Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Rr. 44 Dr. Vloch'r Wochrnschrifl Sette 805 — und thatsächlich den Grundsatz zur Geltung brachte, daß es des Juden oberste Pflicht sei, „sich nicht zu erkennen zu geben". Er hat verhindert, daß die Berliner jüdische Gemeindevertretung als solche dem Antisemitismus gegenüber sich regte, daß sie Abwehrversuche machte. Sein gelehriger Schüler war der Justizrath M a y e r, der seit dreißig Jahren an der Spitze der Gemeinde stcht und nur mit äußerstem Widerstreben sich entschlossen hat, dem Ungestüm der conservativen Richtung einige unbedeutende Concessionen zu machen. Wenn er die nachhaltige Kraft dieses Ungestüms nicht unterschätzt hätte, und in dieser Unterschätzung nicht durch mantelträgerische, zweizüngige Einflüsterer bestärkt worden wäre, er würde aus Liebe zu seinem Amte vielleicht eingeschwenkt haben. Jetzt wäre es zu spät, auch wenn er es noch wollte und könnte. Er wird bald vom Gemeindeschauplatz verschwinden, und das System dazu, dessen Vertreter er bis zuletzt gewesen. Die Nachwirkungen freilich werden die Ursache noch geraume Zeit überdauern. Nicht auf der Stelle werden die Juden das jüdische Selbstbewußtsein wiedergewinnen, das ihnen durch eine systematische Vernachlässigung aller jüdisch-religiösen Interessen planvoll abgewöhnt worden ist. Aber die glückliche Reaction, die zur Gesundung führt, ist wenigstens schon zu sehen. War es so weit gekommen, daß die Juden in Deutschland und Preußen ihre Beseitigung aus den Parlamenten des Reiches und des Staates — soweit die Vertretung bürgerlicher Parteien in Frage stand — mit Lammesgeduld ertrugen, dabei den Parteien selbst, von denen sie so schnöde behandelt wurden, durch Geld und durch Agitation Dienste leisteten und zu leisten fortfuhren, so ist bei den jüngsten preußischen Landtagswahlen mit dieser kläglichen Tradition doch gebrochen worden. Die Anregungen, von jüdischer Seite ausgehend, haben zunächst freilich nur einen Theil der deutschen Judenheit aufgerüttelt, doch das genügte, um dem preußischen Landtage vorläufig zwei jüdische Mitglieder zuzuführen. Herr Stöcker wird sich nicht ferner brüsten dürfen, er habe das Abgeordnetenhaus „judenrein" gemacht. Noch ist erst halbe Arbeit gethan. Noch gibt es zahlreiche Juden, die sich in der Hörigkeit gewisser Parteien gefallen, weil diese ihnen gestatten, die niedere Arbeit zu verrichten, Claqueure zu sein, ihre Stimmen gehorsamst einzustellen und die Kosten der Wahlarbeit in jedem Sinne zu bestreiten. War doch dieser Tage ganz ernsthaft in einem volksparteilichen Blatte, der „Posener Zeitung", als Beweis für die judenfreundliche Haltung 'der Volksparteileitung — „judenfreundlich" heißt nicht mehr als gerecht gegenüber den Juden — angeführt worden, daß in dem Posener Localvorstande der freisinnigen Volkspartei drei Juden säßen! Die Thatsache ist richtig. In diesen Stellungen braucht man die Juden und läßt sie zu. Auch aussichtslose Candidaturen dürfen sie übernehmen. Aber weiter sollte es nicht gehen, in's Parlament sollten sie nicht eiuziehen. Es ging hier genau wie in der Armee: Unterofficiere dürfen die jüdischen Soldaten werden, zur Noth auch Vicewachtmeister; aber Officiere bei Leibe nicht! — Man darf darum nicht verzweifeln. Es ist schon schlimmer gewesen und es wird bald viel besser werden. Nicht einmal die jüdischen Rechtsanwälte sind unheilbar, die sich jetzt noch volksparteilich-schwärmerisch geberden. Ihnen besonders sei nachstehendes Geschichtchen gewidmet: Ein Terrierhund wird von einem Mitgliede der großen Hundefamilie nach der Rattenjagd in den Canälen gefragt. Der Neugierige will wissen, ob es in den Canälen wirklich so viel spitzzahnige Ratten gebe, und ob es wahr sei, daß zwei Terrier genügten, die zahllosen Ratten in wehrlosen Schrecken zu versetzen, ihre ungeheure Zahl müsse doch den Hunden gefährlich werden. Der Terrier gibt zur Antwort: „Gewiß würden die Ratten, kraft ihrer Ueberzahl und ihrer scharfen Zähne, uns über sein. Wir gehen auch nicht ohne Hilfstruppen in die Canäle. Diese Hilfstruppen sind Ratten, denen wir die Schwänze hochgebunden haben, und die sich nun einbilden, sie seien selbst Terrier." Die Thierfabel ist recht lehrreich. Hechaluz. Berliner Briefe. Die Redaction dieses Blattes hat mich mit dem Austrage beehrt, hier Bilder aus dem Gemeinde- und Culturleben der Juden in Deutschland zu veröffentlichen. Dieser Einladung bin ich umso williger gefolgt, als das Thema in der That sehr interessant und der Stoff dazu überaus ergiebig ist. Ich muß sogar bedauern, dieses neue Amt nicht etwas früher angetreten zu haben. Vor wenigen Tagen konnte ich mit einem pikanten Capitel aus der ebroni^us scandaleuse von Berlin den Anfang machen. Bor Gericht stand in der deutschen Metropole ein Weib, welches das auch in der Politik nicht unbekannte Gewerbe der Gelegenheitsmacherei im großen Stile betriebe» hatte. Im vornehmen Westen besitzt sie ihre elegante Wohnung und ihre vornehme Kundschaft. Und als die Polizei endlich das Nest ausgehoben und die saubere Wirthin — teilte Semitin! — der Staatsanwaltschaft übergab, kam es zur Sprache, daß die Dame auch das lucrative Geschäft der Heiratsvermittlung zwischen verschuldeten Gardeofficieren und reichen jüdischen Ehecandidatinnen besorgt hatte. In vielen Familien herrschte während der Untersuchungshaft Heulen und Zähneklappern; man befürchtete, es werde der Qeffentlichkeit des Geheimniß mancher Ehe, die gar nicht int Himmel, sondern am Magdeburger Platz geschloffen wurde, preisgegeben werden. Glücklicher Weise sind die „vornehmen" Herrschaften mit einem blauen Auge, wie man zu sagen pflegt, davongekommen. Man kennt blos die Kreise, aus denen sich die Kundschaft der Gelegenheitsmacherei recrutirte: Der christliche verschuldete Adel und die jüdischen Salondamen, die einen Olmmachtsanfall kriegen, wenn man in ihrer Gegenwart vom Judenthume spricht, sonst aber sind keine Namen genannt worden. Nein, es ist doch besser, daß mir die ernst-traurigen Betrachtungen über diese Vorgänge erspart geblieben sind. Ich hätte sonst als gewissenhafter Chronist auch einiges Intimes aus dem Leben solcher „Mischehen", wie sie namentlich in Berlin so häufig sind, mittheilen müssen. Gar mancher reiche Jude hat große Opfer gebracht, um für sein Tvchterchen einen Sprößling aus altadeligem Haus zu bekommen, er kann aber mit Heine singen: „Und Hab' für all' mein schönes Geld Nur Schund, nur Schofel bekommen." Der spätere Historiker wird Gelegenheit haben, den Nachweis zu führen, daß ein großer Theil des preußischen Adels im Anfänge unseres Jahrhunderts dem Bankerotte nahe war. sein verrostetes Wappenschild aber mit Hilfe des jüdischen Geldes, das in Form von „Einheiraten" in seine Hände kam, aufs neue vergolden konnte. Aehnliches spielt sich auch zur Zeit ab. Man hat kaum eine Vorstellung davon, wie wohlthätig sich Israel nach dieser Richtung hin erweist. Alltäglich finden Judentaufen in Preußen statt, und nicht nur, daß die Kirche neue „Seelen" — oder das, was man bei diesen Leuten für eine solche hält — bekommt, der verarmte Adel erhält ein Conto bei einer soliden Bank. Indem ich es aufgebe, dieses Thema weiterzuspinnen, will ich mich jetzt mit einer „actuellen" Angelegenheit beschäftigen. Berlin steht zur Zeit im Zeichen des Wahlfiebers. Am 27. October haben in ganz Preußen die Nachwahlen für den preußischen Landtag stattgefunden. Bei den ernsten Zeiten boten diese Wahlen komische Zwischenfälle, die recht erheiternd wirkten. Wir haben hier für den Landtag das System der Dreiclaffenwahl. Für die Leute von „Besitz und Bildung" sind bei den Wahlen Extraplätze reservirt; sie zählen in der ersten oder in der zweiten Wählerclaffe, während die misera contiibuens plebs in der dritten Wählerclaffe zu wählen hat. Nnr möchte man sehen, wie diese Eintheilung vor sich ging! In einem Wahlbezirk, in welchem man erst mit einem Steuerbetrag von 86.000 Mark Wähler erster Claffe wurde, wählte der Reichskanzler Fürst Hohenlohe mit uiehreren Collegen vom Ministerium in der dritten Abtheilung, während das Haus Mendelssohn- Bartholdy für sich die erste und zweite Wählerclaffe hatte, hingegen konnte schon mancher Schutzmann in einem Wahlbezirke im äußersten Norden der Stadt in der ersten Wählerclaffe wählen. Für die jüdischen Wähler wurde diesmal die Parole ausgegeben. Berlin müsse mindestens einen jüdischen Abgeordneten wählen, wie es überhaupt durchaus nöthig erscheine, daß der Landtag nicht mehr wie der vorige, nach dem Wunsche Stöcker's, „judenrein" bliebe. Es heißt, der neue Landtag werde sich mit wichtigen Fragen der jüdischen Gemeinde, vielleicht gar mit der Abänoerung des preußischen Judengesetzes vom 23. Juli 1847, zu beschäftigen haben. Es wäre daher sehr erwünscht, daß wenigstens ein Jude an der Berathung theilnähme. Man hat für einen jüdischen Candidaten in Berlin und in Posen eifrig gearbeitet; in beiden Wahlkreisen aber stieß man auf Eugen Richter's, des „Gewaltigen" aus der frei-