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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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öeue 804 I^r. Bloch'» Wochenschrift. Ar. 44 schreiben, wie er vom berufensten Hofhistoriographen nicht herrlicher gemacht werden könnte. Er fand Alles in Basel in schönster Ordnung, nur die bösen Nörgler waren nicht nach seinem Geschmack. Er ist also am Wenigsten dazu berufen, sich über Mangel an Redefreiheit zu beklagen. Die Herzlianer sans phrase begreifen gar nicht, wie komisch ihr ganzes Treiben den Eingeweihten berührt. Sie verstehen nur, auf dem Congreß Hurrah! zu schreien und zu Hause die Befehle Sr. Majestät tu sx>e buchstäblich getreu auszuführen. Den Luxus einer eigenen Meinung haben sie sich längst abgewöhnt. Der Selbstherrscher aller Zionisten hat dieses Jahr in seiner Congreßrede die Parole ausgegeben: „Eroberung der jüdischen Gemeinden!" Dieser sehr gesunde Gedanke, der übrigens von Nordau stammt, läßt sich in einem Theile Rußlands, Rumäniens, Bulgariens und allenfalls auch Galiziens, aber sonst nirgends in der Welt ausführen. In Bialystok, in Braila und Sofia können die Zionisten bei der Gemeindewahl und bei der Anstellung von Cultusbeamten einen maßgebenden Einfluß ausüben, aber schon in Lemberg ist die zionistische Macht minimal. Der höchste Gipfel der Lächerlichkeit ist es nun, wenn die Zionisten in Wien bei den Cultuswahlen eine Rolle spielen wollen. Es ist ein offenes Geheimniß, daß die ganze zionistische „Partei" in Wien fast ausschließlich aus Studenten besteht. Diese Studenten, von denen übrigens mehr als die Hälfte gegen Herzl ist, bilden eine opferfreudige begeisterte Jugendschaar, auf die die Judenheit stolz sein kann. Aber zu verlangen, daß sie dem Gemeindeleben Wiens eine neue Richtung geben sollen, ist eben so naiv, wie die Errichtung eines Congreßhauses, wie die Schaffung eines Staates durch Hintertreppen-Verhandlungen. Es ist die fcuilletonistische Politik. Das hochwohllöbliche Actionscomite konnte sich kein größeres Armuthszeugniß ausstellen als durch die Thatsache, daß es in seiner Residenz noch nicht 5 Namen von Bedeutung aufzuweisen hat. Das hat sich auf dem zweiten Zionistencongreß in tragikomischer Weise gezeigt. In allen Landsmannschaften herrschte Unzufriedenheit mit dem „Wiener System" und man wollte neue Elemente in das Comite hineinwählen. Man suchte und suchte nach Männern und — fand keine. Man mußte also das alte Comit« wieder wählen. Da fehlte aber noch immer ein Mitglied und man sollte zwischen zwei Nebeln wählen: Marmorek oder Werner. Die Majorität in den Landsmannschaften war für Werner, denn dem berühmten Marmorek konnte man beim besten Willen nur die eine Tugend nachrühmen, daß er das Zeichen zum Taschentuchschwenken und Hochrufen gab. Aber der Herr- Präsident wollte lieber Marmorek, und so wurde er, ohne daß jemand begriff warum, Comitemitglied. Wenn also der Zionismus in Wien eine solche Macht ist, daß er dem Herzl zur Seite nur einige fromme Ja-Sager zu stellen vermag, sollte er sich doch die Kraftproben bei den Wahlen sparen. Ist denn der Zionismus überhaupt berechtigt, in Cultusangelegenheiten mitzusprechen? Wir antworten: in Osteuropa zweifellos, im Westen kaum. Daß Derjenige, welcher von den Cultuseinrichtungen keinen Gebrauch macht, auch bei den Wahlen nicht mitzusprechen hat, ist bei Katholiken und Protestanten etwas Selbstverständliches, bei uns Juden kann man sich leider zu dieser Erkenntnis noch immer nicht Hinaufschwingen. Da, wo die Zionisten in die Synagoge gehen, da haben sie auch das Recht, ihren Einfluß auf die Cultusangelegenheiten geltend zu machen; wo diese Voraussetzung fehlt, da sollen sie die Hände davon laffen. Die Zionisten in Wien und die Mitglieder des Actions- Comites sind keine Synagogenbesucher, also gehen sie die Cultusangelegenheiten gar nichts an. Freilich kokettirt Herr Dr. Herzl gern auch mit dem religiösen Zionismus, und er ließ sich dazu herab, in Basel die Synagoge zubesuchen und geruhte sogar, sich zur Thora aufrufen zu lassen, wer aber weiß, wie es mit der Religion dieser Herren bestellt ist, den berührt diese Comödie widerlich. Die Zionisten sind sicherlich nicht die schlechtesten Söhne des jüdischen Volkes, und die Wärme und Begeisterung, mit der sie für die Neubelebung der nationalen Ideale eintreten, wirkt erfrischend und ermuthigend auf jeden Juden. Aber wenn man, wie Herzl und seine Anhänger, einen politischen Zionismus verkündet, dann soll man sich nicht mit der Religion befassen. Der Zionismus hat Vieles mit dem Socialismus gemein: er ist stark in der Kritik der heutigen Verhältnisse und schwach in der Schaffung neuer. Und wie der Socialismus schon durch die Kritik den Arbeiter aus der fatalistischen Schlaffheit zum Claffenbewußtsein erhoben hat, so hat der Zionismus den Todesschlaf des Judenthums beseitigt und zur Stärkung des jüdischen Selbst- und Volksbewußtseins viel beigetragen. Aber nun kommt die schwierigste Aufgabe, die Ausführung des Planes, und da zeigen sich die Führer in ihrer ganzen Schwäche. Dr. Herzl.begnügt sich nicht damit, die natürliche Entwicklung abzuwarten und die Judenheit vorläufig zu organisiren und national zu erziehen, nein, er macht positive Versprechungen, Versprechungen, die geradezu fatal sind. Die Londoner Rede grenzt schon an das Gebühren eines Sabbatai Zewi, Dieser feuilletonistische Staatsmann ist vollständig ohne Kenntniß der jüdischen Volksseele, ohne Kenntniß der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens. Herzl ist ein europäischer Salonmensch, und wenn er den Versuch macht, jüdisch zu erscheinen, dann verliert er gänzlich den Boden und bildet ein phantastisches Etwas, so eine Art Mittelding zwischen Frack und Kaftan. Er wird niemals eine jüdisch-nationale Weltanschauung begreifen. Der Zionismus macht jetzt eine ernste Krisis durch, und sehr gefährlich ist die gegenwärtige Situation. Entweder die Bewegung rafft sich auf zur Erkenntniß ihrer wahren Pflichten gegen das jüdische Volk, dann — muß sie mit dem jetzigen System gänzlich brechen oder sie löst sich in ein Nichts ans" und hinterläßt nur eine allgemeine Enttäuschung. Ende October. Ha-Zophe. Die Juden in Berlin. Berlin, den 31. October. Die Erregung, mit der ein großer Theil der hiesigen jüdis chen Gemkinde die Agitation der nahe bevorstehenden Repräsentantenwahlen verfolgt, ist für Außenstehende wenig verständlich. Der nüchterne Beobachter findet keinen Grund für die Schärfe des Gegensatzes, der in den Versammlungen und Aufrufen dcr verschiedenen Parteien hervortritt, und muß vollends irre werden, wenn er sieht, daß unter Denen, die sich liberal neunen, Männer von orthodoxer Lebensführung voranstehen, während in der als orthodox bezeichneten Partei die praktische Orthodoxie zu den seltenen Ausnahmen gehört. Der Gegensatz aber ist vorhanden, und er liegt tiefer als selbst die glauben, die ihn vertreten. Viel durchgreifender als die Meinungsverschiedenheiten über einzelne Fragen der Verwaltung, der Organisation und sogar cultureller und ritueller Einrichtungen ist die unbewußte Gegensätzlichkeit in der ganzen Anschauung der beiden Parteien vom Judenthume selbst. Der Liberalismus sieht im Judenthum eine von der Weltbühne verschwindende Erscheinung und will nicht etwa von ihm sich äußerlich abwenden, sondern persönlich bei ihm mit mehr oder weniger geduldiger Pietät ausharren — aber er will die „Liquidation des Judenthums" in die Wege leiten, seine angeblich unaufhaltsame Auflösung decorativ ausschmücken und gleichsam schmerzlos machen. Im conservativen Lager wiederum hat man noch die dunkle Vorstellung von einer dauernden Mission des Judenthums, kann man sich der Judenheit Ende so wenig wie ein Ende von Raum und Zeit denken, will man den Schatz gemüthvoller Erinnerungen bewahren und erwerben. Doch hier wie dort herrscht mehr das Gefühl als die klare Erkenntniß, und die Triebfedern des Handels liegen bei beiden Theilen im „Unbewußten". Selbstverständlich gilt diese Charakteristik nur von der großen Zahl. Diese große Zahl ist aber entscheidend, sie gibt in den Versammlungen den Ton an und bildet den Chorus für die Redner, von denen übrigens mancher intellectuell über seinen eigenen Chor nicht hinausragt. Fanatiker sind auf beiden Seiten zu finden, Fanatiker nicht blos einer religionsfeindlichen „Aufklärung", sondern auch Fanatiker der Auflösung, die an der Judenheit nahen Untergang glauben, die, weil sie selbst sich noch Juden nennen, sich heldenhaft gleich dem pestinficirten Arzte Vorkommen. wenn sie wie dieser „mit wissenschaftlicher Objectivität" des eigenen Leibes wachsenden Verfall zu constatiren, welche in der Aufrichtigkeit ihrer vorgefaßten Meinung zu Mitteln der Zerstörung greifen, um den Todeskampf zu verkürzen. Das Urbild eines solchen Fanatikers der Aufklärung und der Auflösung war der verstorbene Justizrath Mako wer, der lange Jahre an der Spitze der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde stand, seine College» terrorisirte — er war weitaus der Klügste unter ihnen

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