Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 824 iPr. Vloch's Wochrnschrifl Sil. 45 nicht alle seien arbeitslustig. Nur die Hälfte arbeitet, das gestehen selbst die Vorstandsmitglieder ein. (Heiterkeit). Die „Union" wolle nicht den Kampf, sie wolle sich einigen, aber nicht mit dem Vorstande, sondern mit der Wählerschaft. (Lebhafter Beifall). Der Vor st and soll nicht mitHochdruck arbeiten, wir selb st werden schon das Richtige treffen, wir brauchen kei-ne Bevormundung durch den V o r st a n d. Unser Comite nimmt jede Anmeldung entgegen, prüft dieselbe vorurtheilslos und Sie, die Wähler, haben die Entscheidung! Wir 'wollen, daß die Wahl von den Wählern und nicht von irgend welchen Cliquen gemacht werde. Herr A u s P i tz tritt für eine größere Berücksichtigung der jüdischen Handwerker bei Vergebung von Gemeindearbeiten ein. Herr Cultusvorsteher Kammerrath Vogel widerlegt die diesbezüglichen Vorwürfe und gesteht zu, daß der Vorstand einer Auffrischung und jugendlicher Impulse bedürfe. In seinem Schlußworte erklärt der Referent Herr Mayer, daß er die Mitarbeit aller Parteien und Richtungen auf positivem Boden gerne begrüße und daß man sich auf diesem Boden immer finden werde. Nach Z'/rstündiger Dauer wurde hierauf die Versammlung geschloffen. _ Dr. Mayer Zipfer „Habeni 311a fata libelli“, auch Bücher haben ihre Schicksale. Dieser Erfahrungssatz findet seine Anwendung auch auf die Verfasser von Büchern, über Gelehrte und Männer der Wiffenschaft. Nicht in dem Sinne, daß auch diese dem allgemeinen Menschenschicksale unterworfen und das ihnen von der Vorsehung bestimmte günstige oder ungünstige Geschick zu tragen haben und daß manchem ein glänzendes Los beschieden, manche wieder trotz ihrer großen wissenschaftlichen Leistungen ihr Dasein im Dunkel, unbeachtet, oft unter Entbehrungen und Sorgen fristen müssen, sondern daß oft Gelehrte von hervorragender Bedeutung, von glänzenden Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiete, welche in der Gelehrtenrepüblik in erster Reihe genannt zu werden verdienten, in der Literaturgeschichte mit Stillschweigen übergangen und ihre Werke gar nicht genannt werden. Es ist dies eine der größten Ungerechtigkeiten, welche an dem Andenken eines bedeutenden Geistes begangen werden kann; umso schmerzlicher, weil solche Unterlassungssünden sich vererben und so hochverdiente Männer der Vergessenheit anheimfallen. In solcher Weise wird an dem Andenken des Dr. Mayer Zipfer, weiland Oberrabbiner zu Stuhlweißenburg und Rechnitz, gesündigt, eines Mannes, der sein ganzes Leben der Wiffenschaft, der Erforschung der Wahrheit gewidmet, welcher ein großer Gelehrter und Schriftsteller war und mit der Fackel seines Forschergeistes manches dunkle Gebiet der jüdischen Alterthumskunde erschlaffen und erleuchtet, manchen Schatz aus dem tiefen Schachte der jüdischen Wissenschaft gehoben und zum Gemeingut der gelehrten Welt gemacht und gediegene wissenschaftliche Schriften von dauerndem Werthe hinterlassen hat. Während bei anderen Religionen die Namen ihrer Glaubenshelden dem Gedächtnisse ihrer Bekenner tief eingeprägt sind, schlummern unsere Märtyrer den ewigen Schlaf im Staube der Bibliotheken. B!os ein- oder zweimal im Jahre werden sie in einer Selicha (Ebe eskoroh) oder Kinah (Arseh Halwanon Adire Hatorah) vom Vorbeter recitirt, um dann wieder ein Jahr fortzuschlummern.Das Judenthum hat keinPantheon, keine Walhalla, keine Westminsterabtei, wir haben auch keine Denkmäler, mit denen wir das Andenken unserer Geisteshelden verewigen möchten. Gönnen wir ihnen daher ein Plätzchen in unserem Herzen, in den Annalen unserer Geschichte und Literatur, als dankbare Erinnerung der Nachwelt. Zu diesen Reflexionen gelangten wir durch ein „Handbuch der israelitischen Geschichte von der Zeit des Bibelabschlusses bis zur Gegenwart" von Dr. M. Kayserling. Der Verfasser, ein trefflicher Geschichtsschreiber von anerkannter Loyalität, behandelt darin alle Phasen der jüdischen Geschichte und der mit derselben aufs Innigste verbundenen Literatur. Während er mit großer Ausführlichkeit alle jene Namen verzeichnet, welche in irgend einer Beziehung zur Literatur standen, finden wir den Namen Zipser's nirgends vor. Ja, während er mit der größten Gewissenhaftigkeit sogar die Namen der drei Vertheidiger im Tisza-Eszlarer Proceffe ehrend erwähnt, suchen wir den Namen Zipser, der doch in der jüdischen Literatur von großer Bedeutung ist und der durch seine im Jahre 1851 im „Jewish Chronicle" erschienene Artikelserie : „The Talmud and the Gosprels“ Vieles zur Zulassung der Juden ins englische Parlament beigetragen, vergebens. Was dieser Mann dem ungarischen Judenthume war, wie er als Autorität auf talmudischem wissenschaftlichem Gebiete anerkannt stand, wie seine hohe Weisheit und Gelehrsamkeit in seinen im ungarisch-jüdischen Congresse gehaltenen classischen Reden in glänzender Weise hervortrat und die Bewunderung alle Parteien fand, braucht den Zeitgenossen nicht erst ins Gedächtniß, gerufen zu werden. Wir wollen blos hier einige seiner Schriften nennen um zu zeigen, daß Dr. Zipser als Gelehrter und Forscher Werke geschaffen, welche von der wissenschaftlichen Welt viel zu wenig gewürdigt, ja trotz ihres reichen gediegenen Inhaltes nicht einmal gekannt werden: Kritische Untersuchungen über die Originalität der im Talmud und Midrasch vorkommenden Parabeln und Sentenzen, erschienen in einer Reihenfolge von 10 Artikeln im „Literatur- Blatt" des Orients „Hasagoth", philologische Erklärungen der im Talmud vorkommenden Fremdwörter; „die jüdischen Zustände in Ungarn unter der 150jährigen Türkenherrschaft." „Rafael Meldola". Ein Bild der jüdischen Zustände in Italien zu dessen Zeit. 5 Artikel im „Literatur-Blatt" des Orients 1847. „Ueber das jüdische Kalenderwesen" eine Kritik Luzatto'schen Werkes: Galendario ebraieo per vent! 8ecoli bereits oben erwähnte Schrift -,Tbe Talmud 61c.“, welche nachzuweisen sucht, daß alle im Evangelium vorkommenden Sentenzen und Sittensprüche früher schon vom Talmud gelehrt wurden, erschien in einer besonderen Broschüre, herausgegeben vom israelitischen Cultusvorstande in London, unter dem Titel: „The 8errnon on the mount“ .... „Bergpredigt" und wurde einer Bertheilung unter den englischen Parlamentsmitgliedern gewürdigt. Das Hauptwerk seines Lebens aber bildete das im Jahre 1871 erschienene: „des Flavius Josephus Werk „Ueber das hohe Alter des jüdischen Volkes gegen Apion". Josephus als Gelehrter und Zeitgenosse der Katastrophe im jüdischen Staatsleben schildert jene verhängnißvolle Epoche als Augenzeuge und beruft sich in seinen Schilderungen auf Bibel und Talmud. In diesem Werke, welches aus 80 selbstständigen hochintereffannten Abhandlungen besteht, wird der Nachweis geführt, inwiefern Josephus mit dem Texte der Bibel und der Tradition übereinstimmt oder abweicht. Welche reiche Gelehrsamkeit und Belesenheit in allen Zweigen der verschiedenen Literaturen des Alterthums sich in diesem Werke kundgibt, und welche, wichtige Belehrung man daraus über die Meinungen und Urtheile griechischer und römischer Schriftsteller schöpfen kann, die über das Judenthum oft blos nach unverbürgten Sagen und Erzählungen urtheilen und wie alle diese Hypotesen an der Hand der Geschichte auf ihren wahren Werth geprüft und oft mit großer Schärfe widerlegt werden, mag aus der Lectüre dieses Werkes hervorgehen. Wir wollen blos einige Artikel daraus mittheilen: O n, Heliopolis-Onias, Erbauer eines Tempels in Egypten; P h i l 0 der Alexandrier; Aeolus Harfe des Königs David; B ar K a m z a r, Erfinder einer Art Typographie, Boas und Iachin, der Bedeutung; Marc Aurel; Manetho: Livirats-Ehe, Homer, Karäer; Jehuda der Heilige rc. Wie geringes Interesse selbst in Fachkreisen wichtigen Erscheinungen der jüdischen Literatur entgegengebracht wird, und wie tief begründet jener Mahnruf war, welchen ein ausgezeichneter Schriftsteller unter dem Pseudonym „Amicus" in diesen Blättern, gegen uns ob der Theilnamslosigkeit für die Fachliteratur erhob, mag der Umstand beweisen, daß dieses Werk, welches seinerzeit blos in 200 Exemplaren erschien und an die Verehrer des Verfassers vertheilt wurden, keine zweite Auflage erlebte, ja, daß niemals eine Nachfrage dafür erfolgt ist . . Wenn wir noch auf die verschiedenen Abhandlungen Zipser's im „Orient", in Löw's „Len Chananja“, auf sein „Me Haschiloach“ eine talmudische kasuistische Schrift apologetischen Inhaltes, auf eine interessante Monographie: „Schicksale und Bestrebungen der israelitischen Gemeinde Rechnitz" Hinweisen, so glauben wir der Hoffnung leben zu dürfen, daß der Name Zipser, wenn er auch aus unerklärlichen Gründen von manchen Autoren mit Stillschweigen übergangen wird, in der Geschichte der Literatur und jüdischen Wissenschaft in seinen Werken fortleben wird. Moriz Ehrlich, Rabbiner. Rechnitz._