Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Date
- 1898-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 834 Vr. Vloch's Wochenschrift Sir. 46 Wem gehört Jerusalem? Die Frage: wem gehört Jerusalem? erheischt in mrseren Tagen, in denen man so gerne böswillig mißversteht, zuerst eine nüchterne Antwort vom Standpunkte des gegenwärtigen politischen Systems. Und da ist zu sagen: Die Juden in der Türkei sind die treuesten Unterthanen des Sultans, mrd alle Israeliten in der weiten Welt schauen mit Wohlwollen und innigem Danke nach Constantinopel, nnd wünschen der türkischen Regierung diesseits und jenseits des Bosporus eine möglichst lange Dauer, weil unter dem Regimente des Halbmondes die Juden von jeher mehr Schutz gefunden haben, als bei den Halbbarbaren christlichen Bekenntnisses, die in jenen Landen wohnen. Die Türken herrschen über Palästina seit Jahrhunderten. Der Israelit ist, wie überall, so auch dort, ein loyaler Bürger und hat umso weniger Anlaß, eine Aenderung des Regiments zu wünschen, als er stets Wohlwollen seitens der Regierenden erfahren hat und eigentlich nur unter den Störungen dort zu leiden hat, die der Uncultur überhaupt anhaften. Wer etwas weiter zurückblickt, der. erinnert sich, daß die Türkei den Juden zu einer Zeit Aufnahme gewährte, als es der Verschwörung der christlichen Völker fast gelungen war, uns zu erdrücken. Es ist wahr, die Türkei hatte keinen Schaden dabei, als sie am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Juden aufnahm. Aber wie selten stellt der religiöse Fanatismus solche Erwägungen des Staatswohles an! Auch die Zeit der Kreuzzüge, die eine Aenderung der politischen Zustände in Palästina bezweckten, kann uns nicht gerade dafür begeistern, in der Gegenwart eine Wandlung der Herrsckaft im heiligen Lande anzustreben. Während sonst das Sprichwort gilt, wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte, hatte damals im Streite des Orients und Occidents, des Christenthums und des Islams, der dritte, der Jude, den die Sache eigentlich gar nichts anging, am enrpfindlichsten zu leidem Also, für uns Israeliten gehört Jerusalem dem Sultan, und unbeschadet unserer messianischen Hoffnungen hegen wir den Wunsch, daß es vorläufig und für recht lange Zeit bleiben möge. Von diesem Gesichtspunkte aus war uns die -Orientreise des deutschen Kaisers ein hocherfreuliches Ereigniß. Die politischen Beziehungen des Serail zu einigen europäischen Großmächten sind neuerdings erkaltet. In Kreta muß der Sultan sich harte Dinge gefallen lassen; umso nützlicher konnte dem Sultan schon der moralische Beistand sein, den das mächtige deutsche Reich ihm darbot, umsomehr mußte es dazu dienen, das etwas gesunkene Ansehen des Türkenreiches zu heben, wenn Kaiser Wilhelm sich so laut und feierlich als den Verbündeten des Sultans bekannte. Nur einige Brauseköpfe wollen politische Wandlungen in Palästina. Die besonnenen Israeliten sind, ohne die gegenwärtigen Zustände zu idealisiren, doch mit ihnen im Großen und Ganzen zufrieden. Dennoch hat die Reise des deutschen Kaisers in einem höheren Sinne die Frage, wem gehört Jerusalem und Palästina, wer hat das größte historische Anrecht an diesen Stätten, aufs Neue angeregt. Es ist dies eine Folge der Kaiserreise, die leicht vorauszusehen war. Wenn ein so mächtiger Mann, wie Wilhelm Ü., unter scharfer Betonung der kirchlichen, der religiösen Tendenz seiner Reise den Boden Palästina's betritt und dort naturgemäß sich nur als Gast, als Fremder fühlen kann, so ist es nicht zu verwundern, daß dadurch die religiöse Enlpfindung der streng Kirchlichen einigermaßen aufgeregt wurde. Hier zeigte sich sofort die Unduldsamkeit und Herzenshärte dieser Generalpächter aller Religiosität in: Himmel wie auf Erden. Da gegen die Mohammedaner, deren Gäste der deutsche Kaiser und seine Begleitung waren, aus Schicklichkeitsgründen im gegenwärtigen Augenblick sich nicht gut »'etwas sagen ließ, so wandte sich der Lärm der frommen Polterer gegen die Juden, von denen man behauptete, sie seien durch ihre Unthaten jedes Anrechtes an das gelobte Land verlustig gegangen. Es ist ein starkes Stück, Diejenigen, die mehrere Jahrtausende auf dem Boden Palästinas gelebt haben, die diesen Boden durch ihre Emsigkeit zu einen: Garten Gottes gestaltet haben, jetzt völlig von demselben auszuschließen. Wir wissen, zu allen Zeiten hat es der fromme Israelit als den größten Segen betrachtet, im heiligen Lande zu sterben und dort bestattet zu werden, daran hat sich nichts geändert, als Tempel und Opferdienst fiel. Diese Anschauung, diese Sehnsucht nach , dem heiligen Lande, lebt bis zur Stunde in unzähligen der Bekenner des Judenthums, sie hat mit politischen Machtgelüsten nichts zu schaffen. Ja, sie ist bis zu einem gewissen Grade auch unabhängig von wirthschaftlichen Bestrebungen. In den letzten Jahrzehnten hat die Auswanderung der Juden nach Palästina sehr zugenommeu, aber auch jetzt noch ist die religiöse Empfindung der stärkste Factor, der unsere Glaubensgenossen dorthin führt. Palästina ist heute nicht mehr das von der Natur gesegnete Land, als welches es uns in der heiligen Schrift geschildert wird, und märchenhaft klingen uns die Berichte von der Fruchtbarkeit und dem Wohlstände, die in alten Zeiten dort geherrscht haben. Auch frommer christlicher Eifer hat dort die Colonisation begünstigt, aber sehr zahlreich sind die christlichen Colonien dort nicht, zudem kommt noch in Betracht, daß die christlichen Colonien zwar auf dem heiligen Boden gut gedeihen, weil sie von tüchtigen, gut geschulten Colonisten angelegt und gepflegt werden. Weniger gut gedeihen die christlichen Colonisten, denen das Klima nicht zusagt, die kein hohes Alter erreichen, die keine zahlreiche Nachkommenschaft haben. Dagegen ist in den jüdischen Colonien, die von im Ackerbau unerfahrenen Leuten angepflanzt werden, wirthschaftlich nicht immer Alles wohlbestellt, aber dieses zähe jüdische Geschlecht weiß die Schwierigkeiten des Klimas zu überwinden und gedeiht trotz der ungewohnten Beschäftigung und Lebensweise auf diesem Boden so gut, als wäre es von jeher auf demselben heimisch gewesen. Das ist ein Moment, welches die Juden sich nicht zum Verdienst anrechnen können, aber das doch auf die Beantwortung der Frage: wem gehört Palästina? von wesentlichem Einflüsse ist. Der Anbau des von der Sonne ausgetrockneten, durch Mißwirthschaft entkräfteten Bodens stellt dem Colonisten in Palästina schwere Aufgaben, und wen die religiöse Begeisterung nicht treibt, der wird sich diesen Aufgaben entziehen und anderwärts einen leichteren Erwerb finden. Diese religiöse Sehnsucht ist in christlichen Kreisen nur in einigen Conventikeln zu finden, beherrscht aber unter den Juden breite Schichten der Bevölkerung, natürlich nicht gerade im Berliner Thiergartenviertel oder auf der Wiener Ringstraße, aber doch unter Millionen russischer und polnischer Juden. Diese religiöse Begeisterung und Sehnsucht hat keinerlei politische Tendenz und wird die jüdischen Anbauer nicht daran hindern, treue, dankbare und opferwillige Unterthanen des Sultans zu sein. Für uns Juden ist es überall am Besten, wenn wir möglichst wenig die Aufmerksamkeit der Welt auf uns lenken. Wir haben nichts zu verbergen und dennoch thut es uns nicht gut, im Gerede der Leute zu sein. Es war von den Leitern der jüdischen Colonisation in Palästina sehr wohl bedacht, daß anfangs nicht viel von ihr in der Oeffentlichkeit geredet wurde. Es ist natürlich, daß jetzt, wo die Reise des deutschen Kaisers das christliche und besonders das protestantische Gefühl mächtig aufregt, die Thatsache nicht glatt hingenommen wird, daß auch die Juden durch redliche Arbeit und Bewirthschaftung sich einen Antheil an dem Boden sichern wollen, der einstmals ihnen gehört hat. Der Kaiser