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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Date
1898-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 415 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 81 o feig als dumm. Ihren „Muth" und ihre „Klugheit" werden die Pfaud^riefbesitzer oder die Commune Wien zu bezahlen haben. Wahrscheinlich die letztere, denn eine antisemitische Hand wäscht bekanntlich die andere, und kleine Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten schlagt man sich gegenseitig unter Parteigenossen doch nicht so ohneweiters ab. Ja wohl, eine Hand wäscht die andere, und wenn sie noch so schmutzig wäre -Die Christlich-Socialen sind die Partei der reinen Hände. Dieser Ansicht beiznpflichten hat viel Bestechendes. I. I. S. Die beiden neugewählten jüdischen Abgeordneten;um preutzischen landtag. Alls Preußen- Habemus papam, wir haben einen, wir haben sogar zwei jüdische Abgeordnete in dem neugewählten preußischen Landtag, während ler frühere ganz judenrein gewesen ist. Zwar dürfen wir auf diesen Triumph nicht gar 51t stolz sein, denn selbst nach Maßgabe der Juden in Preußen dürften wir auf eine größere Quote von jüdischen Abgeordneten Anspruch erheben. Aber es ist doch immerhin etwas. Ohne das confessionelle Moment besonders zu betonen, war es immerhin höchst auffällig, daß, während früher, seitdem es parlamentarische Versammlilngen in Preußen und Deutschland gibt, stets Juden in den gesetzgebenden Körperschaften mit zu Rathe saßen, neuerdings die Juden aus diesen Versammlungen ganz verschwunden waren. Dabei wird doch stets so viel Aufhebens von der Intelligenz der Juden gemacht, von ihrer Befähigung und von ihrer Neigung für Politik und politischen Beredtsamkeit, und die deutschen Juden werden doch nicht in den letzten Jahren so ganz plötzlich ihren Verstand verloren haben! Es war ganz gut, daß die Juden selbst sich ihrer Sache annahmen und die Lärmtrommel rührten, um diese Schande von sich abzuwälzen. Der stillen antisenritischen Arbeit, deren oft die „besten und liberalsten Kreise" sich nicht schämen, war es gelungen, die Juden von der Vertretung des Volkes fernzuhalten, wenigstens soweit nicht die Socialdemokraten in Betracht kamen; da ist es gut, daß der Bann gebrochen ist und wieder zwei Israeliten in den Landtag einziehen. Freilich so groß ist der Sieg nicht, daß wir zur Ueberhebung Veranlassung hätten. Dr. Max Hirsch, der eine der Gewählten, ist ein älterer Mann, der schon seit mehreren Jahrzehnten als Führer der Gewerkvereine im Vordergründe des öffentlichen Lebens steht. Er ist ein hochverdienter Socialpolitiker, der durch praktische Arbeit das Volkswohl gefördert hat. Seine Zugehörigkeit zum Judenthum gereicht uns zur Ehre, aber es ist kaum anzunehmen. daß für seine Wahl in Berlin seine jüdische Abstammung, sei es fördernd, sei es hindernd, in Betracht gekommen ist. Wir treten wohl auch dem trefflichen Manne nicht zu nahe, wenn wir annehmen, daß er selbst an seinen Pflichten gegen die jüdische Religion nicht gar zu schwer zu tragen hat. Etwas anders liegt die Sache bei dem zweiten Abgeordneten, dem Landesgerichtsrath Peltasohn in Bromberg der in einem Wahlkreise der Provinz Posen gewählt worden ist. Er ist als Candidat der Regierung aus dem Wahlkampfe hervorgegangen und man geht nicht fehl mit der Ansicht, daß gerade er den Wahlmännern präsentirt worden ist, um die in den« dortigen Kreise nicht unbeträchtliche Anzahl jüdischer Wahlmänner für die deutschen Candidaten, gegenüber den Polen sicherer zu gewinnen. Landesgerichtsrath Peltasohn hat für das jüdische Gemeindewesen von jeher ein lebhaftes Interesse bekundet, an den Verhandlungen des Gemeindebundes theilgenommen und es steht zu hoffen, daß er etwaigen antisemitischen Angriffen gegenüber die Sache des Judeuthums mit Verständniß und Wärme vertreten wird. Wenn bei künftigen Wahlen beim Vorschlag der Candidaten die nöthige Vorsicht obwaltet und stets darauf gesehen wird, daß das politische Parteiintereffe nicht durch das jüdische zurückgedrängt wird, so ließe sich ohne Schwierigkeiten die Zahl der Gewählten vermehren. In Posen zum Beispiel ist diesmal mit merkwürdigem Ungeschick verfahren worden, sonst wäre die Wahl eines Juden ja sogar zweier (einen fiir Posen-Land)nicht schwierig gewesen. Die freisinnige Volkspartei war dort im Besitze eines Mandates; wäre dort ein Jude als Candidat dieser Partei in Vorschlag gebracht worden, so wäre, da der frühere Abgeordnete nicht mehr candidirte die Wahl ein leichtes Spiel gewesen. Statt dessen wollte die freisinnige Vereinigung, Richter's feindliche Brüder, dort ein Mandat erringen und schlug den jüdischen Anwalt Justizrath Lewinsky vor. Dieser wurde denn auch als Regierungscandidat, als Deutscher gegenüber den Polen, proclamirt. Herr Justizrath Lewinsky, sonst ein vornehmer und allgemein geachteter Mann, war gerade als deutscher Candidat für Jeden, der ihn genauer kannte, und in Posen kennt ihn Jeder genau, wenig geeignet. Lewinsky stammt aus Wloclawek, wo feilte Ettern ein großes Haus ausmachen. Seine Geschwister, seine Anverwandten wohnen weithin in polnischen Landen. Seine Frau ist eine Polin, da ist es schon sonderbar, wenn dieser Mann sich zum Champion des Deutschthums aufwirft. Im Uebrigen sind die Verfolgungen, welche die Juden i n G a l i z i e n erlitten haben, nicht ohne Rückwirkung auf die Wahlen der Provinz Posen geblieben. Das Polenthum hat dort eine schwere Niederlage erlitten und mehrere Mandate verloren, das kam daher, weil die Juden in der Provinz Posen sich völlig von den Polen abgewandt haben. Früher stimmten sehr viele jüdische Wähler mit den Polen, denn der Jude weiß, wie es dem Unterdrückten zu Muthe ist und zeigte sich nicht abgeneigt, dem Polen zu helfen; da deckten uns die Vorgänge in Galizien die ganze mittelalterliche Barbarei des galizischen Regimes auf. Die Juden in Posen hatten keine Veranlassung, Denen zu Landtagsmandaten zu verhelfen, die in Galizien die Volkswuth gegen die Juden aufriefen. Noch ein Wort sei hier erwähnt, um die Angriffe gegen Ellgen Richter, die auch in diesem Blatte erhoben worden sind, wenn auch nicht abzuwehreu, so doch abzuschwächen. Es ist absolut widersinnig, Richter als einen Antisemiten zu deuncireu, zuweilen geschieht dies aus purem bösen Willen. Die Männer der freisinnigen Bereinigung, die in allen Bewilligungen für das Militär, besonders für die Marine womöglich noch den Conservativen den Rang ablaufeu, möchten gerne Eugen Richter etwas ank Zeuge flicken, ihn an seiner Bolksthümlichkeit schädigen; dazu ist der versteckte Vorwurf, daß Eugen Richter ein Judenfeind sei, sehr gut zu brauchen. Eugen Richter ist in der Tbat der Feind einiger Zeitungen, die in Berliner jüdischen Händen sind, aber diese Feindschaft hängt zusammen mit der Neigung jener Blätter, einfache Vorgänge spectakelhaft und sensationell aufzubauschen und Alles auf persönliche Reclame zuzuschneiden. Mit Recht hat sich im Wahlkampfe ein jüdischer Arzt, Namens Dr. Gabriel, der fast ein halbes Jahrhundert im politischen Leben steht, gegen diese Angriffe gewandt. Dr. Gabriel, der von Glogau aus in ganz Niederschlesien die Wahlen zum deutschen Reichstage leitete und das wesentlichste Verdienst hat, daß Niederschlesien als die Hochburg des deutschen Freisinnes gilt und eine so stattliche Anzahl von Volkspartei-Genosseu zum deutschen Reichstag entsendet, ist auch ein für den Glauben seiner Väter begeisterter Mann. Wiederholt hat nun Richter den Versuch gemacht, diesen Mann zur Annahme eines Reichstagsmandates zu bewegen, weil Dr. Gabriel im Glogauer Wahlkreise, wo er als Arzt der Vertrauensmann unzähliger kleiner Leute ist, seiner Wahl fast sicher wäre, und für Juden sichere Wahlkreise sind in deutschen Landen mit Licht zu suchen und keine zu finden. Dr. Gabriel hat stets aus persönlichen Gründen abgelehnt, aber Dr. Gabriel, der sich kein # für ein ll vormachen läßt und den auch ein Richter mit leeren schmeichlerischen Anerbietungen nicht fangen kann, hat es mit Recht für seine Pflicht erachtet, es öffentlich zu erklären, daß Richter in Bezug auf seine correcte, auf Gerechtigkeit basirte Gesinnung gegen die Juden unantastbar dasteht. Richter ist der Meinung, daß das Vorurtheil gegen die Juden zu bekämpfen sei erstens von dem Liberalismus als große politische Partei, als der Partei des gleichen Rechtes für Alle, und sodann von den Juden selbst, weil doch am Ende ein Jeder ein Recht hat, sich jeiner Haut zu wehren. Man kann anderer Ansicht sein und zum Beispiel Rickert und seinen Abwehrverein gern gelten lassen, obgleich die Erfolge des Abwehrvereines minimal sind. Aber zugegeben, daß auch Rickert und sein specieller Verein Verdienste haben und Segen stiften, so bleibt doch das Wesentlichste, daß Antisemitismus aus allgemeinen politischen Gesichtspunkten, wie es Richter wünscht und wie er es ausübt, bekämpft werde.

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