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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr 45 Dr. Vloch'r Wochrnschrifl Seite 823 Talent und Wissen von Bedeutung ist. Und zwar was? Wir — d. h. der gegenwärtig abtretende Vorstand, sagte er — sind ja nicht abgeneigt, auch einige Neue in unseren Kreis aufzunehmen — ipsissima verbal Und gestatten Sie mir weiter, diesen Standpunkt des Vorstandes noch durch die zu gleicher Zeit mir gegenüber geschehene Aeußerung eines anderen von mir hochgeehrten Vorstandsmitgliedes noch deutlicher und verständlicher zu machen: Die Herren — darunter verstand mein verehrter Freund das von den Vereinen gebildete Wahlcomite — mögen thun was sie wollen, wir — das ist wieder der Vorstand — haben die Macht in Händen durch die Tempelvereine, und wir werden nur Diejenigen wählen lassen, die uns conveniren. Die Alten, meinte er, sind vielleicht nicht immer die besten, aber uns noch immer lieber wie Neue. Der Cultusvorstand hatte damals selbst in seinem eigenen Schoße ein Wahlcomite gebildet und die Wahlen „gemacht". Diese Tendenz im Vorstande ist es, gegen die wir in der „Union" uns wenden. Die „Wahl" ist Sache der Wähler. (Lebhafter Beifall). Der Vorstand mag den besten Willen haben, die richtigen Leute zu finden. Aber er ist durch diese Tendenz in eine sehr scharfe Einseitigkeit verfallen. Er sucht den alten Stock, ohne jede Rücksicht auf nothwendigen frischen Luftzug, auf den Zusammenhang mit den Wählern und ihre Stimmungen zu erhalten; er sucht seine Ergänzung immer nur in einem gewissen Kreise der obersten Schichten. Ich möchte hier nicht mißverstanden werden. Reichthum ist, Gott sei Dank, bei uns noch keine Schande; aber eine ausschließliche Berechtigung für das Mandat ist er gewiß nicht. Wissen, Talent, Charakter, Unabhängigkeit, Arbeitsfähigkeit und -Freudigkeit sind wichtiger. Und weiters für die Auswahl muß entscheidend sein, was man an Arbeit und welche man im Vorstande braucht. Von diesem Grundsätze geleitet, um sie bei der Wahl zur Geltung zu bringen, hat die „Union" ein Wahlcomite gebildet. — Ich will hier nur schnell, schnell einschalten, daß kein einziges Mitglied des Vorstandes der „Union" weder candidirt, noch candidirt wird, weder offen noch versteckt. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" hat ganz andere Zwecke, Vorsätze und Absichten, als ihren Functionären Mandate zuzuwenden. Wir vertreten demnach in unserem Comite den Gedanken, daß vor Allem in den Vorstand wenigstens ein wirklicher „Schulmann" gehört. Jetzt ist gar keiner in demselben. Weiters gehört wenigstens ein Mann von ausgeprägtem Zusammenhänge mit dem politischen Leben in den Vorstand. Drittens, wenn schon die baute ünauce vertreten sein soll, soll sie es durch einen Mann sein, der die Zugehörigkeit zu derselben mit einer gewissen Unangreifbarkeit zu verbinden gewußt hat. Schließlich glauben wir, daß für einige weitere Mandate sich fähige Männer aus der Mittelclasse selbst melden sollen. — Wir haben ja in unserem Circulare ausdrücklich dazu aufgefordert und richten hier nochmals und mit gutem Vorbedacht diesen Appell an die Versammlung. Nun haben allerdings auch wir nach diesen unseren Grundsätzen Umschau, und nicht ohne Erfolg gehalten. Es finden sich Männer, wenn man finden will. Heute haben wir von Ihnen nur die principielle Zustimmung zu unserem Vorhaben gesucht — wir hoffen sie gefunden zu haben und hoffen Ihnen in einer baldigen zweiten Versammlung unsere Candidaten zu präsentiren. Ueber die verschiedenen meritorischen Gemeindefragen von mehr oder weniger dringendem Charakter, wie: Herabsetzung des Census, eine gewisse Decentralisation der Verwaltung, Reform der Armenpflege nach dem Elberfelder System, eine Reform des gottesdienstlichen Beistandes auf den Friedhöfen, der heute seiner Masse nach der Gemeinde wirklich nicht zur Ehre gereicht, über die verschiedenen Wünsche der Tempelvereine hoffen wir von Ihnen, meine Herren, mehr und Besseres zu hören als ich Ihnen bieten könnte. Für jetzt schließe ich und danke zuerst Ihnen Allen, meine Herren, für Ihre Aufmerksamkeit. Speciell aber von den geehrten anwesenden Herren Mitgliedern des Vorstandes hoffe ich, daß, wenn sie auch vielleicht meinen Ansichten nicht zustimmen, Sie mir wenigstens die Freimüthigkeit und die Aufrichtigkeit nicht übel nehmen, mit welcher ich sie geäußert habe. (Lebhafter, anhaltender Beifall). Vorsitzender kais. Rath Anninger bemerkt, daß schon in der nächsten Versammlung Gelegenheit sein werde, die Candidaten zu hören und sich über dieselben auszusprechen. Herr Architekt Marmorek vertritt den Standpunkt der zionistischen Gruppe, polemisirt gegen einzelne Ausführungen des Referenten und greift den Cultusvorstand in heftiger Weise an. Selbst für normale Zeiten sei der jetzige Cultusvorstand nicht geeignet. Seit zwanzig Jahren werden die Juden angegriffen, was habe die Cultusrepräsentanz zur Abwehr gethan? Die Thätigkeit, welche die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" nach dieser Richtung entfalte, sei eine sehr segensreiche; aber der Cultusvorstand habe es nicht einmal der Mühe werth gefunden, gleich der „Union" einen Delegirten nach Galizien zu schicken. Mit der Gewährung von Rechtsschutz in einzelnen Fällen könne man sich übrigens nicht begnügen, es müsse im Allgemeinen Abhilfe geschaffen werden. Jedermann müsse sich heute schon sagen: Was wird aus unseren Söhnen? Nicht gegen die Antisemiten, sondern für die Juden müsse man kämpfen. Wien sei die größte Cultusgemeinde der Welt, sie müsse sich anfraffen und endlich die Führung übernehmen. Die „Union" habe in Galizien auf eine Organisirung der Juden gedrungen. Das sei sehr löblich, man müsse aber auch in Wien den Muth haben, sich politisch zu organisiren. Die Cultusrepräsentanz beschränkte sich auf einen engen Kreis, sie wisse nicht, wie in Wahrheit die Lage der Juden ist, sie könne dieselbe kraft ihres Reichthums nicht beurtheilen, sie habe keine Ahnung davon, wie weh der Antisemitismus thut. (Beifall.) Diese Herren seien nur so lange Juden, als sie in der Cultusgemeinde drinsitzen. Was Herrn Baurath S t i a ß n y betrifft, so sei nicht er allein der Prügelknabe, der ganze Vorstand sei schuld. Redner tritt sodann unter heftigem Widerspruch der Versammlung für die confessionelle Schule ein und fordert zum Schluffe die Regelung des Armenwesens und die Errichtung eines jüdischen Arbeitsamtes. Der nächste Redner, Herr Rudolf Fuchs, spricht sich dagegen aus, daA" politische Persönlichkeiten im Cnltusvvrstaude sitzen. Herr Bezirksausschuß Sigmund K a u d e r s betont, daß die Anzahl von 24 Cultusvorstehern gegenüber den riesigen Agenden der Gemeine zu wenig sei. Daher komme das langsame Tempo der Erledigungen. Als eine der dringendsten Aufgaben bezeichnet Redner die Regelung des jüdischen Armenwesens in Großwien. Man müsse an alle Candidaten den Auftrag ergehen lassen, diese Angelegenheit der raschesten Lösung zuzufüyren. (Beifall.) In überaus wirksamer Rede tritt Herr Hermann E l tb o g e n in seiner Eigenschaft als Obmann des Temvelvereines Brigittenau dafür ein, daß die Gemeinde ihre gesetzliche Pflicht, in allen Bezirken würdige Stätten für den Gottesdienst zu schaffen, erfülle. Es sei eine Schmach, daß man in der Brigittenau an den hohen Feiertagen in einem obscönen Tanzlocale beten mußte. Auch die Mängel der Wiener jüdischen Seelsorger geißelt Redner in trefflicher Weise. Im Interesse des jüdischen Mittelstandes müsse eine Herabsetzung des Steuerminimums und des Wahlcensus auf 5 fl. gefordert werden. Dagegen zollt Redner der Thätigkeit des Borstandes auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes volle Anerkennung und schließt seine wirkungsvollen Ausführungen mit einer Mahnung zur Einigkeit. (Lebhafter Beifall.) Herr Redacteur L i ch t e n st a d t führt aus, daß bisher keine sachlichen Differenzen zu Tage getreten seien und nur Personalfragen die Einigung erschweren. Man marschirt getrennt, ob man aber vereint schlagen werde, sei zweifelhaft. Redner fordert von den Candidaten drei Eigenschaften: Fähigkeit, guten Willen und Zeit. Als Wünsche der Wählerschaft formulirt Herr Lichtenstadt folgende Punkte: der Vorstand müsse für die Armen und nicht blos für die Reichen ein Herz haben. Auch unsere Gebetzustände seien unhaltbar und die Hintansitzung der Nichtbesitzenden sei höchst betrübend. Das Uebel sitze im Statut, es sei ein Statut der Privilegirten. Der Vorstand dürfe nicht Legislative und Executive zugleich sein, er sei auch zu überbürdet. Es müsse eine bessere Vertheilung der Gewalten durchgeführt und eine größere Anzahl von Personen zur Antheilnahme an der Verwaltung herangezogen werden. (Allgemeine Zustimmung,) Auf eine Bemerkung des Redners, daß man Herrn Baurath Stiaßny nicht hätte angreifen dürfen, ohne ihn eingeladen zu haben, constatirt Vorsitzender Anninger, daß Herr Baurath Stiaßny gleich allen übrigen Mitgliedern des Vorstandes zu der heutigen Versammlung geladen worden sei. In leidenschaftlicher Weise greift Herr P l a s ch k e s den gesammten Cultusvorstand an. Herr Dr. Elias führt aus, daß eine Einigung der drei Wahlcomites angestrebt werden müsse, daß aber der Cultusvorstand nicht selbst seine eigene Wahl machen dürfe. Alle Mitglieder des Vorstandes seien höchst ehrenwerthe Männer, aber Mü mmmmm

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