Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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i»r. 46 Vr. Vloch's Wochenschrift «eite 847 Reichenberg, (©tgmuub Libitzky.) Am 9. d. M. rvurde das Mitglied unserer Cultusgemeinde Herr Sigmund L i b i tz k y zu Grabe getragen, welcher das hohe Alter von 84 Jahren erreicht hat. Der Dahingeschiedcne wirkte durch 25 Jahre als Vorsteher der hiesigen Cultusgemeinde, die er in musterhafter Weise leitete und die ihm jederzeit am Herzen lag. Geachtet und geschätzt von den Mitgliedern der Gemeinde wurden ihm während seiner" Amtswirksamkeit vielfache Ehrungerl zu Theil und schon vor einigen Jahren ließ der derzeitige Vorsteher Herr Heinrich L a n g st e i n eine großes Oelgemälde des Dahingeschiedenen anfertigen, welches für immerwährende Zeiten den großen Sitzungssaal der Gemeinde schmückt. In Anbetracht dessen, daß der Verblichene nicht nur von seinen Glaubensgenossen, sondern auch seitens unserer christlichen Mitbürger geschätzt und geachtet wurde, wirkte er lange Jahre als Stadtverordneter, als Mitglied des Bezirksschulrathes und als k. k. Handelsgerichtsbeisitzer beim hiesigen Kreisgerichte. Das Begräbniß, welches die Gemeinde auf eigenen Kosten veranstaltete, gestaltete sich sehr imposant; die ganze Gemeinde, Vertretungen der Nachbargemeinde, Staatsbeamte und Bürger folgten dem Sarge, der vom Trauerhause zum Tempel geführt wurde. Vor dem Tempel wurde der Sarg aus dem Wagen gehoben und von Mitgliedern des Cultusvorstandes in den Tempel getragen. Die Trauerseier wurde mit einem vonr Tempelchor vorgetragenen Choral eröffnet. Sodann.bestieg der Rabbiner Dr. Emil Hoffman die Kanzel und schilderte in treffender Weise das Leben lind Wirken des Dahingeschiedenen als Gatte, Vater, Bürger und Vorsteher dieser Gemeinde, welche er derart leitete, daß sie als ein Muster aller Gemeinden Böhmens galt. Nach beendigter Trauerseier wurde der Sarg wieder in den Leichenwagen gehoben und aus den Friedhof überführt, wo der Vorstand dem Berblick enen-ein eigenes Grab widmete. Am Grabe sprach, da der Vorsteher durch Unwohlsein verhindert war, der Vorsteher-Stellvertreter Herr JUDr. Wilhelm Schnürmacher der dem Verblichenen einen tiefempfundenen und ergreifenden Nachruf hielt. Das Wirken des Verblichenen, in dessen Intentionen. die Gemeinde unter der Leitung weitergeführt wird, wird dem Gedächtnisse Aller, die mit ihm gewirkt, ewig unvergeßlich bleiben. Krakau. Herr Gerichtssecretär Salamon Ju.rowitz ist zum' Landesgericht sr ath ernannt worden, der dritte Jude, der in Westgalizien diese Würde bekleidet. Angesichts der hier vorherrschenden antisemitischen Strömung erhält diese Ernennung gesteigerte Bedeutung. Temesvar. Auf dem Standesamte fand die Civiltrauung des Fabriker Oberrabbiners Dr. Jacob Singer mit Fräulein Jllonka Rotter, Tochter des hiesigen Holzhändlers Wilhelm Rotier, statt. Nach der Trauung machten beiden Neuvermählten die Repräsentanten der Fabriker Cultusgemeinde, die Chewra- Kadischa, der Fabriker israelitische Frauenverein ihre Aufwartung. Feuilleton. Der Letzte. Erzählung von S. K o h n. Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Jetzt erdröhnten im Vorzimmer die Tritte mehrerer rasch schreitender Männer, die Thüre wurde rasch aNfgeriffen und der Kanzlist Tirschenreuter trat von zwei Polizeidieuern begleitet ein. Er wandte sich an den Bürgermeister: „Euer Gestrengen! Wir waren im Hause des Dr. Wallbruck, um denselben zu verhaften. Es war Niemand im Hause; die alte Haushälterin tvar, wie die Nachbarn sagten, zeitlich am Morgen weggegangen, wir fanden die Thür der Wohnung verschlossen. Der Vorschrift gemäß ließ ich den Schlosser holen und die Thüre öffnen; — die ersten zwei Zimmer waren leer, im dritten fanden wir Dr. Wallbruck — am Fensterkreuz hängend .... ich ließ ihn gleich abschneiden; aber die Leiche war schon ganz kalt und starr!" Es war eine tiefe Stille eingetreten; Bürgermeister Purkhammer, der schon eine Stunde lang, wie eine leblose Pagode dagesessen, erhob sich plötzlich, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, und stemmte beide Hände aus den Tisch. Er war tiefdunkelbraun, schon nahezu in's bläuliche übergehend, geworden, seine Augen schienen aus ihren Höhlen hervorzutreten, er lallte: „Wa ..... Wall . . . ., Wall . . . dann stürzte er, als wenn ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen worden wäre, in den Lehnstuhl zurück; ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht, ihn der wohlverdienten Schmach gerechter Strafe entzogen. Abraham Duppau war von seiner ganzen Familie im Triumphe abgeholt worden. Was er, seine Frau und seine Kinder fühlten, das vermag sich kein Bürger der lichten Gegenwart, und besäße er die reichste Dichterphantasie, vorzustellen! — Am Morgen desselben Tages hatten sie Alle sich so unendlich unglücklich gefühlt, daß sich elender und unglücklicher noch nie ein Mensch auf dieser Welt gefühlt; und jetzt durchströmte sie eine Fluth beseligenden Entzückens! Als Duppau in seinem Hause anlangte, fand er den Kreisrabbiner und fast die ganze Bewohnerschaft von Luck vor, welche sich zur herzlichsten Beglückwünschung eingefunden hatte. Der Pfarrer war zu ermüdet, um noch am selben Tage heimkehren zu können, er mußte über Nacht in E. bleiben, aber vor freudiger Aufregung konnte er nicht schlafen. Zehntes C a p i t e l. Sonnenfels hatte sich sofort bei seiner Ankunft in Wien zur Audienz bei der Kaiserin gemeldet. Sonnenfels war ein Redner von allerhervorragendster Bedeutung. Die ans Wunderbare grenzende Macht seiner Rede, welche mit der höchsten logischen Schärfe auch edlen Schwung vereinigte, mußte um so entscheidender wirken, als er auch ein redlicher, selbstloser Mann, mit einem Worte ein Mann war, wie ihn ein Jahrhundert nur selten auszuweisen hat. Er war freimüthig bis zur äußersten Grenze; nach den beschränkten Begriffen seiner Zeitgenoffen dieselbe weit überschreitend; aber die geistvolle Kaiserin Maria Theresia hatte die herrliche Charakterfülle des e i nz i g e n Mannes in ihrer Umgebung, der n u r für das Recht, die Wahrheit, die Menschheit kämpfte, sich dadurch eine Legion von Feinden schaffte, für sich aber nie das Allergeringste zu erlangen strebte, erkannt, nnd verlieh ihm auch in dieser für die Geschichte des Rechtes, ja für die Geschichte der Menschheit hochwichtigen Audienz gütig, gnädiges Gehör. Sonnenfels erzählte den Fall Abraham Duppau's. Wie er moralisch von der Unschuld des Verurtheilten überzeugt, doch nicht einmal einen Aufschub ver Todesstrafe zu erlangen vermochte, weil der Buchstabe des Gesetzes, der sich auf ein natürliches, widersinniges Verfahren stütze, dem E'er Criminalgerichte das Recht gab, Duppau zu verurtheilen. Sonnenfels schilderte mit hinreißender Gluth die Empfindungen des Verurtheilten, seines treuen, aufopfernden Weibes und seiner Kinder, als der wackere, unschuldige Mann an der Richtstätte stand; — und die Kaiserin, selbst eine zärtlich liebende Gattin und Mutter, hing mit verzehrenden Blicken an seinen Lippen. Mit weiser Berechnung, alle Effecte in aussteigender Ordnung benützend, ließ er die Kaiserin in seiner Erzählung befiirchten, er sei zu spät angekommen, so daß, als Sonnenfels zu dem ergreifenden Schluffe seines Berichtes gelangte, der Kaiserin die Thränen über die hochgerötheten Wangen stoffen, und sie die Hände zusammenschlagend ausrief: „Gottlob! daß Ihr, Er und der brave, gute Pfarrer noch zur rechter Zeit gekommen seid!" Und Sonnenfels fuhr, die Unterbrechung scheinbar nicht beachtend fort: „Eure kaiserliche, apostolische Majestät! Angebetete große Kaiserin! Noch einmal erhebe ich meine Stimme im Namen der leidenden, bedrückten, unter den Fußtritten ihrer Peiniger blutenden, zuckenden Menschheit! Verbannen Allerhöchst Sie diese schwere schwarze Unglückswolke, die wie ein Damoklesschwert über dem Haupte eines jeden Staatsbürgers schwebt, aus Oesterreich! Angebetete Landesmutter, lassen Sie den Lucker Schutzjuden Abraham Duppau den letzten gewesen sein, der unter dem Eisen nnd dem Feuer blutete — und der allmächtige Gott wird allerhöchst Sie und Ihr durchlauchtigstes Haus segnen, bis an das Ende aller Zeiten; — und wenn Sie einst, reich an Ruhm und Ehre, hinübergehen werden in ein schöneres Jenseits;