Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 822 Vr. Bloch's Wochenschrift Nr. 45 der Cultusvorstand, welcher seinen ständigen Vertreter im Bezirksschulrathe hat, davon auch nur die geringste Ahnung hatte. Nun war es — uns wenigstens — klar, wo das Vorkommen kann, da muß etwas nicht in Ordnung sein Sie werden mir zugeben, daß es merkwürdig ist, daß man im ganzen Cultusvorstande, selbst nachdem dieser Beschluß in der Plenarsitzung des Bezirksschulrathes gefaßt war, in Unkenntniß desselben verblieb. In einer Körperschaft, welche noch zahlreiche liberale Mitglieder zählt, hat sich also Niemand im Vorstande gekümmert, was dort vorgegangen. Ich will nun gleich selbst die Entschuldigung, die vorgebracht wird, anführen: Der betreffende Delegirte unseres Cultusvorstandes war vom 25. Juni bis ungefähr Mitte Juli in Karlsbad. Sie werden mir aber zugeben, daß das Schicksal der Judenkinder nicht davon abhängeu darf, ob der Delegirte morgen leidend ist. Sache einer gewissenhaften Vertretung ist es, dafür zu sorgen, daß auf einem solchen gefährlichen exponirten Posten immer eine ganz verläßliche Vertretung stehen muß. Und seit seiner Rückkunft? Und vor dem? — Kurz, meine Herren, wir haben die Ueberzeugung erlangt: Persönlich allen Respect, aber sachlich ist dort nicht Alles, wie es sein sollte. Wo fehlt es also dort? Lassen Sie mich Ihnen, meine Herren, das erklären. Beim näheren Zusehen besteht in unserer Gemeinde- Repräsentanz ein Ueberfluß an Gemüthlichkeit und ein dementsprechender Mangel an Energie, an einer gewissen Rücksichtslosigkeit dort, wo sie nöthig, namentlich aber wenn es sich um Angelegenheiten in der Corporation selbst handelt. Eine Folge davon ist das, was man — ich habe keinen anderen Ausdruck gerade — Kameraderie nennt: bei Bertheilung der Mandate auf Kosten unserer Interessen. Der deutlichste Beweis hiesür ist wohl die Thatsache, daß Herr Stiaßny nicht das Gefühl dafür gehabt hat, wir haben es, nachdem er sein Mandat im Bezirksschulrath so unglücklich für uns aus- oder vielmehr nicht ausgeübt hat, schuldig zu sein, dasselbe sofort selbst zurückzulegen, obwohl das doch wohl die geringste Genugthuung gewesen wäre, die er der beleidigten öffentlichen Meinung zu geben verpflichtet war. (Zustimmung.) Ja, als wir es dem Cultusvorstande durch eines seiner Mitglieder nahelegten, Herrn Stiaßny diese Erkenntniß freundschaftlich beizubringen, erklärte man, daß einem Collegen gegenüber eine solche Rücksichtslosigkeit unmöglich sei. Ich gehe aber weiter. Neben dem Mangel an Energie, an Entschiedenheit, finden wir noch einen anderen wesentlichen Mangel an V e r st ä n d n i ß für eine bestimmte Seite in den Aufgaben des Cultusvorstandes. Sehen Sie meine Herren, wir wissen Alle, daß nach dem Statut der Wirkungskreis des Cultusvorstandes ein administrativer ist. Und in normalen Zeiten, kann man durchaus zufrieden sein, wenn der Vorstand in seiner Thätigkeit sich auf Tempel und Schule, Armenwesen und Friedhof beschränkt. Sind aber die Zeiten normale? Für uns Juden gewiß nicht. Wir stehen mitten in einem Existenzkämpfe. Und da ist es ja bei dem Mangel jeder anderen Organisation der Juden unter sich nur selbstverständlich, daß man zu dem Cultusvorstand als dem natürlichen Vertreter der jüdischen Interessen aufsieht. (Beifall.) Genau so war es auch bei uns in den Protestanten- Gemeinden während der Religionskämpfe — auch diese hatten ja keine politische Organisation und keine andere Führung im Kampfe. Natürlich wird man uns sofort mit dem Wortlaute des Statuts kommen. Nicht auf das Statut kömmt es bei solchen Institutionen an, nicht auf den Buchstaben, sondern auf das Geschick der Personen, von denen sie geleitet wird. Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig. Und da glaube ich allerdings unverkennbar in der Thätigkeit unseres Vorstandes einen gewissen Mangel an Verständniß zu verspüren. Die Gemeinde-Vertretung selbst darf allerdings keine directe „Politik" treiben. Aber sie darf andere Factoren, die im Jntereffe der Juden diese Politik ja treiben wollen und können, nicht hindern. Und das hat sie gethan. Ich muß das Gesagte an einigen wenigen drastischen Beispielen verdeutlichen. Wir in der Union haben unmittelbar nach der Schaffung des Coalitions-Ministeriums Plener-Windischgrätz sofort bei diesem unserem Cultus-Vorstande die Einberufung eines Gemeindetages, eine Zusammentretung aller jüdischen Gemeinde-Vorstände Cisleithaniens beantragt. Der Zeitpunkt, die Gelegenheit war außerordentlich günstig. Von allen Gemeinden ist die Zustimmung gekommen — an dem Widerstande des Wiener Vorstandes ist die Sache gescheitert. Und als das Peinlichste an dieser Thatsache muß ich leider constatiren, daß der Rath zu diesem Widerstande gegen den Gemeindetag nicht im Cultus-Vorstande selbst gewachsen, sondern von außen geholt worden ist. Nach dem Scheitern dieser Idee hat bei Gelegenheit der Neuwahl vor zwei Jahren das von der „Union" mit noch anderen Vereinen gebildete Wahlcvmite einen Gemeinden- Bund in sein Programm ausgenommen und von dem neu zu wählenden Vorstande die Realisirung desselben gefordert. Der Vorstand hat sich schließlich dazu bequemt: nngerne und ungeschickt. Aus einem Gemeinden-Bunde ist ein Privatverein mit einem privaten Namen geworden, dem eventuell auch Cultusgemeinden als Mitglieder beizutreten gestattet sein soll, und auch iit dieser verstümmelten Gestalt steht der neue Verein nur auf dem Papier. — Ja noch mehr, meine Herren. Als wir in der Union daran gegangen waren, jene Rechtschutz-Action einzurichten, ist diese unsere Institution — die sich wie seither die Erfahrung gezeigt hat, sehr bewährt — im Vorstande einer solchen Abneigung begegnet, daß ein sehr verehrtes Mitglied desselben direct durch ein Concurrenz-Unternehmen versucht hat, die ganze Idee ad absurdum zu führen, eilt Versuch, der nur an der Loyalität jener jüdischen Advocaten scheiterte, die man zu diesem Zwecke zu einer Versammlung im Saale der Cultusgemeinde berufen hatte. Ich muß noch weiter eine andere sehr charakteristische Thatsache zur Sprache bringen. Wir in der „Union" haben es für sehr opportun gefunden, zu zeigen, daß die gesammte Judenfchaft den galizifchen Vorgängen gegenüber nicht gleichgiltig ist. Wir haben den Secretär unseres Rechtschutzcomitßs durch drei Wochen während der Excesse dort reisen und in Galizien Material sammeln lassen; und dann haben wir zugleich mit der Eröffnung des Reichsrathes, also zu einer Zeit, wo die galizifchen Abgeordneten alle in Wien zu haben waren, eine Enquete über die galizifchen Verhältnisse veranstaltet. Wir hatten hiebei folgende Hauptabsichten: Die galizischen Vorgänge wären nach den allseitigen, von uns eingeholten Informationen und eigenen Berichten zumindest in dieser Ausdehnung ganz unmöglich gewesen, wenn sie nicht — allerdings nur Anfangs — die stille Counivenz der maßgebenden und herrschenden Parteien dort gefunden hätten. Nun haben wohl die Juden Galiziens sechs Abgeordnete im Reichsrathe. Unglücklicher, aber sehr natürlicher Weise find diesen Herren die Hände gebunden. Ich kann nrich hier über diese Verhältnisse nicht weiter auslassen, genug, wir kennen sie. Nun war es uns also sehr darum zu thun, mit den maßgebenden, galizischen, christlichen Abgeordneten, durch welche diese Partei im Reichsrathe vertreten ist, in Verkehr zu treten und auf diese Herren einzuwirken, den Eindruck zu machen, daß sie bei der Fortsetzung des Verhaltens gegen die galizischen Juden eine wesentliche Gefahr für die Partei laufen, nämlich wenn sich die Juden auch nur absentiren. Auch auf diese Verhältnisse kann ich hier nicht näher eingehen. Genug, der Polenclub hat diese Bedeutung der von uns veranstalteten Enquete sofort und sehr gut begriffen. Die hervorragendsten Führer desselben find mit der größten Bereitwilligkeit bei derselben erschienen und haben ihre mitunter höchst interessanten Depositionen gemacht. Wer für die Bedeutung dieser Zusammenkunft mit der maßgebendsten Partei des Reichsrathes kein Verständniß gezeigt hat, das waren die Mitglieder des Wiener Cultusvorstandes. Wir haben es von außerordentlichem Werthe gehalten, wenn wir, der Vorstand der „Union", also eines Privatvereines, hätten in den Hintergrund treten und den Verkehr mit den demnächstigen Ministern wie Milewski, Czecz u. f. w., den Repräsentanten der größten Cultusgemeinde der Welt hätten überlassen können. Wir hatten den Cultusvorstand eingeladen, derselbe hatte auch drei Mitglieder designirt — dieselben sind nicht erschienen! Wo ist nun die Q u e l l e dieser von mir hier auseinandergesetzten Mängel zu suchen? Fast ausschließlich in dem Modus, der sich seit Jahren beiden Cultusvorstandswahlen eingeschlichen hat.. Lassen Sie mich einer Episode aus der officiellen Wählerversammlung vor zwei Jahren gedenken. Ein Wähler hatte auf die Nothwendigkeit hingewiesen, die damalige vollständige Neuwahl des gesammten Vorstandes zu einer wirklichen ausgiebigen Erneuerung und Auffrischung desselben zu benützen. Ihm antwortete ein hochangesehenes Mitglied des abtretenden Vorstandes, ein Mann, welcher durch seine eigenste Persönlichkeit, durch