Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Date
- 1898-11-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 850 Vr. Bloch's Wochenschrrsi Nr. 47 wirthschaftlich auf eigene Füße stellen müssen. Das ist natürlich den Polen nicht recht. In einem Berichte, der jüngst aus Anlaß des Genossenschaftstages in Lemberg veröffentlicht wurde, wird seitens des Genossenschaftsverbandes gegen die jüdischen Credit-Genossenschaften entschieden Stellung genommen. Schon der Umstand, daß unter 438 Credit-Geuossenschaften die Zahl der jüdischen 244, d. h. 55'2"/«, beträgt, wird mit Entsetzen constatirt. Ohne nähere Begründung werden diese Genossenschaften als „jüdisch-deutsch" hingestellt und in folgender Weise apostrophirt: „Die jüdisch-deutschen Genossenschaften in Galizien zeichnen sich aus: 1. durch ihre consessionelle Exclusivität, die darin besteht, daß sie zum Verwaltungsrath und zu den Vereins-Vortheilen nur ihre Angehörigen zulassen, hingegen die Lasten, wie insbesondere die hohen Zinsen und Provisionen auf ihre Schuldner, die namentlich der Landbevölkerung angehören, überwälzen, 2. daß sie sich der öffentlichen Controle entziehen, und 3. daß sie in einem polnischen und ruthenischen Lande Germanisirung treiben. (?) Wir gestehen gern, daß nicht alle jüdischen Genossenschaften den Vorwurf der Ausbeutung und des Wuchers verdienen, daß unter ihnen auch gut organisirte vorhanden fiitb, wie es auch Juden gibt, die ihre patriotischen Pflichten erfüllen — allein die „guten" Vereine sind ebensowenig wie die Juden- Patrioten in der Lage, ihre Glaubensgenossen zu beeinflussen." Der Groll, der aus diesen Worten spricht, hat auch seinen begreiflichen Grund. Die jüdischen Genossenschaften haben es nicht für nothwendig gefunden, sich dem ueugegründeten Genossenschafts- Verbande anzuschließen und ihre Actionsfreiheit aufzugeben. Das Gleiche haben aber auch 67 nicht jüdische Genossenschaften gethan. Für diese hat der Bericht gar keine Bemerkung. Freilich wird im Bericht nicht gerügt, daß alle die galizischen Credit-Genoffenschaften viel zu wenig den breitesten Schichten der Bevölkerung zu Gute kommen. Und doch ist die ganze wirthschaftliche Zukunft der galizischen Judenschaft nur eine Frage des billigen Credits! Während die „christlichen Niederlagen" von - Land und Staat subventionirt, immer mehr prosperiren, findet der jüdische Händler und Krämer nirgends Credit und bricht unter der Last der Concurrenz zusammen. Er wird nicht einmal proletarisirt, sondern declassirt — zum Lumpen-Proletarier. Aus dieser abschüssigen Bahn rollt die galizische Judenschaft rapid abwärts; der Socialismus und der „Judenstaats"-Zionismus blicken schweigend zu, um sich dann wegen der mageren Knochen des Massenproletariats herumzubalgen. Vernünftige jüdische Politiker dürften es aber zu diesem traurigen Ende nicht kommen lassen. Das Gros der galizischen Judenschaft gehört dem Mittelstände an, und eine rationelle Mittelstandspolitik könnte allein den Ruin aufhalten, dem es entgegengeht. Aber wo finden wir heute jüdische Politiker? Die Ovationen, die dem dänischen Schriftsteller Georg Brandes bereitet werden, lassen uns ziemlich kalt. Er hat zwar ein Buch über „Hiob" geschrieben, aber er hat sonst nie Anlaß genommen, seine Zugehörigkeit zum Judenthum zu betonen. Selbst in seinem jüngsten Buch „Polen", dem er die Einladung nach Galizien zu verdanken hat, antwortet er auf die Frage einer Warschauer Gräfin, wo es sonst ein Volk gäbe, daß so viele Verfolgungen auszustehen hätte, wie die Polen: „Ich könnte höchstens das jüdische Volk nennen, aber ein solches gibt es nicht mehr." (?) Die polnische Presse, ohne Unterschied der Parteistellung, preist in ihm den „Taine des Nordens" und in den spaltenlangen Biographien verräth keine Silbe, daß dieser „große Däne" Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische jenes Volkes ist, gegen das seine Gastgeber den Vernichtungskrieg führen. „Denn Polen lieben, das heißt die Freiheit lieben" — vielleicht kann dies der Jude sagen, der in — Kopenhagen wohnt. Der Leser mag mir verzeihen, wenn ich diesmal auch ein wenig nach ostwärts ablenke und unser kleines Nachbarland Bukowina streife. In seinen kleinlichen Verhältnissen hat sich jüngst eine große Ueberraschung vollzogen. Würden nicht die Namen Suczawa, Sereth, Radautz so hart und rythmenlos klingen, die Juden dieser drei Städte könnten bald leicht einen verdienten Ruf erlangen. Sie bilden nämlich die Majorität und von ihrer Entscheidung ist die Person des Reichsrathsabgeordneten abhängig. Daß jüdische Majoritäten christliche Abgeordnete wählen, haben wir leider schon oft gesehen, und daß diese Mandatsträger verkappte Antisemiten sind, hat sich wiederholt gezeigt. Aber daß der Abgeordnete einer jüdischen Majorität einem antisemitischen Club angehört, das haben erst die Städte Suczawa, Sereth, Radautz und ihr Erwählter, Professor v. R o s ch m a n n, zu Stande gebracht. Man erzählt sich, daß die jüdischen Wähler über die antisemitische Gesinnung des ihnen von den Bezirkshauptleuten „empfohlenen" Candidaten nicht genügend informirt waren und sich daher an den Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r in Czernowitz um Auskunft wandten. Dieser telegraphirte: „Lojne Israel*4. Herr v. Ro schirr an n wurde gewählt und er überraschte seine Wähler. Er trat nämlich nicht einem antisemitischen Club, sondern der freisinnigen Mautnergruppe bei. Diese Fraction ist nämlich regierungsfreundlich und er war Regierungscandidat. Aber er fand darin zumeist Juden und solche, die es einmal waren. Dem Zuge seines Herzens folgend, sprang er nun in die „Deutsche Volkspartei" als — Hospitant. Am deutschen Volkstage bei Bozen, zu dem die jüdischen Correspondenten der „deutschliberalen" Blätter nicht zugelassen wurden, hielt er eine große Rede. Und wenn er im Parlament an Schönerer oder Wolf vorübergeht, so macht er eine schöne Verbeugung und reicht ihnen innig und verständnißvoll die Hand. Juden von Suczawa, Sereth, Radautz — Heils! Die Reprise eines allen Bubenstückes. Es sind nahezu zehn Jahre her, seitdem die „Berliner Germania", eine Zeitung, die ungefähr auf demselben sittlichen Niveau steht, wie das „Deutsche Volksblatt", einen Aufruf veröffentlichte, welcher, angeblich von der »Allianz Israelite« herrührend, die Juden aufforderte, Galizien zu erobern, die Christen aus ihren Stellungen zu verdrängen, den gesammten Grund und Boden an sich zu reißen und so das Land unter die Alleinherrschaft der Juden zu bringen. Zur Durchführung dieses Planes, Galizien den Christenhänden zu entreißen, habe die rAlliance Israelite« bereits große Geldsammlungen eingeleitet, Baron Hirsch, Rothschild, Bleichröder, Mendelss o h n rc. haben große Summen gespendet und die Sammlungen werden fortgesetzt. Das war, wie gesagt, vor nahezu zehn Jahren. Plötzlich, am 17. November 1898, will das „Deutsche Volksblatt" entdeckt haben, daß die polnischen Blätter diesen von der »Alliance Isradlite« verfaßten und an die polnischen Juden gerichteten Aufruf reproduciren und es bemerkt hiezu: „Wir unsererseits begrüßen es mit Freuden, daß das Judenthum in dieser Frage einmal die Maske ablegt und seine Pläne so offen enthüllt." Das „Deutsche Volksblatt" hatte freilich, als es dieses alte antisemitische Bubenstück, denn um nichts Anderes handelt es sich, wie ja für Jedermann schon aus. dem blödsinnigen Inhalte dieses fingirten Aufrufes ersichtlich ist, durchaus keine Maske abzulegen. Es präsentirt sich vielmehr hiebei in seiner eigenen altbekannten Physiognomie, deren unverkennbare Merkmale die Gemeinheit und die Perfidie sind. Sowohl dem „Deutschen Volksblatt" als auch jenen polnischen Blättern, welche angeblich derzeit diesen gefälschten Aufruf veröffentlichen,' denn wir glauben gar nicht daran, daß dies geschehen ist, mußten ganz genau wissen, erstens, daß es sich um eine niederträchtige Unterschiebung handelt und zweitens, daß jenes Machwerk, wie erwähnt, vor nahezu zehn Jahren bereits erschienen ist, so daß es ganz unbegreiflich erscheint, wieso es jetzt plötzlich wieder actuell geworden sein soll. Mit vollem Bewußtsein wird da eine vor Jahren in die Welt gesetzte nnd als solche öffentlich gebrandmarkte Lüge von Neuem aufgetischt. Der Inhalt des Aufrufes, welcher da der »Alliance israsllte« zugemuthet wurde, ist so läppisch und so albern, daß mit dem Abdrucke desselben wirklich nur auf die Dummheit der auf der niedersten Stufe der Intelligenz stehenden Schichten der Bevölkerung speculirt werden kann und, wie das „Deutsche Volksblatt" zeigt, auch speculirt wird. Dessenungeachtet hat die »Alllance Israelite« innerhalb des letzten Decenniums sich drei Mal der Mühe unterzogen, dieses Schriftstück öffentlich als eine perfide Fälschung zu erklären. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat dieses antisemitische Bubenstück wiederholt angenagelt, und zwar im Jahre 1889, 1890 und 1896, und immer wieder war es derselbe nunmehr vom „Deutschen Volksblatt" wieder reproducirte Aufruf, mit welchem wir uns beschäftigen mußten. Die Antisemiten machen es damit gerade so wie mit dem Märchen vom Ritualmord. Auf eine verleumderische Erfindung, die sie einmal gemacht, verzichten sie niemals wieder.