Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 814 Dr. Vloch'r WochenschrrU Sir. 45 Allem von diesen dogmatischen Anschauungen sind derzeit nicht blos die Fürsten und Staatsmänner, sondern auch die Mehrheit der Völker Europas noch immer erfüllt und beherrscht. Männer von idealer Gesinnung erhoffen von einer erleuchteteren Zukunft die Ueberwindung dogmatischer Vornrtheile und Anerkennung des Rechtes der Juden auf ihre alte Heimat; in jenem fortgeschrittenen erleuchteten Zeitalter wird es aber auch keinen Antisemitismus mehr geben. Inzwischen bestätigt die „Münchner Allgemeine Zeitung" in einem Bericht aus Constantinopel, daß „schon, seit einiger Zerr die Pforte von dem Bestreben geleitet ist, die Ansiedelung von Israeliten in Palästina zu verhindern. Zn diesem Behufe hat sie urrter Anderem die Anordnung getroffen, daß die nach dem heiligen Lande kommenden Jsraeliteil daselbst blos einen ZOtägigen Aufenthalt nehmen dürfen und schon bei ihrer Ankunft in Jaffa einen Garanten stellen müssen, der sich dafür verbürgt, daß die eintreffenden israelitischen Reisenden nach Ablauf der angegebenen Frist das Land wieder verlassen werden." Das genannte Blatt fügt zum Trost hinzu, daß „deutsche Staatsangehörige" von dieser Maßregel nicht betroffen werden dürfen. Allein allen Juden, welche nicht deutsche Staatsangehörige sind, ist in Folge der politischen Agitation der Zionisten, wie dies das Organ „Zion, Monatsschrift für die nationalen Jnteresserr des jüdischen Volkes", selbst in der letzten Nummer mit Betrübniß constatirt, Palästina verschlossen. War ein anderer Erfolg dieser Agitation vorauszusehen? Die Staatsmänner des türkischen Reiches haben ja die Juden wiederholt davor gewarnt. Die Zionisten haben trotzdem Ideen auf Grund von Hoffnungen propagirt, deren Berechtigung ausdrücklich von maßgebendster Stelle als nicht vorhanden erklärt wurde, und die Haltung des deutschen Kaisers läßt erkennen, daß er mit der türkischen Regierung hierin eines Sinnes ist. Er verweist die Juden hinsichtlich ihrer Bestrebungen an den Sultan, und der Beherrscher des türkischen Reiches hat den Plan, in Palästina ein staatsrechtliches Heim für die Juden zu etabliren, damit beantwortet, daß er den Juden die Pforten des gelobten Landes verschließt, und sie dadurch in eine schlimmere Lage bringt, als in welcher sie sich früher befunden haben. Der politische Zionismus, das hat sich nunmehr eclatant wieder herausgestellt, ist eine Gefahr und ein Schaden für das Judenthum. Für die Colonisationsbestrebungen bedeutet er aber eine verhängnißvolle Katastrophe. Die Antirorruptionisten bei der Arbeit. Tas fidelste aller jemals dagewesenen Belehnungs- Geschäfte, welches erst kürzlich die famose Niederösterreichische Laudes-Hypotheken-Anstalt sich und ihren Pfandbriefbesitzern geleistet hat, rief ob gewisser origineller Einzelheiten etliches Befremden hervor und erschien geeignet, das ohnehin minimale Vertrauen weiterer Kreise in die von der herrschenden Partei favorisirten Gründungen noch weiter bedenklich zu erschüttern. Mit Ausnahme der Purscht'schen, welche sich stets steigenden Zuspruches erfreuen, werden ja die christlichsocialen Wohlfahrts-Einrichtungen ohnehin alle insgesammtnicht sonderlich stark von der Bevölkerung in Anspruch genommen. Wie bekannt, unterhält das Eingangs genannte „antisemitische Institut der Antisemiten" mit den äußerst corruptionsfeindlichen Kreisen der Geßmanu und Schneider die innigste Fühlung und erfreut sich deren specieller wohlwollender Patronanz. Wir wollen vorläufig die Correctheit der Betheiligten nicht in den geringsten Zweifel ziehen und ferne sei es von uns, zu behaupten, die Herren wären mit Mühldorfer Moral-Bacillen inficirt. Wir nehmen nachsichtig und milde, wie wir schon einmal sind, ihre absolute geschäftliche Unerfahrenheit als erklärenden, wenn auch nicht mildernden Umstand an, und verhehlen uns dabei nicht, daß dieser seltene Grad von vertrauensseliger Naivetät etwas ungemein Rührendes hat. . . Ein Complex von Grundstücken wird mit 200.000 fl. zum Kauf ausgeboten. Agenten laufen herum und tragen ihn Jedermann an, von dem sie nur halbwegs vermuthen können, er habe Lust oder Geld genug, das Zeug zu erwerben oder auch blos Lust allein. Das ist feststehende Thatsache, au welcher nicht gerüttelt werden kann, und ist nicht abzuleuguen. Es wissen nämlich zu Viele darum. . Für 200.000 fl. war der Herzoglich Areuberg'sche Besitz in Hacking zu haben und — fand lange keinen Abnehmer. Da tritt ein edler Graf auf den Plan und entpuppt sich mit einem Male zur allgemeinen Ueberraschung als ein überaus capitalskräftiger Aristokrat, dem es auf Hunderttausend auf oder ab gar nicht besonders anzukommeu scheint. Er kauft auch die Grundstücke um 385.000 st. und sie werden sofort mit 400.000 fl. von der Landes- Hypotheken - Anstalt von Niederösterreich belehnt. Auch diese Facten sind alle absolut unstreitbar, weil der bei dem k. k. Notar Meister in Hitzing errichtete Vertrag und das Grundbuch allen Berichtigungsgelüsten aus Grund des dehnbaren § 19 beharrlichen Widerstand entgegensetzen. Damit noch lange nicht genug. Nun wird auf den beliebten Wurzenfang ausgegangen. Man fahndet, nachdem der erste Satz von 400.000 Gulden noch lange nicht genügt, noch nach einem zweiten und es gelingt auch — sehr merkwürdigerweise! — einen in Grundgeschäften offenbar höchst unerfahrenen biederen Wiener, der sich in Seidenwaaren viel besser auskennt, zu bestimmen, noch weitere Hunderttausend Gulden nach den ersten 400.000 auf das Areale zu leihen. Der bedauernswerthe, übel berathene Geldgeber ließ sich offenbar von der leider irrigen Erwägung leiten: wenn ein Institut, welches einen so wohlkingenden Namen hat und unter öffentlicher Controlle steht, so viel vorstreckt, ja dann darf ich Privatmann doch' getrost darauf rechnen, daß für mein Geld auch noch immer genügende Sicherheit vorhanden ist. Jetzt kommt aber der Humor von der Sache, welchen wie gewöhnlich, das ehrenbürgerliche Obligationenblatt besorgt. Es verwechselt wieder einmal Ursache und Wirkung miteinander, wirft sich mit der edlen Geste des Circus-August in stolze Positur und raisonnirt: „Wie übersicher muß das Geschäft gewesen sein, wenn sich doch Einer gefunden hat, der nach den 400.000 noch seine 100.000 riskirt! Daß der das im blinden Vertrauen auf die absolute Securität des ersten Satzes gethan, wird wohlweislich unterschlagen und also eine faule Behauptung mit einer noch fragwürdigeren gestützt. Das ist so Mühldorfer Logik, welche mit Mühldorfer Ethik ungefähr auf der gleichen Höhe steht. Qui s’excuse s’accuse! Das alte Wort ist wieder einmal wahr gewesen. Die Berichtigungen der niederösterreichischen Landeshypothekenanstalt haben es gezeigt. Die stützen sich hauptsächlich auf die Schätzungen der Sachverständigen. Aber der Kaufpreis war doch bekannt — darüber kommen die freigebigen Herren nicht hinweg —, der steht in demselben Instrument wie die Belehnungssumme. Ist cs denn absolut gar Niemandem eingefallen, daß 15.000 Gulden ü b e r den Kaufpreis dargeliehen wurden? Und wo ward das schon erhört?! Hat sich denn gar Niemand die Mühe genommen, die Richtigkeit der Schätzungen der „Sachverständigen" auch nur in leisesten Zweifel zu ziehen? Die Summe, um die es sich da handelt, wäre doch wahrlich bedeutend genug geMsen, um größere Sorgfalt zu rechtfertigen. Jetzt wird eben die Stadt Wien verhalten werden müssen, die antisemitische Lieblingsschöpfung aus der Klemme und Patsche zu ziehen und sie vor empfindlichen Verlusten zu bewahren und zu schützen. Man wird über Hals und Kopf parcelliren, canalisiren, Wafferleitungs- und Gasröhren legen, Begünstigungen aller Art gewähren, die Einöde zum Paradies umgestalten, selbstverständlich Alles nur auf streng gesetzlichem Wege, denn Dr. Lueger kennt genau die Grenze des Erlaubten und Unerlaubten, und wenn sich seine Partei ihr auch haarscharf nähert und auf ihr herumbalancirt, so wird doch er stets zu verhindern wissen, daß sie eclatant überschritten werde. Hätte doch die niederösterreichische Landes-Hypotheken? austalt nur seinen bekannten Grundsatz befolgt: Lieber