Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 842 Dr. Bloch's Wochenfchrrst Nr. 46 und dadurch dessen Wuth auf sich lenkt, ebeufalls das Verbrechen der öffentlichen Gewaltthätigkeit begehen! Ja, der Herr Staatsanwalt müßte um einen Schritt weitergehen und die Provocation in der Anwesenheit der Juden erkennen, denn daß es Judenexcesse ohne Juden nicht gäbe, ist unzweifelhaft richtig. Der Justizminister sollte die besondere Strebsamkeit des Rzeszower Staatsanwalts — Przychodzki ist sein Name — im Auge behalten. Da der Angeklagte freigesprochen wurde, würde die Sache sonst zu keinen Bemerkungen Anlaß bieten. Nun war aber der Gorgel ob dieser Anschuldigung vier Monate in Untersuchungshaft, und deshalb hat der Anklagescherz des Herrn Przychodzki ein recht ernstes Gesicht, und der Herr Justizminister schuldet der Welt die Aufklärung, wieso derlei Dinge in einem Rechtsstaate geschehen können. Aus judensreier Zeit. Der „Bayerische Bauernbund" (26. October) beleuchtet in einem Aufsatz die Frage, ob es wahr sei, daß es den Bauern in der Zeit des „ch r i st l i ch e n Mittelalters" viel besser erging als in der heidnischen Zeit unter den römischen Kaisern. Dem entgegen war der Bauernbund auf der Versammlung zu Freising flink mit der Wahrheit zur Stelle: „Schlimmer war es unter den heidnischen Kaisern auch kaum als unter den christlichen Fürsten und Herren!" Und man brauche nur in die niittelalterliche Geschichte hineinzugreifen und dazu auch in die ch r i st l i ch e. So erzählt das bayerische Antisemitenblatt beispielsweise folgende Historien: „Wenn Kaiser Heinrich II. sein Hoflager hielt, Z. B. in Regensburg, in Bamberg, dann stellte ihm sein Pfalzgraf aus einem Kaisergut oder ein Graf aus seiner Grafschaft einen leibeigenen bayerischen oder fränkischen Bauer für das damals allgemein beliebte und gebräuchliche Hofvergnügen der sogenannten „Bare nhetze n". Der Bauer wurde splitternackt ausgezogen, über und über dick mit Honig beschmiert und dann ein Bär aus dem Zwinger auf ibn losgelassen. Während nun der Bär, bekanntlich ein Honigschlecker ersten Ranges, den Bauern hinten und vorne, unten und oben aus das Gründlichste ableckte, ergaben sich der Kaiser und seine umsitzenden Großen des Reiches, das waren die H e r z ö g e. Bisch ö fe, Grasen, B a r o n e, einem unauslöschlichen Gelächter. Und wenn hernach der Bär, das wilde Thier, nach der Honigmahlzeit ein gräßliches B l u t g e l L ft e kuudgab, zuletzt auch noch den nackten Bauer mit Haut und Haar aufzufressen, und der arme Leibeigene natürlich unter Todesängsten für sein Leben zitterte, so kani die Hofgesellschaft jenes ch r i st l i ch e n Mittelalters bei diesem Anblick nicht aus ihrem Lachen. . . . Der nämliche Kaiser verlieh das jetzige preußische Bisthum Paderborn in Westfalen einem geistlichen Würdenträger, der den Namen M e i n w e r k führte und dem Kaiser sagte, daß Paderborn für ihn keine besondere kaiserliche Gnade und Gabe sei, weil er selbst so viel erblichen Landbesitz habe, daß er davon ein weit größeres Bisthum stiften könne. Also gewiß ein Beweis, daß Meinwerk aus dem hohen Herrenstande war. Ganz in der damaligen Herrenweisc behandelte nun auch dieser Bischof Meinwerk von Paderborn die Bauern auf seinen bischöflichen Gütern. So ließ er z. B., als er einstmals auf ein solches Gut kam und den Garten voll Unkraut traf, die Bäuerin ebenfalls völlig entkleiden und so lange auf den Brennesseln hin- und herwälzen, bis man kein Unkraut mehr sah. Und doch sagt der Auffchreiber dieses Herrenactes: Meinwerk habe in seiner Bischofswürde noch zu den b e st e n A d e l i g e n jenes christlichen Mittelalters gehört. Die weltlichen Herren haben es eben noch hundertmal schlimmer gemacht. In Wahrheit, es gibt keine noch so gräuliche Ungebühr, die sie nicht verübten an ihren Bauern. Also still von jener Christlichkeit des Mittelalters! Die Bauern haben von ihr wenig empfunden. Hätte nur ein Bauer schreiben können über jene Zeit!" Bekehrte Antisemiten. Aus Birnbaum wird geschrieben: „Birnbaum, welches vor einigen Jahren noch als Hauptsitz antisemitischer Radaubrüder galt, ist soweit zur besseren Einsicht gelangt, daß es bei der Landtagswahl nur liberale Wahlmänner durchgebracht hat. Ja, selbst der einstige Führer der Antisemiten, Herr D u n k e, trat öffentlich für den Liberalismus ein, indem er dem conservativen Herrn Dr. Keller die Sünden seiner Partei vor Augen führte und zu beweisen suchte, daß man hier nur liberale Wahlmänncr wählen dürfe, wie es jetzt geschehen." Bon einer pietätvollen Enkelin. Als Enkelin des Aaron Kornfeld hat es mich innig gefreut, daß es auch noch heute Menschen gibt, die meines seligen Großvaters mit jener Verehrung gedenken, die er nicht nur durch seine Gelehrsamkeit und sein edles Herz, als auch durch seine Gottesfurcht, von der sein ganzes Wesen durchdrungen war, verdient. Jenen würdigen Verehrern dieser Tugenden will ich nun noch manche Details seiner Lebensschicksale bekanntgeben. Mein guter Großvater stand im Alter von 20 Jahren, als er seinen Vater verlor, der eine junge Witwe, meines Großvaters zweite Mutter, mit 12 Kindern hinterließ. Diese meine Urgroßmutter war eine Frau von seltenen Geistes- und Herzensgaben, die es wunderbar verstand, dem Hause, das stets in großer Achtung stand, würdig vorzustehen, und alle Kinder, sowohl die aus erster Ehe, wie ihre eigenen, musterhaft zu erziehen. Mein Großvater stand ihr mit einer nicht zu beschreibenden, unbegrenzten Verehrung und Liebe zur Seite, und bald ward ihm Gelegenheit, seine Kindesliebe zu betätigen. Kurz nach dem Tode meines Urgroßvaters erhob die Besitzerin der Gutshercschaft des Ortes, Gräfin N., Ansprüche ans das Haus und Geschäft, das die Familie ernährte, und für die durch den Tod ihres Gatten so tiefgebeugte Witwe war es nun nichts Geringes, ihr Eigenthum bedroht zu sehen. Der Proceß, der darob entstand, drohte schon alle Mittel zu verschlingen, und mein Großvater brachte in dieser Angelegenheit die meiste Zeit in Wien zu. Da begegnete ihm eines Tages der Jnspector der Gräfin und sprach folgendermaßen auf meinen Großvater ein: „Herr Kornfeld, ich rathe Ihnen, diesen so ungleichen Kampf aufzugeben; die Gräfin ist Ihnen an Rang und Reichthum so sehr überlegen, und durch ihre hohen Verbindungen muß sie das erreichen, wozu Sie gar keine Aussicht haben." „Ich", erwiderte mein Großvater, „habe allerdings Feilte hohen Gönner und nur bescheidene Mittel, doch mein gutes Recht und mein Gottvertrauen werde,! mir mächtige Stützen sein." Und so war es auch. Die Gräfin N. wurde in Wien durch einen Freund vertreten, der von mächtigem Einfluß war; und an dem Tage, der der Entscheidung des Processes voranging, starb dieser Herr. Dieser Umstand war es, durch den mein Großvater den Proceß, der schon als verloren angesehen ward, gewann. Und nun erhob sich das' Haus zu einem Glanze, wie es selten bei einem Juden gesehen wurde. Die bedeutendsten Gelehrten des In- und Auslandes machten sich ein Vergnügen daraus, meinen Großvater zu besuchen, und die hohe Achtung, die das bescheidene Haus genoß, war durch die Mildthätigkeit, den Edelsinn, durch die stets bekundete Menschenliebe seiner Bewohner, wohl verdient. Musterhaft war auch die tiefe Verehrung, die mein Großvater seinen Eltern zollte. Als Kind von 10 Jahren machte er einen Typhus durch und wollte im Delirium aus den, Fenster des ersten Stockes springen.' Die Umgebung konnte ihn kaum zurückhalten; da trat sein Vater ein und befahl ihm zurückzutreten. „Da Du es befiehlst, mein Vater", war die im Delirium gegebene Antwort, die ihm durch die Gewohnheit selbst in diesem Zustande geläufig war. Zu bedauern ist es, daß die hebräische Sprache der lebenden Generation so fremd wird; gewiß würden die von meinem Großvater hinterlassenen Manuscripte, in deren Besitz ich mich befinde, so Manchen interessiren. Eine Enkelin Aron Kornfeld's. Ein antisemitischer Gemeinderath. Aus Krems wird gemeldet: In der Gemeinderathssitzung vom 24. October 1898 theilte der Bürgermeister Dr. Heinemann den versanimelten Gemeinderäthen mit, daß die hiesige Staatsanwaltschaft gegen den Gemeinderath Leopold Steinhäusel die Anklage wegen Verbrechens des Betruges erhoben habe, weshalb derselbe derzeit nicht zu den Sitzungen zugelassen werde. Gemeinderath Leopold Steinhäusel ist Hauptagitator der hiesigen Christlich-Socialen, Cassier der Kremser clericalen Raiffeisen-Casse und Präsident des christlich-socialen Vereines. Er wird nun beschuldigt, die Unterschrift eines gewissen Ignaz und Joses Auer in Gneixendorf auf einem Schuldschein gefälscht zu haben. Die Hauptverhandlung, der man mit großer Spannung entgegensieht, dürfte demnächst beinr hiesigen Kreisgerichte stattfinden. Aus dem Leben gegriffen. Ein Freund unseres Blattes erzählt: Dieser Tage ging ich Abends über die Augartenbrücke. Mangelhafte Beleuchtung, aufgeworfene Gasgruben — wie beinahe überall, also auch hier. Ein Schotterwagen stolperte beinahe hinein zum Hauptrohr in die Tiefe. Der erboste Kutscher reißt seine Pferde mit Aufgebot aller seiner Kräfte zurück und brüllt die Gaslegungsarbeiter an: „O e s v e r.Saujude n, s eid's denn n o immer net fertig mit enkerer Gas?!" — Ist diese Regung der Volksseele nicht amüsant genug? __