Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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9fc. 44 Dr. Bloch's Wochenfchrifi Sette 1885 ins Parlament gewählt, erhielt vier Jahre später das Portefeuille für öffentliche Bauten und wurde im Jahre 1892 Leiter des „Siöcle". Dieses Blatt war auch das erste und das einzige, das das Urtheil des Kriegsgerichtes nur mit Reserve aufnahm und demselben gegenüber die Nothwendigkeit einer gerechten Aburtheilung Dreyfus' betonte. Bis heute hat sich Guyot in seinem Blatte, sowie in seiner Broschüre „Der Unschuldige und der Berräther" für die Unschuld Dreyfus' eingesetzt. Das Festdiner im St. James-Restaurant war auch sehr zahlreich besucht. Den Vorsitz führte Mr. I. H. Lev y, ein Freund Guyot's. Er begrüßte den hervorragenden Gast und feierte seine Verdienste im Kampfe für Freiheit und Menschenrechte. Mr. Guyot antwortete mit einer längeren Rede in französischer Sprache. Er charakterisirte die Wirren in Frankreich und den ganzen Dreyfus-Fall als einen Ausfluß jesuitischer Jntriguen. Man werde nicht bei den Juden stehen bleiben, sondern auch gegen die P r o t e st a n t e n auftreten. Redner beweist dies an der ganzen Geschichte der Dreyfus-Affaire, von der Anklage bis zum Selbstmorde Henry's. Schon seit dem Jahre 1886 sei die jesuitische Organisation bemüht, d i e a n t i-j ü d i s ch e und a n t i-p r o t e st a n t i s ch e Hetze in die Armee zu tragen, mit der Tendenz, Juden und Protestanten von der Armee auszuschließen. So sehe man auch, daß kein einziges clericales Blatt und keine einzige kirchliche Autorität die Revision unterstütze oder auch nur die Möglichkeit eines Jrrthums zugebe. Es sei ein Kampf des Liberalismus und der Toleranz gegen den alten intoleranten Katholicismus, der jetzt in Frankreich herrscht. Der Antagonismus gegen England sei auch auf diesen Grund zurückzuführen; England sei den Jesuiten zu liberal. Es handle sich um einen Kampf des Obscurantismus gegen das Licht; um eine Frage der Menschenrechte und Gerechtigkeit. Es ergriffen noch mehrere Gäste das Wort, unter ihnen der bekannte Schriftsteller David Christie Murray. Dieser erzählt, daß er durch sechs Wochen das Bordereau studirt habe und schließlich zum Resultat gelangt sei, D r e y f u s sei unschuldig. Er spricht Männern wie G o u y o t, Zola und P i c q u a r t seine wärmsten Sympathien aus und hofft, daß diese Männer Frankreichs Ehre retten werden. — Wir haben zwei bedeutende Verstorbene zu verzeichnen: Mr. Ralph D i s r a e l i, der jüngste Bruder Lord Beaconsfield's, und Mr. Harold F r e d e r i c. Letzterer hat sich für die russischen Juden außerordentlich interessirt und schrieb über seine im Aufträge des „New-Iork Times" unternommene Reise nach Rußland ein sehr interessantes Buch: „Der neue Exodus, eine Studie über die Juden in Rußland." Er hat kaum das 42. Lebensjahr erreicht. London. In der Federation of Synagogue fand am 23. October eine Vorstandssitzung statt, bei der der Präsident Sir Samuel Montague die Gelegenheit wahrnahm, um sich in den schärfsten Ausdrücken gegen den Herzl'schen Zionismus und die geplante Bank auszusprechen. Er wurde dabei von Hermann London unterstützt und beide betonten gleichzeitig, daß sie weder in ihrer Liebe zum heiligen Lande, noch in ihrer Fürsorge für ihre armen russischen Brüder Herzl oder irgend einem Zionisten nachstünden. Herzl fand einige Vertheidiger in den Herren B. Ritter, S. Alexander und I. Singer, während Boekbinder auf das minimale Resultat der Sammlungen für die Board of Guardians hinwies, die noch in keinem Jahre so klein ausgefallen seien und wofür er die Schekelsammlungen verantwortlich machte. Da von keiner Seite eine Resolution beantragt wurde, ging die Versammlung dann zur Tagesordnung über. Buenos - AyreÄ. Die Nachrichten aus den jüdischen Colonien lauten nicht ungünstig. Das Terrain, das in Arbeit genommen wurde, ist ungefähr ebenso groß, wie im vorigen Jahre und die Ernte steht bisher recht gut, nur haben die Farmer große Furcht vor den Heuschrecken, die sich wieder gezeigt haben. In Mosesville steht die Saat am besten und wenn Alles gut geht, haben die Farmer dort glänzende Aussichten für die nächste Ernte. Die deutsche La Plata-Zeitung brachte kürzlich einen Artikel aus der Krakauer „jüdischen" Zeitung, vom 13. August datirt, in der eine Menge Mißbräuche und böser Vorfälle denunzirt wurden, die in Mauricio angeblich vorgekommen sein sollten. Man ist hier mit gutem Grunde empört über diese böswilligen Ausstreuungen, für die gar kein tatsächlicher Grund vorliegt und die offenbar nur von ehemaligen Colonisten erfunden sind, um die Unternehmungen der Jewish Colonisation-Administration herabzusetzen. Vermischtes. Wie». (E i n P o r t r ä t der K a i f e r i ».) Dem berühmten Porträtmaler Leopold Horovitz, der bekanntlich unser Glaubensgenosse ist, wurde vom Kaiser der ehrenvolle Auftrag ertheilt, das lebensgroße Bilduiß der verewigten Kaiserin zu malen. Man hat dem Künstler zu diesem Behufs ein schönes Atelier in der Wiener Hofburg eingeräumt und Originalkleidungsstücke, alte Oelbilder und Photographien in reichem Maße zur Verfügung gestellt. Die Aufgabe erweist sich leider unter den obwaltenden Umständen als eine künstlerisch niemals völlig lösbare. Bilder, welche die unvergeßliche Kaiserin in ihren letzten Lebensjahren getreu darstellen, sind fast gar nicht vorhanden. Die jüngste der brauchbaren photographischen Aufnahmen datirt aus dem Beginne der Siebziger-Jahre. Alles, was in dieser Beziehung im Handel cursirt, ist durchaus nicht authentisch, sondern mehr oder minder mißlungene Phantasie der — Retoucheure! Man darf ungemein darauf gespannt sein, was unter derartigen Verhältnissen ein Maler von der Begabung Horovitz' doch noch zu leisten vermag. — Der Kaiser ist bekanntlich Horovitz vor einigen Jahren in der großen Generalsuniform gesessen. Se. Majestät hatte an einem anderen Porträt, darstellend weiland Erzherzog Wilhelm, die lebensvolle Aehnlichkeit und zutreffende Charakteristik überaus gerühmt. Da dieses Werk auch erst nach dem Tode des Erzherzogs bei Horovitz bestellt worden war, übertrug der Monarch dem Meister vertrauensvoll die nun weit schwerere Aufgabe. Damals lagen wenigstens genügend gute Photographien vor, jetzt ist der Künstler hauptsächlich auf — Beschreibungen angewiesen. Wien. (Trauung.) Im Tempel des IX. Bezirkes fand Sonntag die Trauung des Frl. Laura B r o d, Tochter des Herrn S. B r o d, Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe, mit Herrn Sandor G e i r i n g e r aus Gablonz statt. Der festlich geschmückte Tempel war in allen Räumen von einem zahlreichen Publicum dicht besetzt. Die Hochachtung, deren sich Herr S. Brod insbesondere in gewerblichen Kreisen erfreut, kam in diesem zahlreichen Besuche zum Ausdruck. Bon Seite des Cultusvorstandes erschienen die Herren: Vicepräses Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, Architekt Fleischer, Ritter v. Goldschmidt, Oberingenieur v. Mises und Gemeinderath Wilhelm Stiaßny, Karl Kohn, Dr. Marcus Spitzer; die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" durch die Herren Kanitz, Jeiteles, Rosenbaum; der „Politische Volksverein" durch seinen Präsidenten Herrn Dr. Heim. F i a l l a und Dr. Marc. Hoffmann vertreten. Es waren ferner anwesend: Reichsrathsabgeordneter Const. N o s k e, Bezirks-Ausschuß Flamm, Dr. Hein und Waldstein- Ortsschulräthe Professor Dr. Kanitz, S. Heit, Dr. Bloch, Lector Friedmann, die kais. Räthe Dr. Kohn, Pollak, Schefftl, die Vorsteher der Bethaustempel: Bettelheim, Quittner, Eltbogen, Meisels, Lichtblau. In Vertretung des Gewerbestandes erschienen: die 16 Vorsteher des Vereines zur Hebung der Gewerbe mit ihren beiden Bicepräsidenten, Fabrikant L. Gutmann und Hoflieferant Herm. Beck an der Spitze, ferner eine große Anzahl christlicher Mitbürger und in Vertretung der verschiedenen Frauenvereine die Damen: Amalia Beck, kais. Rath Dr. Kohn, Regine Heit, Dr. Fialla, Antonie Graf, Ottilie Bondy, Präsidentin des Wiener Hausfrauen-Vereines rc. Einen erhebenden Eindruck auf alle Anwesenden machte die Trauungsrede des Predigers Doctor G e l b h a u s. Nach der schönen Feier fand die Gratulation im Hotel de Franke statt, bei welcher Deputationen vieler Körperschaften, inbesonders die der Gewerbe-Vereine, Ansprachen hielten. An 500 Telegramme und Schreiben aus den besten Wiener Kreisen langten an, darunter: vom Sections-Chef Dr. E x n e r, Abgeordneten Noske, Wrabetz, Dr. Ferd. Kronawetter, kais. Rath Heinrich Klinker, Sigm. Mayer, Schriftsteller Jäger, Herrenhausmitglied H o frath Professor Dr. Grünhut rc. Dem Familienfeste folgte ein Festbanquett im Restaurant K h u n e r, welches der Verein zur Hebung der Gewerbe zu Ehren seines Präsidenten Herrn Brod veranstaltete. Wien. (Trauung.) Sonntag den 23. d. M. fand im neuen Tempel in Favoriten die Trauung des Frl. Sofie Seligm a n n mit Herrn Heinrich Weiß statt. Der beträchtliche Tempelraum konnte die Zahl der Theilnehmenden kaum fassen und war bis zum letzten Winkel gedrängt voll. Nicht nur fast sämmtliche jüdische Bewohner Favoritens, auch von vielen anderen Bezirken stellten sich Gäste ein. So der kaiserliche Rath Vogel mit