Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 Br. Bloch'» vvochrnschrist Seite 833 Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Aus der Carritzre Vergani's. — Ein bedenklicher Beisatz. — Der Wahrheitsbeweis in eigener Regie. — Eine arische Heldenthat. — Einige Lügen des Prinzen Alois. — Die Botschaft an Dreyfus.) Das „Deutsche Bolksblatt" hat in der Tramwayfrage gegen Dr. Lueger Stellung genommen. Die Gründe, durch welche sich Vergani bewogen fühlte, das sonst so geliebte „Herrerl" plötzlich in die Waden zu beißen, sind buchstäblich von tausenderlei Art. Das „Wiener Tagblatt" brachte die Thatsache zur allgemeinen Kenntniß, daß Ernst Vergani gegen Siemens und Halske und zu Gunsten der Firma Schuckert austrete, weil er von der letzteren Firma eine größere Geldsumme erhalten hat. Von diesem Gelde habe Vergani Einiges an die Vermittler abgegeben und im weiteren Verlaufe habe er nicht blos sich selbst corrumpirt. Man hätte nun glauben sollen, daß Vergani das „Wiener Tagblatt" sofort wegen Ehrenbeleidigung klagen wird, denn eine schändlichere Zumuthung, als daß das „Deutsche Volksblatt" in einer, die vitalsten Interessen der Bevölkerung betreffenden Frage seine Meinung und seine Stimme verschachert hat, konnte doch einenl Organ, welches sich gerirt, als würde es nur für das „christliche Volk von Wien" leben und sterben, überhaupt nicht gestellt werden. Man weiß zwar, daß das „Deutsche Volksblatt" die Südbahn so lange angegriffen hat, bis es von dieser Gesellschaft ein fettes Pauschale erhielt, worauf es die Angriffe einfür allemal einstellte, eine Action, die nur ein Revolverblatt durchführt, allein Vergani hat damals den Geschwornen einzureden verstanden, daß er von dem Südbahnpauschale nichts gewußt, daß seine Administration dieses Geschäft abgeschlossen habe, und die Christlich-Socialen haben dem Ehrenbürger von Mühldorf diese einfach lächerliche Darstellung geglaubt,, oder besser gesagt, sie haben sie ihm glauben wollen, weil sie das Hetzorgan nicht entbehren können. Die schmutzige Südbahngeschichte hat dem Manne bei Herrn Dr. Lueger gerade so wenig geschadet, wie der bekannte Wahrheitsbeweis, und die infamirenden Thatsachen, welche dem Eigenthümer des Deutschen Bolksblattes nachgewiesen wurden, haben den Dr. Lueger nicht daran gehindert, dem Manne seine Hochachtung, dem Blatte sein Vertrauen auszusprechen, in großen Versammlungen für dieses Blatt Propaganda zu machen und sogar weißgekleidete Schulmädchen dafür zu mobilisiren. Diese historischen Thatsachen muß man dem Herrn Dr. Lueger unter die Nase reiben, wenn er nunmehr, nachdem er von seinem publicistischen Hausknecht meuchlings angefallen wurde, sich plötzlich so gerirt, als ginge dieses Blatt ihn gar nichts an, als stünde er mit demselben nicht in der geringsten Verbindung. Nein, Herr Dr. Lueger, den Ernst Vergani bekommen Sie und bekommt Ihre Partei niemals mehr los, das ist Ihre Creatur und mit dem Makel des Verganismus bleibt die christlich-sociale Partei einfür allemal behaftet. Dieser Ernst Vergani ist, wie ausdrücklich erklärt wurde, in der Tramwayfrage, bei welcher es sich um das Wohl der Stadt Wien handelt, von einer der concurrirenden Firmen bestochen worden. Aus die Anschuldigung des „Wiener Tagblatt" antwortete Vergani etwa, sein Blatt habe mit der Firma Schuckert keine Abmachung getroffen? O nein, das wagte er nicht zu antworten, denn es ist offenbar, wie er später selbst zugestanden, daß er von Schuckert wirklich Geld bekommen hat. Er antwortete: Das „Deutsche Bolksblatt" habe mit der Firma Schuckert keine Abmachung getroffen, durch welche ihm die Hände gebunden seien. Dieser Beisatz ist allgemein mit stürmischer Heiterkeit ausgenommen worden. * * * Um aber an der Bestechlichkeit und Käuflichkeit des Ernst Vergani nicht den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen, die übrigens schon durch die Andeutungen Dr. Lueger's über die „Gründe" der Handlungsweise Vergani's beseitigt worden waren, fügte Vergani den verschiedenen Wahrheitsbeweisen, die von Anderen gegen ihn geführt wurden, auch einmal einen Wahrheitsbeweis hinzu, den er selbst lieferte. Er entschuldigte sich nämlich für die an dem Tramwayvertrage geübte Kritik und sagte bei dieser Gelegenheit wörtlich: „Wir stehen mit den v e r s ch i e d e n st e n Verkehrsu n d industriellen Unternehmungen, wie jedes Blatt in geschäftlicher Verbindung, allein, niemals hat uns das gehindert und wird uns auch nicht hindern, an dem einmal als für die Allgemeinheit richtig anerkannten Standpunkte mit aller Energie festzuhalten rc. „In geschäftlicher Verbindung" steht also der Cato aus Sollenz, „mit den verschiedensten Verkehrs- und industriellen Unternehmungen", das heißt in die einfache Sprache der Thatsachen übersetzt, er läßt sich von ihnen für seine Haltung bezahlen, denn eine andere „Geschäftsverbindung" hat ja ftir die betreffenden Unternehmungen keinen Sinn. Wenn aber der große Gegner der Corruption Jemandem eiureden will, daß das Geld, welches er bekommt, ihn nicht daran hindert, die Unternehmungen, die ihn bezahlen, erforderlichen Falles zu bekämpfen, so wird er für diese Zwei- Taschentheorie nur wenig Gläubige finden. Für jeden Unbefangenen ist der Sachverhalt klar, daß Ernst Vergani feil nnd käuflich ist, daß die Firma Schuckert ihn bestochen hat, um gegen Siemens und Halske zu schreiben, - und daß er für eine ausreichende Anzahl von Silberlingen den Dr. Lueger verrathen hat. Ernst Vergani hat sich selbst als der „Judas" der christlich-socialen Partei entlarvt. * * * Die Verachtung, deren sich der Herausgeber des „Deutschen Bolksblattes" in den weitesten Kreisen erfreut, ist ihm oft und deutlich genug auch seitens der Deutschnationalen ausgesprochen worden. Das bindert ihn nicht, mit diesen zu fraternisiren in dem Augenblicke, in welchem sie auf die Juden losgehen. Wenn nur den Juden etwas Unangenehmes zugefügt wird, das ist die Hauptsache, und da die Heilobrüder an der Universität die Heldenthat begingen, zu Hunderten über ein Dutzend jüdische Studenten herzufallen, ist ihnen selbstverständlich die freudige Anerkennung eines Vergani zu Theil geworden. Die jüdischen Studenten, welche die Bereinigung „Libanonia" bildeten, haben von der Statthalterei die Erlaubniß erhalten, blaue Kappen zu tragen; mit diesem Adjustirungsstück ausgestattet, erschienen sie beim Bummel, und weil die Deutschnationalen das Kappentragen als ein Privilegium in Anspruch nehmen, entstand unter den akademischen Bürgern eine Rauferei, deren sich auch nichtakademische Hausknechte nicht zu schämen brauchten. Ueber die Anmaßung der Deutschnationalen, anderen Studenten vorschreiben zu wollen, was sie tragen dürfen oder nicht, sowie über die Brutalität und Feigheit, die darin liegt, daß einige hundert Menschen einige wenige mißhandeln, ist weiter nichts zu reden; das ist „arisch" nach den Begriffen des Schönerer und des K. H. Wolf. Allein die zionistischen Studenten haben Unrecht daran gethan, das Tragen von blauen Kappen zum Ausgangspunkte eines principiellen Kampfes zu machen. Die blauen Kappen sind nicht zionistisch und nicht jüdisch-national, sondern stellen die Nachahmung oder Anwendung einer studentischen Sitte dar, welche weder mit dem Judenthum noch mit dem Zionismus in irgend einem Zusammenhänge steht. Im Gegentheile; das Kappentragen ist in diesem Falle ein ausgesprochenes Stück Assimilation, die sich mit dem zionistischen Programm nicht verträgt. So erfteulich es ist, daß die jüdischen Studenten sich muthig zeigten und sich gegen die Uebermacht ihrer Angreifer tapfer wehrten, so sehr erscheint uns der Streitgegenstand unwerth einer möglicherweise sehr folgenschweren Auseinandersetzung. Unserer Ansicht nach ist die dringendste Aufgabe der jüdischen Studenten das Studium. Die heroischen Erfolge beim Bummel mögen sie getrost den Schönerianern überlaffen. Ihre Ueberlegenheit zu zeigen, mögen die jüdischen Studenten nur bei den Prüfungen sich bemühen. Hätten die jüdischen Studenten sich das vor Augen gehalten, so wäre es der „Libanonia" auch nicht passirt, von Vergani beschimpft zu werden, und darauf mußten sie ja gefaßt sein. Mit der „Libanonia" steht nämlich Vergani nicht in „Geschäftsverbindung". * * * Der lange Alois oder, wie ihn das „Deutsche Bolksblatt" nennt, der „illustre Redner", hat im katholischen Schul-Berein den Talmud als die neu entstandene Religion der Juden definirt und ihnen eingedichtet, daß ihr Gott 'ein Nationalgott sei, die Welt werde im Talmud als Eigenthum der Juden erklärt, der Besitz der „Gojim" als herrenloses Gut, welches der Jude jederzeit ohne Scrupel wegnehmen könne. Die Behauptung, daß solche Lehren im Talmud stehen, wurde bereits im Processe Rohling- Bloch gerichtsordnungsmäßig als Lüge erklärt. Das muß dem Prinzen Mois Liechtenstein nicht blos aus dem Buche bekannt sein, welches der Bertheidiger des Dr. Bloch im Processe Roh-