Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Vr. Vloch'« Die Lüge mag noch so oft als solche gebrandmarkt werden, sie wird doch immer wieder von Neuem aufgetischt. Jener erdichtete Ausruf wurde, wie die „Oesterreichische Wochenschrift" wiederholt, zuletzt im März 1896, constatirte, sogar in ein für die galizischen Katholiken bestimmtes Gebetb u ch eingeschmuggelt, welches mit dem „Imprimatur" des Fürstbischofs von Krakau, Cardinal D u n a j e w s k i, versehen erschienen ist. Das war nur dadurch möglich, daß der Rector der Krakauer Universität, Reichsrathsabgeordneter Dr. C h o t k o w s k i, als Censor das Buch gelesen und dem fürstbischöflichen Consistorium die Genehmigung empfohlen hatte. Herr Dr. Chotkowskibehauptete, er habe nichts darin gefunden, * was der Lehre der römischen Kirche zuwiderliefe, als ob es nach den Grundsätzen der christlichen.Religion jemals gestattet sein könnte, zu lügen und zu fälschen. Einer handgreiflichen Lüge hat dieser Mann Eingang in ein G e b etbuch verschafft. Bor einem Sacrileg, vor der Entweihung des Gottesdienstes also schrecken die Antisemiten nicht zurück, wenu es sich darum handelt, den Haß gegen die Juden im Volke zu wecken und zu schüren, und aus diesem im Jahre 1889 erschienenen Gebetbuche hat wahrscheinlich das „Deutsche Volksblatt" oder dessen Gewährsmann den erdichteten Aufruf wiedergegeben. Das ist die einfache Geschichte der allerneuesteu antisemitischen „Sensation", die Reprise eines alten, wiederholt gebrandmarkten und selbstverständlich „freudig begrüßten" Bubenstückes durch das „Deutsche Volksblatt." Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Scandal im Gemeinderathe. — Juden als Magistratsbeamte. — Der unverantwortliche Bürgermeister. — Für den katholischen Schulverein. — Ein Jrrthum in der Confession. — Die Hofspritze des Rektorats. — Graf Thun über die Juden.) Die antisemitischen Gewaltakte, deren täglicher Schauplatz die Stadt Wien geworden ist, vertragen kaum mehr eine Steigerung. In Neu-Sandee freilich haben die Judenverfolgungen seinerzeit handgreiflichere Formen angenommen als in Wien, dort wurden die Grundsätze der Schneider und Gregorig in die That umgesetzt, allein in der Hauptstadt geht derlei doch nicht an, weil hier füglich doch noch die Sicherheitswache und nöthigenfalls das Militär zu zahlreich ist. An gutem Willen und an der erforderlichen Bedienungsmannschaft, um mit den Juden nach den Intentionen der antisemitischen Befehlshaber zu verfahren, würde es wahrlich auch in Wien nicht fehlen, und es darf dies auch nicht Wunder nehmen, wenn man sieht, mit welcher Unverschämtheit sich die herrschende Partei nicht blos über die primitivsten Anforderungen des Anstandes, sondern geradezu über Recht und Gesetz hinwegsetzt. Sie proclamirt auch ganz ungenirt, daß sie sich überhaupt um das Gesetz nicht kümmert; wo es sich um ihre Parteiherrschast handelt, thun diese Leute einfach, was sie wollen. Nur in einem solchen Milieu sind Vorgänge denkbar, wie sie sich am vorigen Freitag im Gemeinderathssaale abspielten. Wenn man sich das Benehmen des Dr. Lueger und den von ihm geübten Terrorismus vergegenwärtigt, so muß man über die Sanstmuth der Liberalen staunen, welche sich so unerhörte Uebergriffe, einen so nichtswürdigen Mißbrauch der Amtsgewalt gefallen lassen. Das ist nicht mehr Anmaßung, Ordinärheit und Brutalität, das ist geradezu Frechheit! Mit welchem Rechte erkühnt sich denn dieser Mensch, mit Vertretern der Bürgerschaft in einem Tone zu reden, als ob sie Schuljungen wären, denen er mit dem Bakel droht? Seit wann darf ein Bürgermeister der Stadt Wien sich unterstehen, einen Gemeinderath durch Magistratsdiener gewaltsam aus dem Sitzungssaal hinausführen zu lassen? Haben die Liberalen Fischblut in den Adern, daß sie einen so schändlichen Gewaltakt duldeten? Wenn schon Dr. Lueger den Beruf in sich verspürt, seinen Protector Badeni zu copiren, so war es diesmal auch die Pflicht der Fortschrittlichen, die Ehre der Stadt Wien vor der Besudelung durch einen politischen Gamin zu schützen, dessen Größenwahn bereits bis zu einem pathologischen Stadium gediehen zu sein scheint. * * * Das Rechtsgefühl des Herrn Bürgermeisters und sein Empfinden für die Verpflichtungen eines großen Gemeinwesens Wochenschrift Sette 851 kam in jener schmachvollen Gemeinderathssitzung auch in der Antwort zum Ausdruck, welche er auf eine die Beförderung der Magistratsbeamten betreffende Interpellation ertheilte. Dr. Vogler und Genossen constatirten, daß vorzüglich qualificirte langjährige Beamte blos deshalb präterirt wurden, weil sie Juden sind, und daß die Frage, ob Juden überhaupt ernannt werden sollen, dem Bürgerclub zur principiellen Entscheidung vorgelegt wurde. Sie fragten deshalb den Herrn Bürgermeister, was er zu thun gedenke, um solche Vorkommnisse hintanzuhalten. Wie gewöhnlich, erhielten die Interpellanten von diesem Prachtexemplar eines objectiven Bürgermeisters keine eigentliche Antwort, sondern eine schnodderige Abfertigung. Bor Allem sei ihm ein Recht auf Beförderung nicht bekannt. Im Gegentheile, mau sei über die Motive, warum Jemand nicht befördert wird, keine Rechenschaft schuldig. Formell mag dies vielleicht richtig sein. In meritorischer Hinsicht aber ist es selbstverständlich, daß Jemand, der viele Jahre lang pflichttreu als Mitglied eines städtischen Beamtenkörpers thätig ist, hinsichtlich der vorkommenden Beförderungen nach denselben Grundsätzen behandelt wird wie jeder Andere. Unter anständigen Menschen wenigstens gilt das als selbstverständlich; bei der Majorität des Wiener Gemeinderathes und bei Dr. Lueger nicht. Einen tüchtigen und eifrigen Beamten deshalb zurückzusetzen, ihn zu unterdrücken, ihn materiell und moralisch zu schädigen, blos deshalb, weil er ein Jude ist, das ist eine Niedertracht, und es scheint, als ob diese Niedertracht in Wien auch durchgeführt werden sollte. Es ist ein unerlaubter Mißbrauch der in ihre Hände gerathenen Macht seitens der herrschenden Clique, bei der Entscheidung über das Schicksal von Beamten, welche sich im Dienste der Stadt redlich geplagt haben, ihren antisemitischen Gelüsten zu fcöhnen. Dazu haben sie die physische Macht, aber nicht das moralische Recht. Ihr Benehmen ist, wenn sie das thun, gewissenlos und unanständig, und Herr Dr. Lueger fügt dazu noch den jesuitischen Kniff, sich hinter dem Mangel eines ausdrücklich normirten Rechtes zu verschanzen. Ueber die Motive, die den einen oder anderen Stadtrath geleitet hätten, sagte Dr. Lueger weiter, könne er keine Rechenschaft geben, und darüber, was im Bürgerclub vorgehe, habe er keine Rechenschaft abzulegen. Eine solche Auskunft ist ebenso bequem als arrogant. Wenn dem Herrn Dr. Lueger bekannt ist, und es muß ihm bekannt sein, daß bei der Frage der Beförderung der Beamten die Confession entscheidet, so ist er nach dem von ihm geschworenen Eide verpflichtet, das nicht zu dulden. Ist es unwahr, so gebietet es ihm die Rücksicht auf die Ehre des Gemeinderathes, dessen Gerechtigkeit sonst angezweifelt wird, die vorgebrachte Behauptung auch als unwahr zu erklären. Ist es aber wahr und ist es correct, warum gebraucht er die unwürdige Ausrede, daß er keine Rechenschaft zu geben habe? Das ist überhaupt einer der beliebtesten Trics dieses Herrn, der sich sonst so gerne als allmächtig gerirt, für alle Mißbräuche, die unter seiner Verwaltung Vorkommen, der Verantwortung durch die Phrase aus dem Wege zu gehen, er sei für das Eine nicht verantwortlich und für das Andere nicht competent. Im Bezirksschulrathe ist er nicht der Bürgermeister, und im Gemeinderathe ist er nicht Obmann des Bezlrksschulrathes u. dgl. Aus dem ganzen Ton und Inhalt seiner Antworten aber geht hervor, daß es keinen Willküract und keine Ungerechtigkeit gibt, die er, falls sie dem antisemitischen Programm entspricht, nicht zulassen würde. Nur die gehässige Verantwortung, die überläßt er großmüthig seinen Parteigängern, denn man soll nichts verschwören, und vielleicht findet er es einmal für gut, wie hinsichtlich so vieler anderer Gesinnungen, die er bereits consumirt hat, auch hinsichtlich der antisemitischen eine Häutung vorzunehmen. Dann hat man es wenigstens nicht allzu arg getrieben, und die Brutalen waren Diejenigen, für die er keine Rechenschaft zu geben hat. * * Die Subventionirung clericaler Vereine stand auf der Tagesordnung und in clericalen Dingen ist unser Bürgermeister überaus empfindlich. Für arme Waisenkinder hatte man nicht 50 fl., denn sie waren Juden. Armen Studenten gewährte man die Schulgeldbefreiung nicht, denn sie waren Juden. Die Freiwillige Rettungsgesellschaft und der Volksbildungsverein, das sind wieder Judenknechte. Gegen den Katholischen Schulverein aber durfte ja kein Wort gesprochen werden. Der Herr Bürgermeister wurde gar nervös, so oft ein Redner sich zum Worte meldete, und so oft einer über den betreffenden clericalen Verein sprach und über nichts Anderes, entzog er dem Redner das Wort, weil dieser nicht zur Sache spreche. Wenn man ein Schulbeispiel