Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021268--08284-3032656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9t i. 44 i?r, Vloch» Wochrnschrtfl Seite t><>3 Wagenremise die Leiche aufs Stoppelfeld heraustrug. Das genügte zur Wiederaufnahme des Strafverfahrens und führte zur Strafverhandlung, die durch n e u n Tage das Krakauer Schwurgericht beschäftigte. Das Urtheil ist bekannt. Dank den Aussagen der „elastischen" Zeugin Materk 0 ra, der Beamten des Grafen Z a m o j s k i und der Aeußerungen der meisten als Zeugen verhörten Bauern: „Man sagt, nur die Juden können den C h u d o b a ermordet haben", wurden leider dieF ä r b e r ohne jedendirecten Beweis von den Geschwornen wegen Todtschlages schuldig erkannt und sohin vom Gerichtshof zu sieben, respective einem Jahr schweren Kerkers verurtheilt. Als die Ehegatten Ritter vor mehr als zehn Jahren dreimal vom Schwurgerichte zum Tode verurtheilt wurden, da sagte der damalige General-Procurator Glaser zu einem inzwisch'n verstorbenen jüdischen Abgeordneten, daß Galizien für Schwurgerichte noch nicht reif sei. Man weiß, daß G l a s e r auch in seinem Entwürfe der Strafproceß-Ordnung vom Jahre 1872 (Artikel I al. 2 des Einführungsgesetzes) die Errichtung von Schwurgerichten in G a l i z i e n, Bukowina und Dalmatien einem späteren Zeitpunkte Vorbehalten wollte. Er begründete diese Anschauung in einer großen Rede, die er am 16. Februar 1872 anläßlich der Einbringung des Entwurfes im Parlamente Hielt. Heute, nach einem Vierteljahrhundert, rufen die politische Zerklüftung und die confesfionette Hetze in Galizien seine Worte wieder in unserem Gedächtnisse wach: „Von dem Augenblicke an, wo in einem Gebiete in weiten Kreisen sich die Meinung Bahn bricht, daß die Jury keine richterliche, sondern eine rein politische Institution ist, daß Derjenige, der auf der Geschwornenbank sitzt, eine patriotische Pflicht erfüllt, wenn er das Urtheil fertig auf die Geschwornenbank bringt, wenn er nicht nach der Wahrheit der Thatsachen und dem Ausspruche des Gesetzes urtheilt, sondern lediglich sich berufen findet, bei der Gelegenheit seinen politischen, nationalen und konfessionellen Überzeugungen und Sympathieen Ausdruck zu geben, wenn der unglückselige Wahn sich Bahn bricht, daß er zum Verräther an seiner Ueberzeugung wird, wenn er nicht den Eid bricht, nicht als unwahr erklärt, was er als wahr erkannte, als Recht erklärt, was er als Unrecht erkannt, wenn dies der Fall ist, dann treten Zustände ein, welche ans die Länge erhalten nur dahin führen, daß im ganzen Umfange des Reiches unter der Wucht der traurigsten Erfahrungen des Geschwornengericht niedergebrochen wird." (Sitzungsprotokoll, VII. Session, Seite 180 Fg.). Die Majorität des Ausschusses — dagegen waren nur die drei Vertreter der betheiligten Länder — schloß sich der Ansicht G l a s e r's an. Erst das Plenum entschied nach einer eindrucksvollen Rede T o m a s z c z u k's im Sinne der Minorität. In einer Beziehung ist die polnische Presse wirklich unvergleichlich. Verübt irgend ein Jude ein Verbrechen oder wird er auch nur eines solchen verdächtigt, so setzt scrupulös die ganze Presse, auch die „liberale" und „demokratische", seinem Vor- und Zunamen als unterscheidendes Merkmal das Wort »zyd« vor. Wird aber ein Jude im Auslande berühmt, macht er dort seiner Heimat Ehre, spendet er Summen für nationale Zwecke, dann heißt es »nasz« (unser): unser Hubermann, unser H o r o v i tz, unser W a w e l b e r g u. s. w. Ist dieser Jude ein Ausländer, dann heißt es „der Große". Der neueste „Große" heißt Georg Brandes. Er hat jüngst ein Buch geschrieben, das eine profunde Kenntniß der jüngsten polnischen Geschichte und der polnischen Romantik aufweist. Es passirt ihm aber ein kleiner Anachronismus, indem er das heutige Polen mit dem der Freiheitskämpfer und des Emigrantentums identificirt und den adeligen Turf-, Börse- und Monacco-Rittern die Märtyrerkrone auf das pomadenfette Haupt fetzt. Das kann ihm aber in der „öffentlichen Meinung" Galiziens nicht schaden. Um ihm erst recht zu zeigen, wie überholt sein Urtheil über die polnischen Verhältnisse ist, ladet ihn der literarische Club von Lemberg über Antrag des Bürgermeisters Dr. Matachowski ein, die Landeshauptstadt mit seinem Besuche zu beehren. Brandes wird kommen, sogar schon in den nächsten Tagen. Die Preffe und „die Spitzen" iverden ihn begrüßen und bejubeln, den „großen Dänen". Die „öffentliche Meinung" wird Brandes huldigen. Wir gönnen dem Juden Brandes größere Triumphe. Frau Dr. A r n st e i n, die Schwester des Generalsecretärs der »Jewish Colonisation Association« Dr. M ayersohn in Paris, veröffentlicht demnächst ein polnisches Poem : „D e r I u d e". Die jüngst in Krakau erschienenen „Jüdischen Nationalgedichte" von A. Goldfaden (deutschjüdisch) bilden zwar eine Sammlnng von bereits bekannten Gedichten, aber die Vorrede von Rüben B r a u d e s macht sie außerordentlich lesenswerth. Dieser bestbekannte von jeher national gesinnte Hebrüist geißelt darin mit echtem Humor und mit beißendem Sarkasmus den dogmatischen Zionismus Herzl'scher Observanz. Et tu Brüte? . . . . Tant de bruit . . .!*) Herr Dr. Werner, ein unbekannter junger Arzt, der von Herzl's Gnaden zum „bekannten zionistischen Schriftsteller" geworden ist und nun in der Türkenstraße als Specialist für Ässimilationskrankheiten practicirt, tobt mib wüthet. und im Namen Zions alarmirt er die gaitze Judenheit. Was ist denn geschehen? Welche Gefahr ist in Sicht? O, etwas ganz Schreckliches ist passirt. Es ist in Wien eine öffentliche Protestversammlung abgehalten worden mrd — von den Zionisten ist nur der eine, Marmorek, zu Wort gekommen. Die Rede dieses neugebackenen Mitgliedes des zionistischen Hofadels ist ja „Welt"- bedeutend, denn die „Weit" druckt sie wörtlich ab, während die anderen Reden dieses Abends kaum erwähnt werden. Und dieser Rede wären sicherlich noch mehrere „Welt"-erschütternde gefolgt, wenn der grausame Präsident nicht vorzeitig die Versammlung geschlossen hätte. Das ist also ein Verbrechen am jüdischen Volke, welches eine Sühne fordert. Und da die „Welt" neben den schwungvollen hochpolitisch-diplomatischen Kaiser- Artikeln der Firma „Spectator's Nachfolger" (O. Erter) noch volle 14 Seiten frei hat. konnte Herr Werner mit Eclaubniß seines Chefs seine Stimme strafend und warnend erheben. Herr Werner bereichert die deutsche Sprache mit einem neuen Wort, das mehr der Terminologie des Antisemitismus entspricht: P o l i z e i j u d e n t h u nt. Das ist wiederum eine neue Species, die die „Welt" entdeckt hat, und der neue Sprachreformator braucht volle drei Spalten, um dieses neue Wort zu erklären. Also, Polizeijudenthum ist eine Versammlung. Die geschlossen wird, bevor alle Redner 51t Wort kommen. Sehr gut. Aber — dann wäre ja der II. Z i 0 n i st e n - C 0 n g r e ß das s ch l i m m st e P 0 l i z e i j u d e n t h u m d e r W e l t. Denn dort kam nur ein ganz kleiner Percentsatz aller angemeldeten Redner zu Wort, und Anträge auf Schluß der Debatte ohne Anhörung der Rednerliste wurden fünfmal täglich angenommen. Wir sind im Pcincip für die weitgehendste Redefreiheit, weil wir stets von der Klärung der Meinungen das beste Resultat erwarten. Ja, wir würden im culturellen und socialen Leben lieber auf jede neue Errungenschaft verzichten, die nicht die Frucht eines ausgereiften Denkens, eines gesunden Bolkswillens ist. Aber — ein Zionistencongreß, der Delegirte aus allen Theilen der Erde zusammenruft, und der sich mit den Angelegenheiten des ganzen jüdischen Volkes befaffen will, bedeutet doch noch etwas anderes, als eine Volksversammlung, die ihre Entrüstung über eine schmachvolle reaktionäre Verfügung zum Ausdruck bringen soll. Man wäre also berechtigt, hier größere Ansprüche in Bezug auf Redefreiheit und parlamentarische Gerechtigkeit zu stellen. In Basel aber ist in der That nicht allein die Minorität, sondern — es klingt paradox und ist doch wahr — derganzeCongreß vergewaltigt worden. Im Saale des Stadtcasinos herrschte nicht der Wille des jüdischen Volkes, sondern der Wille eines Mannes, der durch und durch Aristokrat ist und sich um parlamentarische Gesetze wenig bekümmert. Wer in Basel weder „berufener Führer" noch Referent war, für den war es eine besondere Gnade, wenn er in der Discussion 5 Minuten sprechen durfte. Und dabei handelte es sich um die Gründung einer Colönialbank, die der ganzen Bewegung verhängnißvoll werden kann, um die eminent wichtige Colonisationsfrage und um Culturangelegenheiten von großer Tragweite. Herr Werner aber bekam es fertig, auf Befehl seines Chefs einen Congreßartikel zu *) Ein hervorragendes Mitglied der zionistischen Partei sendet uns diesen Artikel. In dem Begleitschreiben stellt der Einsender die Bedingung, ungenannt zu bleiben, „da er keine Lust habe, sich Verfolgungen auszusetzen, die nicht einmal der Sache nützen würden."