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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 818 Dr. Vloch's Wochenschrift 9tr. 45 werden, wenn wir die in unserer Religionsgemeinde vorhandenen latenten materiellen und geistigen Kräfte wecken und ausnützen. Daß diese thatsächlich vorhanden sind, ist zweifellos; leider interessiren sich die Mitglieder unserer Confession zu wenig für die Angelegenheiten der Religionsgemeinde. Dieses Interesse zu erwecken ist eine Lebensfrage für uns, und ich wende mich mit vollem Vertrauen an Sie, geehrte Herren, mit der Bitte, uns bei Erfüllung dieser schweren Aufgabe zu unterstützen. Unter diesem Interesse verstehe ich nicht nur Ihre Mitwirkung an diesem Orte, denn Sie haben ja in der jüngst stattgehabten Generalversammlung selbst Ihre Mitwirkung angeboten und die Vermehrung Ihrer Arbeit verlangt. Damit haben wir uns schon befaßt und wir werden Ihrem Wunsch zum Wohl der Religionsgemeinde auch zu entsprechen suchen. Das Interesse muß aber von hier, aus dem Berathungssaale, auch ins Leben, in die Gesellschaft, in die Familie hinausgetragen werden. In alten Zeiten war die Üeberlieferung, die Tradition das stärkste Band, welches die Mitglieder mit der Gemeinde vereinte. Vom Vater auf den Sohn vererbte sich das Bewußtsein, daß in der Gemeinde Jedermann seinen Platz ausfüllen müsse. Die moderne Richtung hat leider dieses Streben vernichtet, so muß denn an dessen Stelle etwas Anderes treten: dies sei das Pflichtbewußtsein. Gleichwie Niemand zurückireten wird, wenn es heißt, für das Vaterland eine Pflicht zu erfüllen, so gibt es auch Pflichten gegenüber der Confession und Religionsgemeinde, vor welchen Niemand zurückweichen darf. Die Gleichgiltigkeit gegenüber diesen Pflichten mag ihren Grund darin haben, daß Viele die großen und hehren Aufgaben unserer Gemeinde nicht kennen. Es ist unsere Pflicht, immer weitere Schichten darüber aufzuklären und ein Jeder von Ihnen sei ein Apostel dieser erhabenen Idee. Wenn dies auch nur zum Theil gelingen würde, wie ich bestimmt hoffe, so werden wir all' jenen Aufgaben gerecht werden können, welche unser harren. Mit Ihrer Unterstützung und Mitwirkung werden wir das hohe Ziel erreichen, welches uns vor Augen schwebt; das Blühen und die Entwicklung unserer Religionsgemeinde und ihrer Institutionen, den Erfolg unseres künftigen großen Werkes. Der Glanz unserer Religionsgemeinde wird dann auf jedes einzelne Mitglied zurückstrahlen! Vor sechs Jahren habe ich als unsere Devise bezeichnet: Treu unserem Glauben, treu unserer Religionsgemeinde, treu unserem geliebten Vaterlande! Diese Treue und das Pflichtgefühl werden uns auch fürderhin den Weg weisen; nach diesen Intentionen werden wir die Angelegenheiten der Religionsgemeinde auch fernerhin leiten, nichts außer Acht lassen, was nützlich ist, und alles thun, was heilbringend werden kann. Dies gelobe ich neuerdings in meinem Namen und im Namen meiner College» im Vorstande. (Stürmische Etjen-Rufe.) Hierauf wurden die Wahlen in den Ausschuß vorgenommen und das Ergebniß verkündet. Gewählt wurden: Benedict Baronyi de Csangohetfalu, Jacob Boschan, Sigmund L. Breitner, Moses Ehrlich, Eduard Fleischmann, Karl Gomperz, Dr. Wilhelm Grauer, Dr. Josef Hüvös de Botsa, August Kohner, Sigmund Kornfeld, Ludwig Krauß de Megyer, Moriz Löwy, Ignaz I. Mandl. Reichstags-Abgeordneter Dr. Moriz Mezer, Samuel Münz, Dr. Anton Neumann, Reichstags- Abgeordneter Dr. Armin Neumann, Ignaz Pfeifer, Stefan Popper, Oberphysicus Dr. Adolf Schermann, Ignaz Schlesinger, Privatier. Dr. Jacob Schreyer, Adolf Sternthal, Paul Tencer, Ludwig Wolfner. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Talliswever in Kolomea. Wir erhalten folgende Zuschrift aus Kolomea, welche wir mit Hinweglassung der für unsere Haltung gar zu schmeichelhaften Stellen wiedergeben: „Geehrter Herr Doctor! Ihre Rede, welche Sie im Jahre 1882 vor den Arbeitern der Locomotivfabriken zu Wien und Floridsdorf gehalten haben, haben gezeigt, daß Sie ein wahrer Arbeiterfreund sind. Sie werden auch den Talliswebern in Kolomea ein Schützer und Helfer sein, so weit die Macht Ihrer Feder reicht. Der Strike, über dessen Ausbruch Sie bereits in Ihrem geschätzten Blatte berichtet baden, kann nur dann von Auswärtigen richtig beurtheilt werden, wenn, die wichtigsten Details desselben bekannt sind. Die Fabrikanten sind alle Zionisten und Chassidim, wenigstens halten sie sich für das Letztere, z. B. Herr Samson Heller. Der Rabbi von Bojan hat gesagt oder soll gesagt haben, daß er gestatte, m i t ch r i st l i ch e n A r b e i t e r n T a l l i s zu arbeiten. Er fordert die Arbeitgeber ans, auszuharren im erbittertsten aller Lohnkämpfe und uur ja nicht nachzugeben. Die ausgehungerten jüdischen Arbeiter schmachten und darben im fnrchter-' lichsten Elend, in das sie diese „Zionsfreunde" gebracht haben und in dem sie sie auch weiter festhalten wollen. Bei vier zehnstündig er täglicher angestrengter Arbeitszeit verdient ein tüchtiger, erwachsener Arbeiter für sich und seine Familie drei bis vier Gulden per Woche. Verlangt wird 25% Aufbesserung, 50% wäre auch noch ein jammervoller Schandlohn. Die strikenden 70 Arbeiter sind alle Familienväter und haben zumeist viele Kinder. Von dem grenzenlosen Elend dieser ausgemergelten Leute, die wie hohlwangige Gespenster am hellichten Tag herumwandeln, kann man sich gar keine Vorstellung machen. Es fehlt an dem Aller-Allernöthigsten, dessen Menschen bedürfen, um überhaupt nicht zu verhungern und zu — erfrieren, wenn jetzt die kältere Jahreszeit kommen wird. Christliche Arbeiter haben schon Unterstützungen gewährt, aber die Juden sollten doch wahrlich auch zeigen, daß ihnen die fürchterlichste Noth ihrer ausgebeuteten Glaubensgenossen zu Herzen geht. Die Arbeiter hier sind der Verzweiflung nahe. 300 Menschenleben dem fürchterlichsten Jammer preisgegeben! Jeder jüdische Volks- und Arbeiterfreund hat die heilige Pflicht hier zu helfen und zu retten, die jüdischen Vereine natürlich Allen voran! Bekanntlich hat Dr. Herzl sich von den jüdischen Arbeitern das Mandat für den Baseler Congreß ertheilen lassen. Als aber auf die jammervollen Zustände zu reden kommen sollte, da hieß es, das gehöre nicht vor den Congreß! Wo Juden, wo Menschen beisammen sind, da gehört es hin. Die Fabrikanten sind „Zionisten", beschimpfen Dr. Güdemanu („Der Protestrabbiner"), Dr. Bloch („Der famose Dr. Bloch"), Dr. Glaser, kurz Alles, was sich wahrhaft große und unleugbare Verdienste um das Judenthum erworben hat. Sie sagen, sie wollen das Judenthum befreien sind aber dabei schmachvolle Unterdrücker, ja Ausbeuter schlimmster, verächtlichster Sorte und gegen ihren Willen soll und muß 70 Familienvätern geholfen werden, daß sie wenigstens mit ihren Angehörigen für Mühe und Plage Brod genug verdienen können, um ihren bittersten Hunger zu stillen. Wer einen Tallis anlegt zum Gebete, gedenke der armen Brüder in Kolomea, und das Blut und Schweiß an diesem Gewebe klebt, ihnen abgepreßt von herzlosen Menschen, die anstatt eines warmsühlenden jüdischen Herzens einen kalten, harten Stein in der Brust tragen und sich „Zionisten" nennen. Rasche Hilfe thut Noth, sonst siegen die „zionistischen" Ausbeuter! (Folgen die Unterschriften.) Geldsendungen gefälligst an Chaim B r e t t l e r, Kolomea. Die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung Rußlands. Im October 1896 richtete Herr Dr. S. O. Gruse nb e r g, praktischer Arzt in St. Petersburg, eine Denkschrift an die Repräsentanten-Conferenz der „Jewish-Colonisation-Affociation" in Paris, über die Maßregeln, welche vorzukehren wären, um dem furchtbaren Elend unter den russischen Juden entgegenzutreten. Diese Denkschrift ist nunmehr im Verlage von Albert K a tz in Berlin im Druck erschienen. Der Verfasser hebt zunächst die bekannte Thatsache hervor, daß die Lage der russischen Inden durch die argentinische Colonisation unbedeutend beeinflußt wird. Bei einer Anzahl von fünf Millionen Juden spielt es keine Rolle, wenn jährlich ungefähr 3000 auswandern. Vielmehr kommt es darauf an, daß die Juden in ihrer Heimat sich als nützliche Arbeiter und als gute Söhne des Vaterlandes erweisen. Politisch sei die Emigration sogar sehr bedenklich, denn' die Inden müssen Alles vermeiden, was ihren Patriotismus, ihre Anhänglichkeit an das Vaterland in Verdacht setzen könnte. Dr. Grusenberg skizzirt nun die Haltung, welche die nach einander folgenden russischen Regierungen den Juden gegenüber eingenommen haben und führt dann aus, daß die innere Colonisation in Rußland das einzige Mittel sei, um den Juden einen Wirkungskreis in der Landwirthschaft zu schaffen, Getreide-, Tabak-, Wein- und Gartenbau, Milchwirthschaft, Fischzucht rc. seien die Beschäftigungszweige, welche man den Juden erschließen müsse. Es müsse ferner angestrebt werden, die zahlreichen jüdischen Handwerker in jene Gouvernements übersiedeln zu

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