Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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SeÜe 854 Vr. Vloch's Wochenschrifl Nr. 47 drüben. Der „Ruch KatoLicky" ist allerdings ein antisemitisches Organ, aber bei der innigen Bundes-Freundschaft zwischen Zionisten, Antisemiten un) Missionären, haben wir bisher die Antisemiten-Blätter in allen zionistischen Dingen so überaus vorzüglich informirt gefunden, daß wir auch in diesem Falle das Blatt für gut unterrichtet halten mußten. Dr. Werner schließt mit der Versicherung, er werde demnächst mit aller Rücksichtslosigkeit und Energie in einen Sumpf hintreten, sei es nun in Wien oder anderswo. Das ist gar nicht nöthig. Er plätschert schon seit Langem munter darin herum und hatte reichlich Gelegenheit, auf dem letzten Baseler Congreß aus dem Munde der eigenen Parteigenossen die allgemeine Ansicht über das Wiener Zionistenblatt zu hören. Vre Berliner Gemeindewshlen. Berlin, 23. November. „Rechter Hand, linker Hand — Alles vertauscht!" Unter diesem Wahrspruch vollzogen sich die diesmaligen Wahlen zur Gemeinde-Repräsentanz. Das merkwürdig schlechte Wahlsystem, das über 16.000 Consorten zu einer Wahlkörperschaft vereinigt und jedem Wähler aufgibt, mit einer Liste, die 21 Namen umfaßt, an der Wahlurne zu erscheinen, verhindert alle Fühlung zwischen Wählern und Gewählten, erzwingt förmlich die Bildung von Cliquen, die das Wahlvorbereitungsgeschäft in die Hand nehmen und dadurch die Herrschaft über die Gemeinde erlangen. Dreißig Jahre hindurch ist die herrschende Clique die liberale gewesen. Sie hat nichts weniger als musterhaft gewirthschrftet, wesentlichste Aufgaben unerfüllt gelaffen oder nur unzulänglich erfüllt, nicht für Synagogen, und was viel schlimmer ist, nicht für Religionsunterricht gesorgt. Die Gemeindemitglieder, die überhaupt religiöse Bedürfnisse hatten, mußten auf deren Befriedigung selbst bedacht sein, und das geschah bei den durch freiwillige Beiträge aufzubringenden Mitteln nicht immer in schicklicher Weise. Abgesehen davon, daß innerhalb der Gemeinde ein Geschlecht von wahren Heiden heranwuchs, das von der Religion der Väter so wenig wußte wie von ihrer Geschichte, kam cs vor, daß eine sträfliche Unbedachtsamkeit für den Gottesdienst an den hohen Feiertagen Säle miethete, die Alltags ein nichts weniger als empfehlenswerther Aufenthalt waren. Immerhin aber wohnte der liberalen Clique noch ein gewisser Bildungsrespect inne, so daß die Verwaltung der'Gemeinde in den Händen geschäftskundiger, bürgerlich ansehnlicher und angesehener Männer lag, die zum mindesten nach Außen würdig repräsentirten. Dem Judenthum freilich standen sie innerlich fremd gegenüber. Sie waren ihm nicht abgeneigt — sie verstanden es blos nicht. Gegen den Unfug übelgewählter gottesdienstlicher Locale für die hohen Feiertage wurde vor neun Jahren zum erstenmale agitirt. Das war löblich. Auch blieb der Erfolg nicht aus. Die Männer, die sich im „Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde Berlin" zusammengethan hatten, gehörten allen religiösen Richtungen an. Nnr in der Abwehr jenes Unfugs waren sie einig, und dieser Einigkeit dankten sie es, daß sie erst einen, vor sechs Jahren vier Männer ihres Vertrauens in die Repräsentanten-Versammlung schicken konnten. Von jeder weiteren Einigkeit blieben sie ebenso fern, wie von jedem eigenen Gedanken. Das änderte sich vor drei Jahren. Damals griff Redacteur M. A. Klausner in die Wahlagitation ein. Er schloß sich nicht dem Centralverein an, fand in ihm vielmehr die heftigste Gegnerschaft gegen seine conservative Richtung und kaum ein leises Berständniß für seine organisatorischen Pläne. Doch die Wählerschaft riß er mit sich fort und der Centralverein hatte die Schlauheit, in letzter Stunde zu ihm einzuschwenken, sein Programm zu acceptiren. Mit diesem Programm siegte der Centralverein auf der ganzen Linie, gewann er in der Repräsentantenversammlunq die Zweidrittelmehrheit. Bald aber zeigte sich, daß die Centralvereinsmänner in ihrer Mehrheit sich von den Männern der liberalen Clique nur durch ein Mindermaß an Bildung unterschieden, für die Bedürfniffe der jüdischen Gemeinde nicht das geringste Berständniß hatten. Es blieb Alles beim Alten, es wurde in der vorigen Richtung fortgewurstelt. Nach Ablauf dreier Regierungsjahre der Centralvereinsmänner war der angeblichen Orthodoxie ein einziger Sieg beschieden gewesen, und der bestand darin, daß die Thüren im Verwaltungsgebäude und in einer Religionsschule der Gemeinde mit Mesusas versehen wurden! — Und darum der ganze Lärm. Inzwischen war der Centralvereinsvorstand selbst zur Clique geworden, auf nichts bedacht als darauf, nach dem Grundsätze zu verfahren: „0te-wi de lä, que je m’y mette" — zu deutsch: Mache mir Platz! Bei der jetzigen Wahlagitation entlehnten sie derselben Stelle wie das vorigemal, den Haupttheil des Programmes, den zu erfüllen sie gar nicht die Absicht hatten. Wieder bedachten sie fast ausschließlich ihre Leute mit Candidaturen, und ihr intellectuelles Niveau hatte nicht die geringste Steigerung erfahren. Wenn dieser Artikel gedruckt wird, ist die Wahl vorüber, aber der Wahlausfall noch nicht festgestellt. Hat die Centralvereinsclique gesiegt, so sind die conservativen Wähler abermals betrogen. Hat die liberale Clique gesiegt, so sind die Conservativen blos unterlegen. Wie immer aber es kommen mag: Es wird der Centralvereinsclique nicht gelingen, die Herrschaft über die große Berliner Gemeinde in ihren Händen zu behalten. Dazu sind sie namentlich intellectuell und social zu impotent. Die Täuschung, die sie nun zum anderenmale begangen, wird ihnen nie wieder gelingen. In einer heute abgehaltenen Versammlung wurde es ihnen zugerufen, und das wird zur Wahrheit werden: „Dies war Euer letzter Betrug!" * * * Von anderer Seite wird unsgeschrieben: Am 24. November findet in Berlin die Wahl zur Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde statt. Für österreichische Leser wird es nöthig sein, vorauszuschicken, daß in den preußischen Gemeinden auf Grund des noch immer geltenden Judengesetzes vom 23. Juli 1847 die Legislative von der Executive streng geschieden ist. Es geschieht dies nach dem Muster der preußischen Eommunalvertvaltung, wonach die Wähler blos die Repräsentanten zu wählen haben, während letztere wiederum einen Vorstand einsetzen. Der Vorstand kann aus der Mitte der Repräsentanten oder auch aus der der anderen Mitglieder der Gemeinde gewählt werden; wer jedoch im Vorstand sitzt, kann nicht mehr Mitglied der Repräsentanz sein. Die Zahl der Repräsentanten ist je nach der Größe der Gemeinde auf 12 bis 21, die der Vorsteher auf 3 bis 7 festgesetzt. Der Vorstand ist die ausführende und verwaltende Behörde, die eigentliche Negierung oder der Magistrat; die Repräsentanten bilden die Volksvertretung. Wähler der Gemeinde ist jedes steuerzahlende Mitglied, das im Besitz der Ehrenrechte ist. Classenwahl gibt es nicht; auch wird diesmal geheim abgestimmt, während es früher eine öffentliche Abstimmung gab. In Berlin wird am 24. November die größere Hälfte der Repräsentanten, nämlich elf, zu wählen sein. Alle drei Jahre werden nämlich zehn resp. elf Repräsentanten auf je sechs Jahre gewählt; die ausscheidenden Mitglieder der Repräsentanz sind wieder wählbar. In früheren Jahren war es auch etwas Unerhörtes, daß einmal Gewählte nicht mehr gewählt worden lvären; es sei denn, daß sie den Geist aufgaben, nicht etwa in figürlichem Sinne — dies schadete ihnen nicht im mindesten — sondern wenn sie starben. Vor drei Jahren regte sich zum ersten Mal eine frische Opposition gegen die bisherige Verwaltung. Diese Partei der Opposition recrutirte sich aus verschiedenen Elementen. Angeblich war es die Fahne des Judenthums, die emporgehoben werden sollte; in Wahrheit jedoch handelte es sich um den socialen Gegensatz zwischen dem reichen und vornehmen — letzteres allerdings mit einem „Quäntchen cum grano salis", wie Wippchen zu sagen pflegte — Westen und der minder bemittelten Judenschaft in den anderen Stadttheilen. Die Unzufriedenen waren die berühmten „kleinen Männer"; derselbe „kleine Mann" wird am Wahltag sehr groß, um nachher in der Regel zu seinem Nichts zurückzukehren. Die Führer der Unzufriedenen waren aber die gebildeten Proletarier, junge, beschäftigungslose Aerzte, Rechtsanwälte, Lehrer u. s. w. Von Frömmigkeit im orthodoxen Sinne konnte bei diesen jungen Leuten nicht die Rede sein, ja, sie wußten recht wenig vom Judenthum, wie überhaupt nach dieser Richtung in ganz Norddeutschland unbeschreibliche Zustände herrschen. Auch pflegte man in den Wählerversammlungen ausdrücklich zu erklären, daß „conscrvativ" sein absolut nichts mit praktischer Befolgung des jüdischen Ceremoniells identisch sei. Die Hauptsache sei »mon coeur juif«, wie Adolf Crämieux zu sagen pflegte. Das, was man den reichen Juden eigentlich nachtrug, dies ivar ihr Verhalten gegen den Antisemitismus. 'Man darf nicht ungerecht sein und behaupten, die jüdischen Finauzaristokraten hätten etwas gegen den Judenhaß ausrichten können; aber sie durften nicht so kaltblütig zusehen, wie die Juden thatsächlich immer mehr proletarisirt wurden, wie unter ihnen die Noth des Lebens infolge der antisemitischen Bewegung immer größer wurde. In dieser Beziehung ist das Schuldregister der reichen Juden in Berlin ein sehr umsaugreiches. Und