Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021271--08336-3032711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 862 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 47 dafür eonstruiren will, wie ein Präsident mit brutaler Willkür eine Debatte erdrosselt, so braucht man nur den letzten Gemeinderathsbericht zu lesen. Und in wie herrischen! Tone dieser Dr. Lueger mit jedem einzelnen Redner der Opposition sprach. „Ich werde Ihnen zeigen", das ist so die ständige Redensart, die sich dieser Herr allmälig zur Gewohnheit gemacht hat. Dann kam die große Scene mit dem Reichrathsabgeordneten Wrabetz, in welcher sich Magistratsrath R o s n e r so weit erniedrigte, einen widergesetzlichen Gewaltact des Bürgermeisters durch zwei handfeste Amtsdiener ausführen zu lassen und zu überwachen, unter dem anfeuernden Zurufe des dicken S tro b a ch, der ihm zurief: „Hinaus mit diesen Leuten!" Und dieses Individuum ist Vicebürgermeister der Stadt Wien. Wenn das Präsidium des Gemeinderathes sich so roh benimmt, wie soll dieses Beispiel auf die Bevölkerung wirken? * * * Dem antisemitischen Gemeinderath ist ein Versehen unterlaufen. Bei den Auszeichnungen, die er anläßlich der überstandenen Pestgefahr verlieh, sprach er auch dem Dr. Max Mayer, der bekanntlich vom „Deutschen Volksblatt" als reclamesüchtig beschimpft, vom Kaiser jedoch durch das goldene Verdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet wurde, seine „Anerkennung" aus. Welche seltsame Anwandlung von Objectivität — Dr. Mayer ist doch ein Jude. Das Gemeinderathspräsidium oder wer sonst das betreffende Arrangement durchführte, hat jedoch den unbegreiflichen, dem „Programm" so sehr widersprechenden Jrrthum rasch wieder gut gemacht. Zu der Feierlichkeit, bei welcher die communalen Ehren vertheilt wurden, haben die Herren den Dr. Mayer Glicht eingeladen. Sein Vorgesetzter, Spitalsdirector Dr. K l i m esch, verständigte ihn jedoch von der Feier und der junge Arzt hielt sich deshalb für verpflichtet, hinzugehen. Jetzt trat das „Programm" in seine Rechte: Man verweigerte Herrn Dr. Mayer den Zutritt. Die „Anerkennung" war durch die Beleidigung quittirt. Herr Dr. K l i m e s ch hielt es für seine Pflicht, in seiner Ansprache auf die Verdienste des Dr. Mayer hinzuweisen, und es wundert uns nur, daß ihm bei diesem, einem „jüdischen" Arzte gewidmeten Lobe nicht das Wort entzogen wurde und daß ihn Herr Dr. Lueger oder Herr Strobach nicht durch zwei Amtsdiener aus dem Saale führen ließ. Wenn es wieder einmal dem derzeitigen Gemeinderathe einfallen sollte, einem Juden eine „Anerkennung" zu votiren, so wird es für ihn besser sein, wenn er den Briefträger anweist, die betreffende Zuschrift des Herrn Bürgermeisters sofort als „nicht angenommen" zurückzustellen. * * * i Einige hundert deutschnationale Studenten haben wieder eine Handvoll jüdische Studenten durchgeprügelt. Zuerst wollten sie eigentlich gegen die slavischen Kappenträger losgehen, denn das Kappentragen ist bekanntlich ein „deutsches" Privilegium, aber ihrer waren zu viele, und so ließen sie die vielen Slaven abziehen, um an den wenigen Juden ihre teutonische Kraft zu erproben. Triumphirend und witzig berichtet die „Ostdeutsche Rundschau": „Bon 9Ul bis gegen 7*2 Uhr besorgten die deutschnationalen Studenten im Schweiße ihres Angesichtes die Beseitigung der Stänkerer, die unter großem Lärm in Zwischenräumen von fünf bis zehn Minuten aus ihren Ecken herausgeholt und theils einzeln, theils in Rudeln durch die bereitwilligsten Jud engaffen flatterten, um durch die Thore hinausgewimmelt zu werden." Welche wunderbare Sprache zur Verherrlichung eines Heldengeschlechtes, das so edler und erhebender Thaten fähig ist. Also volle dreiviertel Stunden mußten die tapferen Sprossen einer Culturnation arbeiten, um die Hallen der Anstalt, die so sehr mit Unrecht ein Mauscholeum genannt wurde, zu entjuden, und der Herr Rector Wiesner war vermuthlich in das Studium wissenschaftlicher Probleme so vertieft, daß der Lärm erst zu ihm drang, als fast sämmtliche Juden bereits durchgeprügelt und hinausgeworfen worden waren. Und der seligen Hofsprrtze gleich, die immer auf dem Brandorte zu erscheinen Pflegte, wenn das Feuer vorüber war, erschien der Rector sodann in der Mitte der Söhne der alma mater und versicherte sie mit sanfter Mahnung seines väterlichen Wohlwollens. Mittlerweile wurde, soweit der Vorrath an jüdischem Material reichte, weitergeprügelt und die Sicherheitswache durfte von der Straße aus unentgeltlich dem erhebenden Schauspiel zusehen, das ihnen einen Begriff beibrachte von der edlen akademischen Freiheit und von der Würde und dem Ruhme unserer alma matar. * * * Seit Jahren vermißte man eine Stellungnahme der österreichischen Regierung gegenüber dem Antisemitismus. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses am Dienstag ließ endlich der Ministerpräsident Graf Thun eine Aeußerung vom Stapel, die etwas Aehnliches wie eine Mißbilligung des Antisemitismus darstellen sollte. Er sagte nämlich, die Excesse hätten sich besonders gegen die Juden gerichtet, welche vollkommen gleichberechtigte Bürger dieses Staates seien. Der Staat habe die Pflicht, jeden Bürger zu schützen, gleichgiltig, ob dieser Christ oder Jude fei, ob er dieser Nationalität angehört oder jener, und wenn Jemand diesen Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetze nicht theilen würde, so hätte er das G e f ü h l, a l s o b derselbe auf einer niedrigeren c u l t u re l l e n S t u f e stünde. Der Herr Abgeordnete Dr. Mayreder, bekanntlich ein vielbeschäftigtes und nach vielen Seiten hin engagirtes Mitglied der christlich-socialen Partei, machte hiebei den Zwischenruf: „Also jetzt ist sein Lob in der Presse gesichert, morgen wird er gelobt." Was uns betrifft, so bedauern wir sehr, diese Erwartung des Herrn Dr. Mayreder nicht erfüllen zu können. Nachdem Herr Graf Thun es für die Pflicht der Regierung erklärt hat, alle Bürger zu schützen, gleichviel, welcher Confession sie angehören, so constatiren wir im Gegensätze zu der Anschauung des Herrn Dr. Mayreder, daß die Regierung des Grasen Thun diese Pflicht entweder gar nicht oder nur in sehr unvollständigem Maße erfüllt. Unter dieser Regierung wird in Versammlungen und in der antisemitischen Presse in der zügellosesten Weise gegen die Juden gehetzt, zum Hasse und zu Feindseligkeiten aufgereizt und zum wirtschaftlichen Boykott aufgefordert. Gegen diese offen betriebene Verhetzung und gegen die Gewaltherrschaft der christlich-socialen Partei in Wien, welche tagtäglich das Gesetz Übertritt, hat die Regierung des Herrn Grasen Thun auch nicht den allergeringsten Schritt unternommen. Der widergesetzliche Schulerlaß besteht heute noch in Kraft. Mit der platonischen Erklärung, daß die Juden gleichberechtigt seien, ist Niemandem gedient. Wenn Graf Thun der verbrecherischen Hetze gegenüber kein anderes Mittel zu entdecken weiß, als daß die Antisemiten Gefahr laufen, in seiner Hochachtung Einiges einzubüßen, dann verdient er höchstens das Schicksal, von der — antisemitischen Presse gelobt zu werden. Um die Beur- 1 Heilung ihres culturellen Niveaus scheeren sich die Anttsemiten einen Pfifferling. In Galizien sind die Juden ausgeplündert und gebrandschatzt worden, in Wien werden sie wirthschaftlich boykottirt, in ihren Rechten und in ihrer Ehre mißhandelt. Das ist ungefähr das Nämliche, dem Princip nach und in der Wirkung. Robert Wolf. Zur Frage des Zionismus. Steyr, 21. November. In der gestrigen Bormittagsmesse hielt der bischöfliche Consistorialrath, Dechant Dr. Strobl, sonst ein Judenfreund, eine Predigt, in deren Verlaufe er auf das Geschenk des deutschen Kaisers an die Katholiken zu reden kam, und dann sagte: „Das Geschenk des deutschen Kaisers zeigt deutlich, daß auch in protestantischen Kreisen daran festgehalten wird, daß einzig und allein die christliche Kirche rechtmäßige Ansprüche auf den Boden des heiligen Landes machen darf. Ich halte es für nöthig, dies hier ausdrücklich zu erklären, weil in der letzten Zeit von jüdischer Seite mit Judenstaatsideen und Colonialbestrebungen ausgetreten worden ist. Nie und nimmer wird die heilige Kirche diesen Leuten Einfluß in dem heiligen Lande einräumen und gönnen. Der heilige Stuhl wird sich gewiß damit nicht zufrieden geben, wenn auch die Stätten, wo der Heiland einst gewandelt, territorialisirt werden." Diese Worte sind in dem Munde eines so bedeutenden kirchlichen Würdenträgers umso gewichtiger, als Dr. Strobl lange Zeit in Rom war und mit den politischen Bestrebungen des Vaticans genau vertraut ist. Zur zionistischen Propaganda. Das officielle Organ des orthodoxen Judenthums in Galizien „Machsike Hadas" bringt folgende Kundgebung: „Die „Welt" bringt die Mittheilung, daß der Oberrabbiner Schmelkes von Lemberg zum Ehrenpräsidenten des zionistischen Vereines von Lemberg gewählt wurde. Se. Ehrwürden der Herr Oberrabbrner hat uns deswegen aufgefordert, öffentlich bekanntzugeben, daß derselbe niemals ein-