Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 836 Vr. Vloch'» Wochenschrift Nr. 46 section und die Schulsection, entwickelt die Section für Armenwesen und Wohlthätigkeitsanstalten; ihr Wirkungskreis stellt überaus hohe Anforderungen. Eine der schwierigsten Aufgaben obliegt schließlich der Finanzsection. Das Gleichgewicht in den Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde aufrechtzuerhalten ist fast unmöglich, da die Ansprüche an die Gemeinde infolge der ungünstigen wirthschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung sich immer steigern, und der Cultusvorstand beschäftigt sich daher eingehend mit der Frage eines rationellen und ausreichende Einnahmen sichernden Besteuerungssystems, welches es der Gemeinde ermöglichen soll, ihrem Pflichtenkreise vollständig zu entsprechen, ohne den einzelnen Steuerträger 51t überlasten. Zu den Wahlen in den Cultusvorfland. Wähler-Versammlung der Wiener Gewerbetreibenden. Herr S. B r 0 d, Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe in Wien, berief behufs Stellungnahme anläßlich der Wahlen in den Cultusvorstand am 12. d. eine Anzahl Gewerbetreibender in Robitschek's Saallocalitäten. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht und erschienen in derselben der Vorstand der Cultusgemeinde, sowie die Vorstände aller größeren jüdischen Vereine, nahezu vollständig vertreten, desgleichen die gesammte Repräsentanz des Vereines zur Hebung der Gewerbe. Der Einberufer, Herr S. B r 0 d, begrüßte die Versammlung und entwickelte ein kurzes Programm über die Wünsche der Gewerbetreibenden gegenüber dem Cultusvorstande. Unter immer sich wiederholendem Beifalle erwähnte er der allseitig anerkannten Erfolge des Vereines zur Hebung der Gewerbe und verlangt, daß jeder neue Candidat nicht nur am grünen Tische in der Seitenstettengasse für die Veredlung des jüdischen Gewerbestandes eintreten müsse, sondern auch in seiner Behausung und in seinem Bekanntenkreise. Auch verlangt er ganz energisch, und damit das Judenthum in den tieferen Schichten der Bevölkerung festeren Boden fasse, die Herabsetzung der Cultussteuer von 10 fl. auf 5 und 3 fl. Im Uebrigen haben die Mitglieder unseres Gewerbevereines allen Grund, mit dem gegenwärtigen volksthümlicheren Regime Heinrich K l i n ger zufrieden zu sein, weil in letzterer Zeit unseren Bestrebungen Rechnung getragen und öffentliche Arbeiten in der Gemeinde ausschließlich an Steuerträger vergeben wurden. Als erster Candidat ergreift Herr Baurath S t i a ß n y das Wort. In ausführlicher und glänzender Rede widerlegte er die in letzter Zeit von einer Seite wider ihn erhobenen Beschuldigungen mit derartiger Vollkommenheit, daß die Ausführungen des Redners die ungetheilte Zustimmung und den lebhaften Beifall der Versammlung fanden. Das Mandat für den Bezirksschulrath kann bei der dermaligen Zusammensetzung dieser Körperschaft für kein jüdisches Mitglied eme Annehmlichkeit bildet. Nur dem wiederholten ungestümen Drängen der College« habe er nachgegeben und sich verstanden, trotz der gründlich geänderten Verhältniffe das Mandat .zu behalten. Angesichts der letzten Erfahrungen werde Redner, sobald dies ohne empfindliche Schädigung der jüdischen Gemeininteressen geschehen kann, sich dieses Mandates entledigen. Er verwahrte sich schließlich dagegen, daß man nach einer 19jährigen, der Cultusgemeinde gewidmeten Thätigkeit ihm plötzlich in den Rücken falle und die Autorität des Vorstandes untergrabe, der das Judenthum auch nach Außen repräsentiren solle. Er sei zeitlebens ein guter Jude gewesen (Beifall), der jüdisches Empfinden auch in seiner Familie, bei seinem Sohne großgezogen habe, — jene aber, die ihm jetzt in den Rücken fallen, seien keine guten Juden. (Lebhafter Beifall.) Nun candidirten die Herren Arthur von Mises, Dr. Marcus Spitzer, Dr. Josef Grün selb und neu Herr Bernhard H 0 f b a u e r. In ausführlichen Schreiben entschuldigten sich die durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Herren Cultusvorsteher Theodor R. v. G 0 l d s ch m i d t, Hoftath v. Hahn, kaiserl. Rath Moritz Hirsch und Karl K 0 h n, meldeten jedoch ihre Candidaturen an. Herr Architekt Marmorek tritt für die Organisation der Juden ein. Herr P i l p e l macht die Candidaten auf den mangelhaften Ernst bei Vergebung von Arbeiten an Juden aufmerksam und ersucht um ehrliche Unterstützung des Vereines zur Hebung der Gewerbe. Herr Straßberg proponirt als Candidaten in den Vorstand Herrn Dr. F i a l l a, auf den die Blicke der gesammten Wählerschaft gerichtet seien; Redner habe in einer jüdischen Gemeindesache die Thätigkeit des Herrn Dr. F i a l l a als Gegner zu bewundern Gelegenheit gehabt, — doch auch vordem Feinde müsse man sich neigen, wenn er ein Held ist. (Rauschender Beifall.) Herr Schick tritt für den Cultusvorstand ein, ebenso der Cultusvorsteher Dr. Heinrich Sieger, dessen Ausführungen lebhaften Widerhall fanden. Herr H 0 l l i t s ch e r wünscht, daß der Vorstand nicht nur eine Vertretung der Religionsgenossenschaft, sondern des jüdischen Volkes sein solle. Herr kaiserlicher Rath A n n i n g e r, Präsident der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union, bedauert, daß auf Grund unrichtiger Informationen Herr Baurath S t i a ß n y angegriffen worden und glaubt, im Namen des Gesammtvorstandes der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union aussprechen zu dürfen, daß derselbe sich bemühen werde, die Wiederwahl des Herrn Baurathes Stiaßny lebhaft zu fördern. Desgleichen spricht Redner sein Bedauern darüber aus, daß seitens der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union gegen den Cultusvorstand selbst ungerechte Anschuldigungen erhoben wurden, da er sich bei einem Besuche bei dem Cultuspräsidenten Herrn kais. Rath Kling er die Ueberzeugung verschaffte, daß der Cultusvorstand Leistungen aufzuweisen habe, welche dem Vorstande der Union bis dahin unbekannt waren; schließlich protestirt Redner gegen die Erklärung, daß jene Personen, von welchen die ungerechten Angriffe gegen Baurath Stiaßny und gegen den Cultusvorstand ausgegangen sind, keine guten Juden seien. Herr Dr. Fiall a, dessen Erscheinen mit Applaus begrüßt wurde, dankt für den freundlichen Vorschlag und dessen beifällige Aufnahme, seitens der Versammlung, und betont in seinen glänzenden Ausführungen die gerechte Genugthuung, mit der ihn die Wahrnehmung erfülle, daß jenes große Wahlprogramm, welches vor zwei Jahren er und der von ihm geleitete „Politische V 0 lksverei n" der Wiener jüdischen Wählerschaft vorgelegt habe, seither ein Gemeingut derselben und grundlegend geworden sei. (Allseitige Zustimmung.) Was immer auch in der jetzigen Wahlbewegung als Forderung der Wähler oder Zusage der Candidaten erscheine, schöpfe aus den Principien und den Details jenes seither durch den Redner ausgestalteten Wahlprogramms, und hierin finde er den vollen Lohn für seine den Interessen des Judenthums gewidmete Thätigkeit, zugleich aber auch Anlaß zu der Erwägung, ob die Fortsetzung dieses freien Schaffens nicht nützlicher sei, als die Abhängigkeit von einem Mandate. Er spreche somit keineswegs als Candidat, wohl aber als Freund und Warner seiner Glaubensgenossen wolle er sie ermahnen, bei den bevorstehenden Wahlen nicht nur die Candidaten als solche in allen Belangen, sondern auch zu prüfen, von welchen sogenannten „Führern" dieselben aufgestellt werden. Hiebei habe der Grundsatz zu gelten, daß in Sachen des C u l t u s nur Derjenige mitzureden habe, der selbst ihn schätzt und ehrt, dessen Lebensführung jüdisches Empfinden, Hochhaltung der Confeffion, Würdigung des Judenthums bekundet (Lebhafter Beifall); — wer dieser Eigenschaft ermangelt, wem der Cultus nichts gilt, habe auch mit den C u l t u swahlen nichts zu schaffen (Neuerliche Zustimmung), welche nicht einen Sport der hohen Politik, wohl aber den wichtigsten Schutz für das confessionelle Judenthum bilden sollen. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Herr Landesschulrath Dr. Gustav K 0 h n fühlt sich verpflichtet, zur Richtigstellung einer heute hier vorgebrachten Bemerkung, als ob der Cultusvorstand aus den ausgelosten Mitgliedern zwei fallen lassen wolle, zu erklären, daß dies unrichtig sei, denn der Cultusvorstand habe bis heute gar keinen Einfluß auf die Wahlbewegung genommen. Nwr machten noch die Herren Tempelvorstand Meisels und Director Langbank zweckentsprechende Vorschläge rituellen Charakters, bis um 1 Uhr Nachts der Vorsitzende die bei so vorgeschrittener Stunde noch immer äußerst animirte Wählerversammlung für geschloffen erklärte.