Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021269--08312-3032685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 830 Dr. Vloch's Wochenschrifl Nr. 45 Empfang des Kaufschillings bestätigen; dagegen würde er wich von aller Gefahr, von jedem Verdachte befreien." Der Pfarrer machte, vom langen Sprechen ermüdet, eine kurze Pause. Der Schulze, ein kluger und ehrgeiziger Bauer, der gerne die Gelegenheit ergriff, vor einem so hochansehnlichen Publicum den Beweis zu erbringen, daß man keinen geeigneteren Schulzen als ihn hätte wählen können, bemerkte: Dieser geizige Dr. Wallbruck hält' fein gern noch mehr als fünftausend Gulden verlangt, aber weil er feinen Raub in keiner andern Weis' glei' in Sicherheit hält' bringen können, war er mit dem zufrieden!" Der Pfarrer, ausschließlich damit beschäftigt, Rodler's Bekenutniß gewissenhaft wiederzugeben, hatte diese Unterbrechung nicht bemerkt, und fuhr, Rodler weiter als redende Person einführend, fort. „Ich mußte mit dem gefühllosen Menschen in das ziemlich entlegene Wohnhaus gehen, er hat den Kaufcontract ausgeschrieben, mehrmals überlesen und ließ mich ihn dann unterschreiben. Dann sagte er: Wir müssen die Leiche in das Wächterhäuschen tragen und dieses anzünden und man müsse glauben, ein böser Mensch habe Euer Weib elendiglich verbrennen lassen. Wallbruck hals mir bei dem grauenhaften Werke . . . . ein paar Minuten später stand das Wächterhäuschen in Flammen, eine halbe Stunde später war der Leichnam meines armen Weibes verkohlt; — hält' sie nicht den Korallenschmuck am Halse getragen, ich selber hätte sie nicht erkennen können .... Als der Doctor wieder wegritt, befahl er mir, ich müsse morgen nach E. fahren und die Anzeige von der Ermordung meiner Frau machen, doch müsse ich noch, bevor ich zu Gericht ginge, zu ihm konimen . . . -. ich war von dem Augenblicke an sein Sclave, mit dem er niachen konnte, was ihm beliebte. Als mich Dr. Wallbruck verlassen, überkam mich ein Gefühl, das ich gar nicht schildern kann, hochwürdiger Herr! Gewiffensbiffe, Angst, Furcht, haben mich geschüttelt — es war gar nicht zum Aushalten, — das Leben hat mich geekelt, — und vor dem Tod Hab' ich mich gefürchtet, — ich Hab' nöat leben und nöat sterben wollen! ich bin in Weinen ausgebrochen und Hab' stundenlang geheult, geheult wie ein junger Hund!... . am ftühen Morgen haben mich der Bauer Wandler und sein Knecht, die auf der Straße vorübergingen, weinen hören und sind näher getreten . . . ." Der Pfarrer war ein rüstiger, aber er war ja doch ein alter Mann, der in den letzten achtzehn Stunden neben großen körperlichen Anstrengungen die ganze Nacht durchwacht und einer Aufregung unterworfen gewesen, wie er sie bisher in seinen! ganzen Leben nicht gekannt hatte, und er mußte auch von anhaltendem Sprechen ermüdet einen Augenblick innehalten. Der Knecht Mathcs, ein beliebter Verehrer des allgemein geachteten Pfarrers, war der langen Erzählung desselben mit der höchsten Verwunderung gefolgt, jetzt konnte er — trotzdem er sich in einer Versammlung von Männern befand, in deren Mitte er sonst nicht die Lippe zu regen gewagt hätte, den stürmischen Ausdruck seines Enthusiasmus nicht länger unterdrücken. „Hochwürdiger Herr!" schrie er begeistert, „daß Ihr fein so schön predigen könnt, wie die Apostel selbst, das Hab' ich schon längst gewußt; aber Hochwürdcn! daß Ihr einen Bauern nachverzählen könnt' Wort für Wort — nein döas is gar zu schön .... meiner Sell' — ich glaub', hochwürdigster Herr Pfarrer — Ihr habt nöat an Wörtl ausgelassen, was der Rodlerhofbauer selig gesprochen und nöat an's zugegeben — nan freili, hochwürdiger Herr! Euer Sproach ist fein säuberer als ein' Bauern seine —, hoab ich recht, Schulz und Schulmeister?" Die Beiden nickten zustimmeud und auch Sonnenfels und Globner gestanden, daß sie die wunderbare Treue, mit welcher der alte geistliche Herr Rodler's Bekenntnisse wiedergab, bewunderten. Der Pfarrer ergriff endlich von Neuem das Wort. „Rodler konnte nicht mehr so anhaltend, auch nicht so laut sprechen, ich mußte meine Mitzeugen bitten, näher zu treten, damit er ihnen verständlich bliebe, allein die Hauptsache, die "/schuld Duppau's war erwiesen — alles Andere erschien mir belanglos —, allein es machte auf mich den Eindruck, als wenn dem reuigen Manne seine Mittheilungen Erleichterung verschafften, und ich mochte den von Gewissensbissen gequälten Mann nicht um diese Beruhigung bringen. Ich werde das, was er uns noch mittheilte, nur dem Sinne nach mit meinen eigenen Worten erzählen. Am nächsten Tage, bevor er, an allen Gliedern zitternd, aufs Criminalgericht ging, stellte er sich, wie Wallbruck es verlangt, bei diesem ein, der in Gegenwart seiner Haushälterin that, als hätte er ihn schon lange nicht gesehen; dann aber ging er in sein Sprechzimmer und sagte ihm, .er habe reiflich über die Sache nachgedacht; der Fall dürfe nicht leicht genommen werden, die Hauptsache dabei sei, daß die Untersuchung zu einem Abschlüsse gelange und das Gericht auf die Spur eines Thäters geleitet werde. Rodler hatte gewünscht, den Tod seiner Frau als durch einen unglücklichen Zufall hervorgerufen larzustellen, aber Wallbruck wollte davon ntzchts hören, ein solcher wäre, behauptete er mit vollem Rechte, unmöglich; die Hütte stand im Freien, ein Mensch, der sich von Innen eingeschlossen hatte, konnte dieselbe in kürzester Zeit verlassen. Blos wenn ihm der Ausgang verwehrt, das Oeffnen der Thüre von Außen verhindert worden,' wäre es möglich, daß ein Mensch in der ziemlich geräumigen Wächterhütte bei lebendigem Leibe verbrennen konnte. Dr. Wallbruck behauptete: daß wenn Rodler es versuchen wollte, den Tod seiner Frau einem Zufälle zuzuschreiben, er sich selbst verdächtigen und das Gericht der Wahrheit ans die Spur kommen müßte. Der vor Angst halb wahnsinnige Manu war ein willenloses Werkzeug in der Hand des herzlosen, kalt berechnenden Schurken geworden, der sich den Raub seiner fünftausend Gulden um den Preis eines Menschenlebens sichern lvollte, und ließ sich endlich dazu verleiten, den Verdacht auf Abraham Duppau zu.lenken. Rodler gestand es, daß er mit blutendem Herzen daran ging, zu seiner eigenen Rettung einen zweiten Menschen der größten Gefahr auszusetzen, aber er wußte sich damit zu beschwichtigen, daß er ja nichts mit Gewißheit gegen Duppau aussage, daß dieser sich von jedem Verdachte werde reinigen können.Als er erfuhr, daß man Duppau gefoltert, daß dieser, von übergroßem Schmerze übermannt, die That gestanden, daß er verurtheilt wurde; da erwachte wohl die Stimme des Gewissens in ihm und es gab auch Stunden, wo er sich schon zu dem Entschlüsse emporraffte, nicht zu deni ersten Verbrechen, daß er ja ohne Vorbedacht, nur in wild auflohendem Zorne, ja gewissermaßen nur als Nothwehr verübt, noch ein zweites, viel größeres hinzuzufügen, einen unschuldigen Menschen grauenvoll hinrichten zu lassen — seine erste Thal zu gestehen —, aber, wen die böse Leidenschaft bei einem Haare erfaßt hat, den hält sie ganz und fest; er bebte vor dem entsetzlichen Schicksale, das ihn bedrohte zurück und schwieg. Gestern hatten der Bruder und der Verlobte des Mädchens, das Rodler verführt — beide entlassene Soldaten — ihn besucht. Der Bruder hatte das billige Verlangen gestellt, er solle seine Schwester zu Ehren bringen, sie heirathen. Rodler hätte dies von Herzen gern gethan, aber Gewissensbisse machen furchtsam und er fürchtete hierdurch den Verdacht zu erwecken, sein Weib getödtet zu haben; er wies die billige Forderung zurück, ohne den wahren Grund für seine Weigerung angeben zu können; es entstand zwischen den beiden Männern ein heftiger Streit, der bei ihrem Jähzorue zu Thätlichkeiten ausartete. Lorenz Buckerban zog sein Taschenmesser, stieß es dem Bauern in den Unterleib und entfloh. — Rodler fühlte, daß er möglicherweise noch einige Stunden leben könne, aber daß er rettungslos verloren sei. Nun hatte er allerdings nicht mehr die furchtbare Strafe des irdischen Richters zu fürchten, diese konnte ihn nicht mehr erreichen; dagegen erbebte seine schwer gequälte Seele vor dem Gedanken, sich in kurzer Zeit vor dem allschauenden Richter verantworten zu müssen! . . . Daß er seine Frau erstochen, das — so dachte er — könne der allerbarmende Gott in Anbetracht der Umstände in milderen! Licht betrachten; — aber, daß er morgen einen braven, unschuldigen Mann für sich einen entsetzlichen Tod erleiden lassen sollte, das erschien ihm jetzt als das grauenvollste Verbrechen, das je ein Mensch begangen, dafür. glaubte er in der endlos langen Ewigkeit die schwersten Qualen erdulden zu müssen! . . . . Er sandte nach dem Doctor, dieser sollte sein fliehendes Leben nur so lange zurückhalten, bis er vor Zeugen Duppau's Unschuld festgestellt — allein Wallbruck wollte sein Geständniß verhindern — wenn der sterbende Rodler die Wahrheit aussagte, war er ja rettungslos verloren! . . . . Das, was jetzt folgte, habe ich in meiner Erzählung vorangeschickt .... Daß ich die volle Wahrheit berichtet habe, beschwöre ich als Mensch, als Christ, als katholischer Priester!" (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.