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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-18 · 46 (18.11.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
46 (18.11.1898)
Date
1898-11-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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«eUe 838 Vr. Vloch'» Wochrnfchrifl Nr. 46 ordnung vertrage die verlangte Aenderung nicht. Die jüdischen Lehrerinnen seien übrigens gar nicht nach dem Typus „Shylock" gebildet und stünden „dem Geiste Kant's und Lessing's näher als dem Geiste des Schulchan Aruch". Das war, wie gleich bemerkt sein mag, ironisch gemeint. So versicherten wenigstens nachträglich die Männer der Schuldeputation, als sie wegen dieser Redewendungen befragt wurden. In einem Punkte aber gehorsamte die Schuldeputation mit großer Pünktlichkeit und sogar in höherem Maße als verlangt war. Sie entließ sofort sämmtliche jüdische Schulamtsanwärterinnen. Man beachte, diesen schnellen Gehorsam auf Kosten der Juden! Wiederum verstrich ein Jahr. Es war Alles beim Alten geblieben — nur die Zahl der jüdischen Lehrerinnen war eingeschränkt und die jüdischen Schulamtsanwärterinnen waren entlasten. Das Provincial-Schulcollegium aber nahm an dem passiven Widerstand Anstoß. Es verfügte unter dem 22. April d. I., daß den jüdischen Lehrerinnen die Ordinariate da zu nehmen seien, wo sie in ihren Elasten nicht mindestens 10 jüdische Zöglinge hätten. Geschieht dies, so verlieren von 50 jüdischen Lehrerinnen etwa 40 das Ordinariat, was eine capitis diminutio für sie bedeutet, denn obwohl in den Berliner Volksschulen an 5000 jüdische Kinder sind, hat die Berliner städtische Schuldeputation für die 50 jüdischen Lehrerinnen nicht 50 Elasten ausfindig machen können, in denen 10 jüdische Kinder sind. Nicht daß solche Elasten nicht vorhanden wären — man trotzte einfach. Ein halbes Jahr ließ man verstreichen, ohne auch nur eine Vorstellung bei dem Minister zu versuchen. Der Herr Bürgermeister, der Vorsitzender der Commission ist, war verreist. So lautet die fadenscheinige Entschuldigung. Nach dieser Frist aber gehorsamte die Schuldeputation, entließ die jüdischen Lehrerinnen aus dem Ordinariat, ihnen „philosophischen Gleichmuth" und — Trost im Theaterbesuch empfehlend. Auf den Ausweg, die jüdischen Lehrerinnen an Elasten zu versetzen, die mindestens 10 jüdische Schüler zählen, kam man nicht. Man beachte den Gehorsam auf Kosten der Juden! Nichtsdestoweniger ist der Berliner Aufklärungsphilister stolz aus die städtischen Volksschulen und die städtische Schuldeputation, und, was das Seltsamste ist: die Juden, die in der Berliner Stadtvertretung eine Rolle spielen, theilen diesen Stolz. Es gibt immer noch Leute, die die Juden ftir vorzugsweise intelligent halten. Wir werden uns hüten, dem zu widersprechen. Aber hier in Berlin müsten wir mit Ausnahmen besonders gesegnet sein. Zur Frage dev Colonisalion. Die Idee vom Judenstaate, so wenig realisirbar ich sie halte, hat die Lethargie einer großen Anzahl ftüher indifferenter Glaubensgenosten besiegt, die Thatkraft aufgerüttelt, zur Solidarität ausgerusen; sie hat Leben und Bewegung in die träge, muthlose Maste gebracht und in ihr die wohlthuende Hoffnung geweckt, daß man ihr einen Weg bahne, aus dem sie der Misere werde enkinnen können. Das ist verdienstlich, wenn man auch an die Durchführbarkeit des Planes nicht glaubt, die zerstreuten Juden zur ehemaligen Souveränetät zurückzuführen, das Land ihrer Väter, das sie nicht erobern können, zurückzukaufen und auf den verwitterten Trümmern ihres einstigen Staates ein neues selbstständiges Reich zu gründen. Man hofft sonst gerne, was man wünscht; aber hier fehlt jede Hoffnung, daß in unserer miserablen Zeit, in unseren ganz erbarmungswerthen Verhältnissen, bei der schrankenlosen Herrschaft des Elericalismus und der Reaction, bei den zänkischen Eifersüchteleien bezüglich aller Punkte, wo einst unsere Patriarchen gewandelt, ein solider Neubau jüdischer Herrschaft gestattet und derselbe für unantastbar erklärt werden würde. Es wäre ja wahrlich so schön, wenn die verfolgten Juden unter Zustimmung der Großmächte ein eigenes, von den Gesetzen der Neutralität umfriedetes Heim, ein unbestrittenes Vaterland hätten, in dem sie unangefochten arbeiten und leben könnten. Es wäre ja nach zweitausendjähriger Verbannung und Zerstreuung der erste Ruhepunkt auf eigener Erde, wenn man ein Terrain gewinnen könnte, groß genug, um einen Theil jener Juden aufzuuehmen, die in Oesterreich, Rußland, Rumänien, in Persien und Marokko schwer um ihre Existenz ringen, schwer und immer schwerer ringen und schließlich unterliegen müssen. Jst's aber denkbar, daß die Türkei, welche uns nicht gestattet, die Gräber unserer Stammväter zu betreten, am Grabe Davids oder Rachels zu beten, uns ein Reich in ihrem Reiche öffnen, uns zu einer selbstständigen Macht emporwachsen, uns neben statt unter sich dulden würde? Jst's lenkbar, daß die unter römischer Direction stehenden christlichen Mächte, die sich im Heiligen Lande um jede Scholle und um jeden Einfluß befehden, dulden werden, daß auf dem vom Alten und Neuen Testamente geweihtem Boden ein jüdischer Staat entstehe, sei's als Königreich oder Republik? Und abgesehen von der politischen Unmöglichkeit, ist das schöne Projekt materiell undurchführbar. Wenn wir uns einen ganz kleinen Judenstaat in der Größe etwa der Bukowina denken, somit blos vom Umfang des siebenten Theiles von Galizien und blos mit einer jener der Bukowina entsprechenden Bevölkerung, demnach nur ein Zehntel der galizischen Population, so würden wenigstens elftausend Quadratkilometer Eulturland erforderlich sein, die von der Türkei zu erwerben wären, was bei den Bevölkerungsverhältnissen Syriens sehr schwer und sehr theuer ankäme — ein Unternehmen, das, wenn es überhaupt anderweitig nicht unmöglich wäre, mehrere Hundert Millionen erheischen würde, besonders, da die meisten Ansiedler mit Reisekosten, Ackerbauwerkzeugen, Arbeitsvieh und Hausthieren dotirt werden müßten. Wenn nun trotz dieser Schwierigkeiten der angestrebte, von Hunderttausenden begreiflicher Weise freudig erhoffte selbstständige Judenstaat zu Stande käme, so würde dies an die Zeiten der Wunder, an den Zauberstab Moses, an die Trompeten von Jericho und an die Sonne von Gibeon erinnern — es wäre mitten in einer Welt kochender Leidenschaften, klirrender Waffen und blutiger Fehden, ein Reich friedlicher Arbeit, ein ruhiges Asyl für ein verfolgtes und entrechtetes Volk! Aber was ich für fast gleichwertig und für ungleich durchführbarer halte, was eine dankenswerthe Aufgabe für jene Männer sein würde, die mit so vieler Verve und Hingebung den Zionismus geweckt haben, wäre die Gründung großer jüdischer Colonien in Syrien und Arabien, Niederlassungen ohne Souveränetätsrechte, aber mit unveräußerlichem Menschenrechte für die Einwanderer ausgestattet. Solche dürften prosperiren. In jenem Theil des Morgenlandes, wo unsere frühesten Ahnen lebten und begraben sind, wo unsere Propheten lehrten und weissagten, wo die Cedern des Libanons rauschen, der Sinai sein Haupt in die Wolken streckt und der Jordan seine Fluthen wälzt, werden aus verschiedenen europäischen Gebieten tüchtige, arbeitswillige Menschen strömen, um den Boden zu bebauen, auf dem unsere Väter einst ihren Weizen ernteten und ihren Wein kelterten und der so lange brach liegt. Für die ottomanische Regierung würde eine öde und wüste Provinz aufblühen, auf jetzt sterilem Boden ein steuerkräftiger Export erwachsen, Menschen und Capitalien einwandern, während wir im fernen Osten eine offene und gastfreie Zufluchtsstätte hätten, wenn die rauhe Hand unserer Gegner uns noch mehr drangsaliren würde und die dunklen Schatten des scheidenden, auch die Morgenröthe des kommenden Jahrhunderts verfinstern sollten! Man glaube ja nicht, der Jude sei für schwere Arbeit zu weich, ungeeignet für die landwirthschaftliche Thätigkeit. Die von Czar Nikolaus gegründeten jüdischen Colonien haben sich trefflich bewährt. Znr Zeit der Judenverfolgung in Rußland, in den Jahren 1880 und 1881, sind tausende jüdischer Bauern nach Amerika ausgewandert, wo sie als Kolonisten ein arbeitsvolles und fleißiges Dasein führen. In Galizien gibt es kleine und große Landwirthe, welche unbeschadet ihres Judenthums, ihren Grundbesitz pflegen, verbessern und vermehren. Mancher Jude, der klein begonnen und einige Schollen Rusticalgrüude besaß, ist jetzt Großgrundbesitzer. Natürlich schreiben unsere Gegner diese Erfolge nicht dem Fleiße, der Nüchternheit und der Sparsamkeit der Juden, sondern der Bewucherung ihrer christlichen Nachbarn zu, als ob die Ausbeutung ein Attribut des Judenthums, des Volkes der Gottesfurcht und der Humanität wäre und nicht tausendfach just von hochgeborenen, länderreichen Aristokraten geübt würde! Leo H e r z b e r g - F r ä n k e l. Teplitz.

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