Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Vr. Bloch's Wochenschrift Seite 885 selbst, der auf einer höheren. Warte steht, ist von dieser kirchlichen Befangenheit frei und hat auch die jüdischen Colonisten, die sich als treue Unterthaneu des Sultans zeigen, seines Wohlwollens und seines Schutzes versichert, aber lassen wir uns nicht dadurch beirren, wenn hie und da ein gewisses Uebelwollen über die colonisatorischen Erfolge der Juden in Palästina sich kundgibt; das sind die kleinen Nadelstiche, die ertragen werden müssen. Je ruhiger die Colonisten ihrer Arbeit obliegen, desto rascher und sicherer werden sie die Mißverständnisse beseitigen, die neuerdings bei manchen türkischen Staatsmännern sich zeigen, und an denen einige lärmhafte jüdische Agitatoren nicht ohne Schuld sind. Wer sich am tüchtigsten zeigt in dem Streben, den Boden Palästinas . der Cultur wiederzugewinnen, der beantwortet auch am besten die Frage, wem dieser Boden gehört. Gin Jahresbericht der Wiener Cultusgemeinde. In der vorigen Nummer unseres Blattes brachten wir eiu drastisches Beispiel dafür, mit welcher Unkenntniß aller thatsächlichen Verhältnisse und sogar mit welcher Unkenntniß der geltenden gesetzlichen Bestimmungen an der Verwaltung der Wiener israelitischen Cultusgemeinde eine ebenso scharfe als inhaltlich grundlose, oberflächliche Kritik;geü£>t wird. Nach dem gleicher, Recepte und ohne Rücksicht darauf, ob die geübte Kritik auch in Allem begründet ist, wird nicht blos in Zeitschriften polemisirt, denen der augenblickliche Agitationszweck höher zu stehen scheint als die wirklichen Interessen der Gemeinde, sondern auch in den Wählerversammlungen gearbeitet, in welchen aus falschen Prämissen falsche Schlußfolgerungen mit großem Pathos vorgetragen werden. Nur bei der beklagenswerthen Indolenz der Gemeindemitglieder gegenüber allen jüdischen Angelegenheiten ist eine derartige Unkenntniß der Natur und des weit umfassenden Umfanges der vom Cultusvorstand geleisteten Arbeiten und seines erspießlichen Wirkens möglich geworden. Der Präsident kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r ist nicht blos einer der würdigsten Repräsentanten des Wiener jüdischen Gemeinwesens, er ist auch einer der fleißigsten Arbeiter im Gemeindebureau, und bei aller Liebens- . Würdigkeit seiner vornehmen Natnr weiß er seine ganze Energie zu entfalten, wenn es gilt, den jüdischen Namen und die jüdischen Interessen vor den Mächtigen zu vertreten. Hat ja kaiserl. Rath Anninger, Präsident der Union, in öffentlicher Versammlung die gegen den Vorstand geschleuderten Borwürfe feierlich und im Namen seines gesummten Vereinsvorstandes freimüthig und loyal zurückgenommen!! Aber auch über die Thätigkeit der einzelnen Sectionen herrschen leider falsche Begriffe und Vorstellungen, die man geflissentlich verbreitet hat. Diesen Bestrebungen gegenüber verdient der soeben erschienene Bericht des Vorstandes über seine Thätigkeit in der Periode 1896—1897 umso aufmerksamere und unbefangenere Würdigung. Dieser Bericht befindet sich in den Händen aller Mitglieder der Cultusgemeinde, und es ist daher überflüssig, an dieser Stelle einen Auszug aus demselben zu geben. Was wir bezwecken, ist nichts Anderes, als unsere Leser zu einem aufmerksamen kritischen Studium dieses Berichtes einzuladen, in welchem die Verwaltung, weit entfernt, sich selbst über ihre Thätigkeit ruhmredig zu verbreiten, im Gegentheile in der allerbescheidensten Weise und in schlichten Worten dasjenige registrirt, was erforderlich ist, um über die Verhältnisse in unserer Gemeinde und über den Wirkungskreis des Vorstandes ein klares Bild zu gewinnen. Und dieses Bild ist inmitten der mannigfachen Bedrängnisse, unter denen die Judenschaft schwer zu leiden hat, trostreich und erhebend. Es zeigt, daß die Männer, denen die Wiener Judenschaft die Wahrnehmung ihrer politischen und culturellen Interessen anvertraut hat, dieses Vertrauen im vollsten Umfange rechtfertigen. Wir sprechen ausdrücklich nicht blos von den culturellen, sondern auch von den politischen Interessen, weil es ein mit Vorliebe forcirter Angriffspunkt ist, zu sagen, daß der Cnltnsvorstand seine Aufgabe in einer mechanischen Erledigung der ihm statutengemäß obliegenden Erledigung seiner administrativen Agenden erfüllt zu haben vermeint. Der vorliegende Bericht zeigt vielmehr, daß der Vorstand, weit entfernt von einer engherzigen oder ängstlichen Auffassung seines Wirkungskreises, den verderblichen Strömungen, die das Judeuthum und die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden umtoben, feine vollste Aufmerksamkeit und Thatkraft zuwendet und weit entfernt ist von der Intention, sich vor den Fragen, welche die Zeit bewegen, in das bequeme Asyl des Gemeindestatnts zu flüchten. In Fällen, wo der Versuch gemacht wurde, die vom Staatsgrundgesetze gewährleistete Zugänglichkeit der öffentlichen Aemter auch für jüdische Bewerber illusorisch zu machen, ist der Vorstand eingeschritten. Er hat sich für die armen jüdischen Studirenden eingesetzt, denen einzelne Armenräthe die Armuthsbestätigung trotz notorischer Armuth und Würdigkeit verweigert hatten; er hat gegen das vom niederösterreichischen Landtage beschlossene Gesetz, durch welches dem Ortspfarrer eine Virilstimme im Ortsschulrathe eingeräumt wird, während die anderen Confeffionen nicht in gleicher Weise berücksichtigt werden, Stellung genommen; er hat zu Gunsten unserer galizischen Glaubensgenossen erfolgreich intervenirt, er ist gegen die Hetzreden eines Wiener Mittelschulprofessors eingeschritten re. rc. Mit anerkennenswerther Energie hat der Vorstand gegenüber dem berüchtigten Bezirksschulraths-Erlaffe vom 5. September, vermittelst dessen die Trennung der Schulkinder nach Confeffionen verfügt wurde, seine Stimme erhoben und hat Alles unternommen, was er überhaupt thun konnte, um diese Verletzung der Staatsgrundgesetze zu saniren. Fassen wir mit diesen Beispielen einergewiß nicht in den Rahmen des Gemeindestatuts eingeengten Thätigkeit die gewissenhafte und rege Pflichterfüllung auf dem Gebiete des Cultus, des Unterrichtswesens, der Armenpflege und der Finanzverwaltung zusammen, wie sie aus den rein thalsächlichen, mit den einschlägigen Daten und Ziffern belegten Anführung«» dieses Jahresberichtes hervorgehen, zusammen, so wird eine noch so kritische, aber gerechte und objective Würdigung dieser Gesammtthätigkeit zu der Anschauung führen, daß der Gemeindevorstand in aufopferungsvoller Pflichttreue, nicht blos von gutem Willen erfüllt, sondern auch von dem vollsten Verständnisse für die Anforderungen der Zeit erfüllt, dieser Aufgabe gerecht zu werden sich bemüht. Der Vorstand ist nach Kräften bestrebt, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder zu sorgen, und er gedenkt anerkennend auch des Wirkens jener Männer, welche an der Spitze unserer Bethhausvereine stehen. Der Bericht beklagt die zunehmende Verarmung der jüdischen Bevölkerung, eine Verarmung, welche durch die herrschenden Verhältnisse ihre Verschärfung findet, und welche dem Vorstande die Nothwendigkeit auferlegt, der Armenpflege erhöhte Beachtung zu widmen. Der Generalbericht verräth die stilistische Kunst des Präsidenten kaiserl. Rath H. Kling er. Der Verwaltungsbericht in seiner Gesammtheit zeichnet sich durch die strengste Objectivität aus und ermöglicht gerade dadurch eine sorgfältige und unbefangene Kritik. Einer solchen Kritik darf der Vorstand nach den angeführten Thatsachen sich mit der größten Beruhigung unterziehen; sie kann nur dahin lauten, daß dem Vorstande der Dank und die Anerkennung aller Gemeindemitglieder für die Gewissenhaftigkeit und deu Eifer gebührt, mit welchen die Vertrauensmänner der Wiener Judenschaft nicht blos die Würde, sondern auch die Bürde ihres Ehrenamtes tragen. Die Schaffung einer wichtigen und für das Judenthum hoffentlich segensreichen Institution, des „Allgemeinen österreichisch-israelitischen Bundes", nahm u. A. die Thätigkeit des Vorstandes in Anspruch. Aufgabe dieser Institution wird es sein, einen Centralpunkt für die Jntereffen des gesammten Judenthums in Oesterreich zu bilden. An Kosten für den Religionsunterricht wurdeu aufgewendet im Jahre 1897 rund 71.000 fl. und im laufenden Jahre bis zum 1. September 66.000 fl. Der Vorstand begnügte sich nicht mit der Inspektion des Religionsunterrichtes durch drei Religionsschulinspectoren, sondern übte durch den Besuch von Schulen durch einzelne Vorstandsmitglieder eine Art Super Jnspection. Zur Besprechung der wichtigsten Fragen des Religionsunterrichtes werden Lehrerconferenzen abgehalten. Für den Religionsunterricht an den Mittelschulen, hinsichtlich dessen der Vorstand allerdings einen beschränkten Wirkungskreis hat, weil hier die Staatsbehörde competent ist, hat der Vorstand die Anschaffung neuer Lehrbücher vorgekehrt. Die jüdischen Elter»! »nögen es als ihre Aufgabe erachten, die Bestrebungen des Cultusvorstandes bei der Heranbildung der Jugend in der Familie zu unterstützen. Eine ebenso umsichtige, vielleicht noch mühevollere Thätigkeit wie die Cultus-