und dieser Stadt tief erschütterte, so auch uns Juden, die wir in angestammter Treue zu unserem Kaiserhause und in inniger Verehrung zu der Kaiserin emporblicken, in das Innerste unseres Herzens getroffen hat. Die hehre Erscheinung dieser edlen Frauengestalt bleibt unvergeßlich für uns, unsere Kinder und Kindeskinder. Ihr Andenken sei gesegnet für alle Zeiten." Die ergreifenden Worte riefen nachhaltige Bewegung hervor und erst nach einer Panse konnte der Redner fortsetzen. Kais. Rath Klinger sagte ferner : „Ich möchte nunmehr einer persönlichen Pflicht genügen, die mir mein Amt als Präsident des Vorstandes auferlegt, nämlich meinen innigsten und wärmsten Dank jenen verehrten acht Collegen ausznsprechen, welche mit Ende dieser Wahlperiode aus dem Vorstande scheiden. Es kann dem Präsidenten, meines bescheidenen Erachtens, die Berechtigung nicht abgesprochen werden, sich über die Thätigkeit seiner Collegen im Vorstande ein Wort zu erlauben, denn er ist ja am ehesten in der Lage, sich ein richtiges Urtheil darüber zu bilden. Und da gereicht es mir denn zur aufrichtigen Genugthuung, es aussprechen zu dürfe», daß diese Herren durch ihr unermüdliches, hingebungsvolles Wirken sich im vollsten Maße der Erwartungen würdig gezeigt haben, welche man an sie zu setzen berechtigt war und daß ich sie als echte und wahre Juden im besten Sinne des Wortes kennen und hochachten gelernt habe. Ich erfülle ferner eine pietätvolle Pflicht der Dankbarkeit, indem ich jener zwei Männer gedenke, die der Vorstand in den letzten zwei Jahren durch den Tod verloren hat. (Die Versammlung erhebt sich.) Es sind dies die Herren Gustav Simon und Josef Hieldburghäusser, welche durch ihre aufopferungsvolle Thätigkeit sich unvergängliche Verdienste um die Gemeinde und um das Judenthum erworben haben. Der Name Gustav Simon ist mit vielen Schöpfungen der Gemeinde, die ihm ihr Entstehen zu verdanken haben, für immer verknüpft — ich brauche als Beispiel nur das Altersversorgungshaus zu erwähnen. Josef Hieldburghäusser hat als Mitglied des Vorstandes sowie als Präsident des Taubstummeninstituts und durch seine vielgestaltige humanitäre Thätigkeit überhaupt ebenso wie Gustav Simon Anspruch auf die unvergängliche Dankbarkeit ihrer Glaubeusbrüder. Ehre dem Namen dieser Männer, gesegnet sei ihr Angedenken." Der Vorstand hat ferner eine Verpflichtung zu erfüllen, der ich gerne entspreche, nämlich den Leitern unserer Wohlthätigkeitsanstalten, sowie den Leitern unserer Tempel- und Bethausvereine den Dank und die volle Anerkennung der Gemeinde auszusprechen. Bei dem großen Umfange unseres Gemeindegebietes und der Anzahl unserer Gemeindemitglieder wäre die Wahrnehmung der jüdischen Jntereffen auf dem Gebiete des Cultus und der Humanität seitens des Vorstandes allein nicht möglich, wenn er nicht in der ersprießlichen und verdienstlichen Wirksamkeit aller dieser Functionäre nachhaltige Unterstützung finden würde, und ich fühle mich daher gedrängt, an die Versammlung die Bitte zu richten, daß sie den Leitungen dieser Anstalten und Vereine ihren Dank votire." (Lebhafter Beifall.) Der Präsident gibt sodann bekannt, daß Ritter von Goldschmidt durch sein Fußleiden verhindert ist, der Versammlung beizuwohnen, unb spricht hierüber sein lebhaftes Bedauern aus, indem er hervorhebt, daß er Herrn Ritter von Goldschmidt in seinem unermüdlichen Wirken im Dienste der Wohlthätigkeit als einen wahren Sendboden der Humanität zu betrachten gelernt habe. Die Herren Hosrath Ritter von H a h n, Karl Kohn, Emannel Hoff m a n n und Dr. Maximilian Steiner haben ebenfalls brieflich ihre Abwesenheit unter dem Ausdrucke des Bedauerns, der Versammlung nicht beiwohnen zu

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