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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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inriia Nr. 45 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 8t9 lassen, wo man ihrer bedarf, während sie in der Heimat verhungern, und Wanderlehrer müssen die Juden mit den neuesten Arbeitsmethoden in den einzelnen Zweigen bekannt machen. Ferner müßte eine Regeneration des Volkes durch Schulen angestrebt werden. Mit dem Unterricht ist es bei den russischen Juden überaus traurig bestellt; auf je 27.300 Seelen kommt eine Schule, eventuell wenn die Privatschulen mitgerechnet werden, auf je 9000 Seelen eine Schule. Es müßten, um der Schulnvth allmälig abzuhelfen, denn eine rasche Abhilfe ist schon wegen des Mangels an Lehrkräften unmöglich, jährlich mindestens 50 neue Schulen errichtet werden. Aus diesen wenigen Andeutungen ist schon zu entnehmen, welche gewaltige Cullurarbeit nöthig wäre, um die russischen Juden auf ein höheres Niveau der Civilisation zu bringen und daß Rußland für philantropische Bestrebungen ein Feld der Thätigkeit bietet, an dessen Ausdehnung die Kraft einzelner Männer unmöglich heranreichen kann. Der Verein für Arbeitsnachweis in Berlin. Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner B'nai-Brith-Logen, hat seine bedeutend erweiterten Geschäftsräume am 1. Oktober d. I. von der Klosterstraße 44 nach der Rosenthalerstraße 34/35 verlegt. Damit der Verein aber immer mehr leisten könne und ihm bewährte Kräfte bei seiner segensreichen Arbeit helfen, hat der Vorstand in seiner Sitzung vom 23. October d. I. die Herren Maurermeister Marens Adler, Rentier Maximilian Heymann, Rentier Simon Stolzinann und Rechtsanwalt Timendorfer in seinen Vorstand eooptirt. Als besonders erfolgreich und wirksam bei Unterbringung des weiblichen Personals hat sich das im December v. I. für den Arbeitsnachweis eingesetzte Damencomitö erwiesen, dem 15 Damen aus den Vorständen der verschiedenen jüdischen Frauenvereine Berlins angeboren. Die Damen kommen abwechselnd an den Nachmittagen in das Bureau des Vereines und sind dort mit Rath und That beinüht, den weiblichen Personen, die die Hilfe des Vereines in Anspruch nehmen, insbesondere den älteren Frauen, den Witwen und Waisen durch Ueberweisnng einer geeigneten Stelle oder Arbeit zu helfen. Um immer mehr helfen zu können und um gemeinschaftlich mit allen Comitedamen zu berathen, welche Schritte die geeignetsten sind, damit das Wirken des Arbeitsnachweises und sein segensreiches Schaffen sich immer mehr ansdehne, hatte der Vorsitzende auf den 24. Oktober d. I. eine Sitzung des Tamencomitcs zusamnienberufen, zu der 12 Damen erschienen waren. Nachdem der Vorsitzende Herr Eugen Rosenstiel den Anwesenden die bisher erzielten geschäftlichen Resultate mitgetheilt und in kurzen Worten auf die Bedeutung des zur Berathung gelangenden Gegenstandes, sowie insbesondere darauf hingewiesen hatte, daß die Frage der Arbeitsnachweise immer weitere Kreise zu interessiren beginne und man voraussichtlich schon in nächster Zeit daran gehen werde, weitere derartige Organisationen in anderen Städten zu schaffen, wurden aus der Mitte der Versammlung folgende Fragen zur Berathung gestellt: 1. Was muß geschehen, um unsere Thätigkeit zu einer segensreicheren zu gestalten? 2. Was haben wir zu thun, um den durch uns untergebrachten jungen Mädchen eine dauernde Existenz zu beschaffen? 3. Was können wir für die älteren Leute thun, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen? Aus der sehr eingehenden Diskussion war im Wesentlichen folgendes zu entnehmen: Bezüglich der weiblichen Stellensuchenden, die sich im mittleren Alter befinden, d. h. des kaufmännischen Personals, als Buchhalterinnen, Eomptoiristinnen, Verkäuferinnen, Eassierinnen ec., wird es einer weiteren Fürsorge in der Regel nicht bedürfen, es wird genügen, wenn der Verein diesen Personen geeignete Stellen verschafft. Dagegen muß Fürsorge geübt werden bei den Witwen und eheverlassenen Frauen, die durch Vermittlung des Vereines mit Arbeit versorgt werden, sie müssen andauernd im Auge behalten werden, damit sie gleichmäßig Arbeit, und zwar nicht zn schlecht bezahlte haben und thnnltchst vor Roth geschützt bleiben. Ganz besondere Sorgfalt nmß bei der weiblichen Jugend geübt weroen. Tie Mädchen, die nach vollendeter Schulpflicht eine Lehrstelle im Geschäfte annehmen, sorgsam zu überwachen, nach Möglichkeit dafür zu sorgen, daß diese jungen Mcnschenblüthen durch das anstrengende Geschäftsleben nicht beeinträchtigt, sondern, so viel es geht, körperlich und geistig gefördert werden, ist eine edle Aufgabe für den Verein, deren Erfüllung die Damen des Comites freudig znsagten. Es wurde beschlossen: n) Für die durch den Arbeitsnachweis untergebrachten Lehrmädchen Fürsorge zu üben durch Ueberwachung des ferneren Lebensganges seitens zn bestellender Pflegerinnen und eventuell auch durch Bewilligung von Stipendien an dazu geeignete Mädchen. d) Für jedes Lehrmädchen wird ans der Mitte des Dameucomites eine besondere Pflegerin bestellt, die das ihr zugewiescne Mädchen unter ihre Obhut nimmt, sich um das Wohl ihres Schützlings kümmert und bei ihren Handlungen immer den Zweck im Auge hat, ans einem Kinde ein nützliches Mitglied der Menschheil im Allgemeinen und unserer Glaubensgemeinschaft im Besonderen zn machen. Bezüglich der zur Diskussion gestellten drillen Frage: „Was kann für die älteren arbeitsuchenden teilte geschehen", war man sich zunächst darüber einig, daß dein Verein hier die schwerste Aufgabe gestellt sei, daß man aber mit allen Kräften versuchen müsse, auch für die alten Leute passende Beschäftigung zn nicben. Es wurde für nothwcndig erachtet, die älteren Personen, die den Verein wegen Zuweisung einer Beschäftigung in Anspruch nehmen, recht eingehend über ihre Fähigkeiten zu befragen und je nach dem Ergebnis; der Feststellungen individuell für solche Leute die geeignete Arbeit zu verschaffen. Ter Verein wird den Versuch machen, durch geeignete Schritte bei größeren Instituten :e. die Besetzung der Stellen für Reinmache- und Scheuerfrauen übertragen zu erhalten. Ebenso würden aufs Rene Versuche dahin angestellt werden, daß dem Verein die Besetzung von Portierstellcn, Aufseherposten u. dgl. übertragen wird. Rach sehr lebhafter, fast dreistündiger Diskussion schloß der Vorsitzende die Sitzung mit warmen Tankesworren an die erschienenen Damen und der Zusicherung, daß die Ergebnisse der gemeinsamen Berathnng sobald als möglich durchgearbeitet und in der nächstfolgenden Sitzung des Tamencomites mitgetheilt werden sollen, welche schritte der Verein zur Ausführung dieser Ergebnisse gerban und welche Resultate er erzielt hat. Noch ein Wort über Schleiden. Als ich im Jahre 1878 bem berühmten Gelehrten Professor Schleiden, mit dem ich oft correspondirte, ein Exemplar meiner damals erschienenen Schrift: „Schilderungen ans dem inneren Leben der Juden in Mähren" zukommen ließ, schrieb er mir: „Hochgeehrter Herr Doctor! Ihre freundliche Zusendung habe ich richtig erhalten und sage Ihnen für diese gütige Mittheilung meinen herzlichsten Dank. Natürlich muß es mich freuen, wenn meine lange nicht vollkommene, doch jedenfalls sehr ernsthaft gut gemeinte Arbeiten bei Ihnen und Ihren Glaubensgenossen Verbreitung und Anklang ftnden; aber ich wünsche sehr, daß ich dasselbe auch von meinen Glaubensgenossen sagen könnte. Leider werden alle eingenisteten Vorurtheile nur sehr langsam überwunden. Ich schließe mit der Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung Ihr ergebener M. I. Schleiden. Wiesbaden, 0. October 1878." Pisek, 6. November 1898. Friedläuder. Selbstständige politische Judengemeinden. Am 4. Jänner 1897 faßte der Gemeinderath der Stadtgemeinde Gaya den Beschluß, zur Bedeckung des Gemeindedeficites von 16.983 st. eine 35 Percent betragende Gemeinde-Umlage von den directen Stenern einzuheben, jedoch sollten die in der sogenannten I u d e n g e m e i n d e Gaya entrichteten Steuern von dieser Gemeinde-Umlage befreit sein. Motivirt wurde die Ausschließung der Judengemeinde von der Zahlung der Gemeinde-Umlage mit dem Hinweise ans die in jeder Beziehung vorhandene Selbständigkeit der Judengemeinde in Gaya. Gegen diese Ausschließung der Judenqemeinde von der Steuerleistung erhoben der frühere liberale Bürgermeister von Gaya, Dr. K o ch, sowie vier andere Bewohner von Gaya den Recurs an den mährischen Landesausschuß mit der Begründung, es existire in Gaya keine selbständige Judengemeinde und der angefochtene Beschluß der Stadtgemeinde Gaya ziele darauf hin, das mittelalterliche Juden-Ghetto wieder einzuführen, um die Bewohner dieses Ghettos des Wahlrechtes in der Stadtgemeinde Gaya zu berauben. Der mährische Landesausschuß verwarf den Recurs. worauf Dr. Koch und Genossen die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof erhoben. Ter Vertreter des mährischen Landesausschusses trat für die Abweisung der Beschwerde ein, da in Gaya, wie in vielen anderen mährischen Städten, eine auch politisch selbstständige Judengemeinde bestehe, ein Zustand, der auch mit dem Gesetze nicht irr Widerspruch stehe. In besonders scharfer Weise bekänipfte der derzeitige Bürgermeister der Stadtgemeinde Gaya, Dr. Galousek, die Beschwerde. Er betonte, daß eine im Jahre 1881 von der Statthalterei angeregte Bereinigung der Judengemeinde und Stadtgemeinde in Gaya wegen des Widerstandes der ersteren nicht zustande gekommen sei. Nach kurzer Berathung entschied der Verwaltungsgerichtshof, die Beschwerde werde als unbegründet abgewieseu, da nach den Erhebungen in Gaya 6c facto eine selbständige Iudengemeinde existire; ob dieser faktische Zustand auch legal ist, sei bei dem vorliegenden Falle nicht zu prüfen gewesen.

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