Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4« Vr. Bloch'» Wochrnschrifl Sette 8*7 Eine Berichtigung. Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Geehrte Redaction! In der Nummer 45 der „Oesterreichischen Wochenschrift" ist ein Bericht zu lesen über die Sonntag den 6. d. M. in der Leopoldstadt stattgehabte und von dem Vereine „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" einberufene Versammlung zur Besprechung der Cultusvorstands-Wahlen. Dieser Bericht enthält der Unrichtigkeiten gar viele. Jnsbesonders meine in dieser Versammlung gesprochenen Worte sind in einer Weise wiedergegeben, daß ihr Sinn gerade in das Gegentheil verwandelt ist. Ich ersuche daher in Ihrer nächsten Nummer folgender Berichtigung Aufnahme zu gewähren: Ich habe den Vorstand der Cultusgemeinde nicht angegriffen, weil er zu wenig zur Abwehr des Antisemitismus gethan habe. Ich habe im Gegentheile auf die Abwehrthätigkeit der „Union" hingewiesen, die gewiß sehr mühselig gewesen sei, deren Resultate dennoch in keinem Verhältniß zur aufgewendeten großen Mühe stünden. Darum sei es viel vernünftiger, nach meiner Ansicht, statt die Kräfte auf Abwehr gegen so gewaltige Mächte, wie den Antisemitismus, zu vergeuden, diese Kräfte zur positiven Hilfe für die armen und elenden Opfer des Antisemitismus zu concentriren. Daß er das nicht in genügendem Maße gethan habe, machte ich dem Cultusvorstande zum Vorwurf, der wohl für normale Zeiten sehr geeignet fei, aber viel zu wenig Muth und Rücksichtslosigkeit für so außergewöhnlich schwere Zeiten wie die gegenwärtigen besitze und zeige. Was die confeffionelle Schule betrifft, so erklärte ich, es nicht zu begreifen, wie ein Verein, wie die „Union", der nur in der Religion das Bindeglied für die Juden anerkenne, gegen die confeffionelle Schule sein könne. Das dürften nur jene Juden, die auf nationaler Basis stehen. Und es ist überhaupt falsch und eine absichtliche Entstellung der Wahrheit, wenn man uns Zionisten reactionäre Tendenzen zuschreibt. Wir sind im Gegentheil die einzige Richtung im Judenthum, die den Geist der Zeit auch, für das Judenthum erfaßt, und die das Judenthum damit in Einklang bringen will. Aber eben deshalb rechnen wir mit den existirenden Thatsachen, statt uns selbst zu täuschen. Und da die Trennung der jüdischen Kinder von den arischen thatsächlich, wenn auch noch nicht gesetzlich durchgeführt ist, und nachdem aller Wahrscheinlichkeit nach alle Proteste daran nichts ändern werden, so ziehen wir es vor und wünschen es, daß diese Kinder statt von ihren übelwollenden antisemitischen, von wohlwollenden jüdischen Lehrern im jüdischen Geiste erzogen werden mögen. Diese Auseinandersetzungen fanden nicht nur keinen „lebhaften Widerspruch", sondern im Gegentheile vielfachen und starken Beifall. Der Herr Berichterstatter scheint überhaupt sehr schlecht zu hören, aber daß ich die Thätigkeit der „Union" eine segensreiche genannt habe, muß er geträumt haben. Achtungsvoll Architekt Marmorek. Nachschrift der Redaction: Der Bericht ist uns von den Veranstaltern der Versammlung mit dem Ersuchen übermittelt worden, ihn „unverändert" zum Abdruck zu bringen und wir müssen ihnen die Verantwortung für allfällige Unrichtigkeiten überlassen. Der Kampf gegen die jüdischen Lehrerinnen. Berlin, den 14. November. Fällt der Tops auf den Stein, wehe dem Topf! — Fällt der Stein auf den Topf, wehe dem Topf! — Wie es auch sei: wehe dem Topf! Die jüdischen Lehrer an den städtischen Volksschulen in Berlin haben Gelegenheit, die Wahrheit dieses alten Spruches an sich zu erproben. Wenn der unchristliche Antisemitismus, in das Schafsfell der Fürsorge für christliche Jugenderziehung gekleidet, sie angreift, indem er ihnen die Befähigung zu dem Lehramte abspricht, soweit es zugleich ein Erzieheramt ist — wehe ihnen! Und wenn der unchristliche Liberalismus, der in religionsfeindlicher Aufklärung sich gefällt, sie zu beschützen vorgibt — wehe ihnen nicht minder! Wie es auch sei: sie sind übel daran und haben vielleicht Ursache, ihre Beschützer noch mehr zu fürchten, als ihre Angreifer. Der Berliner Aufklärungsphilister ist auf die städtischen Volksschulen sehr stolz. Weshalb er es ist, wird er zu begründen kaum im Stande sein. Der Stolz ist eine lieberlieferung, seine Unterlage existirt nicht mehr, denn die Berliner Volksschule hat sich von der anderer Städte längst überholen lassen. Der ortsüblichen liberalen Aufklärung, die in den Bezirksvereinen gepflegt wird, gilt es als selbstverständlich, daß die Volksschulen paritätisch oder confessionslos sind. In Wahrheit sind sie confeffionelle Schulen stets gewesen, thatsächlich wie rechtlich. Wenn daran erinnert wird, so empört sich der Bezirksvereinler und erklärt, daß er confeffionelle Schulen nicht haben wolle, in „seiner Stadt" nicht, was auch der „reactionäre Staat" dagegen sagen möge. In Wahrheit hat der Staats die bestimmende Aufsicht über alles Schulwesen, und diese Aufsicht wird er nie und nimmer aus Händen geben. Vor 23 Jahren hat der damalige Cultusminister Dr. Falk eine Verfügung erlassen, die erlaubte, daß an den Berliner Volksschulen, soweit sie nicht stistungsmäß confessionell sind, für den Religionsunterricht der confessionellen Minderheiten Lehrer angestellt werden, die der Confession dieser Minderheiten angehören, und daß diese Lehrer auch anders als mit Erlheilung des Religionsunterrichtes beschäftigt werden und als ordentliche Lehrer gelten. Dank dieser Verfügung durfte es von jener Zeil an ordentliche jüdische Lehrer und Lehrerinnen an den Berliner Volksschulen geben. Das war ein Fortschritt, den man der Regierung zu dankenhatte. Die Berliner städtische Schuldeputation machte von der ertheilten Erlaubniß Gebrauch und stellte jüdische Lehrerinnen ungefähr in solcher Zahl au, daß das Verhältniß zwischen den Zöglingen der verschiedenen Confessionen dem Verhältniß der Lehrkräfte der verschiedenen Confessionen entsprach. Auch das war dankenswerth. Die städtische Schuldeputation aber beachtete weder den Wortlaut noch den Sinn der Ministerialverfügung. Sie stellte jüdische Lehrerinnen nicht da an, wo jüdischer Religionsunterricht zu ertheilen war, sondern zumeist da, wo es jüdische Schulkinder überhaupt nicht oder nur in verschwindender Zahl gab. Der Religionsunterricht für die jüdischen Kinder wurde als ganz nebensächlich behandelt, und die „aufgeklärten" Männer der Schuldeputation beneideten die Juden darum, daß die Schule sich um den Religionsunterricht ihrer Kinder nicht kümmere. Das ging, so lange es ging. Wo kein Kläger ist, da ist kein Richter. Es kam aber eine Zeit, da die Antisemiten — nicht die Radaubrüder, sondern die weit gefährlicheren Schnüffler — die Schuldeputation bei der Vorgesetzten Behörde, dem Provinzial-Schulcollegium, denuncirten, daß sie die Juden „bevorzuge", jüdische Lehrerinnen über die Normalzahl anstelle. Die städtische Schuldeputation wurde deswegen vermahnt, und sie beeilte sich — nicht etwa zu betonen, daß man einer kleinen Minorität wohl einen etwas größeren Antheil gönnen dürfe, sondern die Zahl der jüdischen Lehrerinnen unter die Confessionsquote hergbzusetzen. Man beachte diesen schnellen Gehorsam auf Kosten der Juden! Die Denunciatiouen dauerten fort. Sie richteten sich dagegen, daß die jüdischen Lehrerinnen nicht blos Ordinariate hätten, sondern die Ordinariate von Claffe zu Claffe fortführten. Es fanden sich „christliche Eltern", die sich dadurch beschwert fühlten und bis zur Kaiserin die flehentliche Bitte trugen, man möge ihnen doch nicht den Schmerz anthun, ihre christlichen Kinder während der ganzen Schulzeit unter jüdischer Leitung lassen zu müssen. Wieder kam ein Monitum an die städtische Schuldeputation: Sie solle die jüdischen Lehrerinnen nicht die Ordinariate durch die verschiedenen Classen fortführen lassen, auch darauf bedacht sein, daß die jüdischen Lehrerinnen ein gewisses Mindestmaß an jüdischem Religionsunterricht ertheilten. Ebenso sollten die Schulamtsanwärterinnen jüdischen Glaubens nur zur Vertretung von Glaubensgenossinnen herangezvgen werden. Die städtische Schuldeputation erwiderte, daß sie aus technischen Gründen Widerspruch erheben müsse. Ihre Schul-