Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021269--08299-3032672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl Sette 817 verbürgte Mittheilung bezeugt: Das geltende Gesetz schreibt vor, daß, wer aus der Gemeinde oder aus der Kirchengemeinschaft austreten will, von dieser Absicht dem Gericht mit dem Bemerken Nachricht zu geben hat, daß er diesen Schritt aus Gewissensbedenken zu thun beabsichtige. Das Gericht ist gehalten, solche Benachrichtigung an den betreffenden Gemeindevorstand gelangen zu lassen, damit dieser durch den zuständigen Geistlichen aus den Austrittslustigen vor der Wiederholung der Versicherung seiner Gewifsensbedenken einzuwirken Gelegenheit habe. Regelmäßig sind die Benachrichtigungen vom Gericht an den Berliner Gemeindevorstand gelangt, und regelmäßig hat dieser sie zu den Acten geschrieben, einfach als Vermerk für die fernere Steuererhebung. Nicht ein einziges Mal ist ein Rabbiner mit der Aufgabe belästigt worden, durch seelsorgerische Einwirkung einen beabsichtigten Austritt zu verhüten. In weniger als drei Wochen finden die Wahlen für die Gemeinderepräsentanz statt. Zwei Parteien stehen einander gegenüber. Die eine nennt sich liberal, die andere wird als conservativ bezeichnet. Diese Namen sagen gar nichts, denn die sogenannten Conservativen sind liberal, und die sogenannten Liberalen sind radical. Ihre Unterscheidung ist an der Hand der eben angeführten Thatsache deutlich zu machen: Die das Verhalten des Gemeindevorstandes billigen, das sind die Liberalen — und die sich eine ganz schüchterne Mißbilligung im stillen Kämmerlein erlauben, das sind die Conservativen. -Hechaluz. Generalversammlung der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Die Repräsentanz der Pester israelitischen Religionsgemeinde trat Sonntag Vormittags um 10 Uhr im großen Sitzungssaale des Gemeindegebäudes zur constitnirenden Generalversammlung zusammen, um die Wahlen des Vorstandes und des Ausschusses der Gemeinde vorzunehmen. Zur Sitzung waren die Mitglieder der Repräsentanz beinahe vollzählig erschienen. Präsident des Wahl-Ausschusses Paul Teurer eröffnete die Sitzung mit einer kurzen Ansprache und ersuchte vorerst um die Wahl des Vorstandes. Mit der Uebernahme der Stimmzettel wurden Vicepräsident Leopold K e p p i ch und Schriftführer Dr. Anton N e u m a n n betraut. Es ivurden einhellig wiedergewählt : zum Präsidenten Sigmund K o h n e r, zum Vorstand der Cultussection Samrlel Deutsch, der Unterrichtssection Martin Schweiger, der Wohlthätigkeitssection Ludwig Adler, der Finanzsectiou Ludwig Baum garten, der wirthschaftlichen Section Max G r ü n b a u m. Die Verkündigung des Wahlresultats wurde mit stürmischen Eljenrufen ausgenommen. Der Vorsitzende entsendete sodann unter Führung Berthold Weiß, eine aus ben Repräsentanten Curialrichter Ignaz Neuberger, Josef v. Hüvös, Jacob Fürst, Adolf Sternthal und Armin B r ü l l bestehende Deputation zur Einholung der gewählten Vorstandsmitglieder, die beim Erscheinen mit lebhaften Eljenrufen empfangen wurde». Im Namen der Versammlung begrüßte dann Paul T e n c e r den neugewählteu Präsidenten. Redner führte aus, daß Sigmund K o h n e r der elfte Präsident der Religionsgemeinde sei. Unter seinen Vorgängern befanden sich hervorragende Männer, die dem Präsidentenstuhl nach außen hin ein ungewöhnliches Lustre verliehen haben. So Dr. Ignaz Hirschler, der eine hervorragende wissenschaftliche Capacität war, so Moriz Wahrmann, dessen Andenken nach seinem Ableben vom Abgeordnetenhause im Protokoll verewigt wurde. Redner kann aber versichern, daß sich unter den Vorgängern des derzeitigen Präsidenten keiner befunden hat, der mehr hervorragende Eigenschaften besessen hätte, wie Sigmund K o h n e r, in dessen Person Rechtlichkeit, selbstloser Patriotismus, Mildthätigkeit, edle Gesinnung und seltene Liebenswürdigkeit sich in wunderbarer Harmonie vereinigt haben. Aus dieser Quelle stammen die ergreifende Anhänglichkeit, die seltene Liebe und Verehrung, die ihm aus allen Kreisen unserer Religionsgemeiude entgegengebracht werden, daher stammt das Flehen jedes Einzelnen, der Segen des Allmächtigen möge alle seine Schritte geleiten und darum bittet Redner Herrn Kohuer und Alle anderen gewählten Vorstandsmitglieder im Namen der Generalversammlung, die auf sie gefallene einstimmige Wahl zu acceptiren. (Stürmische Eljenrufe.) __ ,, Sigmund Kohner: Sehr geehrter Herr Wahlpräsident! Empfangen Sie, geehrter Herr Wahlpräsident, vor Allem unseren innigsten Dank für Ihre tiefergreifende Worte. Ihre für uns so schmeichelhaften und sympathischen Ausführungen sind umso werthvoller, als sie von einem wichtigen Factor unserer Religionsgemeinde stammen, der jede einzelne Phase unserer Thätigkeit kennt. Sie haben uns durch die Überschätzung unserer geringen Verdienste zu Danke verpflichtet. Sehr geehrte Generalversammlung! Genehmigen Sie unseren innigsten Dank für den glänzenden Ausdruck Ihres Vertrauens, mit dem Sie uns einstimmig für weitere drei Jahre gewählt haben. Wir können vielleicht mit Rücksicht auf die uns so hoch ehrende Anerkennung seitens dieser hervorragenden Corporation davon absehen, über unsere bisherige Thättgkeit einen Rechenschaftsbericht zu erstatten, umsomehr, als ja unsere Jahresberichte, welcher jeder Generalversammlung vorgelegt wurden, über unsere Thätigkeit und deren Resultate Rechenschaft geben. Auch über die Zukunft brauche ich nicht viel zu sagen. Wir werden im Sinne der als richtig erkannten, von Ihnen gebilligten Principien und Grundlagen unserer Religionsgemeinde mit den in der Vergangenheit erworbenen Erfahrungen, mit Fleiß uud Eifer weiter arbeiten und so kann die Zukunft nichts Anderes sein, als die womöglich verbesserte Fortsetzung der Vergangenheit. Und doch wird sich ein bedeutender Unterschied zeigen, indem wir uns künftighin mit einem wichtigen und bedeutsamen, im Leben unserer Religionsgemeinde seltenen Ereigniß befassen müssen. In der nächsten Zeit wird der Bau des neuen Tempels begonnen werden. Es sind mehr als 30 Jahre verflossen, seitdem hier keine neue Stätte zur Uebung der religiösen Pflichten eröffnet wurde. Seit dieser Zeit hat die Zahl der Mitglieder der Religionsgemeinde sich mindest verdreifacht. Der Bau eines neuen Tempels ist eine dringende Nothwendigkeit und wird eine große Lücke ausfüllen. In der jüngsten Ausschußsitzung habe ich dargelegt, daß anläßlich der verflossenen hohen Feiertage 80 Aushilfs-Bethäuser, und zwar nicht immer an würdigen Orten, errichtet, und von 17.000 Personen, die ihre Andacht und Religiosität bethätigen wollten, ausgesucht wurden. Im Gegensatz zu diesem nicht eben erfreulichen Bilde liegt ein erhebendes moralisches und ethisches Moment in dem erfreulichen Umstand, daß unsere Confession, welche das Gesetz und die Gerechtigkeit so hoch hält, in der Nähe der Paläste der ungarischen Legislative und des obersten Gerichtshofes ihren Altar errichten kann. Ich hoffe mit Zuversicht, daß hiedurch in unserer Religions gemeinde sich auch die Religiosität heben wird, jene Religiosität, welche mit dem Liberalismus und denr Fortschritt übereinstimmt (Stürmische Eljen Rufe), und als gemeinbildendes und erhaltendes Princip am meisten geeignet ist, die destructiven Tendenzen des 6» de siede zu überwinden. Dieses weittragende Ereigniß wird aber unsere Thätigkeit sonst nicht tangiren; die Entwicklung unserer anderen Institutionen darf darunter nicht leiden. Wenn ich in Betracht ziehe, daß unser Budget seit der sechs Jahre meines Präsidiums von kaum 300.000 Gulden auf nahezu eine halbe Million gestiegen ist; wenn ich ferner darauf Hinweisen muß, daß unseren Institutionen eine große expansive Tendenz innewohnt, so erfüllt mich einiges Bedenken, ob wir in der Lage sein werden, den großen Erfordernissen gerecht zu werden. Unsere Schulen, insbesondere der Religionsunterricht, erfordern immer größere Summen. Gegenwärtig genießen mehr als 20.000 Kinder Religionsunterricht und diese Zahl wächst von Jahr zu Jahr in bedeutendem Maße. An unsere Spitäler stellen die Gebote der Humanität und die Fortschritte der Wissenschaft immer neue Anforderungen Die Wohlthätigkeit beansprucht in Folge des Anwachsens der Armuth immer größere Opfer, welche kaum abzuweisen find. Ferner ist es erwünscht, die Zukunft unserer wackeren Beamten und Lehrer auf sicheren Grundlagen zu stellen. Die Entwicklung dieser Institutionen ist nothwendig, erfordert aber große Summen. Demgegenüber ist es unser fester, unerschütterlicher, von Ihnen gewiß gebilligter Wille, das Gleichgewicht unseres Budgets aufrechtzuerhalten. Von diesem Princip dürfen wir unter keinen Umständen abgehen; wie im Staatshaushalte und in jeder kleineren Wirthschaft führt ein Abweichen von diesem Wege aus eine abschlüssige Bahn. Unser B e r u f ist: der Cultur und dem edelsten, dem erhabensten Gefühl, der Humanität zu dienen, unsere Pflicht ist es aber, unsere Finanzen in ihrem gegenwärtigen guten Stande zu erhalten. Dieser schweren Aufgabe können wir nur dann gerecht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.